In dieser Wohnung wird es weder dich noch deine Sachen geben

In dieser Wohnung wird es weder dich noch deine Sachen geben

Warum hast du den Teller so an den Rand gestellt? fragte Nico, ohne vom Handy aufzublicken, und nickte zum Tischende. Marie fegt ihn gleich runter.

Sie ist fünf, ein Wirbelwind. Das weißt du doch ganz genau!

Theresa erstarrte mit der Gabel in der Hand.

Nico, sag mal, seit wann ist Marie eigentlich hier eingezogen? Wir wollten doch zu zweit wohnen! Wieso ist sie eigentlich ständig hier?

Nun legte er endlich das Smartphone weg und zog den Teller mit Frikadellen zu sich heran.

Das haben wir doch schon tausendmal besprochen! Gerade deswegen habe ich dich doch ausgesucht, hab extra nach einer gesucht, die kein Gepäck mitbringt, keine Probleme. Kinderlos, eben! Der ideale Einstieg, damit du dich langsam in unsere Familie einleben kannst. Für meine Tochter bist du dann die zweite Mama.

Stell dir das mal vor, was für ein Gewinn das für ein Kind ist: zwei Mütter, die Marie lieben und sich kümmern.

Du hast doch nichts dagegen, oder?

Zweite Mama? Theresa legte langsam die Gabel ab. Sag mal, hast du deine Ex-Frau dazu gefragt? Oder ist sie auch begeistert davon?

Ach, wen interessiert das schon, meinte Nico kaufend, während er sich den Mund vollstopfte. Die ist doch eh nur überfordert, immer mies drauf, immer müde.

Du bist da ganz anders! Du hast eine riesige Wohnung, Platz genug, für Marie findet sich auch ein Eckchen.

Außerdem sitzt du doch sowieso nur zu Hause, Homeoffice eben. Da macht es dir doch nichts aus, nach dem Kind zu schauen? Füttern, rausgehen, ein Buch vorlesen

Nico, wir kennen uns seit eineinhalb Monaten. Davon wohnst du jetzt seit drei Wochen bei mir, weil dein Mitbewohner in deinem alten WG-Zimmer so laut schnarcht und die Mikrowelle kaputt ist.

Und jetzt ist deine Tochter schon den vierten Tag am Stück hier! Hast du mich überhaupt mal gefragt, ob ich überhaupt Mutter sein will? Egal ob erste, zweite oder zehnte?

Was gibts da zu fragen? Nico sah wirklich erstaunt aus, hörte sogar mit Kauen auf. Jede Frau will das doch. Instinkt und so.

Weißt du, als ich dein Profil gesehen hab, wusste ich gleich: Das ist es. Keine Ex-Männer, keine eigenen Kinder, die dich ablenken. Das ist doch logisch.

Ich sorge mich um Maries Zukunft, will das Beste für sie. Und dein Umfeld ist toll: Alles sauber, alles am Platz. Das sind wichtige Werte für ein Kind.

Theresa erinnerte sich an ihr erstes Treffen damals hatte Nico auf sie zuverlässig gewirkt.

Geschieden, ehrlich wegen des Kindes das gefiel ihr.

Sie selbst hatte vor zwei Jahren eine schwere Scheidung durchgemacht; sie schätzte Offenheit.

Kinder hatte Theresa nicht, nicht weil es nicht geklappt hätte, sondern weil sie erst auf eigenen Füßen stehen wollte.

Das tat sie jetzt. Eigene Wohnung, festes Einkommen, Rücklagen. Es fehlte nur noch ein verlässlicher Mann.

Die ersten zwei Wochen war Nico Musterbeispiel an Aufmerksamkeit: brachte Blumen, reparierte die Steckdose, die ohnehin funktionierte, hörte zu.

Dann brachte er heimlich erst einen, dann noch einen Koffer herüber.

Dann stehen im Flur plötzlich seine Schuhe immer dreckig, nehmen den halben Läufer ein.

Jetzt war also auch die fünfjährige Tochter da.

Wann bist du morgen fertig? fragte Nico, die dritte Frikadelle verdrückend. Ich würde Marie gern bei dir lassen.

Ich muss schnell in die Werkstatt zu den Jungs, was klären.

Da könnt ihr euch besser kennenlernen.

Um vier hab ich ein wichtiges Online-Meeting, Nico.

Ich hab weder Zeit noch Nerven für fremde Kinder!

Nico hörte scheinbar nicht zu.

