Margarethe Petersens glanzvoller Auftritt

Der große Auftritt von Margarete

– Maria! Das ist keine richtige Eintopfsuppe! Das ist irgendwas zwischen Labskaus und Kartoffelsalat! Liebes, du bist wirklich eine fantastische Rechtsanwältin widme dich doch endlich mal richtigen Fällen und lass das Kochen lieber denen, die es nötig haben!

– Margot, ich bin auch keine Frau fürs Kochen! Maria war kurz davor, sich in Tränen aufzulösen.

Warum schien sie beim Kochen ständig zu scheitern? Nicht mal die einfachsten Rezepten wollten ihr gelingen, und an anspruchsvollere Gerichte wagte sie sich schon gar nicht. In ihrer Familie war die Rollenverteilung, seit sie denken kann, klar.

Veronika die Macherin, Maria der kluge Kopf, und Svenja die Draufgängerin und die, die jedes Zahnrad in Bewegung bringen konnte und zwar genau in die Richtung, die sie wollte. Normalerweise hatte Veronika bei Familientreffen das Sagen in der Küche, während Maria und Svenja für alles andere verantwortlich waren Einkaufen, Aufräumen, und die Kinderbespaßung, wobei Letzteres voll und ganz zu Svenja gehörte. Sie war die Einzige, die es schaffte, die gefühlt endlose Schmittsche Kinderschar so zu koordinieren, dass Veronikas Haus, wo alle zusammenkamen, nach den Treffen zumindest halbwegs im Ursprungszustand war keine zerlegten Möbel, keine neuen Wände für zusätzliche Zimmer. Kinder waren bei den Schmitts heilig, wurden verhätschelt, aber auch mit klaren Worten erzogen was, ehrlich gesagt, selten den gewünschten Effekt hatte.

Alle sieben Enkelkinder von Margarete, die sie abgöttisch liebte, kamen nach ihrer jüngsten Tochter Svenja. Die war zwar selbst schon Mutter von zweien, die gerade auf dem Rasen rumtobten und entweder versuchten, Apachen oder das Personal afrikanischer Nationalparks zu imitieren, aber erwachsen werden das war noch nicht so ganz ihr Ding. Sie saß auf den Stufen, pflückte Zwetschgen und dachte kurz daran, sich ins Getümmel zu stürzen, aber Veronikas scharfer Blick verhinderte das. Die schnitt, sehr energisch, Tomaten für den dritten Salat des Tages und murmelte halblaut ihren Unmut:

– Keine Frau, ein Rabauke! Svenja, wann kommst du endlich zur Vernunft? Maria, die ist mittlerweile ernsthaft und solide ich ja auch, und du? Denkst du, du bleibst dein Leben lang ein Hase, der in den Sonnenuntergang fährt und alle von der Schönheit des Lebens vollschwärmt? Und die Kinder? Mit sechs Jahren ist das süß, aber willst du, dass sie irgendwann wegschauen müssen, weil es peinlich wird?

– Veronika, jetzt dramatisier bloß nicht Maria warf noch einen skeptischen Blick in die Suppe, die sie den halben Vormittag geköchelt hatte, und schlug entschlossen den Deckel drüber. Was gibts denn zu meckern, sie haben eine Mutter, die einen Motor komplett auseinander- und wieder zusammenbauen kann! Kannst du das? Ich jedenfalls nicht, noch nicht mal eine blöde Suppe! Darauf kann man doch auch stolz sein!

– Doch, klar. In der Küche scheiterst du, dafür bist du vor dem Richter unschlagbar.

– Na bitte dann ist doch alles gut! Jeder bleibt bei seinem Talent.

– Schön gesagt! Margarete, die gerade einen Teil des Gesprächs aufgeschnappt hatte, schwebte auf die Terrasse und die Damen starrten sie an; sogar die Rasselbande auf dem Rasen wurde augenblicklich still.

– Wow! Svenjas Zwillinge waren sowas von synchron, dass ihr Lob klang wie ein einzelnen, lauter Zungenschlag, Margarete zuckte kurz zusammen.

– Effekt erzielt! sagte sie zufrieden.

Margarete drehte sich elegant, ließ alle Familie ihr neues Kleid und die Pumps mit Absatz bewundern die trug sie sonst wirklich nur zu besonderen Gelegenheiten. Heute war so ein Tag.

