Abschied vom eigenen Zuhause – Als wir Oma ins Pflegeheim brachten — „Mach keinen solchen Unsinn, Alice, fang damit gar nicht erst an!“ Klara Stepanowa schob die Schale mit Haferbrei energisch von sich. „Willst du mich etwa ins Heim abschieben? Damit sie mich mit irgendwas vollspritzen und mit dem Kissen ersticken, wenn ich zu laut bin? Das kannst du vergessen!“ Alice atmete tief durch und vermied es, auf die zitternden Hände der Großmutter zu schauen. „Oma, von wegen Heim – das ist ein privates Seniorenstift. Gleich am Waldrand, rund um die Uhr Pfleger vor Ort. Dort hast du Gesellschaft, einen großen Fernseher… und hier bist du den ganzen Tag allein, während Papa zur Arbeit ist.“ „Schon klar, was für Gesellschaft!“, ätzte die Alte, während sie sich auf dem Kissen zurechtrückte. „Die nehmen dir alles ab – sogar die Wohnung räumen sie aus, und mich schmeißen sie dann auf den Müllhaufen. Sag Pawel ruhig: Seine Mutter verlässt dieses Haus nur mit den Füßen zuerst. Er kann mich selbst pflegen. Ist schließlich mein Sohn! Nächte hab ich ihm durchwacht, jetzt ist er an der Reihe.“ „Papa schuftet auf zwei Jobs, um deine Medikamente zu zahlen! Er ist dreiundfünfzig, hat Bluthochdruck, war drei Jahre nicht im Kino, ganz zu schweigen von Urlaub!“ „Ach was“, wehrte Klara Stepanowa ab, ihre Lippen pressten sich fest zusammen. „Der ist noch jung, der hält das aus. Und du – red‘ nicht mit, Kinder haben den Erwachsenen nichts zu sagen! Geh, mach hier sauber, alles voller Haferschleim!“ Alice trat auf den Flur und atmete hörbar durch. Wie soll man mit ihr reden…? Der Vater kam abends gegen sieben nach Hause. Er zog nicht mal die Schuhe aus, setzte sich erstmal auf den Hocker und starrte minutenlang ins Leere. „Papa, alles klar?“, fragte Alice und nahm ihm die schweren Einkaufstüten ab. „Geht schon, Alice. Im Lager brennt der Baum, bald ist Jahresabschluss. Wie geht’s Oma?“ „Wie immer. Wieder Theater wegen des Heims. Sie meint, wir wollen sie loswerden… Papa, das geht so nicht. Ich hab die Abrechnungen durchgesehen – diesen Monat bleiben uns noch dreitausend Euro für Lebensmittel. Ich muss noch mein Wohnheim bezahlen und Bücher kaufen.“ „Wir kriegen das hin“, murmelte Pawel und zog seine Schuhe aus. „Ich habe einen Nebenjob angenommen – Nachtschichten als Wachmann, jeden zweiten Tag.“ „Spinnst du? Wann willst du denn schlafen? Fällst du irgendwann noch um!“ Pawel antwortete nicht. Still ging er in die Küche, füllte Wasser in den Topf, stellte ihn auf den Herd. „Hat sie gegessen?“ „Die Hälfte hat sie ins Bett gekippt. Ich hab’s neu bezogen.“ „Schon gut. Geh lernen, du hast bald Prüfungen. Ich füttere und wasche sie.“ Alice sah, wie ihr Vater – einst ein starker, lebenslustiger Mann – immer mehr zur grauen Erscheinung wurde. Keine Witze mehr, kein Lebensmut. *** Eine Woche später wurde es schlimmer: Pawel kam ungewöhnlich spät nach Hause, wankte. „Papa? Alles in Ordnung?“ „Es geht schon. Hab’ in der U-Bahn Kreislauf gehabt. War so stickig…“ „Setz dich, wir messen mal schnell den Blutdruck.“ Als die Anzeige 180 zu 110 zeigte, reichte Alice wortlos Tabletten. „Morgen bleibst du daheim. Wir rufen den Arzt.“ „Geht nicht“, verzog der Vater das Gesicht. „Morgen ist Kontrolle. Fehlt mir was, gibt’s keine Prämie. Und für Omas Wohnung kam die neue Steuerrechnung…“ „Verkauf sie doch!“, flüsterte Alice alarmiert – die Oma durfte es nicht hören. „Die Einzimmerwohnung da draußen – sechshunderttausend Euro! Wir könnten die Schulden tilgen und eine gute Pflegekraft einstellen.“ Der Vater seufzte: „Mama gibt kein Einverständnis…“ „Papa, sie war fünf Jahre nicht mehr dort! Wozu braucht sie die Wohnung, wenn sie liegt?“ Da polterte es im Nebenzimmer. Oma schlug mit der Tasse auf den Nachttisch und brüllte nach Aufmerksamkeit. *** Vor sechs Jahren hatte der Vater eine Frau gehabt: Helena. Freundlich, ausgeglichen, sie brachte Kuchen, sie planten ein Wochenende in einem Wellnesshotel. Alles endete, als die Oma bettlägerig wurde. Helena versuchte zu helfen, aber die Alte machte ihr die Hölle heiß. „Na, die kommt hierher und will alles abstauben! Meinen Sohn aushalten!“, schimpfte sie durchs Haus, simulierte Herzattacke, sobald Pawel ein Treffen plante. „Die fliegt hier raus – aber zackig!“ Helena ging, Pawel holte sie nie wieder zurück. Der Festnetz klingelte, während Alice für die Prüfung lernte. Papa war noch nicht daheim. „Hallo?“ „Sind Sie Familie Pawel Schulz?“, fragte ein Mann. „Seine Tochter, was ist los?“ „Ihr Vater ist heute bei der Betriebsversammlung kollabiert. Wir haben den Notarzt gerufen, er wurde ins Stadtkrankenhaus gebracht. Notieren Sie die Adresse.