Geh bitte noch einkaufen. Nicht mal was Süßes hast du da. Und Äpfel mag sie aber nur rote, die grünen mag sie nicht, da tut ihr der Zahn weh.

Theresa, warum bist du so kratzbürstig? Ich geb mir doch Mühe. Ich will, dass ihr euch anfreundet.

Wenn das hier ernst zwischen uns wird, dann ist Marie Teil unserer Familie das ist dir doch klar?

Herrlich Einfach herrlich.

Nico verzog das Gesicht.

Willst du nicht, dass ein Kind eine richtige Familie hat? Meine Ex schafft das nicht. Du bist eine Frau mit Rückgrat, bringst Marie schnell auf Linie dann bin ich beruhigt.

Ich geh arbeiten, und weiß: Zuhause ist Ordnung, das Kind wird versorgt, das Essen steht auf dem Tisch.

Ist das nicht das, wovon alle träumen?

Wer ist alle? Du und deine Mutter? Theresa erhob sich und begann, die Teller abzuräumen. Du hast in drei Wochen weder eingekauft noch auch nur einen Cent Miete oder für die Nebenkosten bezahlt.

Aber meinen Arbeitsplan regelst du schon nach deinem Kind um.

Fängst du schon wieder damit an!” Nico sprang auch auf. Ich hab dir doch gesagt: Wenig Aufträge im Moment! Sobald Geld reinkommt, gleiche ich alles aus.

Sei doch nicht so geldgierig! Von dir hab ich echt mehr erwartet. Dass du jetzt hier den Centfuchser machst pf.

Er verließ die Küche, wenig später dröhnte der Fernseher aus dem Wohnzimmer ein typisches Zeichen, dass er beleidigt war.

***

Theresa wusch das Geschirr ab, trocknete die Hände und ging ins Wohnzimmer.

Nico lag ausgestreckt auf dem Sofa, die Füße auf dem hellen Holztisch mit der filigranen Glasplatte. Genau den Tisch, den Theresa monatelang gesucht hatte und auf den nicht mal eine Tasse ohne Untersetzer durfte.

Nimm die Füße vom Tisch, sagte sie ruhig.

Jetzt fängt das Theater wieder an murmelte er, doch er folgte. Hast du dich beruhigt? Ich geh auf jeden Fall morgen um vier. Alltag muss laufen.

Morgen um vier ist hier niemand mehr, Nico.

Wie, du bist morgen weg? Verschieb halt dein Meeting.

Nein, du verstehst nicht. Morgen um vier gibt es in dieser Wohnung weder dich noch deine Sachen und schon gar nicht deine Tochter.

Nico setzte sich langsam auf.

Was redest du da?

Pack deine Sachen. Sofort. Ich mach keine Witze.

Weshalb denn das?! kreischte er fast. Weil ich dich meiner Tochter näherbringen wollte?

Hast du was gegen Kinder? Bist du etwa ein Unmensch? Sie ist doch nur fünf!

Ich habe nichts gegen Kinder, Nico. Ich mag nur keine Dreistigkeit. Und ich mag es nicht, als praktische Lösung ausgenutzt zu werden.

Du suchst keine Partnerin du suchst eine Zwischenstation für dich und deine Tochter.

Eine Wohnung, in der du keine Miete zahlen musst. Eine Frau, der du fremde Pflichten zuschieben kannst.

Du bist einfach eiskalt!, brüllte Nico. Vergammelt in deiner Wohnung, alles wie im Mausoleum! Ich wollte dir Leben bringen, ein süßes Kind, Verantwortung, Familie!

Und du hängst an deiner Möchtegern-Wohnoase.

Wer will dich denn noch mit Anfang dreißig mit so einem Charakter?

In einer Woche kommst du angekrochen, flehst mich an, zurückzukommen!

Die Taschen stehen im Flur, die du noch nicht ausgepackt hast. Den Rest bringe ich raus. Weck deine Tochter, sie soll auch ihre Sachen packen.

Ich gehe ja schon! Mit Vergnügen!, polterte er Richtung Schlafzimmer, stopfte seine Klamotten in die Tasche, warf die Kleiderbügel um. Du weißt gar nicht, was du verlierst. Ich bin der Hauptgewinn!

Ich trinke nicht, ich geh nicht aus, ich bin ein Familienmensch! Schau mal, wie du in ein paar Jahren einsam bist und nicht mal mehr ein Glas Wasser serviert bekommst!

