„Ich schulde dir nichts“, sagte Lena und schlug die Tür vor der Nase ihres Ex-Mannes zu – Wie Lena nach zwanzig Jahren zum ersten Mal Nein sagte und sich selbst befreite

Ich schulde dir nichts, sagte Katharina und schloss die Wohnungstür direkt vor der Nase ihres Ex-Mannes.

Sie blieb einen Moment hinter der geschlossenen Tür stehen und hörte, wie Thomas wütend dagegen schlug. Bum bum bum.

Katharina! brüllte er. Mach auf! Wir sind doch erwachsene Menschen! Lass uns vernünftig reden!

Vernünftig reden. Wie ironisch.

Vor einer halben Stunde stand er genau hier, die Tür war offen. Er lächelte diese vertraute, verbindliche Lächeln.

Hallo, Katharina! grüßte er. Wie gehts? Und die Arbeit?

Sie spürte es sofort diese süßliche Tonlage bedeutete nur eines: Er braucht wieder Geld. Schon wieder.

Hör mal, Thomas war bereits in den Flur getreten, ohne zu fragen, ich habe gerade ein Problem. Weißt du, ich habe einen Kredit aufgenommen. Nur einen kleinen. Für ein neues Geschäft.

Was für ein Geschäft? fragte sie.

Ach, noch in Planung. Darum gehts nicht! Er wedelte mit den Händen. Das Problem ist die Bank! Die haben total übertrieben mit den Zinsen! Ich komme einfach nicht mehr klar!

Katharina sah ihn an und erinnerte sich. Zwanzig Jahre das gleiche Lied: Kleiner Kredit. Für ein Projekt. Die Bank ist schuld.

Und dann Wochen voller Tränen, Drohungen von der Bank, Anrufe von Inkassos. Und sie griff immer wieder auf ihr Erspartes zurück. Immer und immer wieder.

Wie viel? fragte sie leise.

Nur dreißigtausend Euro, verkündete Thomas fröhlich. Für dich doch Peanuts! Du hast doch eine eigene Wohnung, einen guten Job.

Dreißigtausend?

Katharina, schrei doch nicht gleich! maulte er. Ich will doch nichts geschenkt! Ein Darlehen! Ich zahle später zurück!

Später zurück.

Und wie hatte er vor zwei Jahren die zehntausend Euro zurückgezahlt? Oder die fünf, drei Jahre vorher?

Gar nicht.

Thomas, sagte sie langsam, wir sind geschieden.

Und? Wir sind doch immer noch Familie! Ich bin der Vater deiner Kinder! Bist du wirklich so hartherzig? Katharina, ich weiß, du bist noch sauer wegen der Scheidung, versuchte er zu beschwichtigen. Aber das ist Vergangenheit. Wir sind erwachsen! Hilf doch einem Mann in Not!

Einem Mann in Not. Und sie? War sie nicht auch jahrelang in Not, als sie auf zwei Jobs arbeitete, um seine Schulden zu tilgen?

Ich schulde dir gar nichts.

Was? stutzte er.

Ich schulde dir nichts, wiederholte sie deutlich.

Und sie schloss die Tür. Oder besser gesagt: sie schlug sie zu, direkt vor seinem Gesicht.

Jetzt stand sie da und hörte, wie er draußen schimpfte. Und in ihr wuchs ein seltsames Gefühl. Leichtigkeit. Wie nach einer langen Wanderung, wenn man endlich den schweren Rucksack abschnallt.

Zum ersten Mal in zwanzig Jahren hatte sie ihm widersprochen, ohne Erklärung oder Rechtfertigung.

Und die Welt war nicht untergegangen.

Die ersten drei Tage nach dem Türzuknallen lief Katharina wie im Nebel herum. Stolz, Gewissensbisse oder einfach ungewohnt viel Ruhe. Das Telefon blieb still.

Am Donnerstag begann der Ärger.

Ein Anruf von ihrer Freundin Martina:

Katharina, was machst du da? Thomas hat erzählt, du hast ihn rausgeschmissen und ihm jegliche Hilfe verweigert! Er hat kein Geld mehr!

