4. Februar
Heute war einer dieser Tage, an denen ich fast schon aus Gewohnheit an Caros Tür geklopft habe. Aber kurz davor zögerte ich, ein merkwürdiges Gefühl beschlich mich dieses leise Ziehen, wenn man etwas ahnt, das man nicht wissen will. Wir kennen uns seit der Uni, fast zwanzig Jahre schon. Caro war immer die, bei der ich jederzeit einfach auftauchen konnte egal ob mit einer Flasche Weißwein zum Lachen oder auch mal zum Heulen. Heute ging es eigentlich nur darum, ihr das Kleid zurückzugeben, das ich letzte Woche für das Meeting gebraucht hatte. Und um ein bisschen über Lukas zu schimpfen, weil er mal wieder bis spät ins Büro musste.
Caro öffnete die Tür im Bademantel, noch mit feuchten Haaren vom Duschen, und grinste mich an.
Mensch, Mia, komm rein! Ich habe gerade Tee gemacht. Perfektes Timing, ich langweile mich schon alleine.
In der Wohnung duftete es nach Vanille und Blumen. Alles war vertraut helle Wände, das gemütliche Sofa, und auf dem Wohnzimmertisch stand eine Tasse mit halbgetrunkenem Kaffee. Ich zog meinen Mantel aus und hängte ihn an die Garderobe. Das Kleid legte ich über die Stuhllehne.
Ich bleibe auch nicht lange, sagte ich. Wollte nur dein Schätzchen zurückgeben. Und ehrlich gesagt brauche ich mal wieder ein offenes Ohr.
Caro lachte.
Beschwer dich ruhig ausgiebig. Setz dich, ich gieße nur schnell Kaffee ein.
Während sie in der Küche hantierte, wanderte mein Blick durch den Raum und blieb am Schminktisch am Fenster hängen. Dort lag eine schwarze Bürste mit breiten Zinken ganz unscheinbar, aber seltsam vertraut. So eine hatte Lukas auch. Genau diese Sorte. Er kaufte die immer im Dreierpack online, weil sie laut ihm praktisch und unkaputtbar sind. Zuhause liegen eigentlich immer mehrere davon herum, aber eine fehlte seit ein paar Monaten. Lukas hatte sich noch beschwert: Ich hab sie irgendwo verschlampt, gut, dass ich Ersatz habe.
Ich trat näher heran. Die Bürste lag achtlos dort, an einigen Zinken hingen kurze dunkle Haare fest. Caro hat lange, hellblonde Haare. Lukas Haare sind dunkelbraun, an den Schläfen schon etwas grau.
Mir schlug das Herz einen Moment bis zum Hals, dann wurde ich ganz ruhig. Ich nahm die Bürste in die Hand.
Caro?, rief ich, so gleichmütig wie ich konnte, Woher kommt die Bürste?
Caro kam mit zwei Tassen ins Zimmer.
Welche meinst du? Ach, die! Keine Ahnung, liegt schon ewig da. Wahrscheinlich von einem meiner Gäste vergessen.
Ich drehte die Bürste. Auf dem Griff war eine kleine, eingekerbte Linie die sah aus wie ein L. Lukas hatte damals aus Versehen mit dem Taschenmesser diese Kerbe reingemacht, als er das Paket mit den Bürsten geöffnet hatte. Jetzt ist sie markiert, meine ganz persönliche, hatte er noch gescherzt.
Das ist Lukas Bürste , murmelte ich leise.
Caro stellte die Tassen ab, das Lächeln in ihrem Gesicht versuchte noch zu bleiben.
Sicher? Die sehen doch alle gleich aus.
Die Kerbe da. Die hat er selbst reingemacht.
Es entstand eine Pause. Caro beugte sich vor, schaute auf den Bürstengriff und zuckte die Schultern.
Keine Ahnung vielleicht hat er sie vergessen, als er mal da war. Oder du hast sie selbst hierher gebracht, als du übernachtet hast.
Ich schüttelte den Kopf.
Meine Bürste ist immer in meiner Kosmetiktasche. Und Lukas war der die letzten Monate überhaupt mal hier ohne mich?
Caro wich meinem Blick aus.
Kann mich nicht erinnern. Ist schon ewig her.
Ich legte die Bürste wieder auf den Tisch, meine Hände zitterten ein bisschen.
Caro, jetzt ehrlich. Was ist los?
Sie setzte sich mit ihrer Tasse gegenüber von mir hin und umfasste sie fest.
Mia, wirklich? Wegen einer Bürste? Du weißt doch, wie ich zu Lukas stehe. Fast wie zu einem Bruder.
Eben deshalb frage ich.
Sie seufzte tief.
Ehrlich, da ist nichts. Vielleicht hat er die mal da vergessen Du weißt doch selbst, er kauft die stapelweise.