Marie hätte es dir gebracht. So hätten wir sie erzogen! Aber jetzt hast du Pech gehabt!

Er rannte durch die Wohnung, warf verschmutzte T-Shirts, Zahnbürste, Ladekabel in die Tasche.

Theresa stand im Türrahmen, verschränkte die Arme und beobachtete ihn.

Weißt du überhaupt, was du da tust? Du zerstörst den Traum eines unschuldigen Kindes! Ich habe ihr sogar versprochen, dass du ihr zur Feier des Kennenlernens diese Puppe kaufst!

Sie will so eine Babypuppe, die man füttern kann, für fünfzig Euro!

Was soll ich ihr jetzt sagen? Dass Tante Theresa eine böse Hexe ist?

Sag ihr die Wahrheit, Nico. Dass du mal wieder auf Kosten anderer leben wolltest und es nicht geklappt hat.

Nico trug seine Taschen auf den Hausflur, nahm das schlafende Kind, deckte es mit der Decke zu und verschwand.

Theresa schloss die Tür hinter ihm, ging in die Küche und warf die restlichen Frikadellen in den Müll.

Sie ließ sich ein Bad ein, tauchte in das heiße Wasser und schloss selig die Augen.

Mein Gott, wie gut das tut! Wie lange war ich nicht mehr allein .

***

Zwei Stunden später glühte das Handy lauter Nachrichten von Nico.

Du hast einen riesigen Fehler gemacht.

Habs direkt meiner Mutter erzählt, die ist entsetzt über deinen Egoismus. Ein Kind mitten in der Nacht auf die Straße gesetzt!”

Gib mir meine Rasiermaschine zurück, die ist noch im Bad.

Warum schweigst du, du Eisklotz?! Zu stolz, dich zu entschuldigen? Ich warte

Theresa blockierte ihn einfach. Die Rasiermaschine legte sie beim nächsten Gang auf die Fensterbank im Hausflur.

***

Eine Woche später sah sie ihn zufällig im Einkaufszentrum.

Nico saß im Foodcourt mit einer anderen Frau.

Theresa kannte den Blick wieder gestikulierte er begeistert.

Neben der Frau stand ein Kinderwagen, darin schlief ein Baby.

Nico gab sich als vorbildlicher Begleiter: reichte Servietten, lächelte freundlich, schaukelte sogar den Kinderwagen.

Theresa ging einfach weiter.

Diesmal hatte er wohl die Taktik geändert suchte sich jetzt offenbar eine, die schon Kinder hat, um schnell einziehen und gleich zum Ersatzpapa werden zu können.

Noch ein paar Monate vergingen.

Theresa lebte weiter ihr Leben: Arbeit, Yoga, ab und zu Freunde treffen.

Eines Tages kam eine Story im Chat der ehemaligen Mitschüler auf ein Bekannter von Nico berichtete.

Nico hatte tatsächlich die Richtige gefunden. Eine Frau mit zwei Kindern und einer großen Wohnung mitten in München.

Nur hielt das Glück nicht lange.

Nicos Neue war keine Dummköpfin. Sie hatte schnell gemerkt, dass der Hauptgewinn zwar gerne einzieht, aber in die Familie nichts investiert und fremde Kinder wollte er auch nicht erziehen.

Eines Tages, als Nico Marie wieder mal unangekündigt an einem Wochenende anschleppte, blieb die Tür einfach zu.

Seine Sachen standen im Müllsack am Fahrstuhl. Außerdem hatte sie es geschafft, mit Nicos Ex-Frau Kontakt aufzunehmen und seine tatsächlichen Einkünfte abzuklären.

Dabei kam heraus, dass Nico Nebenjobs verschwiegen hatte, um weniger Unterhalt bezahlen zu müssen.

Nach dem Gespräch forderte die Ex-Frau eine Neuberechnung jetzt saß Nico auf einem Berg von Schulden.

Er hatte kein Dach mehr über dem Kopf musste zurück zu seiner Mutter ins alte Reihenhaus, ins Durchgangszimmer.

Theresa las das, lächelte und klappte das Notebook zu.

Zwei Mütter! Auf so was muss man erstmal kommen… Worauf hatte er nur gehofft?

Sie fühlte sich wunderbar. Mit einunddreißig wusste sie jetzt sehr genau, was sie will.

Und noch wichtiger sie wusste ganz genau, wen und was sie in ihrem Leben keinesfalls mehr ertragen wird. Und dass man auch ganz ohne Schmarotzer glücklich sein kann!

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Homy
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