– Mädels, was meint ihr? Kann man sich so mit sechsundsechzig auf ein Date wagen mit jemandem, den man zuletzt vor vierzig Jahren gesehen hat?

– Margot, umwerfend! Der kippt aus den Latschen!

– Aus den Latschen muss jetzt nicht sein! Margarete stolziert ein Stück auf und ab, Hände in die Hüften, Nase im Wind. Bleibt mir nur zu klären, warum der alte Kerl nach all den Jahren ausgerechnet mich sehen will.

– Oma, vielleicht… weil er dich als Frau erleben möchte? Veronikas älteste, die fünfzehnjährige Antonia, setzte sich neben Svenja und biss in eine Zwetschge.

Das Gelächter, das nach ihrem Kommentar ausbrach, scheuchte sämtliche Terrassenkatzen von den Geländern und versetzte den zitternden Toypudel, den Veronika letztes Jahr ins Haus geholt und mit ihrem ganzen Stolz Schnuffi getauft hatte, in Schnappatmung.

– Antonia, du bringst mich um! Veronika wischte sich Tränen aus dem Gesicht und war schon verschwunden, bevor Maria den Hund wieder besänftig hatte.

– Margot, was war denn so zwischen euch? Maria verscheuchte die Rasselbande und die verzogen sich prompt aus der Schusslinie.

– Ach, Maria, da war was ein waschechter Roman!

Das Wort Roman sprach Margarete so mit Gefühl und Pathos aus, dass Antonia erneut wie ein nasser Sack auf die Stufen plumpste.

– Antonia, für sowas bist du noch zu jung!

– Ach? Ab wann ist es denn so weit? Antonia schnappte sich einen Lappen, wischte eine Pfütze auf und seufzte wieder. Nie was von Liebe und eigenen Leben erleben! Wie alt warst du, Margot?

– Sechzehn. Margarete zuckte mit den Schultern, warf Veronika einen Seitenblick zu. Und, was schaust du so? Ich war jung und extrem unerfahren. Aber deine Antonia, die ist ganz nach dir geraten. Klug und schön! Trotzdem muss sie wissen, wie das mit der Liebe so laufen kann. Findest du nicht?

– Margot, jetzt erzähl schon! Svenja, die endlich ausgekichert war, schob das nächste Zwetschgenschälchen zu sich. Raus damit, jetzt lernen wir was fürs Leben.

Antonia sah Margarete neugierig und erwartungsvoll an. Die hatten sogar die gleiche Augenfarbe hellgrün wie Entengrütze im Dorfteich das war schon verrückt, denn Antonia und Margarete waren nicht mal verwandt. Und Veronika, Maria und Svenja ja im Grunde auch nicht blutsverwandt mit der Frau, die ihnen seit Ewigkeiten als Mutterersatz diente.

Margarete kam zu den Schmitt-Mädchen, nachdem deren Mutter gestorben war. Der Vater war völlig überfordert, alles wankte, seit die Mutter durch eine kurze, schwere Krankheit von ihnen gegangen war.

Veronika, damals erst acht Jahre alt, kümmerte sich praktisch alleine um Maria und vor allem um die zweijährige Svenja, die ständig für Chaos sorgte.

Die leibliche Oma war kurz da, packte aber bald die Koffer: Tut mir leid, Schwiegersohn, ich kann nicht mehr. Mit dem Alter, da geht das nicht mehr. Ich nehme Veronika mit, aber die Kleinen, das musst du irgendwie alleine machen.

Veronika hörte damals alles, zermürbt von der Angst, alles zu verlieren, was sie kannte.

Nicht mal Svenja, die mit Papas Schraubenzieher eine Steckdose bearbeiten wollte, blieb cool. Sie brüllte los, Veronika nahm sie weinend in die Arme. Ich laufe weg! Sie findet mich nie!

Gott sei Dank, suchte niemand. Der Vater nickte frustriert und die Oma verschwand Kinder werden schon betreut. Zwei Monate später tauchte Margarete auf.

Svenja lag fiebernd im Bett, Veronika, mit den Nerven am Ende, musste den Vater aus seinem Arbeitszimmer zerren. Endlich ließ er sich dazu durchringen, den Kinderarzt zu rufen.

