Du, stell dir Folgendes vor ich steh bei uns am Fenster, halte mein Handy in der Hand, und draußen tanzen fette Schneeflocken über die Straßen von München. Das ist echt typisch: Silvester, halb sechs abends, draußen verschwindet alles unter einer weißen Schicht. Nur bei mir drin fühlt sichs plötzlich so an, als würde die Welt jeden Moment umkippen.
Und dann ist da dieser Anruf. Schwiegermutter, die gute alte Erna Klein, ist dran und zischt mit dieser säuerlichen Stimme: Na, hast du Verena schon `glücklich gemacht`? Hast du ihr erzählt, dass du die Scheidung eingereicht hast? Sofort hab ich das Handy weggezogen, als ob ich mich daran verbrennen könnte.
Danach keine Reaktion mehr. Einfach aufgelegt! Das wars. Zack. Kein weiteres Wort, keine Erklärung. Da stand ich wie festgewurzelt mit dem toten Bildschirm in der Hand mittendrin im Wohnzimmer unserer Münchner Mietwohnung.
Scheidung? Was für eine Scheidung?
Ich hab mich dann im Spiegel im Flur betrachtet. Da sehe ich eine Frau, Ende 30, trage meinen gemütlichen Strickpulli, die Haare irgendwie zum Zopf geknotet. Völlig durchschnittlich, ein bisschen müde, erste Fältchen um die Augen. So sehe ich also aus Julia Maria Klein, Ehefrau von Matthias, Mutter von zwei Kids. Und anscheinend bald: Ex-Frau.
Irgendwann schleppe ich mich in die Küche. Da steht schon der Nudelsalat, mit Frischhaltefolie abgedeckt. Kartoffelsalat wartet im Kühlschrank, und die Bauern-Ente brutzelt im Ofen. Ganz klassisch wie jedes Jahr am 31. Dezember. Nur dass die Stimmung diesmal schwer wie nasser Schnee ist.
Scheidung.
Ich setze mich an den Küchentisch, alles voller Schüsseln und Tellern. Meine Hände fangen völlig automatisch an, die Essiggurken für den Salat auf dem Holzbrett aufzuschneiden. Einfach stumpf, Kreis um Kreis. Da rauscht es mir durch den Kopf: Matthias hat echt die Scheidung eingereicht?
Wann, verdammt? Ich hab doch gestern noch mit ihm Weihnachtskugeln beim Aldi gekauft, und er musste lachen, als unsere Jüngste, Emma, so einen riesigen blinkenden Weihnachtsmann für den Balkon haben wollte! Da war alles normal. Nichts auffälliges.
Da vibriert das Handy. Mein Ältester, Lukas, 16, wie immer mit Kopfhörern unterwegs. Mama, schlaf heut bei Finn, passt das? Klar, alles normal Silvester, und der Sohn zieht es vor, bei Freunden abzuhängen, statt zu Hause zu feiern. Früher da waren wir immer zusammen. Früher gabs Mamas Quarkstollen, Matthias hat um Mitternacht Sekt aufgemacht, die Kinder haben gequietscht vor Glück. Wann ist das verschwunden?
Alles gut, schreibe ich an Lukas zurück. Nicht mehr. Überlege, ob ich Matthias schreiben oder anrufen soll einfach fragen, ob das wirklich stimmt, ob ich die Letzte bin, die von allem erfährt. Aber dann lege ich das Handy wieder weg, zurück zu den Gurken.
Der Türsummer brummt, ich weiß sofort: jetzt kommt Emma von ihrer Freundin heim. Neunjährige, voll Energie, rosa Daunenjacke, Wangen knallrot.
Mama, haben wir auch Knallbonbons? Bei Jule gabs so tolle mit Konfetti! Haben wir Wunderkerzen? Ich schaue meine Tochter an. Runde Bäckchen, blonde Zöpfe, leuchtende Augen. Sie weiß noch von nichts. Für sie ist alles wie immer: Silvester, Geschenke, Mandarinen, TV-Show mit Helene Fischer.
Natürlich, gibts, sage ich.
Sie strahlt und verschwindet ins Kinderzimmer, singt irgendein Kinderlied. Und ich denke nur: Wie lange kann ich ihr dieses unbeschwerte Glück noch bewahren, bevor auch sie merkt, dass Papa weggeht und alles nie mehr so wird wie früher?
Das Pling vom Ofen: Die Ente ist fertig. Ich hol sie raus, stelle sie auf den Tisch, goldbraune Haut, perfekter Duft. Nur fühlt sich alles leer an. Matthias ist immer noch nicht zu Hause sonst war er früher an so Tagen schon längst da, hilft beim Gläser aufstellen, macht Musik an. Heute: keine Nachricht, kein Anruf. Es ist, als ob er schon gar nicht mehr Teil unseres Lebens ist.
