Die Kinderfrau für den Bruder
Was ist los, Jule? Wieder keine Antwort?
Keine Antwort! Julia ließ das Handy auf die Arbeitsplatte fallen. Seit sechs Uhr meldet sie sich nicht mehr! Wegen ihr bin ich nicht zu Mama gefahren Ich muss dort kochen, und hier zu Hause auch, und niemand passt auf Felix auf Wir haben doch eine Helferin großgezogen!
In diesem Moment war das leise Klicken des Türschlosses zu hören.
Ach, ihr seid noch wach? warf Leni über die Schulter, während sie die Kopfhörer nicht herausnahm und, die Eltern ignorierend, in ihr Zimmer schlenderte.
Aber so leicht ließ Mama sie nicht davonkommen.
Leni! Halt! rief die Mutter ihr nach, und Leni blieb stehen, aber drehte sich nicht um. Wo gehst du hin? Du bist wie viele? Ganze sechs Stunden zu spät! Willst du mir das nicht mal erklären?
Leni zog zögerlich die Kopfhörer heraus.
Muss man deswegen gleich einen Aufstand machen?
Du hast es versprochen! begann Julia niedergeschlagen. Du hast gesagt, du passt auf Felix auf!
Leni, die eigentlich nur ins Bett fallen und schlafen wollte, presste hervor:
Hat eben nicht geklappt. Ist doch niemand gestorben. Du warst ja zu Hause.
Ich habe dich doch schon eine Woche vorher gewarnt, dass ich heute zu Oma muss und du deinen Bruder hüten sollst! Dein Vater hat Spätschicht und kommt nicht rechtzeitig aber du, dir ist dein Bruder egal, die Oma ist dir egal! Mir bist du wohl auch egal!
Eigentlich konnte Leni wirklich nicht. Sie hatte sich bei den Kommiliton*innen festgequatscht, dann schlug Tobi vor, alle zu ihm einzuladen und eh sie sich versah, war die Zeit verflogen. Sie hatte es schlicht vergessen.
So rechtfertigte sich Leni zumindest innerlich.
Denn ihr Handy hatte genug Akku, sie hatte es selbst ausgeschaltet.
Habs wirklich zugesagt, Mama. Aber die Pläne haben sich geändert.
Atme mal, verlangte die Mutter plötzlich.
Was ist hier, sind wir im Gefängnis? fauchte Leni.
Getrunken hast du auch noch, stellte Mama trocken fest. Klar, Feiern ist wichtiger als die Familie.
Da explodierte Leni.
Genau, wichtiger! Ich bin doch nicht eure bezahlte Kinderfrau, ich werde ganz sicher nicht mehr babysitten. Macht es selbst! Ihr wolltet ein Kind im hohen Alter genießt es! Ich hab mein eigenes Leben!
Papa, der eigentlich nie laut wurde und nicht mal schimpfte, mischte sich jetzt ein:
Wir machen dich doch nicht zur Haushälterin! Es gibt nicht viel, worum wir dich bitten! Aber heute war es dringend, du hast zugesagt Leni, du bist sechs Stunden zu spät. Handy aus. Und jetzt schiebst du auch noch alles auf uns?
Ich schiebe nichts, Felix ist eure Verantwortung. Ja, ich war unterwegs. Alle gehen aus, und ich soll die Ausnahme sein?
Leni wurde meist nicht mit zu vielen Pflichten belastet. Bis vor Kurzem noch war sie selbst Schülerin gewesen, jetzt studierte sie an einer angesehenen Uni ein schwieriges Fach. Das verstanden ihre Eltern. Sie waren nachsichtig.
Nur Leni war das selten mit anderen.
Weißt du, was schlimm ist? schaltete sich Mama ein. Das Schlimmste ist, dass ich wegen dir nicht zu deiner Oma konnte. Sie kann sich nichts zu essen machen! Ich kann mich doch nicht immer zwischen dir, dem dreijährigen Kind und meiner kranken Mutter aufteilen!
Leni, während sie die kunstvolle Flechtfrisur einer Kommilitonin löste, knallte kühl:
Das ist doch dein Problem, Mama. Du wolltest doch noch ein Kind dann kümmere dich auch drum. Ich schulde euch nichts.
Das saß so tief, dass selbst Vater zusammenzuckte.
Leni, das geht zu weit!