“ Alice kritzelte die Adresse aufs Skript, legte kaum auf, da rief die Oma schon wieder. „Alice! Wer war dran? Wo steckt Pawel? Soll mir Tee bringen, bin durstig!“ Alice ging ins Schlafzimmer, Oma lag eingebettet und verzog verärgert das Gesicht. „Papa ist im Krankenhaus“, sagte Alice knapp. „Im Krankenhaus?“, die Oma war einen Moment still, dann zischte sie: „Habt ihr mich also so weit gebracht! Hat mich gestern angeschrien, Gott hat’s ihm heimgezahlt. Jetzt verhungert ihr mich hier! Direkt den Wasserkocher anwerfen!“ Alice verließ den Raum. *** Drei Tage pendelte Alice zwischen Krankenhaus und Zuhause. Die Diagnose: hypertensiver Notfall durch extreme Nervenbelastung, strikte Bettruhe. „Alice, wie geht’s mit Mama?“, erkundigte sich Pawel direkt. „Alles geregelt, Papa. Die Nachbarin hilft mit. Du denkst jetzt mal an dich! Ruheastand, mindestens zwei Wochen.“ „Zwei Wochen… die schmeißen mich raus… kein Geld…“ „Schlaf, Papa. Ich kümmer mich. Versprochen.“ Am vierten Tag erwartete die Oma sie mit Vorwürfen. „Wo treibst du dich rum? Liege hier voller Schmodder, Pawel gammelt im Krankenhaus, und ich verschimmel!“ Alice ballte die Fäuste und blieb ruhig. „So, Oma. Hör gut zu. Papa ist in Lebensgefahr, der nächste Stress kann einen Schlaganfall bringen.“ „Quatsch!“, fauchte die Alte. „Der ist zäh. Nach seinem Vater geraten. Dreh mich um, hab Druckstelle.“ „Nein“, sagte Alice bestimmt, „ich dreh dich nicht. Ich fütter dich auch nicht.“ Oma starrte sie an. „Was wird das jetzt? Bist du übergeschnappt, Mädel?“ „Nein. Uns fehlt das Geld. Gar kein Geld. Papa arbeitet nicht, keine Prämie. Deine Rente reicht nicht für Windeln und Tabletten.“ „Lüg nicht! Pawel muss noch was auf der Kante haben!“ „Es gibt keinen Notgroschen. Alles ist für deine Behandlungen draufgegangen. Also – wir unterschreiben jetzt die Wohnung oder ich rufe morgen das Sozialamt. Dann kommst du ins Pflegeheim. Ohne Zuzahlung.“ „Das wagst du nicht!“, schrie die Oma. „Ich bin seine Mutter! Ich bin hier Chefin!“ „Chefin von was? Du bringst deinen eigenen Sohn ins Grab. Hauptsache du hast’s gemütlich. Ich habe im Heim angerufen, das wir besprochen haben. Es ist ein Platz frei. Verkauft man deine Wohnung, ist die Pflege bezahlt. Gute Betreuung, Ärzte, alles.“ „Ich geh’ da nicht hin!“, hustete die Alte. „Dann hungerst du. Ich geh’ ab morgen arbeiten, komm spät heim. Wasser steht da. Überleg’s dir.“ Alice verließ das Zimmer. Sie zitterte. Nie zuvor war sie so hart, doch sie wusste – sonst würde sie ihren Vater verlieren. Und die Oma… würde alle überleben, wenn man sie weiter so ranlässt. Die Nacht blieb still. Alice betrat das Zimmer erst am Morgen. „Gib was zu trinken…“, krächzte die Alte. Alice reichte ihr die Tasse. „Was jetzt? Unterschreibst du? Der Notar kommt um zwölf.“ „Ihr… Lumpen…“, flüsterte die Alte verbittert. „Wollt alles wegnehmen… Na gut. Hol deine Zettel.“ Sag Pawel… er soll mich besuchen kommen…“ „Er wird kommen. Sobald er wieder laufen kann. Und ich auch. Versprochen.“ *** Pawel saß vor dem Seniorenstift im Park auf einer Bank. Er sah wieder kräftig aus, hatte rote Wangen bekommen. Seine Mutter saß im Rollstuhl daneben, gepflegt, in einem neuen Kopftuch, kaute an einem Apfel. „Pawel? Hast du Helena angerufen? Wieder vertragen?“ Er schaute überrascht. „Ja, sie kommt Samstag vorbei.“ „Na, ist gut. Die Schwester da drin, die Lena, ist eine Schreckschraube – die macht mir ständig Vorhaltungen, deine Helena kann ihr mal zeigen, wie man mit mir umgeht! Und pass auf, Pawel, sei nett zu ihr! Ein Kerl sollte keine Frau zum Weinen bringen. Nicht wie dein Vater…“ Pawel lächelte, drückte ihre Hand. Alice kam lachend und winkend heran. „Papa! Oma! Ich hab ein Stipendium bekommen! Und die Chefetage erhöht meine Stelle!“ Pawel stand auf und breitete die Arme aus. Klara beobachtete die Familie misstrauisch, aber äußerte keinen Protest mehr. Als die Pflegerin sie zum Massagetermin holte, nickte sie würdevoll. „Komm mit, Kindchen. Aber diesmal vorsichtiger. Neulich hat mir der Masseur fast das Bein umgedreht… Sag dem, er soll sanft sein. Wie ein Bär ist der Kerl, ehrlich…“ Die Schwester schob den Rollstuhl davon, Alice umarmte ihren Vater und sie blickten zu den hohen Kiefern – zum ersten Mal seit Jahren waren alle wirklich glücklich. *** Klara Stepanowa erlebte sogar ihren Urenkel – Alice machte ihren Abschluss, heiratete einen guten Mann, bekam einen Sohn. Pawel wurde wieder Ehemann, Klara akzeptierte Helena als Schwiegertochter, ihr Verhältnis wurde vertrauensvoll und warm – Helena verzieh ihr sogar alles, was sie einst sagte. Die alte Dame schlief friedlich ein, ohne Groll gegen ihren Sohn oder ihre Enkelin.