Margarete, ausgerechnet an dem Tag auf Vertretungsdienst in der Kinderarztpraxis, nervte der Baustellen-Matsch, quetschte sich durch den Hinterhof und erforschte die Situation in Windeseile. Sie bestellte den Notarzt, begleitete Vater und Tochter ins Krankenhaus und legte dem Vater ordentlich die Ohren lang:

– Sei ein Vater, verdammt nochmal! Oder hast du aufgegeben? Kein Mutter mehr und jetzt auch kein Vater?

Margarete redete Tacheles, laut genug, dass endlich was passierte. Danach konnte Veronika das erste Mal seit Monaten aufatmen jemand kümmerte sich, sie musste nicht mehr dauernd die Erwachsene spielen. Sie war fast froh, als klar war, dass es mit Margarete so etwas wie eine neue Mutter geben würde.

Die Mädels reagierten unterschiedlich Veronika war erleichtert, jemand brachte wieder Ordnung rein; und nachdem Margarete klar gemacht hatte, dass sie nicht Mutter genannt werden wollte, sondern einfach Margarete, war das Eis gebrochen.

Bei Maria war es schwieriger. Sie war am meisten mit der toten Mutter verbunden, ließ niemanden an sich ran. Irgendwann brachte auch Veronika sie nicht mehr mit Vernunft zum Einlenken: Es gibt Mama nicht mehr, kapier das, Maria! Und ich will nicht eure Ersatz-Mama sein, ich kann das nicht!

Margarete fand die beiden Rotz und Wasser heulend und schloss sie einfach alle fest in den Arm: Eure Mama kommt nicht zurück, aber ich bin da! Freunde, wenn schon nicht Mutter, kann ich allemal sein. Und ich geb euch nicht mehr her!

Zum ersten Mal ließ Maria sich halbwegs trösten, Svenja schlief gleich in Margaretes Armen ein der Anfang war gemacht.

Verständnis, Vertrauen, all das kam viel später. Margarete, die verzweifelt um leibliche Kinder gekämpft hatte und nach einer missglückten OP das Thema aufgeben musste, wurde Mutter und Fels in der Brandung. Der Vater verschwand ein Jahr nach der Hochzeit mit Margarete, von einem Auto mitgenommen. Margarete rannte damals wie von Sinnen in die Schule, holte die Mädchen heim und sagte: Ihr seid nicht alleine! Ich verlasse euch nie! Spätestens da waren sie endgültig eine Familie geworden.

Sie arbeitete fortan in zwei Privatkliniken. Der Verdienst reichte, alle Sorgen bekamen ihre Zeit und Raum und Margarete ließ ihre Mädels machen: Schauspielerin? Dann ab zum Casting! Motorradmechanik? Dann verkaufte sie halt ihr Wochenendhaus und organisierte einen echten Stunt-Trainer für Svenja.

Veronika war die Einzige, die nie Probleme machte. Sie war die Vernünftige, die Starke und Margarete umarmte sie ab und zu ganz fest und flüsterte: Atmen, meine Große! Ich bin da!

Jahre später, als sie zurückblickte, war Margarete zufrieden alle großgezogen, alle glücklich, das war doch alles, was zählt.

Alles lief bis vor drei Tagen das Telefon klingelte und eine altbekannte Stimme ihren Namen flüsterte. Margarete ließ vor Schreck ihre Lieblingstasse fallen, räumte Antonia aus dem Weg, setzte sich oder wollte es, fiel aber prompt neben den Sessel auf den Boden und blieb erst mal liegen.

– Antonia, hol deine Mutter. Ich brauche seelische und moralische Unterstützung. Sofort!

Veronika war in einer halben Stunde da, Maria und Svenja im Schlepptau.

– Margot, was ist denn passiert?

– Ich glaub, ich hab sie nicht mehr alle!

– Ach, das ist doch nichts Neues! Veronika lachte und zog die Jacke aus. Und? Was geht ab?

Svenja kommentierte prompt:

– Guck dich mal an fährst wie Speedy Gonzales und hast was zu meckern, weil die Katze auf deinem Helm schläft! Margot, schau mal, was ich gemalt habe passt zu mir?

– Ein Drache, klar! Margarete rollte endlich mal die Augen. Mädchen, darf ich auf ein Date gehen?