Wieso zu weit? Ich studiere. Ich muss Kontakte knüpfen, Freunde haben. Vielleicht finde ich ja sogar einen Ehemann! Soll ich mein Leben lang nur zu Hause mit euch und eurem Kind sitzen?
Vater setzte sie auf einen Stuhl.
Leni, setz dich Hör mich bitte mal an. Niemand verlangt, dass du zur Dauerkinderfrau wirst. Es ging um einen Gefallen für die Familie. Keine Verpflichtung, sondern Hilfe. Du hast zugesagt.
Leni, jetzt fest entschlossen, gab patzig zurück:
Zugesagt, und dann habe ich eben anders entschieden. Das Leben ändert sich.
Das Leben ändert sich, aber du hast selbst umgeplant und uns nicht informiert, entgegnete ihr Vater. Ich verstehe, dass du studierst. Ich verstehe, dass du Freunde hast. Aber Leni, du bist Teil dieser Familie. Wir sperren dich doch nicht ein! Aber wenn du wenigstens mal für zwei Stunden in der Woche auf Felix aufpassen könntest? Zwei Stunden zum Arzt gehen, oder wie heute zu Oma?
Leni ließ ihn gar nicht erst ausreden: Sie schnaubte, schüttelte den Kopf, und die Haarklammern rieselten aus ihrer Frisur.
Nein.
Warum nicht?
Es ist nicht meine Verantwortung, Papa. Ich muss mein Leben nicht für eure Wünsche opfern.
Innerlich spannte sich Leni an, bereit für einen handfesten Streit. Gleich würde das Donnerwetter losgehen
In Ordnung, sagte Vater überraschend ruhig. Ich habe dich gehört.
Wie bitte? Gehört? Wo blieb das Geschrei? Wo der Griff zum Handy, das Elternpathos, dass sie sich eines Tages, wenn sie allein sei, an die toten Eltern erinnern und Reue empfinden würde?
Und das wars jetzt? fragte Leni.
Für heute ja.
Leni war verwundert, wie leicht sie davongekommen war, und eilte rasch ins Badezimmer Make-up entfernen, dann ins Bett, schlafen, schlafen was für ein Abend! Und dann auch noch dieses Elterngestänker.
Aber für die Eltern war das Gespräch im Schlafzimmer noch nicht zu Ende.
Andreas, wie kann sie so herzlos sein? Julia klang nicht mehr zornig, sondern traurig. Wir haben sie doch ganz normal großgezogen haben ihr nie etwas verweigert, ohne Grund. Keine Tyrannei! Aber es fühlt sich an, als würde sie uns gar nicht lieben Und jetzt? Sollen wir sie anflehen, damit sie ihren Bruder hütet, wenn es nötig ist?
Nein, Andreas schüttelte den Kopf. Wir werden sie nicht anflehen. Wenn sie meint, dass sie uns nichts schuldet, dann schulden wir ihr auch nichts. Zumindest, bis sie begreift, was ein eigenständiges Leben bedeutet.
***
Der Morgen begann nicht mit Kaffee, sondern mit dem Gefühl, dass der gestrige Streit überhaupt nicht beendet war.
Leni kam als Erste in die Küche. Sie trank Wasser. Knabberte an den von gestern zurückgelegten belegten Broten aus dem Kühlschrank. Als die Mutter mit Felix hereinkam, griff Leni sofort zum Handy, um keine Moralpredigt zu hören. Aber die Mutter frühstückte schweigend. Dann kam der Vater, und er grüßte sogar:
Guten Morgen, sagte er zu Leni.
Wow, mit mir wird sogar gesprochen, murmelte Leni.
Papa öffnete die Mappe mit allen Einnahmen und Ausgaben.
Leni, wir müssen reden.
Sie verdrehte die Augen.
Schon wieder meine Verantwortung? Ich hab doch gesagt, dass ich nicht
Nein, diesmal geht es nicht um Verantwortung, unterbrach er, naja, ein bisschen auch, aber hauptsächlich ums Geld. Ab diesem Monat erwarten wir deinen Anteil an Essen und Nebenkosten. Also, dein Beitrag.
Leni grinste, in dem Glauben, es sei ein Witz nach dem gestrigen Knall, so um ihr gleich morgens die Laune zu verderben. Am Abend hatte sie ihnen die Nerven geraubt, jetzt waren sie halt dran schön ausgewogen.