Abgeschoben ins Seniorenheim

Lass es gut sein, Anneliese, schlag dir das gleich aus dem Kopf! Mit Schwung schob Hilde Schröder den Teller Haferbrei von sich. Willst mich wohl ins Heim abschieben, was? Damit die mir da was anspritzen und mich mit dem Kopfkissen ersticken, wenn ich zu laut schreie?

Träum weiter!

Anneliese holte tief Luft und tat ihr Bestes, die zitternden Hände ihrer Oma zu ignorieren.

Oma, das ist doch kein Heim! Das ist ein privater Seniorenstift, direkt am Waldrand! Da gibts Pflegerinnen rund um die Uhr.

Da hast du Gesellschaft, einen riesigen Fernseher und hier bist du den ganzen Tag allein, wenn Papa arbeiten ist.

Jaja, Gesellschaft, das kennen wir. Hilde schob sich missmutig auf den Kissen zurecht. Am Ende klauen se mir die Rente, nehmen mir die Wohnung ab und setzen mich an die Isar.

Kannst Paul ruhig sagen: ich geh hier nur Füße voran raus! Soll er sich lieber mal selber kümmern, er ist schließlich mein Sohn.

Ich hab ihm die Windeln gewechselt, als er mit Masern im Bett lag jetzt ist er dran!

Papa schuftet auf zwei Jobs, damit du deine Medikamente hast! Der ist dreiundfünfzig, der Blutdruck macht Zicken, und ins Kino war er seit drei Jahren nicht mehr, Urlaub kannst du vergessen!

Ist doch jung, schafft das schon! Hilde presste die Lippen zusammen. Und du hältst mal den Mund. Die Jungspunde sollen nicht die Hennen unterrichten! Räum den Brei weg, mach wenigstens irgendwas Sinnvolles.

Anneliese atmete tief durch und trat in den Flur. Wie redet man nur mit der Frau?!

Um sieben abends kam Paul nach Hause. Er blieb erstmal auf der Fußmatte sitzen und starrte ein paar Minuten ins Leere.

