Bist du dir eigentlich sicher, dass deine Frau wirklich die ist, für die du sie hältst?
Ach, Stefan, das ist wirklich unangenehm am Hochzeitstag, aber weißt du eigentlich, dass deine frischgebackene Ehefrau eine Tochter hat? Mein Kollege Thomas riss mir mit dieser Frage fast das Lenkrad aus der Hand.
Wie bitte? Was meinst du damit? Ich weigerte mich, sowas zu glauben.
Also, meine Frau hat deine Karolin auf eurer Hochzeit gesehen und flüsterte mir ins Ohr:
Ob der Bräutigam wohl weiß, dass seine Braut eine Tochter im Kinderheim hat?
Stell dir das mal vor, Stefan! Ich wäre fast an der Gurke aus dem Kartoffelsalat erstickt. Meine Frau hat die Sache recherchiert sie arbeitet ja als Hebamme im Städtischen Klinikum. Und sie erinnerte sich an Karolin wegen des kleinen Leberflecks am Hals. Damals, vor etwa fünf, sechs Jahren, hat Karolin ein Baby namens Emilia abgegeben und ihr sogar den eigenen Nachnamen gegeben Schmitt, glaube ich. Schon schräg, oder? Thomas blickte gespannt zu mir.
Ich saß wie vom Donner gerührt am Steuer. Was für eine Nachricht!
Also musste ich selbst nachforschen. So ein Gerede da glaub ich erst, wenn ichs seh. Klar war Karolin nicht mehr achtzehn, als wir uns kennenlernten, sondern Zweiunddreißig. Sie hatte vor mir wohl ein Leben. Aber was bringt einen dazu, das eigene Kind wegzugeben? Wie lebt man später damit?
Zum Glück kannte ich jemanden, der jemanden kannte so hatte ich schnell raus, wo diese Emilia Schmitt im Kinderheim lebte.
Der Heimleiter führte mich zu einem fröhlichen Mädchen mit strahlender Zahnlücke:
Darf ich vorstellen: Unsere Emilia Schmitt, lächelte der Leiter. Wie alt bist du denn, mein Kind? Sag mal dem Onkel hallo.
Man konnte nicht übersehen, dass das Mädchen stark schielte. Mir tat sie direkt leid in dem Moment adoptierte ich sie innerlich schon. Schließlich war sie die Tochter der Frau, die ich liebe! Wie meine Oma immer sagte:
Eigene Kinder, und seien sie schief, sind für die Eltern ein Wunder.
Emilia kam tapfer auf mich zu:
Vier Jahre alt. Bist du mein Papa?
Ich war völlig überfordert. Was sollte man antworten, wenn ein Kind in jedem Mann einen Vater sucht?
Emilia, erzähl mir mal: Würdest du gerne Mama und Papa haben? Eigentlich eine blöde Frage, aber ich wollte dieses liebe Mädchen am liebsten direkt einpacken und mit nach Hause nehmen.
Klar! Holst du mich dann ab? Emilia sah mich mit erstaunlich erwachsenem Blick an.
Ich hol dich, aber erst ein bisschen später. Wartest du auf mich, Häschen? Mir wurde ganz weich ums Herz.
Ich warte. Du lügst mich nicht an? Emilia wurde plötzlich ganz ernst.
Ich lüg dich nicht an, küsste ich die Kleine auf die Wange.
Zuhause habe ich Karolin alles erzählt.
Karolin, mir ist egal, was vor mir war. Aber wir müssen Emilia unbedingt holen. Ich will sie offiziell adoptieren.
Hast du mal gefragt, ob ich das überhaupt will? Dieses Mädchen kommt hier nicht rein! Und sie schielt ja auch noch! Karolin wurde laut.
Aber das ist doch DEINE Tochter! Ich lasse ihr die Augen operieren das kann man machen, alles wird gut. Sie ist ein wahres Wunder! Du wirst sie noch mögen, versprochen, ich verstand meine Frau wirklich nicht mehr.
Letztendlich musste ich Karolin fast dazu überreden, Emilias Adoption zuzustimmen.
Wir brauchten noch ein Jahr, bis Emilia dann wirklich bei uns einzog. Ich besuchte sie regelmäßig im Heim, und wir wurden richtige Freunde. Karolin zeigte immer noch keinerlei Interesse an dem Kind, wollte sogar das Adoptionsverfahren stoppen. Ich redete ihr gut zu, dass wir das durchziehen müssten.
Endlich, an einem verregneten Montag, zog Emilia bei uns ein. Sie war ganz aus dem Häuschen alles, was für uns selbstverständlich war, war für sie wie Weihnachten und Ostern zusammen. Die Augenärzte konnten das Schielen dankenswerterweise ambulant korrigieren. Keine OP nötig Glück gehabt.
Die Kleine sah bald wie ein kleiner Klon von Karolin aus. Ich war glücklich! Zwei Schönheiten in meinem Haushalt meine Frau und meine Tochter.
Fast ein Jahr nach dem Heim konnte Emilia nicht genug bekommen. Sie schleppte ständig ein Päckchen Butterkekse mit sich herum, egal ob Tag oder Nacht. Ich konnte ihr das auch beim besten Willen nicht abgewöhnen, sie hatte einfach Angst, wieder Hunger zu leiden. Karolin regte sich darüber auf, ich staunte nur über diese Vorsicht.