Wir sind geschieden, Martina.

Na und? Einem Menschen in Not hilft man doch!

Katharina hörte schweigend zu und dachte nur: Wer hat mir all die Jahre geholfen? Wer fragte, wie ich zwei Kredite stemme, die ich meinetwegen auf meinen Namen abgeschlossen habe, um ihn mal wieder zu retten?

Eine Stunde später rief ihr Sohn Andreas an:

Mama, Papa hat angerufen. Er sagt, du gibst ihm kein Geld. Er steckt total in Schulden!

Andreas, das sind nicht meine Schulden.

Aber du hast doch was. Gib ihm doch was!

Du hast doch was.

Ja, sie hatte was. Weil sie zwölf Stunden am Tag arbeitete. Weil sie ihre Kleidung im Schlussverkauf kaufte. Weil sie zwanzig Jahre auf sich selbst verzichtet hatte.

Und Thomas? Er kaufte teure Uhren für das Image. Wechselte den Wagen für die Karriere. Führte Freundinnen ins Restaurant für die Stimmung.

Mit ihrem Geld.

Andreas, sagte sie fest, Vater ist fünfzig. Er muss sich selbst um seine Schulden kümmern.

Am Freitag tauchte Thomas persönlich auf. Mit einem Blumenstrauß und schuldbewusster Miene:

Katharina, es tut mir leid. Ich war zu forsch. Ich weiß, es ist alles nicht leicht für dich. Komm, lass uns ruhig darüber sprechen.

Er hielt die Blumen wie ein Schutzschild. Er wusste genau sie hasste diese öffentlichen Szenen: die Nachbarn im Fenster, die älteren Damen auf der Bank.

Thomas, geh.

Katharina, dreißigtausend Euro das bringt mich um! Die Inkasso-Leute machen Druck! Die machen mich fertig!

Sie machen dich fertig, wiederholte sie. Mich haben sie zwanzig Jahre lang Stück für Stück fertiggemacht.

Immer ziehst du die Vergangenheit raus! explodierte er. Wir waren doch Familie! Gemeinsame Kasse! Gemeinsame Ausgaben!

Gemeinsame Kasse. Lustig sie hat eingezahlt, er hat abgehoben.

Weißt du was, sagte Thomas plötzlich eiskalt, ich dachte, du hättest dich geändert. Wärst klüger geworden. Aber du bist immer noch so geizig.

Geizig. Sie, die die letzten fünfzig Euro für seine dringenden Dinge rausrückte.

Auf Wiedersehen, Thomas.

Überlegs dir noch! rief er ihr nach. Denk an Andreas! Denk, was die Leute sagen!

Die Tür fiel ins Schloss. Doch das war nicht das Ende.

Am Sonntag kam ihre Nachbarin Frau Weber vorbei:

Katharina, gestern stand dein Thomas im Hausflur. Hat gesagt, du hättest das Schloss ausgetauscht?

Nein, ich mach nur nicht mehr auf.

Tze-tze-tze, Frau Weber schüttelte den Kopf. Ein Mann in Not, und die Frau lässt ihn einfach stehen, wo sie helfen sollte.

Katharina dachte an Frau Webers eigenen Mann, den Alkoholiker, der seit dreißig Jahren seinen Lohn versäuft. Sie hat ja auch nie im Stich gelassen.

Dienstag brachte die nächste Überraschung.

Der Tag begann wie gewohnt. Katharina machte sich für die Arbeit fertig, als das Haustelefon klingelte.

Wer ist da?

Katharina Schneider, hier ist Frau Weber! Machen Sie bitte auf!

Im Bademantel, ganz aufgeregt, stand die Nachbarin vor ihrer Tür:

Katharina, ich habe eine Bitte. Ihr Thomas hat mich gebeten, Ihnen mitzuteilen er hat Dokumente in Ihrer Wohnung vergessen. Dringend für die Bank. Darf ich ihm die Ersatzschlüssel geben, die ich für Notfälle bei mir habe? Ich passe auf, dass er nichts Unnötiges mitnimmt.