Alles gut bei dir, Papa? Anneliese schnappte sich den schweren Einkaufskorb.

Geht schon, Anne. In der Logistik stapeln sich die Kisten, bald ist Jahresabschluss. Und deine Oma?

Wie immer Drama wegen dem Seniorenstift. Sie meint, wir wollen sie loswerden.

Papa, das geht so nicht. Die Kosten laufen uns davon uns bleiben gerade mal 200 Euro für Lebensmittel.

Und ich muss meine Miete fürs Wohnheim zahlen und die Studienbücher stehen auch noch an.

Wir bekommen das hin Paul zog sich mühsam die Schuhe aus. Ich hab noch einen Nebenjob angenommen, nachts Sicherheitsdienst, jeden zweiten Tag.

Spinnst du? Wann willst du denn noch schlafen? Du kippst doch irgendwann um!

Paul zuckte nur mit den Schultern und ging in die Küche, um sich ein Glas Wasser zu holen.

Hat sie gegessen?

Die Hälfte aufs Bett geschüttet. Ich hab frisch bezogen.

Gut, lerne du mal weiter. Die Prüfungen stehen an. Ich mach ihr noch was und wasche sie.

Anneliese beobachtete ihren Vater, wie er mit leichtem Hinken in Hildes Zimmer verschwand.

Sie hatte unendlich Mitleid. Aus dem starken, immer zu Scherzen aufgelegten Mann war ein Schatten geworden.

Der Humor war weg, der Sinn fürs Leben auch.

***

Eine Woche später wurde es noch schlimmer: Paul kam erst spät nach Hause, wirkte wacklig auf den Beinen.

Papa, ist alles okay? Fühlst du dich schlecht?

Alles gut, Anne. Mir war nur etwas schwindelig in der U-Bahn, so stickig heute.

Setz dich, ich mess mal deinen Blutdruck.

Das Messgerät zeigte 180 zu 110. Wortlos reichte sie ihm die Tabletten.

Morgen bleibst du zuhause, ich rufe den Hausarzt an.

Keine Chance Paul verzog das Gesicht. Morgen ist Audit, fällt gleich die Prämie weg, wenn ich fehle. Wir haben die Steuerbescheide gekriegt und für Omas Wohnung gibts wieder Nachzahlungen.

Veräußere die Wohnung, Papa! zischte Anneliese, damit Oma nichts hört. Die Einzimmerwohnung da draußen 60.000 Euro! Damit zahlen wir alles ab und können eine anständige Pflegerin engagieren.

Paul seufzte.

Deine Oma unterschreibt das nie

Papa, sie war da seit fünf Jahren nicht mehr! Was soll sie mit einer Wohnung, wenn sie ans Bett gefesselt ist?

Bevor er antworten konnte, flog hinter der Wand schon wieder der Becher gegen die Kommode Oma verlangte etwas.

Paul! PAUL! Zu wem raunst du da? Redet ihr über mich? schrillte es aus dem Schlafzimmer.

Paul seufzte, warf die Tablette ein und ging rüber.

***

Vor sechs Jahren hatte Paul noch eine Frau anseiner Seite Gisela, freundlich, ruhig, kam manchmal mit Kuchen zu Besuch und sie planten Wochenende im Wellnesshotel.

Schluss war, als Oma das Bett eroberte. Gisela wollte helfen, aber Hilde veranstaltete solchen Terror, dass die Frau irgendwann das Handtuch warf.

Sieh mal einer an! Kommt ins gemachte Nest und will meinem Sohn den Pelz über die Ohren ziehen! schrie sie durchs Haus und imitierte jedes Mal einen Herzinfarkt, wenn Paul sich zum Date aufmachte. Die hat hier nichts zu suchen! Raus mit der!

Gisela zog von dannen; Paul zog nicht mal mehr die Schuhe nach.

Abends, während Anneliese am Schreibtisch für die Uni lernte, klingelte das Telefon. Paul war noch unterwegs.

Hallo?

Spreche ich mit Herrn Schröder? fragte eine Männerstimme.

Nein, seine Tochter. Was gibts?

Personalabteilung hier. Ihr Vater ist heute auf der Betriebsversammlung kollabiert. Der Notarzt hat ihn ins Städtische gebracht. Ich gebe Ihnen die Adresse

Anneliese kritzelte sie panikartig aufs Mathe-Skript. Kaum hatte sie aufegelegt, rief schon Oma nach ihr.

Anne! Wer war das? Wo ist Paul? Soll mir gefälligst Tee bringen, ich hab Durst!

Im Schlafzimmer thronte Oma Halbliegend, muffig das Gesicht verzogen.

Papa ist im Krankenhaus, erklärte Anneliese knapp.

