Deine Mutter hat sich unmöglich verhalten! Obwohl, was kann man von so einer Landei schon erwarten?
Wie bitte?! regte sich Annalena auf.
Hast du doch gehört! entgegnete ihr Mann, Dieter.
Meine Mama ist hundertmal besser als deine überkandidelten Verwandten! Die sind dreist und haben keinen Anstand.
Dann geh doch zu ihr! schrie Dieter und knallte die Tür zu.
Ja, das mach ich! Und wie ich das mache!
***
Also ehrlich, deine Mutter hat eure noch junge kleine Familie zerstört, seufzte Anja, Annalenas beste Freundin. Noch kein Jahr war rum!
Zerstört hat sie gar nichts, es lief eh alles darauf hinaus, murmelte Annalena traurig und rührte wie in Trance Zucker in ihren Tee. Sie saßen in einem altmodischen Berliner Café.
Wieso, du hast mir doch erst neulich erzählt, dass ihr ein Kind wollt! widersprach Anja.
Das war wohl Schicksal.
In Gestalt deiner Mutter? hakte Anja neugierig nach.
Ach bitte, sei nicht so, ärgerte sich Annalena. Meine Mutter kann nichts dafür. Papas alter Opel war nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat.
Vor drei Jahren, ein Jahr bevor Annalena heiratete, starb ihr Vater, Herr Friedrich. Ihre Mutter, Elke Falkenrath, litt fürchterlich unter dem Verlust und musste sogar ins Krankenhaus. Sie weinte oft, erinnerte sich an Friedrich, an die glücklichen Jahre. Es war, als wäre das Glück von gestern nur ein Traum gewesen…
Früher lebten Elke und Friedrich im kleinen Dorf Rheinsfeld. Dort hatten sie sich bei einem Dorffest kennengelernt. Viel später zogen sie in die Stadt Hamburg, bekamen von Friedrichs Firma eine kleine Wohnung. Und irgendwann wurde Annalena geboren spät, aber sehr erwünscht.
Sie lebten immer in großer Einigkeit, stritten nie. Annalena war ein freundliches, hilfsbereites Kind. Klug und schön, jeder mochte sie.
Leider verlor Annalena früh ihre beiden Omas. Die hübschen Backsteinhäuschen in Rheinsfeld wurden verkauft; der Faden zu diesem glückserfüllten Ort riss ab.
Nicht nur Annalenas Eltern, auch sie selbst liebte das Dorf von Herzen. Sie verbrachte dort alle Sommerferien. Die Großmütter hatten Hühner, einen Garten, Kühe. Mit Freude kümmerten sie sich um ihr kleines Reich und erwirtschafteten ein gutes Auskommen.
Annalena war stolz auf sie. Als sie eines Tages ihrer Großmutter im Stall half, entschied sie sich, Tierärztin zu werden.
Jahre später erfüllte sie sich ihren Kindheitstraum nur behandelte sie keine Kühe, sondern Katzen und Hunde in einer Hamburger Kleintierpraxis.
Dieter, ihr späterer Mann, begegnete sie dort kennenzulernen: Er kam mit einem teuren Windhund zur Impfung. Sie fanden Gefallen aneinander und gingen bald miteinander aus.
Sie redeten nächtelang als ginge kein Thema je aus. Annalena erzählte fasziniert von ihren Tieren, Omas, Kindheit und dem Wechsel aus dem Dorf ins Hamburger Leben.
Dieter berichtete von seinen Eltern: Professoren beide, an der Universität Hamburg. Strenge Rituale, bildungsbürgerliche Werte. Ein wenig fühlte er sich Annalenas Eltern überlegen; verbarg das aber, um ihre Gefühle nicht zu verletzen.
Diese Überheblichkeit hatte ihm seine Mutter eingetrichtert die war besonder stolz auf ihren Stand und die glückliche Heirat in ein “urhamburgisches” Professorenhaus. Solche Gelegenheiten, meinte sie, bekommt nicht jeder.
Dabei war Dieters Mutter selbst Kind einfacher Bauersleute aus dem Umland, verschwieg das aber konsequent.
Dieter war hingerissen von Annalena und machte ihr schon nach zwei Monaten einen Antrag. Nach der Hochzeit zogen sie in Dieters Erbschaft: eine Altbauwohnung im Grindelviertel, 50er Jahre, aber renovierungsbedürftig und dafür fehlte das Geld.
