Waisenkind
Ach ja? Sachen gepackt und willst abhauen?
Karin stand in der Tür zum Zimmer, die Hände in die Seiten gestemmt. Ihr Morgenmantel spannte über dem Bauch, das Gesicht übersät von unschönen roten Flecken.
Verstehst du überhaupt, was ich alles für dich getan habe? Ich hab dich aus dem Heim geholt, als deine Mutter im Nebel verschwand und die Oma gestorben ist!
Saskia stopfte weiter die Jeans in den alten Rucksack, ohne sich umzudrehen. Der Reißverschluss klemmte, das nervte sie mehr als das Gekreische der Tante.
Hab ich dich etwa gebeten, mich zu retten? antwortete das Mädchen leise, als sie endlich mit dem Verschluss fertig war. Du hast mich genommen, um dich vor der Familie als Wohltäterin aufzuspielen.
So, als wollten alle sehen, wie heldenhaft Karin ist, weil sie ein Waisenkind bei sich aufgenommen hat.
Was fällt dir eigentlich ein, so mit mir zu reden! Karin trat ins Zimmer. Wir wollten über Pfingsten zu Freunden fahren, Grillen, uns erholen. Und du machst wieder ein Theater! Immer passt dir was nicht, oder?
Mir passt es nicht, Karin. Ich will einfach nicht deine trink… äh, fröhlichen Freunde sehen.
Ich habe morgen eine Matheklausur, ich muss lernen.
Klausur!, rief die Tante und ruderte mit den Armen, fast hätte sie die niedrige Deckenlampe erwischt. Guck dir dieses Musterkind an! Wenn nicht ich, würdest du jetzt im Heim Kittel tragen und dünnen Grießbrei essen! Ich habe das Sorgerecht für dich übernommen, ich hafte für dich vor dem Gesetz!
Saskia drehte sich scharf um.
Dann gib doch ab! Direkt jetzt! Ruf beim Jugendamt an und sag: Holen Sie sie, ich schaffs nicht. Traust du dich nicht? Schlechter Ruf?
Karin war für einen Moment sprachlos vor Wut. Jetzt stellst du mir Bedingungen? Ich bin froh, wenn du weg bist! Ich geb die Papiere morgen ab. Ich hab die Nase voll! Einzig Eigensinn, keine Dankbarkeit. Such doch deine Mutter, die seit sieben Jahren nicht nach dir fragt!
Vielleicht geb ich euch ja auf!, schrie Saskia. Glaubst du ich genieße das hier? Das Heim ist mir lieber als das mit euch!
Karin erstarrte, der Mund hing seltsam offen. Im Flur waren schwere Schritte zu hören Jens, Saskias Vater, der im letzten Sommer aus der Haft entlassen worden war und seitdem arbeitslos und ohne Sorgerecht bei ihnen wohnte, trat aus der Küche.
Was ist denn hier los? krächzte er, während er sich übers stoppelige Kinn rieb, Gleich rufen die Nachbarn die Polizei.
Du hältst mal schön den Mund!, bellte Karin. Vater des Jahres. Deine Tochter soll ins Heim und du sorgst dich um die Nachbarn.
Saskia war übel, als sie den Vater ansah.
Sie erinnerte sich, wie sie mit drei Jahren zusehen musste, wie er in Handschellen abgeführt wurde. Die Mutter hatte damals nur die Tür zugemacht und war angeblich Brot holen gegangen, kam dann aber erst eine Woche später zurück, nur um dann ganz zu verschwinden.
Alles begann, als Saskia aus dem Krankenhaus nach Hause kam. Ihre Mutter, jung und immer in Eile, warf nur einen flüchtigen Blick auf das Bündel.
Mama, pass mal kurz auf sie auf, ich muss noch weg, hatte sie zur eigenen Mutter gesagt und war zu einem Rendezvous entschwunden.
Ihr Wegbleiben zog sich 13 Jahre hin. Die Großmutter war eine Frau von altem Schrot und Korn. Keine Kulleraugen und Kuscheltiere im Übermaß, aber immer wusste sie, wann Saskia Hunger hatte oder Kopfweh bekam.
Als der Vater abgeholt wurde und die Mutter auf der Suche nach dem besseren Leben verschwand, schüttelte die Oma nur den Kopf und fing an, Unterlagen zu sammeln.
Siehst du, Saski, sagte sie beim Haare bürsten, manche Menschen brauchen Zeit, um zu merken, was sie verloren haben. Bis sie das kapieren, bleiben wir zusammen.
Mit sechs musste Saskia zur Schule, die Mutter galt nun endgültig als verschwunden.
Die Oma schlug sich durch den Papier-Dschungel, um den Eltern die Rechte entziehen zu lassen.