Im Krankenhaus?! Hilde stockte kurz, dann: Na bestens! Gestern hat er mich angeschrien, nun hat ihn der liebe Gott bestraft.

Kümmert sich ja eh keiner um mich! Wer füttert mich jetzt? Bring den Tee!

Anneliese verließ den Raum wortlos.

***

Drei Tage pendelte sie zwischen Klinik und Wohnung.

Diagnose: Hypertonie, Erschöpfung, absolutes Schonprogramm.

Anne, wie gehts Mutter? das war das erste, was ihr Vater wissen wollte.

Alles bestens, Papa. Die Nachbarin schaut vorbei, hilft. Denk an dich! Du brauchst mindestens zwei Wochen Bettruhe!

Zwei Wochen ich flieg raus Kohle

Schlaf! Ich kümmere mich drum. Versprochen.

Am vierten Tag daheim prasselte ein Schwall Vorwürfe auf sie herunter.

Wo treibst du dich rum? Ich lieg hier voller Dreck, Paul macht sich einen Lenz und ich vergammle!

Anneliese ballte die Fäuste und sagte ruhig:

Jetzt hör mir zu, Oma. Papa liegt im Krankenhaus und hat fast einen Schlaganfall riskiert. Noch so ein Stress, und er kippt uns um.

Ach Unsinn! fauchte Hilde. Der ist ein zäher Kerl, ganz der Vater. Hier, dreh mich mal auf die Seite, das Bein schmerzt.

Nein, sagte Anne knapp. Ich drehe dich nicht. Und ich füttere dich auch nicht mehr.

Hilde starrte sie entsetzt an.

Was ist jetzt bei dir kaputtgegangen, Mädchen? Hast du ein Rad ab?

Es ist kein Geld mehr da. Gar keins. Papa bekommt kein Gehalt, keine Zulage. Und von deiner Rente könnten wir gerade mal die Windeln und Blutdrucktabletten holen.

Blödsinn! Paul hat bestimmt irgendwo was versteckt!

Keine Mark ist übrig. Alles für deine Reha draufgegangen. Es gibt jetzt genau zwei Möglichkeiten: Entweder du unterzeichnest heute den Verkauf von deiner Wohnung im Umland, oder morgen hole ich das Sozialamt, und du kommst ins städtische Altenheim gratis, versteht sich.

Das wagst du nicht! schrie Hilde. Ich bin hier die Chefin!

Chefin von was? Du zerstörst gerade deinen eigenen Sohn. Es interessiert dich nicht mal, ob er aus der Klinik wieder rauskommt. Hauptsache, du bekommst dein Brot ordentlich geschmiert und deine Decke ist warm.

Ich hab da angerufen, wo wir dich hinschicken wollten. Platz wäre jetzt frei. Das Geld für dein Apartment geht für deine Pflege drauf. Erstklassig.

Ich geh da nicht hin! röchelte Hilde.

Dann musst du hungern. Ich hab kein Geld, um dich zu füttern. Ab morgen gehe ich selbst schuften. Kommst mit der Wasserflasche klar überlegs dir.

Anneliese trat raus, schloss die Tür. Ihr zitterten die Knie. Sie war noch nie hart gewesen, aber langsam begriff sie: Keiner rettet sie, wenn sie jetzt nicht durchgreift.

Und Oma … Oma würde sie alle überdauern, solange sie weiterhin die Energie absaugen durfte.

Die Nacht verging lautlos. Anneliese hörte gelegentlich Jammern, Weinen, Flüche aus dem Zimmer sie blieb hart. Morgens öffnete sie die Tür.

Gib mir was zu trinken krächzte die Alte.

Anneliese hielt ihr die Tasse an den Mund.

Also, was ist? Unterschreiben wir? Der Notar kommt um zwölf.

Ihr Aasgeier fauchte Hilde, aber ohne das alte Feuer. Wollt mir alles abnehmen Meinetwegen, hol die Papiere.

Sag Paul, er soll mich aber besuchen kommen. Sonst

Papa kommt. Sobald er wieder laufen kann. Ich übrigens auch. Versprochen.

***
Paul saß auf der Parkbank vorm Seniorenstift. Er sah richtig gut aus ein bisschen mehr auf den Rippen, Farbe im Gesicht.

Neben ihm im Rollstuhl saß seine Mutter, frisch frisiert, im Wollschal, und mümmelte genüsslich einen Apfel.

Paul? Hörst du?

Ja, Mama?

Hast du hast du eigentlich mit Gisela telefoniert? Ist das wieder gut mit euch?

Paul sah sie verblüfft an.

Klar, sie kommt am Samstag vorbei.