Caro konnte schon immer gut lügen das wusste ich von unseren wilden Uni-Tagen. Bei gefälschten Attesten, geheimer Liebelei oder wenn sie zu ihren Eltern irgendeine Geschichte auftischte. Aber jetzt lag etwas anderes in ihrem Blick: keine Angst, sondern eine seltsame Müdigkeit. Fast so, als hätte sie auf dieses Gespräch gewartet.
Okay, sagte ich schließlich. Ich nehme sie mit. Frag einfach zu Hause, wie sie zu dir kam.
Caro nickte zu schnell.
Natürlich, nimm sie ruhig.
Die nächsten zwanzig Minuten sprachen wir noch über die Arbeit, den Stress mit den Kindern, und den neuen Tatort. Aber es lag eine Spannung zwischen uns wie eine gespannte Saite. Als ich ging, umarmte Caro mich länger als sonst.
Mach dir keine unnötigen Gedanken, ja? flüsterte sie mir zu. Wir sind doch Freundinnen.
Natürlich, sagte ich.
Zu Hause war Lukas noch nicht da. Ich legte die Bürste auf seinen Nachtschrank, neben seine Uhr, und setzte mich aufs Bett. Ich wartete.
Gegen zehn kam er heim abgekämpft, Aktenmappe unterm Arm, er roch nach Winterluft und einem fremden Hauch Parfüm. Florale Note, wie Caros Parfüm.
Hi, sagte er, küsste mich auf die Wange. Wie war dein Tag?
Gut. Ich war bei Caro.
Er nickte abwesend und ging ins Bad sich frisch machen. Er summte dabei leise vor sich hin das machte er immer, wenn er gut drauf ist.
Als er frisch geduscht im Schlafanzug ins Schlafzimmer kam, fiel sein Blick sofort auf die Bürste.
Na, da ist sie ja! Wo hast du die gefunden?
Ich musterte ihn.
Bei Caro. Lag auf ihrem Schminktisch.
Er drehte die Bürste in der Hand.
Komisch. Ich dachte, ich hab sie hier irgendwo verschludert.
Warst du in letzter Zeit bei Caro?
Er zuckte die Schultern.
Nee Doch. Vor etwa drei Monaten, als du auf Messe warst hab ihr mit dem Computer geholfen.
Ich sagte nichts.
Warum?, fragte er vorsichtig.
Nur komisch, dass die Bürste bei ihr ist.
Er lächelte.
Vielleicht hast du sie hingebracht? Oder sie hat sie bei uns eingepackt?
Sie meint, ein Gast hätte sie vergessen.
Na, dann bin ich wohl der Gast, lachte er. Mach dir keinen Kopf, Mia. Ist doch nur ‘ne Bürste.
Er legte den Arm um mich, wie immer. Doch ich lag wach in dieser Nacht. Gedanken wälzten sich in meinem Kopf. Warum war er nicht überrascht gewesen? Und warum lag die Bürste genau auf dem Tisch, nicht irgendwo in einer Schublade? Warum hatte Caro sofort eingewilligt, dass ich sie mitnehme?
Am nächsten Tag rief ich Caro an.
Caro, lass uns treffen. Ich will reden. Richtig reden.
Mia, ich bin in der Arbeit. Heute Abend vielleicht?
Jetzt. Gleich. Im Café gegenüber von deinem Büro.
Sie kam eine halbe Stunde später. Blass, mit ihrer halb offnen Tasche über der Schulter.
Wir setzten uns an einen ruhigen Tisch, der Kellner brachte Kaffee.
Sag schon, meinte ich.
Caro starrte aus dem Fenster.
Es gibt nichts zu sagen. Du reitest dich in was rein, was nicht da ist.
Ich habe deine Augen gestern gesehen. Du hast gelogen.
Eine Weile war es still, dann ergab sie sich:
Mia Es ist passiert. Ein Mal. Vor drei Monaten. Wir wollten es beide gleich wieder rückgängig machen.
In mir wurde kalt.
Wann?
Als du weg warst, zur Messe. Lukas kam wegen dem Computer. Wir haben Wein getrunken. Und tja.
Und das war’s?
Caro nickte.
Mehr nicht. Ehrlich. Wir sagten gleich, das war ein Fehler. Und es wurde nie wieder zum Thema.
Und die Bürste?
Er blieb über Nacht, weil er nicht mehr fahren wollte. Morgens hat er sich beeilt und sie liegen lassen. Ich dachte immer, vielleicht fragt er mal danach. War aber nie der Fall.
Ich sah auf meine Kaffeetasse.
Warum hast du mir nie etwas erzählt?
Weil ich dich liebe. Und ihn auch halt wie einen Freund. Ich wollte nicht alles kaputt machen. Nach der Scheidung fühle ich mich so einsam
Und er?