Ich nehme doch das Handy, versuche, Matthias zu erreichen. Langer Freiton, dann nur die Mailbox. Keine Nachricht, einfach auflegen. Nochmal probieren wieder nur Mailbox. Na prima.
Ich ziehe die Schürze aus, geh ins Schlafzimmer und hole das schwarze Kleid, das ich seit der Geburtstagsparty meiner Freundin vor zwei Jahren nicht mehr anhatte. Zopf auf, Lippenstift, fertig. Ich sehe wieder mehr wie eine Frau aus, nicht wie Hausmütterchen-Maria.
Emma, ich geh kurz raus, ruf ich in den Flur. Du schaust ein bisschen Fernseher, ja?
Jaa, schallts zurück.
Irgendwoher noch so viel Kraft Mantel geschnappt und raus. Kalte Luft schlägt mir ins Gesicht. Taxi per App, glücklicherweise dauerts nur drei Minuten.
Der Fahrer, bayerischer Ruheständler mit grauem Schnauzer, fragt: Wohin soll’s gehen?
Zur Lindenstraße, Nummer siebzehn, bitte.
Klar Adresse von Erna Klein, meiner Schwiegermutter, die mir eben noch das Herz rausgerissen hat. Zwanzig Minuten Fahrt, draußen alles wie aus dem Bilderbuch: Lichterketten, Menschenschlangen vorm Bäcker, alle schleppen Sektkisten.
Ich steh kurz darauf in diesem alten Münchner Nachkriegsbau vorm bekannten Mintgrün der Haustür. Ringel, Schritte, Tür auf.
Erna schaut überrascht, dann blitzt Schadenfreude auf. Ach, du bists! Was willst du denn hier?
Sie haben mich angerufen, sag ich ruhig. Ich will reden.
Sie zuckt nur abwertend mit den Schultern. Nichts mehr zu bereden. Zu spät.
Lassen Sie mich rein.
Widerwillig gibt sie den Weg frei. Ich betrete das Wohnzimmer. Hier riechts nach Zwiebeln und billigen Parfüms. Auf dem Sofa sitzt Matthias. Mein Mann. Hebt den Kopf überrascht, dass ich wirklich gekommen bin.
Julia…, beginnt er.
Lass gut sein, unterbreche ich. Sags einfach. Stimmt das mit der Scheidung?
Er schweigt lange, dann guckt er weg. Erna stellt sich demonstrativ neben ihn, wie eine Löwin vor ihrem Jungen.
Stimmt, bringt Matthias endlich raus. Ich… wusste nicht, wie ich dir das sagen soll.
Also musste Muttis Botschaft herhalten? Silvester, ein paar Stunden vor Mitternacht?
Er murmelt: Ich wollte dir den Abend nicht verderben…
Ich lache. Es klingt eher gebrochen als erleichtert. Schon klar. Ihr wisst schon, dass ich davon alles habe: zwei Kinder, ein Zuhause, Erinnerungen.
Erna wirft ein: Ihr seid euch längst fremd, das seh ich. Mein Sohn leidet. Schon lange.
Ich kann nicht anders, ein trockenes Lächeln. Ihr Sohn ist 39. Wollen Sie ihn ewig an die Hand nehmen?
Sie zischt: Du bist wirklich unverschämt geworden, warst ja immer so hast es nur besser versteckt.
Dann platzt es aus mir raus: Was ist? Hat dein Spätzle jetzt beschlossen, dass er ein neues Leben braucht, oder hast du es für ihn beschlossen?
Matthias erhebt sich: Jetzt reichts! Schieb das nicht auf meine Mutter. Das ist meine Entscheidung.
Wirklich? Und genau wann hast du die getroffen gestern beim Mandarinenkauf oder heute bei der Ente im Ofen? Oder nach dem Vorlesen für Emma?
Ich brüt schon länger darüber, murmelt er.
In mir brodelt alles, doch ich spüre, wie die Trauer schwerer wiegt als der Ärger. Und in seinem gesenkten Blick erkenne ich das ist echt vorbei. Wahrscheinlich schon lange.
Okay, sage ich. Aber sag mir, gibt es eine andere?
Schweigen. Das reicht als Antwort.
Schon klar. Na dann: Frohes neues Jahr!
Ich drehe mich um, gehe hinaus. Hände ruhig, Schritte fest. Nur tief innen, im Herz, ziehts sich schmerzhaft zusammen. Aber ich zeigs nicht. Nicht jetzt.
Julia, warte! Noch höre ich ihn. Aber ich bin schon draußen, gehe das Treppenhaus runter. Draußen stehe ich einen Moment im Schneegestöber. Irgendwo knallen schon die ersten Böller los, so ungeduldige Silvesterleute.