Sofort spürte Katharina Unbehagen:

Welche Dokumente?

Keine Ahnung. Er meint, ohne die kann er nicht zur Bank. Hat ganz flehentlich gefragt.

Frau Weber, es liegen keine Dokumente von Thomas in meiner Wohnung.

Ach, was Sie sagen! wedelte sie ab. Ein Mann verwechselt da doch nichts! Vielleicht im Schrank? Oder im Schreibtisch?

Katharina sah dieses gutmütige Gesicht und wusste: Das ist eine Falle. Thomas hatte die Schwachstelle gefunden. Eine hilfsbereite ältere Dame, die nur helfen will.

Nicht auf die Idee kommen, ihm die Schlüssel zu geben.

Katharina! fuhr die Nachbarin erschrocken. Warum sind Sie so kalt? Der Mann bittet um Hilfe!

Entschuldigen Sie, Frau Weber, ich muss zur Arbeit.

Sie schlug die Tür zu und eilte zum Aufzug. Das Herz pochte irgendetwas stimmte nicht. Thomas gab nicht einfach auf.

Den ganzen Arbeitstag war sie unruhig. Mehrmals wollte sie zu Hause anrufen, riss sich aber zusammen. Paranoia, redete sie sich ein.

Abends kehrte sie heim und erstarrte. Die Wohnungstür stand einen Spalt offen. Aus dem Flur kamen Stimmen.

Leise schlich sie näher und hörte:

Frau Weber, tausend Dank! Sie haben mich gerettet! Die Dokumente sind gefunden!

Ach Thomas! Hätte ich Ihnen nicht helfen dürfen? Ihre Frau ist in letzter Zeit sehr streng.

Ja, die Scheidung hat sie verändert. Aber Zeit heilt ja alle Wunden.

Katharina trat energisch ein. Im Flur stand Thomas mit einem Karton in den Händen. Neben ihm die verunsicherte Frau Weber.

Was läuft hier? fragte Katharina kühl.

Ah! Katharina! Thomas strahlte. Gerade rechtzeitig! Hab die Unterlagen gefunden, danke. Hab gleich noch ein paar Sachen mitgenommen.

Sie warf einen Blick auf den Karton. Darin lagen ihr Laptop, das Tablet, ihre Kamera.

Das gehört nicht dir.

Wie nicht? entgegnete Thomas erstaunt. Ich hab das gekauft! Frau Weber kann das bezeugen ich habs ihr erklärt!

Genau, nickte die Nachbarin, Thomas meinte, das seien seine Sachen.

Frau Weber, sagte Katharina leise, gehen Sie bitte. Sofort.

Frau Weber spürte den Ernst und verließ hastig die Wohnung. Nun waren sie allein.

Thomas, stell den Karton hin und geh.

Katharina, jetzt hör doch auf! Er lächelte. Wir können das zivilisiert lösen. Die Geräte gehören mir, ich hab sie während der Ehe gekauft. Also hab ich ein Recht drauf!

Mit meinem Geld hast du sie gekauft.

Mit gemeinsamem Geld! rief er. Haushaltskasse!

Haushaltskasse. Ihr Gehalt, ihre Überstunden, ihr Schlafmangel.

Stell den Karton ab.

Nein! fauchte er. Ich hab genug von deinem Theater! Glaubst du, du ruinierst mein Leben und ich mache das mit? Nicht mit mir!

Er wollte aus der Wohnung stürmen. Da machte Katharina etwas, das sie sich noch nie getraut hatte.

Sie holte das Handy und rief die 110 an.

Guten Tag? Polizei? Fünfter Eingang, Wohnung neun. Der Ex-Mann dringt ohne Erlaubnis in die Wohnung ein und nimmt Eigentum mit.

Thomas drehte sich um, fassungslos:

Was machst du da?!

Das, was ich längst hätte tun sollen, erwiderte sie ruhig.

Katharina! Das ist nicht dein Ernst! Rufst du ernsthaft die Polizei?

Den Ex-Mann, wegen Diebstahl.