Er liebt dich. Hat gesagt, es war ein Moment der Schwäche. Dass er dich nie verlieren will.
Ich stand auf.
Ich muss nachdenken.
Ich verließ das Café, ohne zurückzusehen. Draußen war Februar, Schnee fiel in dicken Flocken. Ich lief zu Fuß nach Hause, obwohl es weit war.
Daheim packte ich Lukas Sachen. Ganz ruhig, sachlich. Legte alles sauber in den Koffer und stellte ihn an die Tür. Als er abends kam, zeigte ich stumm auf den Koffer.
Mia, fing er an.
Ich weiß alles. Geh bitte.
Es war ein Fehler. Nur das eine Mal.
Für mich zählt nicht, wie oft. Es ist Verrat. Von dir und von Caro.
Er redete, flehte. Aber ich blieb ruhig fast unheimlich ruhig.
Bitte geh. Ich will dich nicht sehen.
Er ging. Am nächsten Tag rief und schrieb Caro unzählige Male. Ich antwortete nicht.
Nach einer Woche war ich noch immer wie unter einer gläsernen Haube. Ich funktionierte: Arbeit, Essen kochen, in den Himmel starren. Die Kolleginnen fragten nach, aber ich wehrte ab.
Eines Abends klingelte es. Caro stand vor der Tür, mit einem Strauß weißer Rosen.
Darf ich reinkommen?
Ich ließ sie eintreten. Wir setzten uns in die Küche.
Mia Ich will nichts beschönigen. Ich weiß, ich habe es nicht verdient, aber ich will dich nicht verlieren. Du bist wie eine Schwester für mich.
Ich sah sie an.
Du hast mit meinem Mann geschlafen hast du dabei auch an mich gedacht?
Caro weinte zum ersten Mal.
Ich kann es nicht erklären. Es war wie ein Kurzschluss. Wir waren beide unglücklich. Er sagte, ihr würdet euch entfremden. Ich, dass ich mich einsam fühle. Dann ein Glas zu viel der Rest ist passiert.
Ich füllte ihr ein Glas Wasser ein.
Ich weiß nicht, ob ich das je verzeihen kann.
Ich verstehe.
Caro ging. Die Rosen blieben als stumme Zeugen.
Ein Monat verging. Lukas suchte sich eine Wohnung, rief an, schrieb. Ich antwortete nicht. Auch Caro blieb weg.
An einem milden Frühlingstag sah ich sie beide im Park sitzen Lukas und Caro, auf einer Bank, weit voneinander entfernt. Sie redeten ernsthaft, ohne sich zu berühren. Dann stand Caro auf und ging; Lukas nach einer Weile in die andere Richtung.
Mir schnürte es das Herz zu, aber es war nicht mehr Schmerz. Eher eine Erleichterung. Sie waren kein Paar.
Am Abend rief Lukas an.
Mia, ich habe dich im Park gesehen. Können wir reden?
Wir trafen uns im selben Café, in dem auch Caro mir alles erzählt hatte.
Zwischen mir und Caro ist nichts. Wir mussten das damals klären, um es abzuschließen. Sie zieht in eine andere Stadt. Hat dort einen neuen Job.
Ich nickte.
Und du?
Ich will zurück. Wenn du mich noch lässt. Ich habe alles verstanden. Es war der größte Fehler meines Lebens.
Ich betrachtete ihn.
Ob ich je wieder vertrauen kann, weiß ich nicht. Aber ich habe genug von einsam sein.
Langsam, tastend, fingen wir neu an. Ohne große Worte, keine Versprechen. Wir kochten zusammen, gingen spazieren, redeten.
Caro hörte ich selten. Sie schrieb manchmal: Wie gehts dir? oder schickte Geburtstagsgrüße. Ich antwortete kurz, aber immerhin.
Die alte Bürste war am Tag von Lukas Auszug im Hausmüll gelandet. Für immer.
Ein Jahr später lebten Lukas und ich wieder zusammen. Nicht wie früher reifer vielleicht. Wir redeten mehr, hörten besser zu. Vertrauen wuchs langsam, Tropfen für Tropfen.
Eines Tages entdeckte ich im Schrank eine neue schwarze Bürste, genau wie damals. Lukas schmunzelte.
Warum? fragte ich.
Weil sie so praktisch ist, antwortete er lachend. Und weil ich nie wieder vergessen will, wie leicht man manchmal alles verliert.
Ich lachte. Zum ersten Mal seit langem aus vollem Herzen.
Der Skandal von damals leise, verborgen, aber tief lag hinter uns. Vielleicht sind wir daran gewachsen. Oder einfach nur vorsichtiger geworden. Jedenfalls achten wir heute besser auf die kleinen Dinge. Sogar auf eine schwarze Bürste am falschen Ort.