Na immerhin, Hilde drehte sich zur Blumenrabatte. Lass sie ruhig später auch herkommen. Die Schwester Lena hier ist immer so streng, die behandelt einen wien Sandsack Gisela kann ja mal zuschauen.

Und Paul, sei nett zu ihr! So was macht man nicht, eine Frau in Tränen aufgelöst stehen lassen.

Dein alter Herr damals

Paul grinste und drückte ihr die Hand. Da kam schon Anneliese den Pfad entlanggesprintet, winkte wie wild und strahlte übers ganze Gesicht.

Papa! Oma! rief sie schon von Weitem. Ich hab das Stipendium bekommen! Und bei der Arbeit gibts Lohnerhöhung!

Paul sprang auf, breitete die Arme aus. Hilde beobachtete alles mit zusammengekniffenen Augen.

Klar fand sie, dass man ihr unrecht getan hatte, indem man sie aus ihrem Zuhause gesetzt hatte aber offen sagen tat sie nichts mehr.

Als die Pflegerin sie abholte und herzlich zum Massage-Termin einlud, nickte sie nur wichtig:

Gehen wir, mein Mädchen. Aber vorsichtig! Beim letzten Mal hätte mir der Kollege fast das Bein abgedreht, wie ein Bär, ehrlich!

Die Schweseter rollte los, Anneliese umarmte den Vater, und beide blickten lange selig auf die alten Kiefern im Park.

Zum ersten Mal seit Ewigkeit waren alle drei aufrichtig glücklich.

***

Hilde lebte noch, um ihren Urenkel auf den Arm zu nehmen Anneliese schaffte ihr Examen, heiratete einen anständigen Mann, bekam einen Sohn.

Paul heiratete Gisela, die neue Schwiegertochter, und Hilde akzeptierte sie schließlich die beiden Frauen verstanden sich nun überraschend gut. Von den schlimmen Szenen anfangs sprach niemand mehr.