Ich klebte an dem Versuch, unsere Familie zusammenzuschweißen aber Es half nichts. Karolin konnte ihre Tochter einfach nicht lieben. Sie war leidenschaftlich verliebt in sich selbst, ihr Ego, wie festgeklebt am Wort Ich.
Zwischen ihr und mir kriselte es, Streit um Streit, alles wegen Emilia.
Warum hast du mir Wildfang eigentlich ins Haus gebracht? Die wird nie ein normales Kind! tobte Karolin.
Ich liebte Karolin sehr, konnte mein Leben ohne sie nicht vorstellen. Meine Mutter meinte allerdings mal trocken:
Junge, ist deine Sache, aber wir haben deine Karolin schonmal mit einem anderen Mann gesehen. Mit der wirst du nie glücklich. Die ist kein bisschen ehrlich, nur ausgebufft.
Wer liebt, der bleibt blind. Für mich war Karolin das große Los. Doch als Emilia kam, spürte ich erstmals, wie brüchig alles war.
Vielleicht hat mir Emilia die Augen geöffnet. Karolins Gleichgültigkeit dem Kind gegenüber war schockierend.
Manchmal überlegte ich, Karolin weniger zu lieben, abzukühlen schaffte es aber nie. Dann gab mir mein Kumpel Paul folgenden Rat:
Hör mal, Stefan, wenn du eine Frau entzaubern willst, miss sie mal mit dem Schneidermaßband aus das rät der Volksmund.
Im Ernst? Ich war verwirrt.
Na klar. Miss ihr Brust, Taille, Hüfte. Und dann verfliegt die Liebe, das ist so, hat Oma schon gesagt.
War mir zwar albern, aber ich schwor mir, es zu probieren. Schaden kanns ja nicht.
Karolin, komm mal her, ich muss dich ausmessen, sagte ich irgendwann zu ihr ganz trocken.
Karolin sah mich erstaunt an:
Gibts etwa ein neues Kleid?
Handy
Ja, da kommt was Schönes, und wirklich vermass ich feierlich ihre Maße.
Experiment beendet, Liebe unverändert. Wir lachten herzlich über Paul und seine Ratschläge.
Kurze Zeit später steckte Emilia in einer Erkältung. Sie fieberte, jammerte, lief Karolin mit ihrer Lieblingspuppe Maja hinterher. Ich war froh, sie hatte endlich eine Puppe statt Kekse als Trost.
Die Puppe musste dauernd umgezogen werden jetzt lag sie nackt da, zu schwach war ihre kleine Besitzerin. Karolin fuhr sie an:
Kriegst du dich jetzt endlich mal ein? Kann man hier nie seine Ruhe haben? Ab ins Bett!
Emilia klammerte sich an ihre Maja und schluchzte weiter. Da riss Karolin die Puppe aus Emilias Händen, lief zum Fenster, riss es auf und schmiss Maja mit einem Schwung hinaus.
Mama! Das ist meine Maja! Die friert doch jetzt! Darf ich sie noch schnell retten? kreischte Emilia und stürzte Richtung Tür.
Ich sprintete hinterher, sie konnte sterben vor Trauer. Ausgerechnet kein Fahrstuhl da also Treppenrennen vom achten Stock runter. Die Puppe hing am Ast, kopfüber. Ich rettete sie, klopfte den Schnee ab, die Schmelztropfen schauten aus wie Tränen. Beim Hochlaufen dachte ich: Jetzt wirst du noch absurd.
Karolins Verhalten war völlig unverständlich. In Emilias Zimmer lag sie dann zusammengerollt am Bett, mit Maja eng an sich gedrückt, noch im Halbschlaf schluchzend. Ich legte die Puppe neben sie aufs Kissen.
Karolin saß auf dem Sofa, las eine Zeitschrift und wirkte, als wär sie keine Minute älter als 16 eiskalt. In diesem Augenblick war meine Liebe zu ihr quasi schockgefroren. Sie löste sich auf, wie Brause im Wasser. Karolin war schön aber leer wie eine Bonbonhülle.
Vermutlich hat meine Frau das auch gespürt.
Wir ließen uns scheiden. Emilia blieb bei mir, Karolin machte keinen Mucks.
Als wir uns später begegneten, grinste sie und meinte:
Du warst halt mein Sprungbrett, Stefan.
Ach Karolin, mit deinen strahlenden Augen und deinem rabenschwarzen Herzen wenigstens kann ich das heute ehrlich sagen.
Sie heiratete gleich einen erfolgreichen Unternehmer.
Der tut mir leid, meinte meine Mutter trocken. So eine sollte besser keine Mutter sein.
Emilia war anfangs sehr traurig, wollte wenigstens mit der Mama noch mal reden.
Aber meine neue Frau, Lisa, gewann schnell Emilias Herz mit Liebe und Geduld. Es wirkte, als hätte das Kind zum zweiten Mal die Mutter verloren. Für mich war das unbegreiflich.
Lisa kümmert sich nun mit unerschöpflicher Liebe und Geduld um Emilia und um unseren kleinen Sohn Simon.