– WAS?!?

Beim Anblick der verdutzten Gesichter kicherte Antonia und verschwand in die Küche das war jetzt eh keine Lernzeit mehr.

Von da an war die bevorstehende Verabredung Familienthema Nummer eins. Am Wochenende trafen sich alle im Haus von Veronika, und Margarete litt unter all dem Trubel:

– Soll ich erzählen? Er war meine Jugendliebe! So schön, so groß, und was für eine Stimme… Da wurde ich immer schwach, selbst wenn er nur Hallo gesagt hat!

– Und? Hast du ihn geliebt?

– Abgöttisch! Margarete seufzte theatralisch.

– Warum war es dann so tragisch?

– Weil es mehr Kummer als Glück brachte. Ich hab mich total verloren damals. Kinder, Liebe ist was Kompliziertes. Merkt euch das!

Alle lauschten ihr gespannt. Margarete, schon damals ein Fan von Goethe statt Puschkin, schrieb ihm tatsächlich später. In ihrem ersten Brief gestand sie ihre Gefühle und im zweiten, als er fortging, lehnte sie ab.

– Warum das, Oma?

– Weil ich nichts geben konnte, außer meiner Liebe. Keine Familie, keine Kinder es war mir einfach nicht vergönnt. Und ich wollte, dass er eine Zukunft hat. Wirkliche Liebe heißt, an den anderen zu denken. Merkt euch das, das ist wichtig: Such den Menschen, der dich mehr liebt als sich selbst. An den klammer dich!

Antonia, gerührt und tief beeindruckt, fiel Margarete um den Hals:

– Nicht weinen, Oma! Sonst kriegst du rote Nase und dicke Augen und das Make-up hält nicht!

– Stimmt! Margarete wischte die letzten Tränen weg. Ich muss ausgeschlafen sein heute Abend… es ist schließlich mein großer Auftritt!

Die Schwestern ließen sie machen. Vergangenes ist vergangen, weiter gehts, war ihr Motto. Svenja räumte das Obst weg, Veronika verschwand in die Küche und Maria döste schon im Hängesessel ein.

Ein paar Stunden später rollte ein Wagen vor, ein älterer Herr klopfte an und fragte nach Margarete. Als Veronika hörte, wer das war, musste sie kichern der alte Schwarm!

Und da kam Margarete, und niemand glaubte, was sie da sahen: Die Enkel hatten sich so richtig ins Zeug gelegt! Dicke schwarze Lidstriche angeblich Kajal, tatsächlich aber wasserfeste Filzstifte machten Margaretes Blick wild, die arme Schnuffi flüchtete panisch unters Sofa. Die Frisur war ein wahrgewordener Zopfturm, verziert mit mehr Blumen als ein Rosenmontagswagen.

– Margot! Veronika japste. Du siehst… sensationell aus!

Doch als der Gast, der Held von Margots Jugend, nach ein paar Momenten die Kappe zog, lachte die ganze Familie: Seine Glatze blitzte im Abendlicht, Veronika sank lachend auf die Stufen.

– Deine Mähne!

Der Gast lachte mit. Die Zeiten sind vorbei. Margarete, ich freue mich!

Margarete sah Antonia, die zwischen Entsetzen und Stolz schwankte, und rannte erst mal ins Haus heulend, vor Lachen. Svenja brüllte: Ich war eher da! und versperrte als Erste das Badezimmer.

Als alle wieder halbwegs atmeten, fanden sie sich zum langen Abend auf der Terrasse zusammen, ein richtiger Anfang für ein neues Kapitel dieser ungewöhnlichen Familie.

Und wieder wurde eine Seite umgeblättert.

Die Schmitt-Schwestern waren sich unausgesprochen einig: Gute Menschen kann es gar nicht genug geben. Wenn der Mann, der ganz anders war als Margarete jemals erzählt hatte, nach all dem Trubel geblieben und herzlich mitgelacht hat, vielleicht ist er genau der richtige für Margarete dem Herzstück dieses ganzen Clans.

Und Veronika, die Margarete eine Tasse Tee hinstellt, gibt ihr einen festen, kleinen Seitenknuddler und flüstert:

– Na? Keine Angst! Wir sind da. Trau dich!