Die alte Dame schlich sich eines Nachts leise davon, versöhnt mit Tochter und Sohn ohne Groll und ohne Gram.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Abschied vom eigenen Zuhause – Als wir Oma ins Pflegeheim brachten — „Mach keinen solchen Unsinn, Alice, fang damit gar nicht erst an!“ Klara Stepanowa schob die Schale mit Haferbrei energisch von sich. „Willst du mich etwa ins Heim abschieben? Damit sie mich mit irgendwas vollspritzen und mit dem Kissen ersticken, wenn ich zu laut bin? Das kannst du vergessen!“ Alice atmete tief durch und vermied es, auf die zitternden Hände der Großmutter zu schauen. „Oma, von wegen Heim – das ist ein privates Seniorenstift. Gleich am Waldrand, rund um die Uhr Pfleger vor Ort. Dort hast du Gesellschaft, einen großen Fernseher… und hier bist du den ganzen Tag allein, während Papa zur Arbeit ist.“ „Schon klar, was für Gesellschaft!“, ätzte die Alte, während sie sich auf dem Kissen zurechtrückte. „Die nehmen dir alles ab – sogar die Wohnung räumen sie aus, und mich schmeißen sie dann auf den Müllhaufen. Sag Pawel ruhig: Seine Mutter verlässt dieses Haus nur mit den Füßen zuerst. Er kann mich selbst pflegen. Ist schließlich mein Sohn! Nächte hab ich ihm durchwacht, jetzt ist er an der Reihe.“ „Papa schuftet auf zwei Jobs, um deine Medikamente zu zahlen! Er ist dreiundfünfzig, hat Bluthochdruck, war drei Jahre nicht im Kino, ganz zu schweigen von Urlaub!“ „Ach was“, wehrte Klara Stepanowa ab, ihre Lippen pressten sich fest zusammen. „Der ist noch jung, der hält das aus. Und du – red‘ nicht mit, Kinder haben den Erwachsenen nichts zu sagen! Geh, mach hier sauber, alles voller Haferschleim!“ Alice trat auf den Flur und atmete hörbar durch. Wie soll man mit ihr reden…? Der Vater kam abends gegen sieben nach Hause. Er zog nicht mal die Schuhe aus, setzte sich erstmal auf den Hocker und starrte minutenlang ins Leere. „Papa, alles klar?“, fragte Alice und nahm ihm die schweren Einkaufstüten ab. „Geht schon, Alice. Im Lager brennt der Baum, bald ist Jahresabschluss. Wie geht’s Oma?“ „Wie immer. Wieder Theater wegen des Heims. Sie meint, wir wollen sie loswerden… Papa, das geht so nicht. Ich hab die Abrechnungen durchgesehen – diesen Monat bleiben uns noch dreitausend Euro für Lebensmittel. Ich muss noch mein Wohnheim bezahlen und Bücher kaufen.“ „Wir kriegen das hin“, murmelte Pawel und zog seine Schuhe aus. „Ich habe einen Nebenjob angenommen – Nachtschichten als Wachmann, jeden zweiten Tag.“ „Spinnst du? Wann willst du denn schlafen? Fällst du irgendwann noch um!“ Pawel antwortete nicht. Still ging er in die Küche, füllte Wasser in den Topf, stellte ihn auf den Herd. „Hat sie gegessen?“ „Die Hälfte hat sie ins Bett gekippt. Ich hab’s neu bezogen.“ „Schon gut. Geh lernen, du hast bald Prüfungen. Ich füttere und wasche sie.“ Alice sah, wie ihr Vater – einst ein starker, lebenslustiger Mann – immer mehr zur grauen Erscheinung wurde. Keine Witze mehr, kein Lebensmut. *** Eine Woche später wurde es schlimmer: Pawel kam ungewöhnlich spät nach Hause, wankte. „Papa? Alles in Ordnung?“ „Es geht schon. Hab’ in der U-Bahn Kreislauf gehabt. War so stickig…“ „Setz dich, wir messen mal schnell den Blutdruck.“ Als die Anzeige 180 zu 110 zeigte, reichte Alice wortlos Tabletten. „Morgen bleibst du daheim. Wir rufen den Arzt.“ „Geht nicht“, verzog der Vater das Gesicht. „Morgen ist Kontrolle. Fehlt mir was, gibt’s keine Prämie. Und für Omas Wohnung kam die neue Steuerrechnung…“ „Verkauf sie doch!“, flüsterte Alice alarmiert – die Oma durfte es nicht hören. „Die Einzimmerwohnung da draußen – sechshunderttausend Euro! Wir könnten die Schulden tilgen und eine gute Pflegekraft einstellen.“ Der Vater seufzte: „Mama gibt kein Einverständnis…“ „Papa, sie war fünf Jahre nicht mehr dort! Wozu braucht sie die Wohnung, wenn sie liegt?“ Da polterte es im Nebenzimmer. Oma schlug mit der Tasse auf den Nachttisch und brüllte nach Aufmerksamkeit. *** Vor sechs Jahren hatte der Vater eine Frau gehabt: Helena. Freundlich, ausgeglichen, sie brachte Kuchen, sie planten ein Wochenende in einem Wellnesshotel. Alles endete, als die Oma bettlägerig wurde. Helena versuchte zu helfen, aber die Alte machte ihr die Hölle heiß. „Na, die kommt hierher und will alles abstauben! Meinen Sohn aushalten!“, schimpfte sie durchs Haus, simulierte Herzattacke, sobald Pawel ein Treffen plante. „Die fliegt hier raus – aber zackig!“ Helena ging, Pawel holte sie nie wieder zurück. Der Festnetz klingelte, während Alice für die Prüfung lernte. Papa war noch nicht daheim. „Hallo?“ „Sind Sie Familie Pawel Schulz?“, fragte ein Mann. „Seine Tochter, was ist los?“ „Ihr Vater ist heute bei der Betriebsversammlung kollabiert. Wir haben den Notarzt gerufen, er wurde ins Stadtkrankenhaus gebracht. Notieren Sie die Adresse.