Dieter spazierte mit hocherhobener Nase durchs Treppenhaus, stolz, mit den wohlhabenden Nachbarn Tür an Tür zu wohnen. Da parkten BMWs vor der Tür, die Leute grüßten freundlich und verschwanden diskret in Luxuswohnungen, Panoramafenstern und allem Drum und Dran. Hier riecht alles nach gutem Leben, schwärmte Dieter.
Annalena konnte da nur lächeln. Sie richtete sich am Herzen aus, nicht am Kontostand.
Nach dem ersten Besuch des Schwiegersohns fühlte Elke sich zwiespältig. Einerseits nett, andererseits wirkte Dieter übertrieben höflich, unecht. Sie ahnte, dass hinter seiner Maske etwas lauerte und sorgte sich um Annalena.
Doch sie sagte nichts, blickte in Annalenas verliebte Augen und hielt ihre Bedenken zurück. Also gab es eine schlichte Hochzeit, denn Dieters Eltern gaben ihr Geld nicht gerne aus.
Sie hatten lange gehofft, Dieters Wohnung zu vermieten, die hätte ein stattliches Sümmchen Mieteinnahmen gebracht, aber erst musste renoviert werden, das war teuer. Außerdem war Dieters Großmutter klar gewesen: Dieter sollte in der Wohnung mit seiner Frau leben. Basta.
***
Was war denn jetzt mit dem Auto deines Vaters? fragte Anja.
Meine Eltern hatten einen Wagen und einen gemauerten Garagenplatz, begann Annalena. Als Papa starb, schlug ich mein Erbe zugunsten meiner Mutter aus. Sie hatte einen Führerschein, fuhr Papas Wagen gelegentlich. Ich hatte gar keinen. Wozu also das Auto? Eines Tages baute Mama aber einen kleineren Unfall und wollte von da an nicht mehr fahren. Ich ebenso wenig. Ein halbes Jahr nach unserer Hochzeit kam Mama dann auf die Idee, Dieter eine Vollmacht zu geben, damit er Papas Golf benutzen konnte. Sie fand es zu schade, dass er einfach herumstand, verkaufen wollte sie ihn nicht, er war neu und von Papa liebevoll ausgesucht
Annalena wurde still und dachte an ihren Vater.
Dieter hat also Führerschein? fragte Anja.
Ja, aber kein Auto. Er hat sich riesig gefreut.
Sie fuhren gemeinsam zur Garage, begutachteten den dunkelroten Golf und Dieter war wie ein Kind zu Weihnachten. Er überschlug sich vor Freude und Dankbarkeit gegenüber Elke.
Aber Mama bat ihn, ihr zu helfen: Sie ab und zu zur Hausärztin bringen, oder in den Baumarkt, oder samstags in den großen Supermarkt am Stadtrand zu fahren. Dieter versprach es.
Elke kaufte samstags üblicherweise alle Vorräte, also rief sie Dieter und der half. Dann plante sie eine Wohnungsrenovierung. Der Wagen war oft nützlich.
Eines Tages wollte Elke zum 60. Geburtstag einer alten Freundin. Feier im Restaurant, schicker Abend, sie bat Dieter, sie zu bringen und nachts heimzufahren.
Dieter aber sagte ab, angeblich zu beschäftigt. Elke war enttäuscht ein Taxi quer durch Hamburg kostete ein Vermögen, absagen wollte sie aber auch nicht; im Ballkleid mit Bus und Bahn unmöglich.
Die Woche darauf das Gleiche. Dieter keine Zeit, sogar einen Arzttermin verschob Elke extra, um auf ihn zu warten…
Dann erfuhr Elke durch einen Zufall: Dieter hatte all die Zeit seine eigenen Eltern im Wagen herumgefahren.
Papa hat immer Carsharing benutzt, aber dann wurde sein Account gesperrt, jetzt geht das nirgends mehr. Anwälte sagen Geduld, aber Taxis sind teuer, rechtfertigte sich Dieter. Meine Mama hat bald Geburtstag, musste viel einkaufen. Und mein Vater brauchte auch Hilfe.
Hm sagte Elke nur leise.