Ist hart, berichtete sie Nachbarin Helga, während Saskia im Sandkasten spielte, die eigene Tochter zu entmündigen Aber wenn ichs nicht tu, sieht Saskia keinen Arzt und keine Schule von innen.
Saskia bekam das alles mit, war aber nie böse auf die Mutter sie wusste noch nichts von Hass. Die Mutter war wie eine Figur aus einem alten Märchen: man wusste, es gab sie, aber die Handlung war vergessen.
Sechs Schuljahre schloss Saskia mit Bestnoten ab. Die Oma war stolz und platzierte das Zeugnis sichtbar im Regal. Und dann
Im Herbst kam der Vater aus dem Gefängnis. Die Oma nahm ihn auf, obwohl Saskia wusste, dass sie sich nie verstanden.
Ein halbes Jahr später starb die Oma; es dauerte lang, im Krankenhaus, wo Saskia nicht rein durfte.
Sie saß auf einem Plastikstuhl mit einer Tüte Orangen, die sie nie abgeben konnte.
Als der Arzt kam und nur nickte, weinte Saskia nicht. Zu unfassbar alles.
Die Beerdigung organisierte Karin, die Schwester des Vaters. Sie war aufgesetzt in ihrer Trauer, verbiss sich ins Taschentuch und nahm alle Beileidsbekundungen an, als hätte sie mindestens den Sinn des Lebens verloren.
Wir lassen dich nicht im Stich, flüsterte sie Saskia beim Leichenschmaus zu, während sie einen Extra-Stück Kuchen auf ihren Teller schob. Von Jens ist nichts zu erwarten, der ist nach dem Knast selbst wie ein Kind. Aber ich, ich bin Familie.
Wir übernehmen vorerst die Fürsorge. Die Wohnung der Oma schließen wir vorerst, damit keine Schulden auflaufen.
Saskia wusste da noch nicht, dass schließen bedeutete, das Appartement heimlich an Bekannte zu vermieten und das Geld einzustreichen. Sie wollte nur Ruhe.
***
Das Leben bei Karin sah ganz anders aus als auf den Bildern von glücklichen Familien.
Die Tante wohnte mit ihrem Ehemann in einer Dreizimmerwohnung dem Schwager war Saskia von Anfang an ein Dorn im Auge.
Saskia schlief im Durchgangszimmer auf einem alten Sofa.
Hast du das Geschirr gespült? Karin spähte ins Zimmer, zog die Gummihandschuhe aus.
Ja, antwortete Saskia, ohne vom Geschichtsbuch aufzuschauen.
Und die Pfanne? Die muss man gleich einweichen, das hab ich gesagt.
Du bist hier kein Gast, wir sind eine Familie jeder packt mit an. Ich schufte den ganzen Tag, dein Vater liegt faul rum, zumindest kannst du nützlich sein!
Tatsächlich lag der Vater meist nutzlos da. Streit gab es selten, Gespräche fast nie.
Manchmal versuchte er ein paar Worte:
Und, wie läufts in der Schule?
Geht so.
Naja, Lernen ist wichtig, Saskia. Mach was draus.
Mehr Austausch gab es nicht.
Saskia merkte: Ihr Vater kümmerte sich um sie nicht einen Deut mehr als die Mutter, die irgendwo spurlos war.
Wichtiger waren ihm Zigarettengeld von Karin oder die Kriminalnachrichten im Fernsehen.
Die Spannungen erhöhten sich mit jedem Monat. Karin warf Saskia vor, für Essen, Klamotten, ja überhaupt für ihre Existenz zu viel zu kosten.
Weißt du, was Schuhe für Teenager kosten?!, klagte sie am Telefon einer Freundin. Die wachsen wie verrückt! Geld vom Amt reicht nie, und ich schieß noch was dazu! Dankbar ist die nicht. Guckt immer so. Schrecklich.
Saskia hörte das alles durch die dünne Tür. Sie wusste: Ihre Tante bekam Pflegegeld und kassierte die Miete der Oma-Wohnung. Darüber zu reden, war nutzlos Karin drehte sofort durch.
***
Der große Krach kam an Pfingsten:
Ich hab gesagt: Du kommst mit zu den Schulzes aufs Land!, brüllte die Tante. Du ziehst das blaue Kleid an, wir müssen gute Figur machen.
Ich fahr nicht mit, entgegnete Saskia ruhig. Ich muss für die Matheprüfung lernen ich hab durch meine Krankheit im März Stoff verpasst.
Mathe kann warten!, fauchte Karin. Du machst meinen Ruf kaputt! Immer fragen die Leute: Wo ist Saskia, warum ist sie so komisch? Die denken, wir behandeln dich schlecht!
Ist es nicht so?, Saskia hob den Blick. In sechs Monaten hast du mir nur ein Paar Turnschuhe gekauft zwei Nummern zu groß. Und die Miete für Omas Wohnung, wo bleibt die eigentlich?