“ Alice kritzelte die Adresse aufs Skript, legte kaum auf, da rief die Oma schon wieder. „Alice! Wer war dran? Wo steckt Pawel? Soll mir Tee bringen, bin durstig!“ Alice ging ins Schlafzimmer, Oma lag eingebettet und verzog verärgert das Gesicht. „Papa ist im Krankenhaus“, sagte Alice knapp. „Im Krankenhaus?“, die Oma war einen Moment still, dann zischte sie: „Habt ihr mich also so weit gebracht! Hat mich gestern angeschrien, Gott hat’s ihm heimgezahlt. Jetzt verhungert ihr mich hier! Direkt den Wasserkocher anwerfen!“ Alice verließ den Raum. *** Drei Tage pendelte Alice zwischen Krankenhaus und Zuhause. Die Diagnose: hypertensiver Notfall durch extreme Nervenbelastung, strikte Bettruhe. „Alice, wie geht’s mit Mama?“, erkundigte sich Pawel direkt. „Alles geregelt, Papa. Die Nachbarin hilft mit. Du denkst jetzt mal an dich! Ruheastand, mindestens zwei Wochen.“ „Zwei Wochen… die schmeißen mich raus… kein Geld…“ „Schlaf, Papa. Ich kümmer mich. Versprochen.“ Am vierten Tag erwartete die Oma sie mit Vorwürfen. „Wo treibst du dich rum? Liege hier voller Schmodder, Pawel gammelt im Krankenhaus, und ich verschimmel!“ Alice ballte die Fäuste und blieb ruhig. „So, Oma. Hör gut zu. Papa ist in Lebensgefahr, der nächste Stress kann einen Schlaganfall bringen.“ „Quatsch!“, fauchte die Alte. „Der ist zäh. Nach seinem Vater geraten. Dreh mich um, hab Druckstelle.“ „Nein“, sagte Alice bestimmt, „ich dreh dich nicht. Ich fütter dich auch nicht.“ Oma starrte sie an. „Was wird das jetzt? Bist du übergeschnappt, Mädel?“ „Nein. Uns fehlt das Geld. Gar kein Geld. Papa arbeitet nicht, keine Prämie. Deine Rente reicht nicht für Windeln und Tabletten.“ „Lüg nicht! Pawel muss noch was auf der Kante haben!“ „Es gibt keinen Notgroschen. Alles ist für deine Behandlungen draufgegangen. Also – wir unterschreiben jetzt die Wohnung oder ich rufe morgen das Sozialamt. Dann kommst du ins Pflegeheim. Ohne Zuzahlung.“ „Das wagst du nicht!“, schrie die Oma. „Ich bin seine Mutter! Ich bin hier Chefin!“ „Chefin von was? Du bringst deinen eigenen Sohn ins Grab. Hauptsache du hast’s gemütlich. Ich habe im Heim angerufen, das wir besprochen haben. Es ist ein Platz frei. Verkauft man deine Wohnung, ist die Pflege bezahlt. Gute Betreuung, Ärzte, alles.“ „Ich geh’ da nicht hin!“, hustete die Alte. „Dann hungerst du. Ich geh’ ab morgen arbeiten, komm spät heim. Wasser steht da. Überleg’s dir.“ Alice verließ das Zimmer. Sie zitterte. Nie zuvor war sie so hart, doch sie wusste – sonst würde sie ihren Vater verlieren. Und die Oma… würde alle überleben, wenn man sie weiter so ranlässt. Die Nacht blieb still. Alice betrat das Zimmer erst am Morgen. „Gib was zu trinken…“, krächzte die Alte. Alice reichte ihr die Tasse. „Was jetzt? Unterschreibst du? Der Notar kommt um zwölf.“ „Ihr… Lumpen…“, flüsterte die Alte verbittert. „Wollt alles wegnehmen… Na gut. Hol deine Zettel.“ Sag Pawel… er soll mich besuchen kommen…“ „Er wird kommen. Sobald er wieder laufen kann. Und ich auch. Versprochen.“ *** Pawel saß vor dem Seniorenstift im Park auf einer Bank. Er sah wieder kräftig aus, hatte rote Wangen bekommen. Seine Mutter saß im Rollstuhl daneben, gepflegt, in einem neuen Kopftuch, kaute an einem Apfel. „Pawel? Hast du Helena angerufen? Wieder vertragen?“ Er schaute überrascht. „Ja, sie kommt Samstag vorbei.“ „Na, ist gut. Die Schwester da drin, die Lena, ist eine Schreckschraube – die macht mir ständig Vorhaltungen, deine Helena kann ihr mal zeigen, wie man mit mir umgeht! Und pass auf, Pawel, sei nett zu ihr! Ein Kerl sollte keine Frau zum Weinen bringen. Nicht wie dein Vater…“ Pawel lächelte, drückte ihre Hand. Alice kam lachend und winkend heran. „Papa! Oma! Ich hab ein Stipendium bekommen! Und die Chefetage erhöht meine Stelle!“ Pawel stand auf und breitete die Arme aus. Klara beobachtete die Familie misstrauisch, aber äußerte keinen Protest mehr. Als die Pflegerin sie zum Massagetermin holte, nickte sie würdevoll. „Komm mit, Kindchen. Aber diesmal vorsichtiger. Neulich hat mir der Masseur fast das Bein umgedreht… Sag dem, er soll sanft sein. Wie ein Bär ist der Kerl, ehrlich…“ Die Schwester schob den Rollstuhl davon, Alice umarmte ihren Vater und sie blickten zu den hohen Kiefern – zum ersten Mal seit Jahren waren alle wirklich glücklich. *** Klara Stepanowa erlebte sogar ihren Urenkel – Alice machte ihren Abschluss, heiratete einen guten Mann, bekam einen Sohn. Pawel wurde wieder Ehemann, Klara akzeptierte Helena als Schwiegertochter, ihr Verhältnis wurde vertrauensvoll und warm – Helena verzieh ihr sogar alles, was sie einst sagte. Die alte Dame schlief friedlich ein, ohne Groll gegen ihren Sohn oder ihre Enkelin.
Meine Nachbarin klaute nachts sackweise meinen Kompost – gestern habe ich großzügig Hefe daruntergemischt