Wieder Taxi bestellt. Im Auto tippe ich Lukas: Hab Spaß bei Finn, bleib ruhig da. Für Emma: Mama ist bald wieder da, Liebling.
Taxifahrer diesmal ein junger Typ mit tätowiertem Arm. Wieder nach Hause?
Ja. Nach Hause.
Die Fahrt geht schnell Straßen, die man im Schlaf kennt. Wie oft bin ich diesen Weg schon gefahren: Heim aus dem Büro, von Freunden, vom Einkaufen. Zuhause war immer Familie. Jetzt: eigentlich nur noch Kinder. Und so viele ungeklärte Fragen.
Was sage ich Emma? Wie erkläre ichs Lukas? Und, ehrlich ab wann hab ich eigentlich aufgehört, wirklich Frau und Ehefrau zu sein?
Zu Hause steige ich die knarrenden Stufen bis in den siebten Stock. Die Wohnungstür geht auf.
Mama! Schau, ich hab die Lichterkette an!
Da steht sie wirklich, unsere kleine Pinienweihnacht, die wir alle zusammen vor zwei Tagen geschmückt haben. Alles blinkt bunt und warm. Emma auf dem Sofa, Kopf auf selbstgesticktem Kissen aus den guten alten Ehejahren.
Schön, sage ich und setze mich zu ihr. So richtig schön.
Meine Kleine drückt sich an mich. Es riecht nach Shampoo und Schlafanzug.
Kommt Papa noch?, fragt sie.
Ich weiß es nicht, Liebling. Ich weiß es einfach nicht.
Ich halte sie fest und schließe die Augen. Ich denke an alles, was jetzt ansteht: Morgen meine beste Freundin Marie anrufen, Anwalt suchen, rausfinden, wies weitergeht. Aber gerade eben ist es schon genug, einfach meine Tochter im Arm zu haben.
An der Wand tickt die Uhr. Noch vier Stunden bis Mitternacht. Und plötzlich spüre ich: Vielleicht ist das der Anfang für mich. Nicht ab dem ersten Januar sondern genau jetzt, hier am Wohnzimmerboden, mit Emma im Arm.
Das Handy blinkt. Matthias erscheint. Ich drehe es einfach um.
Schauen wir heute Abend den Klassiker Schnittchenparty?”, fragt Emma hoffnungsvoll.
Klar, antworte ich.
Ich stehe auf, geh wieder in die Küche. Die Salate warten, die Ente ist zwar kalt, aber egal. Wir feiern trotzdem. Ohne Matthias. Mit dem Gewicht, das jetzt zu meinem Leben gehört, aber trotzdem feiern wir.
Gegen halb zehn wieder Sturm Klingel. Drei Mal, richtig heftig. Ich decke gerade den Tisch, Emma ist schon halb eingedöst vorm Fernseher.
Ich geh schon, sag ich.
Erna steht vor der Tür, rote Backen, Einkaufstasche in der Hand hochdramatischer Auftritt.
Wo steckt Matthias?, faucht sie.
Keine Ahnung. Sie haben ihn doch bei sich!
Red keinen Unsinn! Er war vor einer Stunde noch bei mir, sagte, er fährt jetzt zu euch, weils noch was zu besprechen gäbe.
Ich rolle mit den Augen, bleibe aber ruhig. Hier ist er jedenfalls nicht. Bitte gehen Sie jetzt.
Quatsch!, drängt sie sich an mir vorbei, stapft mit den Schneeboots durchs Wohnzimmer, sucht in Küche und Schlafzimmer. Ich halte sie am Arm fest.
Genug jetzt, Erna. Das ist mein Zuhause!
Sie faucht zurück: Unser! Das ist immer noch unsere Wohnung hast wohl vergessen, auf wen sie eingetragen ist?! Ich hab damals das Startkapital beigesteuert!
Das war vor 15 Jahren, und wir haben den Kredit längst abbezahlt. Außerdem steht sie zur Hälfte auf mich, also raus jetzt.
Sie kocht innerlich, giftiger Blick: Du hast ihn mir geklaut! Immer schon so eine gewesen, nur gut darin, dich anzupassen. Du hast garantiert schon einen anderen, oder?
Bitte? ich weiß kaum, was ich darauf sagen soll.
Ich sehe das doch! Neues Kleid, Lippenstift aufgemalt. Kein Wunder, dass Matthias geht der will doch ‘ne richtige Frau!
Ach ja? Hat er also wirklich schon jemand anderen?
Sie schnaubt: Na klar Verena. Nett, hübsch, zehn Jahre jünger und arbeitet zufällig in seiner Firma. Und du? Bist kaputt, ausgeleiert. Als ob das einem Mann auf Dauer gefällt!
Mir bleibt der Atem weg. Nicht aus Wut aus diesem scharfen, bösartigen Gift, das sie mir entgegen spuckt.