Was denn für ein Diebstahl?! fauchte er. Ich bin doch kein Fremder!

Doch ein Fremder.

Thomas stellte den Karton ab und ließ sich in den Sessel fallen:

Also. So läuft das also jetzt? Gut. Aber denk mal nach was wirst du den Kindern erzählen? Dass die Mutter den Vater angezeigt hat?

Die Wahrheit. Dass der Vater zwanzig Jahre von meinem Geld lebte. Und als das nicht mehr ging, wollte er stehlen.

Stehlen! schrie er. Ich hab mein ganzes Leben für dich geopfert!

Welches Leben? fragte sie ruhig. Das, in dem du mein Geld für Geliebte ausgegeben hast? Oder das, in dem ich doppelt gearbeitet habe, um deine Kredite zu bezahlen?

Thomas öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Im Flur hörte man die Stimmen von Polizisten.

Das ist die Polizei, sagte Katharina. Du kannst jetzt gehen. Oder dich mit ihnen unterhalten.

Er stand auf, ging zur Tür:

Das wirst du bereuen, zischte er.

Nein, sie lächelte. Werde ich nicht.

Es klopfte. Thomas ging, der Beamte kam ihm im Türrahmen entgegen.

Katharina blieb alleine zurück. Sie setzte sich in den Sessel, in dem eben noch ihr Ex-Mann gesessen hatte, und begriff: Es ist vorbei. Für immer.

Noch am selben Abend kam der Schlosser. Sie tauschte das Schloss aus. Blockierte Thomas überall Handy, soziale Netzwerke, Messenger.

Ein Monat verging.

Katharina sitzt im Klassenzimmer eines Buchhaltungskurses und schreibt in ein neues Notizbuch. Bunte Register, farbige Stifte, glatte Blätter keine Spur von früheren Fehlern.

Das Handy ist seit zwei Wochen still. Die Kinder riefen anfangs vorwurfsvoll an, aber inzwischen haben sie sich beruhigt. Thomas hat offenbar eine neue Geldquelle gefunden.

Oder er hat gelernt, mit dem auszukommen, was er verdient. Wunder geschehen.

Abends zu Hause öffnet Katharina ihren Laptop. Jenen, den Thomas entwenden wollte. Sie surft auf der Jobbörse.

Ihr neues Fach wird gesucht. Die Gehälter sind ordentlich. Sie kann aussuchen.

Sie erstellt einen Lebenslauf, lädt ein Foto hoch. Beim Feld Familienstand schreibt sie: Ledig.

Und sie lächelt.

Zum ersten Mal seit Jahren fühlt sich das nicht wie ein Urteil an.

In der Küche steht ihre neue Lebensweisheit in einer hübschen Rahmen auf dem Regal, handgeschrieben:

Ich schulde niemandem etwas nur mir selbst.

Morgen hat sie ein Vorstellungsgespräch. Morgen wird sie zeigen, was eine Frau schaffen kann, die aufgehört hat, immer alle retten zu wollen.

Morgen beginnt ihr echtes Leben.