Haha, Papa. Humor ist wirklich nicht deine Stärke. Ich lass mich nicht ärgern.
Aber Papa war vorbereitet.
Das ist kein Witz, Leni. Ab sofort zahlst du als selbstständige Erwachsene deine Anteile selber. Von A bis Z.
Sogar Felix, der sein Brot über den Tisch schmierte, schaute groß. Noch begriff er das mit dem Geld nicht, aber die Stimme des Vaters klang ungewohnt.
Was? stieß Leni aus.
Du hast gesagt, du schuldest uns nichts. Gut. Dann bist du nicht mehr auf uns angewiesen. Ab diesem Monat zahlst du deinen Essensanteil, deinen Anteil an allen Nebenkosten und vor allem dein Studium.
Leni begriff, dass es ernst war. Papa wollte tatsächlich Geld kassieren. Sie hatten sich also mehr gekränkt, als sie gedacht hatte.
Papa, hörst du dir eigentlich selber zu? Mich nicht mehr zu füttern, okay, aber das Studium das ist deine höchste Pflicht. Wenn ich meinen Abschluss nicht mache, vergibst du dir das nie! Du wirst schon zahlen, ich kenn dich doch.
Doch, das kann ich, sagte er. Du bist volljährig. Neunzehn Jahre. Erwachsen. Erwachsene zahlen ihre Sachen selbst. Wir haben immer gesagt, solange du studierst und hier lebst, unterstützen wir dich aber das basiert auf gegenseitigem Respekt und Beteiligung am Familienleben. Du wolltest dich raushalten. Dann gilt das auch andersherum.
Julias Blick sagte: Sind wir zu weit gegangen?
Leni legte das Stück Käse zurück auf den Teller, stand ruckartig auf:
Dann esse ich eben nicht! Nicht, dass ihr mir noch Schulden anhängt!
Die Eltern frühstückten zu dritt weiter. Leni warf sich in ihrer Zimmer an und ließ absichtlich alles klappern, was klappern konnte, rannte zu den Vorlesungen, die immerhin noch bezahlt waren.
Waren wir zu streng? fragte Julia.
Andreas biss sich auf die Lippen, der Käse klemmte im Hals.
Dann knurrte er:
Gerade richtig, Julia! Niemand schuldet hier jemandem was dann ist sie auch nach Recht und Gesetz erwachsen. Soll sie sich mal an Selbstständigkeit gewöhnen. Auch wenns schmerzt, es muss sein. Sie ist es zu sehr gewohnt, auf anderen herumzureiten.
Jetzt begegnete Leni ihren Eltern selten. Sie ging früh, kam spät zurück. Zu Hause aß sie gar nicht. Julia fragte zaghaft, ob Leni überhaupt noch was aß, wurde mit einem gekränkten Blick belohnt keine Antwort.
Dann hatte Leni Glück: Sie sprang im Café als Aushilfe für eine Freundin ein, die dann gleich kündigte, und so schleppte Leni nach ihren Vorlesungen vier Stunden lang Tabletts doch immerhin kam eigenes Geld herein.
Die Eltern sorgten sich, blieben aber stur.
Sie war schon wieder nicht beim Abendessen, Andreas. Sie ist ganz sicher hungrig. Erziehung hin oder her, aber wie weit bringen wir sie noch Julia machte sich Sorgen.
Sie wird sich beruhigen, Julia. Einsicht kommt. Irgendwann wird ihr klar, dass in einer Familie alle mithalten. Im Moment testet sie ihre Grenzen.
Nach drei Monaten dieses Stillhaltens sagte Leni schließlich:
Okay, ihr habt gewonnen. Ich kann doch nicht ständig nach der Uni noch arbeiten. Da bleibt nichts übrig. Ich passe auf Felix auf. Drei Mal pro Woche, je drei Stunden. Das ist jetzt mein Job. Hier sind übrigens die fünfzig Euro für die Miete mehr habe ich nicht geschafft.
Sie legte das Geld auf den Tisch. Die Eltern nahmen es nicht.
Leni wir wollten dir nicht wehtun. Das ist kein Erpressungsspiel, sagte Mama. Wir haben dich nie unterstützt, weil das Gesetz es verlangt. Wir sind deine Eltern, wir lieben dich. Wir wollen nur etwas Ähnliches zurück. Beteiligung.
Ich habs kapiert, es tut mir leid Und sie umarmte sie von sich aus.