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Margarethe Petersens glanzvoller Auftritt
Lass mich bitte gehen — Ich werde nirgendwohin fahren… – flüsterte die Frau leise. – Das ist mein Zuhause, und ich verlasse es nicht. — In ihrer Stimme klangen ungeweinte Tränen. — Mama, – sagte der Mann. – Du verstehst doch, dass ich dich nicht pflegen kann… Du musst das doch einsehen. Alexej war traurig. Er sah, dass seine Mutter litt und sich große Sorgen machte. Sie saß auf dem alten, durchgesessenen Sofa ihres Bauernhauses in ihrem Heimatdorf. — Es ist schon gut, ich komme allein zurecht, du musst dich nicht um mich kümmern, – entgegnete die Frau stur. – Lasst mich. Doch Alexej wusste, dass sie es nicht schaffen würde. Es war ein Schlaganfall gewesen. Frau Svetlana Petrowna war schon öfter krank gewesen. Er erinnerte sich gut daran, wie er für mehrere Monate Urlaub nehmen musste, um sich nach ihrem Beinbruch um sie zu kümmern. Auch damals tat sie tapfer, aber anfangs konnte sie keinen Schritt ohne ihn machen. Alexej hatte in letzter Zeit gut verdient und im Sommer geplant, das alte Haus zu renovieren, damit seine Mutter es bequemer hatte. Doch jetzt, nach dem Schlaganfall, hatte eine Renovierung keinen Sinn mehr – er musste seine Mutter in die Stadt holen. — Marina packt deine Sachen, – nickte Alexej seiner Frau zu. – Sag ihr, falls du noch etwas brauchst. Svetlana Petrowna schwieg weiter und schaute aus dem Fenster, wo ein leichter Herbstwind die gelben Blätter der uralten Bäume davontrug, die sie ihr ganzes Leben lang gesehen hatte. Ihre funktionierende rechte Hand umklammerte fest die gelähmte linke. Marina wühlte im Kleiderschrank und fragte immer wieder ihre Schwiegermutter, was sie mitnehmen solle. Doch die Schwiegermutter schaute nur schweigend aus dem Fenster. Es schien, als wären ihre Gedanken weit weg von der Schwiegertochter, alten Kittelschürzen und kaputten Brillen. Svetlana Petrowna war in einem kleinen, mittlerweile verwaisten Dorf geboren und hatte dort ihre gesamten achtundsechzig Jahre gelebt. Ihr Leben lang arbeitete sie als Schneiderin, erst in einem Atelier, das geschlossen wurde, als zu wenig Dorfbewohner übrig waren. Danach arbeitete sie zu Hause, doch mit der Zeit wurde die Arbeit weniger, also widmete sie sich ganz dem Garten und dem Haushalt – das steckte ihre ganze Seele. Den Gedanken, ihre Scholle und ihr Haus zu verlassen und in eine große, ihr fremde Stadtwohnung zu ziehen, konnte sie kaum aushalten… … — Alex, sie isst wieder nichts, – seufzte Marina, als sie in die Küche kam und den Teller auf den Tisch stellte. – Ich kann nicht mehr. Mir fehlt die Kraft … Alexej sah seine Frau an, dann auf den unberührten Teller und schüttelte den Kopf. Er seufzte schwer und ging zu seiner Mutter ins Zimmer. Svetlana Petrowna saß auf dem Sofa und starrte aus dem Fenster. Es schien, als würde sie nicht einmal blinzeln. Ihre grauen, stumpf gewordenen Augen waren in die Ferne gerichtet, die gesunde Hand lag auf der gelähmten und versuchte, sie zum Leben zu erwecken. Das Zimmer war voll mit Trainingsgeräten, überall lagen Expander, auf dem Nachttisch stapelten sich Tablettenpackungen. Wenn Alexej sie nicht immer wieder ermutigt hätte, hätte sie all das gar nicht angerührt. — Mama? Svetlana Petrowna reagierte nicht. — Mama? — Mein Junge? – hauchte die Frau leise und undeutlich. Nach dem Schlaganfall konnte sie kaum noch sprechen, die Worte klangen gedrückt und unscharf. Es war besser geworden, aber oft wusste man