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Homy
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„Ich schulde dir nichts“, sagte Lena und schlug die Tür vor der Nase ihres Ex-Mannes zu – Wie Lena nach zwanzig Jahren zum ersten Mal Nein sagte und sich selbst befreite
Das ließ ich mir aufbürden! — Papa, was sind das für neue Sachen? Hast du etwa einen Antiquitätenladen geplündert? — Kristina zog verwundert die Augenbrauen hoch, während sie die weiße Häkeldecke auf ihrem Kommode betrachtete. — Wer hätte gedacht, dass du auf so alten Kram stehst. Dein Geschmack ist ja fast wie der von Oma Trude… — Ach, Krissilein? Was machst du denn hier ohne Anruf? — Oleg trat aus der Küche. — Ich… Also… Ich hab dich gar nicht erwartet… Vater bemühte sich, munter zu wirken, doch sein Blick war sichtlich schuldbewusst. — Das sieht man ja, — murmelte Kristina und ging missmutig ins Wohnzimmer, wo sie weitere Überraschungen erwarteten. — Papa… Woher kommt das alles? Was passiert hier eigentlich? Kristina erkannte ihre Wohnung kaum wieder. …Als sie die Wohnung von ihrer Oma geerbt hatte, war der Zustand deprimierend: Alte DDR-Möbel, ein klobiger Röhrenfernseher auf einer abgenutzten Kommode, verrostete Heizungen, sich ablösende Tapeten… Aber wenigstens ihr eigenes Zuhause. Kristina hatte damals einige Ersparnisse und steckte alles in eine Renovierung – und zwar nicht irgendeine! Sie hatte sich für skandinavischen Stil entschieden: Helle Farben, Minimalismus, alles wirkte offener. Sie arrangierte liebevoll jeden Akzent, suchte passende Gardinen, legte flauschige Teppiche aus… Nun aber hingen anstelle der schweren Verdunklungsvorhänge einfache Nylon-Store. Das italienische Sofa war begraben unter einer synthetischen Fleecedecke mit fletschendem Tiger. Auf dem Couchtisch stand eine knallpinke Plastikvase mit ebenso grell-pinken Kunststoffrosen. Und das war noch das geringste Übel. Viel schlimmer waren die Gerüche. Aus der Küche klang das Zischen von Bratöl und ein penetrantes Fisch-Aroma. Tabakqualm lag in der Luft. Dabei hat ihr Vater nie geraucht… — Krissilein, du verstehst ja … — begann Oleg schließlich. — Also… Ich bin nicht allein. Ich wollte es dir früher sagen, aber… naja. — Wie, nicht allein? — stotterte Kristina. — Papa, so war das nicht abgemacht! — Kristina, du musst doch verstehen, nur weil deine Mutter weg ist, ist mein Leben nicht vorbei! Ich bin noch ein junger Mann, nicht mal Rente. Hab ich kein Recht auf mein Privatleben? Kristina war überrumpelt. Klar hat ihr Vater ein Recht auf eine neue Partnerin. Aber doch nicht in ihrem eigenen Zuhause! …Die Eltern hatten sich vor einem Jahr getrennt. Die Mutter nahm Vaters Affäre gleichmütig, als wäre sie eine lästige Last los, und widmete sich ganz sich selbst. Sie hatte so viele Freundinnen, dass sie kaum Zeit zum Grübeln fand. Vater aber war am Boden zerstört. Vor der Ehe hatte er eine eigene Wohnung, doch dort war seit Jahren alles nur schlimmer geworden: Zuerst vermietet, dann bei einem Brand verwüstet. Geld für eine Renovierung fehlte, also hatte er die Wohnung einfach vergessen; verkauft wurde sie vorsichtshalber nicht, aber an ein Leben dort war undenkbar. Rußige Wände, kaputte Fenster, Schimmel – mehr Gruft als Wohnung. — Krissi, ich weiß nicht, wie ich hier wohnen soll… — seufzte Vater damals. — Hier ist es echt gefährlich. Und bis zum Winter schaffe ich die Renovierung nicht, Geld reicht auch nicht. Na ja, dann erfriere ich eben… Ist wohl mein Schicksal. Kristina hielt es nicht aus. Sie konnte doch nicht zulassen, dass ihr Vater so wohnte. Schließlich