11. Dezember
Ich weiß langsam wirklich nicht mehr, wie ich mit meiner Familie umgehen soll. Nach dem gestrigen Telefonat mit Mama bin ich völlig durcheinander. Sie hat mich aufgefordert, endlich all meine Sachen aus ihrer Wohnung abzuholen es wäre kein Platz mehr und ich würde sie nur mit meinem Kram belasten.
Das alles kam direkt nachdem ich Daniel gesagt habe, dass ich ihm kein Geld für die Anzahlung einer Eigentumswohnung gebe. Ich sollte das Geld schenken, nicht leihen, das war Daniel völlig klar wie auch mir. Ich wüsste genau, ich würde das Geld nie wiedersehen.
Er ist daraufhin wutentbrannt aus meiner Wohnung gestürmt. Er hat fest damit gerechnet, dass ich meine gesamten Ersparnisse einfach so abgebe schließlich hat er ja eine Familie, und ich nicht. Es ist, als würde Verantwortung immer nur bei mir landen.
Ich muss das alles aufschreiben, um es zu verarbeiten, gerade jetzt, wo Weihnachten vor der Tür steht und ich mich unverstanden und unfair behandelt fühle.
Als ich damals zum Studium nach Berlin zog, begann ich sofort nebenher zu jobben. Erst lebte ich im Studentenwohnheim, dann zog ich mit einer Freundin in eine WG. Es war mir wichtig, unabhängig zu sein ich wollte nie Mama finanziell belasten, sondern mich selbst versorgen und Mama sogar noch unterstützen.
Sie verlangte nie direkt Geld von mir, aber bat mich immer, ihr etwas Nützliches mitzubringen: Kleidung, neue Schuhe, Haushaltsartikel. Und wenn ich zu Besuch kam, schleppte ich Tüten voller Lebensmitteln an. Das war für mich selbstverständlich.
Mama wohnt mit Daniel in einer Dreizimmerwohnung in München. Nach Papas Tod vor drei Jahren ist vieles schwieriger geworden.
Daniel hatte nie großes Interesse an Bildung. Nach dem Abi ging er nach Österreich arbeiten, aber das Einzige, was er sich in der Zeit leisten konnte, war ein alter Wagen. Nach der Rückkehr nach München ist er als Taxifahrer eingestiegen.
Als Daniel dann Claudia heiratete, zog sie direkt mit zu Mama. Geldnot war bei den beiden Dauerzustand sie lebten immer von der Hand in den Mund. Kaum war der Lohn auf dem Konto, war er auch schon wieder weg.
Sowohl Mama als auch Claudias Eltern halfen aus, wann immer es nötig war. Daniel wusste immer, dass irgendjemand ihn auffangen würde und bemühte sich nie, etwas an seiner Lage zu ändern.
Jetzt haben Daniel und Claudia zwei Kinder, ein drittes unterwegs, und plötzlich ist die Wohnung zu eng und sie wollen etwas Eigenes kaufen.
Ich lebe derweil mit meinem Freund Lukas in einer Mietwohnung in Hamburg. Unsere Hochzeit ist geplant, aber wir sparen noch ein bisschen, weil wir uns irgendwann etwas Eigenes leisten möchten. Lukas ist Softwareentwickler und ich betreibe mehrere Onlineshops. Wir geben kein Geld unnötig aus, sondern legen Monat für Monat etwas zurück.
Mama kennt unsere Pläne und doch erzählt sie Daniel, dass er doch ruhig mal bei mir nach Geld fragen kann.
Sie wollen eine Wohnung kaufen, aber ihnen fehlt die Anzahlung, sagte Mama beinahe vorwurfsvoll zu mir.
Daniel kam dann, verlangte ohne Umschweife Geld und ich lehnte ab.
Er rastete förmlich aus, fand, es wäre meine Pflicht schließlich sei ich ja nur die Schwester ohne Kinder.
Kurz darauf Mamás Anruf: Du hast kein Herz. Merkst du überhaupt nicht, wie schwer Daniel es hat? Er ist dein Bruder, du hättest ihm helfen können. Immer denkst du nur an dich.
Danach hat sie noch angefügt: Hol bitte endlich deine Sachen ab wir stolpern hier nur noch über deinen Krempel. Und zu Weihnachten brauchst du gar nicht erst zu kommen, Daniel ist stinksauer auf dich. Ich habe auch gerade keine Lust, dich zu sehen.
Eigentlich hatte ich keine Kraft mehr zu diskutieren. Ich hole meine Kartons eben ab, und irgendwie werde ich Platz dafür in unserer Wohnung finden. Später, wenn Lukas und ich unser eigenes Zuhause haben, nehme ich alles mit dorthin.
Ich hätte Daniel das Geld wirklich leihen können aber zurückgekommen wäre es nie. Dass er nicht einmal nach einem Darlehen gefragt hat, sondern gleich schenken wollte, ärgert mich besonders.
Weil er Kinder hat, soll ich alles abgeben? Ich frage mich manchmal, ob ich wirklich egoistisch bin, oder ob ich mir einfach mein eigenes Leben aufgebaut habe.
Wie würde jemand anders bloß an meiner Stelle reagieren?