immer noch nicht, was sie meinte. — Warum hast du wieder nichts gegessen? Marina gibt sich solche Mühe. Seit Tagen hast du kaum etwas angerührt. — Ich will nicht, mein Junge, – antwortete Svetlana Petrowna leise. Sie wandte sich langsam Alexej zu. – Wirklich nicht, zwing mich nicht. — Mama… Was willst du denn? Sag es einfach … Alexej setzte sich zu seiner Mutter, sie nahm seine Hand. — Du weißt, was ich will, Alleschka. Ich will nach Hause. Ich habe Angst, dass ich es nicht mehr sehe. Der Mann seufzte und schüttelte den Kopf. — Du weißt doch, dass ich jeden Tag arbeite und Marina dauernd zum Arzt muss. Es ist Winter, die Straßen … Lass uns bis zum Frühling warten. Die Frau nickte, Alexej lächelte und ging. — Hoffentlich ist es dann nicht zu spät, mein Sohn … Hoffentlich ist es nicht zu spät. … — Es tut mir leid, das IVF hat wieder nicht geklappt, – sagte die Ärztin traurig, legte die Brille ab und blickte die junge Frau an. Marina schnappte nach Luft und verbarg das Gesicht in den Händen: — Aber wie kann das sein? Bei anderen klappt es doch auch! Sie sagten, beim ersten Mal klappt es nur bei vierzig Prozent. Aber das ist der dritte Versuch – und wieder nichts! Wieso? Alexej saß schweigend und hielt die Hand seiner Frau. Er war nervös. Im anderen Trakt der Klinik war Svetlana Petrowna gerade bei der Massage – bald musste sie abgeholt werden. — Hören Sie, – begann die Ärztin leise. – Ich verstehe Sie. Schwangerschaft ist Ihr großer Traum, aber Sie setzen sich so unter Druck, sind ständig im Stress. Der Körper schafft das nicht… — Natürlich bin ich im Stress! Ich muss zu Hause arbeiten, um das teure IVF zu bezahlen! Lauf ständig zu Terminen, nehme Medikamente, die mich kaputt machen, pflege die Schwiegermutter und halte ihre Launen aus. Sie isst nicht, nimmt die Tabletten nicht! Ja, ich will ein Kind – vielleicht kümmert sich dann mein Mann nicht nur um seine Mutter, sondern auch um mich! Marina verstummte, als ihr klar wurde, was sie gesagt hatte. Sie griff ihre Tasche und verließ den Raum. — Entschuldigung, – murmelte Alexej. — Kein Problem, – winkte die Ärztin ab. – Ich habe noch ganz andere Hysterien erlebt. Das ist in Ordnung. Alexej verließ leise den Raum, folgte seiner Frau. Sie saß draußen auf der Bank und weinte in die Hände. Ihre Augen waren verweint und rot, als sie zu ihm aufblickte. — Verzeih mir … Es tut mir leid … Ich wollte wirklich nichts gegen deine Mutter sagen. Ich bin einfach nur erschöpft. Ich kann nicht mehr mit ansehen, wie jemand stirbt. Immer nur ein Strich auf dem Test und das Geld immer wieder loswerden für die nächste Behandlung. Ich kann einfach nicht mehr … — Wenn ich könnte, würde ich alles tun, um euch beide glücklich zu machen, aber das liegt nicht in meiner Macht … — Ich weiß, – lächelte Marina unter Tränen. – Ich weiß. Ein paar Minuten saßen sie schweigend Händchen haltend da, dann sprang Marina auf, zupfte den Hemdkragen zurecht und lächelte. — Komm, Svetlana Petrowna ist sicher fertig. Sie mag keine Krankenhäuser. Danach ist sie immer tagelang bedrückt. … — Bei Ihrer Mutter macht die Genesung kaum Fortschritte, – erklärte der kleine, grauhaarige Arzt mit runden Brillengläsern, mit leiser Stimme, als Alexej ihn bat, über Mom zu sprechen. Sie gingen ein paar Schritte zur Seite, damit Svetlana Petrowna nichts hören konnte. Marina blieb bei ihr. – Verstehen Sie … Als Sie mit ihr kamen, war ich sicher, dass sie sich erholen kann. Klar, die Chancen nach einem Schlaganfall sind nicht hoch, aber