stand ihre eigene Wohnung jetzt leer – sie war gerade frisch verheiratet und zu ihrem Mann gezogen. Nach Vaters Vermietungs-Pech wollte sie die Wohnung keinesfalls vermieten. — Papa, wohn doch erstmal bei mir, — schlug sie vor. — Alles ist bereit, alle Annehmlichkeiten. Mach deinen eigenen Kram langsam fertig und zieh dann um. Aber eine Bedingung: Keine Gäste! — Echt jetzt? — fragte Vater erstaunt. — Danke, mein Schatz! Du rettest mich! Ich verspreche – alles ganz ruhig und friedlich. Jaja. Friedlich… Während Kristina sich an ihr Versprechen erinnerte, flog die Badezimmertür auf und ein Schwall duftenden Dampfes strömte heraus. Heraus schwebte eine etwa fünfzigjährige Frau im dicken Frottee-Bademantel von Kristina. Ihrem Lieblingsbademantel. Nun spannte er kaum noch über die üppigen Formen der Fremden. — Oh, Olegi, haben wir etwa Besuch? — fragte die Dame mit rauer Stimme und gönnerhaftem Lächeln. — Hättest ja mal vorher Bescheid geben können, dann wär ich nicht in Schlabberklamotten. — Wer sind Sie bitte? — fragte Kristina scharf. — Und weshalb tragen Sie meinen Bademantel? — Ich bin Jana, die Liebste deines Vaters. Und warum so gereizt? Der Bademantel hing doch eh nur rum. Kristinas Puls schoss vor Ärger hoch. — Nehmen Sie ihn sofort ab, — zischte sie. — Kristina! — flehte Oleg, stellte sich zwischen sie. — Nun hör auf! Jana hat doch nur… — Jana trägt fremde Sachen in einem fremden Haus! — unterbrach Kristina. — Papa, tickst du noch richtig? Du bringst deine Freundin hierher und lässt sie in meinen Sachen rumwühlen?! Jana verdrehte dramatisch die Augen und ging ins Wohnzimmer, wo sie sich so schwer auf den Tigerplaid plumpsen ließ. — Du bist aber unverschämt, — stellte sie fest. — Wäre ich Oleg, wäre längst der Gürtel raus – egal wie alt! Wie redest du überhaupt mit deinem Vater? Dass er sich für eine andere entschieden hat, geht dich gar nichts an, Fräulein. Kristina war wie vor den Kopf gestoßen. Eine fremde Frau stänkert in ihrem Wohnzimmer. — Das stimmt, — sagte sie. — Aber nur, solange es nicht in meinem Haus passiert. — Deinem? — Jana hob eine Braue und blickte zu Oleg. Der stand gedrückt an der Wand, die Schultern hochgezogen, und blickte ängstlich von seiner zornigen Tochter zur frechen Freundin. Offensichtlich hoffte er, dass sich der Sturm einfach von selbst verziehen würde – doch die Wetterprognose hatte sich gerade dramatisch verschlechtert. — Ach… Mein Papa hat Ihnen das wohl vergessen zu sagen? — Kristina lächelte frostig. — Dann mach ich das mal: Er ist hier nur Gast. Die Wohnung ist meine. Jedes Stück vom Besteck bis zu den Gardinen habe ich gekauft. Ich hab ihn aufgenommen, aber nicht erwartet, dass er seine… Herzdamen hier anschleppt. Jana lief knallrot an. — Oleg?.. — ihre Stimme wurde eisig. — Was erzählt sie da? Du hast mir gesagt, es sei deine Wohnung. Hast du etwa gelogen? Vater drückte sich noch mehr in die Wand, als wolle er sich darin auflösen. Die Ohren brannten. — Also… Jana, so war das nicht gemeint. Du hast mich falsch verstanden, — stotterte er. — Ich hab eine eigene Wohnung, halt nur nicht diese. Ich wollte dich nicht mit Einzelheiten belasten. — Nicht belasten?! Toll, jetzt muss ich mir hier was anhören, nur wegen dir! Kristinas Geduld war erschöpft. — Raus, — sagte sie leise. — Wie bitte? — stutzte Jana. — Raus. Beide. Ihr habt eine Stunde. Seid ihr noch hier, reden wir besser mit dem Anwalt. So viel dazu: „habe jemand in mein Häuschen gelassen…“ Kristina ging zur Tür, doch Oleg drückte sich endlich von der Wand ab und stürzte ihr hinterher. — Kind! Willst du deinen