„Anna ist jung, sie wird noch weitere Kinder bekommen!“ – hatte sie versprochen. Am Ende wollte niemand das Kind haben.

Lena ist jung, sie wird schon noch mehr Kinder bekommen! hatte sie im Traum zu sich selbst gesagt. Am Ende aber brauchte niemand das Kind.

Lena und Markus wuchsen in einer kleinen Stadt irgendwo zwischen den dichten Wäldern von Hessen auf und waren schon als Kinder in derselben Klasse. Nach dem Abitur begaben sie sich nach Frankfurt am Main, studierten und träumten von der großen Zukunft. Als das Studium vorbei war, fanden sie eine Stelle irgendwo in einer Agentur, bezogen eine Wohnung mit knarrendem Parkett und viel Regen vorm Fenster, lebten aber ohne Trauschein zusammen.

Als Lena feststellte, dass in ihrem Körper ein neues Leben wuchs, verließ Markus sie wortlos, wie in einem nebligen Spätherbstmorgen, in dem die Geräusche verschluckt werden. Kinder hatten nie Platz in seinen Plänen gefunden.

Verwirrt und verloren kehrte Lena in ihre Heimat zurück, schob einen Koffer im Schneeregen den Bahnhof entlang, um ihr Kind dort großzuziehen. Die Mutter von Markus, eine bekannte Persönlichkeit im Stadtrat, setzte alle Gerüchte in die Welt: Lena habe sich mit einem anderen Mann eingelassen, mit ihrer Familie habe das Kind nichts am Hut. Schwer lastete der Nachbarschaftstratsch über den Gassen; ihre beiden Familien wohnten kaum hundert Meter voneinander entfernt. Familienranken, eingewoben ins Fachwerk.

Alle kannten irgendwann die Geschichte. Lena bekam ein Mädchen, luftig, mit Augen so blau wie der Fluss im April. Sie klagte niemals über Markus Familie. Lena wollte in Frieden mit ihrer Tochter leben. Doch Markus Mutter konnte nicht schweigen:

Schaut hin! rief sie in den Traum hinein. Das Kind hat helles Haar, und wir alle sind dunkel. Die Nase, die kennen wir nicht! Wir, wir sind doch schön, und dieser Säugling? Das ist doch alles ein Betrug! Diese Leute böse Menschen!

Lena, müde vom immerwährenden Kreisen dieser Worte, schlug schließlich einen Vaterschaftstest vor, damit endlich Ruhe einkehre. Nach dem Test das Ergebnis wie ein unerwarteter Regenschauer lud Markus Mutter sie prompt ins große Haus ein. Die kleine Tochter bekam teure Geschenke, Puppen, Spieluhren, und Lena, die bisher allein von der Rente ihrer Mutter lebte, war dankbar und erschöpft zugleich.

Nach einer Weile wollte die frischgebackene Großmutter die Enkelin zu sich nehmen. Lena weigerte sich: Das Kind sei erst ein Jahr alt, noch viel zu jung. Die Großmutter, beleidigt, drohte schließlich mit einem Sorgerechtsprozess. Sie betonte, das Kind würde es bei ihr besser haben große Wohnung am Marktplatz, ein Garten voller Kirschen, alle Möglichkeiten zur Förderung. Das Gericht, so meinte sie, werde schon zugunsten des Vaters entscheiden: Er hat eine Wohnung, zahlt Unterhalt (da ist das Schreiben), und Lena, jung, arbeitslos, allein. Du wirst sicher noch mehr Kinder bekommen, sagte sie. Gib mir die Kleine freiwillig, mach es dir und ihr leicht. Du weißt doch, alle Richter hier kennen mich. Lena aber kämpfte. Jahre lang stritten sie und bewegten sich wie Schatten durch die Flure des Gerichtes.

Plötzlich, als wäre Nachtfrost über alles gefallen, war das einst ausgestoßene Kind das Wertvollste auf der Welt. Die einflussreiche Familie brachte Zeugen, fotografierte, beobachtete aus gekippten Fenstern. Lena floh und versteckte sich. Es passierten so viele unerklärliche Dinge, alles schien immer nur zu kippen. Irgendwann wurde es still: Markus heiratete, bekam einen Sohn, seine Mutter war nun versessen auf das neue Enkelkind. Lenas Tochter kam in die erste Klasse. Lena zog zurück nach Frankfurt, pendelte aber regelmäßig zu ihrer Mutter und dem Mädchen im Reihenhaus.

Dort traf sie einen anderen jungen Mann. Ihre Mutter riet ihr, ein neues Leben zu beginnen; sie versprach, sich um das Enkelkind zu kümmern, solange Lena sich sortiert. Lena fing neu an, heiratete, mietete eine kleine Dachgeschosswohnung, wartete auf ein weiteres Kind. Alles schien zu funktionieren nur dass sie es hinauszögerte, ihre Tochter zurückzuholen. Es war kein Platz, ihr Mann wollte von einem Kind, das nicht seines war, wenig wissen. Die Tochter, überlegte Lena, hatte wenigstens Freunde, Schule, einen vertrauten Baum im Hof und während das neue Baby unterwegs war, würde niemand Zeit für sie haben können. Die Mutter wurde zum sicheren Hafen. Doch je windiger alles wurde, desto schwächer wurde die alte Frau. Einmal und noch einmal wurde der Notarzt gerufen, sie lag im Krankenhaus, die Enkelin schlief bei Nachbarn, bei einer alten Pensionärin mit rätselhaften Geschichten. Die Großmutter von Markus? Sie fragte nicht mehr nach. Begegnete sie Lenas Mutter irgendwo, sagte sie nur, schnippisch:

Hättest du damals auf mich gehört! Hättest du mir das Kind gegeben: Jetzt wäre sie auf dem Goethe-Gymnasium, würde Klavier spielen, Sprachen sprechen, all das. Jetzt ihre Mutter hat sie ja aufgegeben! Wem wird diese Kleine wohl gleichen? Ich habe jetzt einen Enkel, um den ich mich kümmern kann er bekommt das Beste! Beste Schule, beste Kurse, alles.

Der Vater? Keine Spur. Der Traum, in dem sie gestritten haben, um das Kind, wirkte nun albern. Letztlich wollte niemand das Mädchen, um das doch einst so viel Wirbel war. Wer weiß schon, wohin der nächste Schritt dieses Mädchens im Traum führen wird?

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Homy
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