Karin wurde blass.
Wie kannst du nur Das spar ich alles für deine Zukunft! Und was hast du schon mit der Oma zu tun?
Saskia stand auf.
Ich fahr nicht mit und ziehe das blöde Kleid nicht an. Es passt eh nicht mehr.
Karin tobte.
Pack deine Sachen!, schrie sie und warf wütend Saskias Tasche zu. Ich ruf sofort das Jugendamt. Mal sehen, wie du dann über die Wohnung redest!
Ruf doch an, Saskia ordnete ruhig ihre Hefte. Lieber Heim als dein Gejammer übers Geld
Jens trat auf den Flur.
Karin, komm runter. Wohin soll sie jetzt gehen?
Halt die Klappe!, die Tante herrschte ihn an. Du bist auch nur ein Schmarotzer. Die Tochter ganz wie ihre Mutter. Eingebildet und stur.
Saskia trat in den Flur. Sie war wirklich bereit zu gehen. Ihr Plan stand.
Ich gehe, sagte sie und zog die Jacke an.
Dann verschwinde!, kreischte Karin, schob sie raus auf den Hausflur und schlug die Tür hinter ihr zu.
Saskia ging nicht zum Heim, sondern in die Nachbarschaft zu Frau Dr. Heinke, der alten Freundin und Kollegin der Oma.
Frau Dr. Heinke war eine Respektsperson, frühere Amtsleiterin im Bildungsbereich und kannte die Gesetze besser als Karin Kochrezepte.
Um Himmels willen Saskia, warum so spät? Frau Dr. Heinke öffnete, eine Wollschal um die Schultern.
Karin will mich loswerden, sagte Saskia knapp. Darf ich bei Ihnen schlafen? Morgen geh ich selbst zum Jugendamt.
Frau Dr. Heinke musterte das blasse Gesicht, das alte Gepäck und die ausgetretenen Turnschuhe.
Komm rein, Liebes. Wir besprechen das bei Tee.
Bei Tee erzählte Saskia alles: von der Wohnung, dem Geld und der Untätigkeit des Vaters, während Karin sie schikanierte.
Frau Dr. Heinke hörte schweigend zu.
Also, die Wohnung wird vermietet? Welche Papiere hat Karin für die Fürsorge?
Nur vorläufige. Sie sagt immer, bald wirds fest, aber schiebt es immer auf.
Klar beim endgültigen Sorgerecht sind die Kontrollen schärfer, nickte Frau Dr. Heinke. Mit der vorläufigen glaubt sie, dem Staat noch einen Gefallen zu tun.
Merk dir, Saskia: Morgen gehen wir nicht zum Jugendamt, sondern gleich zu einer früheren Schülerin von mir in der Staatsanwaltschaft. Die macht Jugendangelegenheiten. Und die Wohnung gehört dir ich habe das Testament selbst gesehen. Karin verheimlicht das.
***
Gegen Mittag kam die Tante angerannt.
Gebt mir das Mädchen zurück!, kreischte sie im Hausflur. Saskia, komm raus! Ich habs nicht so gemeint. Wir sind doch Familie!
Frau Dr. Heinke öffnete die Tür, ließ aber die Kette dran.
Du redest von Familie? Da fällt dir plötzlich viel ein. Aber für die Staatsanwaltschaft sieht das anders aus!
Welche Staatsanwaltschaft?, stutzte Karin.
Die, die gerade prüft, wie du das Eigentum der Minderjährigen vermietest. Ohne Genehmigung vom Amt. Und zweckfremde Verwendung von Pflegegeld.
Aber wir haben alles für sie ausgegeben! Ich Ich wollte doch nur das Beste!
Schweig!, schnitt Frau Dr. Heinke ihr das Wort ab. Saskia kommt nicht zurück. Ich nehme sie zu mir, und die Mieter kommen raus sonst gibts Ärger.
Die Oma hat Saskia die Wohnung vererbt! Du hast dich nur an Eigentum eines Waisenkindes bedient!
Karin motzte, drohte, versuchte sogar die Kette zu öffnen aber Saskia kam nicht mehr zu ihr.
***
Karin wurde beschämt entmündigt. Die Mieter mussten Oma’s Wohnung räumen.
Jens, von der Verantwortung verschreckt, zog eilig auf einen Baujob in eine andere Stadt und schickte Saskia nur noch eine kurze Nachricht:
Das ist für alle das Beste.
Frau Dr. Heinke durfte aus Altersgründen kein Vormund werden. Saskia kam ins Heim und fand es gar nicht so schlecht.
Frau Dr. Heinke besuchte sie regelmäßig, und Saskia fand Freundinnen.
In der Schule klappte es wieder, die Seele kam zur Ruhe. Saskia hatte jetzt ein sicheres Leben.