eigenen Vater auf die Straße setzen? Du weißt doch, wie es bei mir aussieht! — jammerte er. — Ich erfriere doch da! Er klammerte sich an ihren Ärmel, und Kristinas Herz wurde weich. Kindheitserinnerungen, das Gefühl von Pflicht, Mitleid für den quasi-älteren Papa… Die Kehle war wie zugeschnürt. Doch dann fiel ihr Blick auf Jana. Die saß da, die Beine überschlagen, in Kristinas Bademantel, und schaute sie an mit solcher Abneigung, dass alle Zweifel verschwanden. Würde sie jetzt nachgeben, würde am nächsten Tag diese Frau die Türschlösser tauschen und neue Tapeten kleben. — Papa, du bist erwachsen. Such dir eine Wohnung, — entgegnete Kristina, befreite ihren Ärmel. — Du bist selbst schuld. Wir hatten abgemacht, du wohnst allein – stattdessen bringst du fremde Frauen, lässt sie meine Sachen tragen und meinen Geschmack ruinieren… — Ach komm, nimm deinen blöden Kram! — warf Jana ihr entgegen. — Geh, Olegi! Lass dich nicht so erniedrigen. Undankbares Kind… Eine halbe Stunde packen – und die Sache war erledigt. Vater verließ wortlos, zusammengekrümmt wie ein alter Mann, die Wohnung. Kristina würde nie seinen Hundeblick vergessen – wie ein ausgesetzter Streuner im Regen. Doch sie blieb standhaft, bewegte keinen Muskel. Kaum waren sie weg, riss sie die Fenster auf, um Fisch, Tabak und billiges Parfüm zu vertreiben. Dann packte sie Bademantel, Decke und alles, was Jana zurückgelassen hatte, und warf alles in den Müll. Am nächsten Tag: Reinigung und Schlosswechsel. Der Ekel vor den Sachen der Fremden saß tief. Besonders diese Frau… …Vier Tage später. Jetzt war Kristinas Wohnung wieder frei von Fremdem – keine Plastikblumen und keine „Duftwunder“. Sie wohnte zwar weiter beim Mann, aber das Gefühl von Befreiung war herrlich. Mit dem Vater hatte sie seitdem nicht mehr gesprochen. Am vierten Tag rief er von sich aus an. — Hallo, — sagte Kristina zögernd. — Na, Kristina… — begann Vater mit schwerer Zunge. — Zufrieden? Freust du dich jetzt? Jana ist weg. Hat mich verlassen… — Ach, wie überraschend, — entfuhr es Kristina. — Lass mich raten: Das passierte, als sie deine echte Wohnung gesehen hat und merkte, dass man da richtig ranklotzen müsste? Vater schniefte. — Genau… Ich hab ‘nen Heizstrahler aufgestellt, auf nem Luftbett geschlafen. Drei Tage hat sie’s ausgehalten… Dann meinte sie, ich wär ein armer Schlucker und Lügner. Hat zusammengepackt und ist zu ihrer Schwester. Meinte, mit mir hat sie nur Zeit verschwendet… Aber wir haben uns doch geliebt, Kristina! — Liebe? Da war doch nichts. Du wolltest dich bequem unterbringen, und sie auch. Ihr habt euch beide vertan. Pause. Vater gab nicht auf. — Es ist schlimm alleine hier, Tochter, — sagte er schließlich. — Es ist furchtbar… Kann ich zurückkommen? Ich bin allein, wirklich! Ich schwöre! Kristina senkte den Blick. Ihr Vater saß irgendwo in Kälte und Verfall. Aber das hatte er sich selbst gebaut: erst Affäre, dann Tochter belogen, jetzt auch noch Jana verarscht. Ja, sie hatte Mitleid. Aber daraus Nachsicht machen – das vergiftet beide. — Nein, Papa. Ich lasse dich nicht zurück, — sagte Kristina. — Hol dir Handwerker, mach die Bude fertig. Lerne, in den Umständen zu leben, die du dir selbst geschaffen hast. Das Einzige, was ich tun kann: Handwerker empfehlen. Mehr nicht. Meld dich, falls du Hilfe brauchst. Dann legte Kristina auf. Hart? Vielleicht. Aber sie wollte nicht, dass künftig irgendwer Flecken auf ihrem Bademantel und ihrer Seele hinterlässt. Manchmal gibt es Schmutz, den kann man nicht mehr reinigen – sondern nur von vornherein draußen halten aus dem eigenen Leben…