Ich bin jetzt 70 Jahre alt und wurde Mutter, bevor ich überhaupt gelernt habe, an mich selbst zu denken. Ich habe jung geheiratet, und seit meiner ersten Schwangerschaft drehte sich mein ganzes Leben nur noch um andere. Arbeiten außerhalb des Hauses? Fehlanzeige. Nicht, weil ich nicht wollte, sondern weil es damals eben so war irgendwer musste ja zu Hause bleiben. Mein Mann, Peter, verließ frühmorgens die Wohnung in München und kam erst spätabends zurück. Die Wohnung war mein Revier. Die Kinder waren meine Angelegenheit. Und, na klar, auch die ganze Erschöpfung.
Manchmal frage ich mich, ob ich je eine ganze Nacht am Stück geschlafen habe. Das eine Kind hatte Fieber, das andere kotzte, das dritte schrie. Und ich? Vollzeit-Alleinunterhalterin ohne Applaus, mitten in Bayern. Hat mich je jemand gefragt, obs mir gut geht? Nicht wirklich. Am nächsten Morgen stand ich wieder auf, machte Brezn und Kakao und das Spiel ging weiter. Das Wort geht nicht kannte ich nur aus dem Fernsehen. Hilfe habe ich nie verlangt. Irgendwie dachte ich, so macht das eben die perfekte deutsche Mama.
Als die Kinder endlich Flügel bekamen, wollte ich mal was Eigenes lernen vielleicht ein kleiner Kurs an der Volkshochschule. Peter sagte nur: Brauchst du das echt noch? Deine Arbeit ist doch erledigt. Ich Trottel habs geglaubt. Und rückte weiter brav im Hintergrund alles gerade. Wenn unser Sohn Julius sein Studium an der LMU mal schleifen ließ, war ich diejenige, die ihn bei seinem Vater in Schutz nahm. Als Anna, meine mittlere, mit 19 schwanger wurde, saß ich mit ihr im Wartezimmer und schaukelte später das Enkelkind, während sie ihr Leben organisierte. Immer stand ich parat, wenn was auseinanderzufallen drohte.
Und dann, siehe da: Enkelkinder! Auf einmal voller Betrieb in der Wohnung, von Playmobil bis Apfelsaft. Jahrelang war ich die Hauptattraktion Kindergärtnerin, Kantine, Notaufnahme und Seelsorge in einer Person. Nie habe ich das als Dienst mit Lohn erwartet. Nie habe ich mich offiziell beschwert. Wenn ich fix und alle war, hörte ich nur: Mama, du bist einfach die Einzige, dies richtig macht. Das war dann mein Benzin.
Dann wurde Peter krank. Ich habe ihn bis zum Schluss gepflegt. Danach kamen nur noch Ausreden: Mama, diese Woche schaffe ichs nicht, Nächste Woche sehen wir uns, Ich rufe dich nachher an. Mittlerweile vergehen Wochen, ohne dass jemand vor meiner Tür steht. Kein Scherz ganze Wochen. Es gab Geburtstage, da kam nur eine WhatsApp. Manchmal decke ich den Tisch für zwei, so aus Gewohnheit. Es fällt mir erst auf, wenn ich fertig gekocht habe und niemanden rufen kann.
Einmal bin ich im Bad ausgerutscht. War zum Glück nicht schlimm, aber ich war kurz so richtig erschrocken. Ich saß da am Fliesenboden, griff zum Telefon niemand hob ab. Also bin ich selber wieder hochgekommen. Erzählt habe ich darüber niemandem, um niemanden zu belasten. Ich habe gelernt, leise zu sein.
Meine Kinder sagen mir, sie lieben mich ich weiß auch, dass das stimmt. Aber Liebe auf Distanz tut trotzdem weh. Sie reden hektisch mit mir, immer ist irgendwas: Ach, Mama, ich ruf dich später nochmal an. Tja, dieses später das kommt nie.
Am schwersten wiegt gar nicht mal die Einsamkeit, glaube ich. Am schwersten ist das Gefühl, von unverzichtbar zu lästig geworden zu sein. Früher war ich das Fundament der Familie. Heute bin ich ein Termin im Google-Kalender, der zwischen Pilates und Elternsprechtag reingequetscht wird. Niemand ist böse zu mir. Sie brauchen mich bloß nicht mehr.
Tja, was würdet ihr mir raten?