Sie war verletzt. Ihren Eltern war das Taxi zu teuer für sie offenbar nicht. Noch dazu hatte Annalena herausgefunden, dass Dieter mit dem Wagen oft auch entfernte Verwandte chauffierte, ja sogar die Ernte vom Schrebergarten transportierte. Nach einer Tour musste der Golf übrigens zur Reparatur, aber alles wieder in Ordnung…
***
Naja, und dann hat Mama Dietern die Vollmacht entzogen. Kurz gesagt: Sie hat ihm das Auto weggenommen, erzählte Annalena. Verkauf sei geplant. Dieter war beleidigt, wir haben uns gestritten. Ehrlich, ich verstehe Mama. Seine Familie hat echt übertrieben. Ich habe meinen Mann kaum noch gesehen, dauernd fuhr er irgendwohin für seine Mutter. Meine Mutter dagegen musste Taxi fahren!
Oje… Er hatte es doch versprochen! sagte Anja.
Mich hat keiner gefragt, knurrte Annalena. Seine Mutter sagte ihm, wohin er fahren soll, Zeit für uns blieb kaum. Ich habe ihn nicht mehr wirklich zu Hause gesehen.
Deswegen der Streit?
Nein, das Schlimmste war sein Landausdruck für meine Mama. Und ehrlich, unsere Ehe war eh zum Scheitern verurteilt. Dieter hängt zu sehr am Rockzipfel seiner Mutter. Sie sagt, was richtig ist, und er spurt. Beide sind entsetzliche Snobs.
***
Gut, dass du diese arme Annalena endlich los bist, Sohnemann, sagte Dieters Mutter, als sie vom Streit erfuhr. Du findest eine Vernünftige. Ich hab da an der Uni schon ein nettes Fräulein im Auge Stefanie, klug, hübsch, gute Familie Nachfahrer eines Adligen, wie mir Leute mit Ahnung sagten gute Stellung, nützlich!
Ach, Mama murmelte Dieter.
Sei leise! blaffte seine Mutter. Und wage es ja nicht, dich mit Annalena zu versöhnen! Sie soll weiter Hunde verarzten. Für unsere Familie ist die nichts!
Hast dus vielleicht absichtlich gemacht? fragte Dieter.
Also… Naja… die Augen seiner Mutter flackerten. Was hätte ich denn sonst tun sollen? So eine Chance darf man nicht auslassen. Du heiratest Stefanie, und Schluss! Sofort scheiden, verstanden? Ich hätte nie auf deinen Vater gehört und dir so viel Freiheit lassen dürfen. Geheiratet hast du am Ende irgendeine…
***
Gleich ist alles wieder gut und die Pfote wird gar nicht mehr weh tun, flüsterte Annalena einem kleinen Cockerspaniel zu. In der Kleintierpraxis fühlte sie sich aufgehoben, sie liebte Tiere und ihre Arbeit. Dieter hatte inzwischen eine blutjunge Studentin von der Uni geheiratet, an der seine Eltern lehrten.
Bestimmt aus vornehmer Familie, sinnierte Annalena und zog den weißen Kittel aus. Der Arbeitstag war vorbei.
Plötzlich musste sie laut auflachen. Abstammung, Stammbaum, Herkunft fast wie bei den teuren Rassekatzen, die zu Wettbewerben gebracht werden…
Übrigens, Mama will den Golf doch nicht verkaufen, erzählte Annalena Anja. Sie fährt wieder selbst. Hat sich entschuldigt, weil sie Dieter und mich so in Streit gebracht hat. Aber ich sagte, dass sie nichts falsch gemacht hat. Es sollte wohl so kommen.
Stimmt, pflichtete Anja bei. Mit so einer Schwiegermutter wäre es eh irgendwann gescheitert. Die Sache mit dem Auto hat’s nur beschleunigt.
In der Ehe mit Stefanie fand Dieter kein Glück, erinnerte sich oft an die herkunftslose Annalena. Stefanies Clan ruhte sich auf seiner angeblichen Adelsabstammung aus und behandelte Dieter und seine Eltern herablassend als hätten sie sich herabgelassen, dem bürgerlichen Dieter den Zutritt zu ihrer Familie zu gestatten.
Ein Fehltritt in der Heirat… seufzte die Mutter von Stefanie. Aber was soll man machen, wenn Liebe im Spiel ist…
Dieters Mutter versuchte immer, den neuen Verwandten zu gefallen, doch es gelang ihr nie. Sie wurde nicht für voll genommen.
Dieters Vater kümmerte sich ohnehin lieber weiter ums Unterrichten und hielt sich aus all dem heraus. Für ihn war das alles nutzloses Geschachere und vielleicht hatte er sogar recht.