Jetzt reicht’s. Raus hier.
Sie knallt die Tüte auf den Boden, die Orangen kullern über den Teppich. Ich hol jetzt seine Sachen! Er hat hier nix mehr zu suchen!
Da steht plötzlich Emma verschlafen in der Tür. Mama, was ist los?
Nichts, Schatz. Oma geht gleich. Du ab ins Bett, okay?
Nix da!, ruft Erna, Komm, Emma, bei Oma gibts Kuchen und Geschenke!
Mir reißt der Geduldsfaden: Mischen Sie Emma da nicht rein, hören Sie endlich auf!
Plötzlich bricht sie los: Da kannst du dich auf was gefasst machen! Ich lass dich nicht so einfach davonkommen, du wirst am Ende mit leeren Händen dastehen!
Da stehe ich, Hände zu Fäusten geballt, und merke: Irgendwas wird grad neu in mir. Ich bin nicht mehr die, die alles runterschluckt.
Erna, Sie haben mir immer erzählt, ich wär nicht richtig schlecht gekocht, falsch erzogen, falsch angezogen. Ich hab das so lang geschluckt. Wegen Matthias. Aber jetzt ist Schluss.
Du…
Doch dann steht Matthias in der Tür, Mantel nicht mal ausgezogen. Mama, geh bitte. Jetzt.
Sie erstarrt. Was?
Geh einfach. Das ist nicht mehr dein Thema. Das klären Julia und ich.
Sie zieht beleidigt ab, rauft sich schlampig das Tuch über die Schultern und Türen knallen. Endlich Stille.
Emma hält ihren Stoffhasen an sich gedrückt. Matthias hängt Mantel auf.
Julia, wir sollten reden, sagt er.
Jetzt? In zwanzig Minuten ist Mitternacht.
Jetzt, bleibt er ruhig.
Emma, schau noch etwas fern. Das Kind verschwindet. Matthias setzt sich an den Küchentisch; ich bleibe stehen.
Also, Verena wirklich zehn Jahre jünger?
Er verzieht das Gesicht. Mama hätte das nicht sagen dürfen… aber ja, stimmt.
Wie lange schon?, frage ich.
Er zögert: Ein halbes Jahr.
Während ich nachrechne, summt mir der Sommer durch den Kopf unser Familienurlaub in Italien, ich war so glücklich, dachte, alles läuft.
Liebst du sie?
Ich… weiß es nicht. Es ist leicht mit ihr. Sie lacht immer, kritisiert mich nicht. Bei ihr ist alles entspannt.
Klar, sage ich. Sie hat auch keine Hypothek, keine Eltern, die Pflege brauchen, keine Elternabende. Bei ihr ist das Leben leicht, weil sie dich nicht mit all dem Alltag teilen muss.
Schweigen.
Ich bin müde, Matthias. Und ich hab was Besseres verdient, als dass mir ausgerechnet deine Mutter sowas an Silvester um die Ohren haut.
Er hebt den Blick. Es tut mir leid. Ich wusste einfach nicht, wie.
Da knallt draußen der erste Feuerwerkskörper. Neues Jahr.
Ich wende mich ans Fenster, sehe die bunten Lichter über Schwabing. Unten jubeln die Leute, stoßen an und hier, am siebten Stock, endet grad alles. Und was beginnt?
Weißt du, was am härtesten ist? Nicht, dass du dich verliebt hast. Sondern, dass du nicht den Mut hattest, mir das selbst zu sagen. Dass du mich in die Schusslinie deiner Mutter geschubst hast.
Er kommt zu mir. Julia
Nein. Geh. Zu Verena. Oder zu deiner Mutter. Mir ist es jetzt egal. Bis zum ersten Januar will ich, dass du deine Sachen aus der Wohnung holst.
Er sieht mich noch lang an, nickt und verschwindet. Ich hör ihn noch mit Emma sprechen, dann die Eingangstür.
Dann schütte ich mir Sekt ein, setze mich ans Fenster. Stoße innerlich auf mich an: Frohes neues Jahr, Julia. Auf das neue Leben.
Ich trinke den Sekt er brennt angenehm. Vor mir liegt ein Berg an Gesprächen mit den Kids, Anwalt, all das Chaos. Aber jetzt, diesen Moment, spüre ich fast so etwas wie Erleichterung. Es ist raus. Ich muss nichts mehr verbergen.
Emma kommt gerannt: Mama, lass uns was wünschen!
Ich nehme sie fest in den Arm. Na klar, Liebling. Wünsch dir was.
Und während sie mit fest zusammengekniffenen Augen ihren Wunsch flüstert, schaue ich mit ihr raus auf das funkelnde München und weiß: Egal, was kommt. Ich schaff das. Ich schaff das, ganz bestimmt.