Ihre Mutter hatte keine schlechten Angewohnheiten oder chronischen Erkrankungen. Sie hatte alle Chancen. — Aber… Nichts passiert. Das sehe ich doch selbst. — Ich habe das Gefühl, sie will es nicht. Sie hat aufgegeben. In ihren Augen fehlt das Feuer … Es ist, als wollte sie gar nicht mehr leben … Alexej schwieg. Er hatte es auch gesehen. Svetlana Petrowna hatte fünfzehn Kilo abgenommen, sie war kaum wiederzuerkennen. Sie saß ständig am Fenster, las nicht, sah kein Fernsehen, sprach mit niemandem. Sie schaute nur aus dem Fenster. — Bei Menschen nach Schlaganfällen kann das Verhalten sich ändern, – fügte der alte Arzt leise hinzu. – Aber so massiv sollte das bei Ihrer Mutter eigentlich nicht auftreten. Beim ersten Termin fiel mir nichts dergleichen auf. — Ich denke, das liegt an etwas anderem, – sagte Alexej leise. … — Alex, – sagte Marina am Telefon, – kannst du deine Dienstreise verschieben? Es geht Svetlana Petrowna sehr schlecht. Ich habe Angst, dass du es nicht rechtzeitig schaffst … Es fiel ihr schwer, das zu sagen. Sie wusste, wie viel die Mutter ihrem Mann bedeutete. Auch ihr selbst bereitete es Kummer, die Schwiegermutter beinahe reglos auf dem Sofa liegen zu sehen. Früher schaute sie oft aus dem Fenster, hörte ab und zu Musik von den alten Platten des Vaters – er war Musiklehrer gewesen. Jetzt aber lag Svetlana Petrowna einfach da, blickte ins Nichts und sagte kein Wort. Seit Tagen hatte sie fast nichts gegessen. Nur Milch trank sie. Früher hatte sie gesagt, die Milch in der Stadt sei nicht wie im Dorf. Aber nun trank sie sie … Alexej kam noch am selben Abend und eilte zu seiner Mutter. Die ganze Nacht wachte er an ihrem Bett. — Du weißt, was ich will. Du hast es mir versprochen. Alexej nickte. Ja, das hatte er versprochen. Am nächsten Tag fuhren sie ins Dorf. Vom Arzt wollte Svetlana Petrowna nichts wissen. — Ich will nicht ins Krankenhaus. Nach Hause. Es war März, aber die Straßen waren noch befahrbar, sie kamen bis ans Haus. Alexej öffnete die Autotür und half seiner Mutter in den Rollstuhl. Das Tauwetter war da, der Schnee schmolz, die Erde kam wieder zum Vorschein. Die Bäume wiegten sich im leichten Wind, und die Sonne wärmte schon ein wenig. Stundenlang saß Svetlana Petrowna draußen im Hof, endlich lächelte sie. Sie atmete tief durch, schaute in den Himmel und weinte – Tränen des Glücks … Endlich war sie daheim. Sie schaute auf ihr windschiefes Häuschen, die warme Sonne, hörte die Natur, spürte die kühle Schneeluft … Abends aß Svetlana Petrowna und saß vor dem Schlafen noch lange draußen. Das Lächeln wich nicht mehr aus ihrem Gesicht. In der Nacht starb sie. Mit eben diesem Lächeln. Sie ging glücklich … Alexej und Marina nahmen sich frei, um Svetlana Petrowna zu beerdigen und alles zu erledigen: das Haus ausräumen, entscheiden, was damit geschehen sollte. Ehrlich gesagt, wollte Alexej einfach dortbleiben, den klaren Landduft genießen. Jahre war er nicht länger als zwei Tage dort gewesen. Vor der Rückfahrt wurde Marina plötzlich übel. Im Bad musste sie sich übergeben. Als sie zurückkam, hatte sie große Augen und hielt einen Schwangerschaftstest in der Hand – sie hatte sie oft dabei, aber sie waren immer negativ. Jetzt zeigten sich zwei Streifen. Zwei! — Das war sie, deine Mutter … Svetlana Petrowna hat uns geholfen … wisperte Marina unter Tränen. Alexej blickte nach oben in den blauen, wolkenlosen Himmel, nickte und umarmte seine Frau fest. Ja, das war das Geschenk seiner Mutter. Ihr letztes und wertvollstes …