Ich hatte große Erwartungen, dass meine Mutter in Rente gehen, aufs Land ziehen und mir und meinem Mann ihre großzügige Dreizimmerwohnung überlassen würde!
Ich möchte euch von meiner Nachbarin Brigitte erzählen. Sie ist inzwischen 68 Jahre alt. Früher lebte sie allein in ihrer geräumigen Altbauwohnung mit drei Zimmern. Vor kurzem allerdings hat meine Nachbarin ihre Wohnung vermietet und sich auf eine geheimnisvolle Reise begeben.
Ihre Tochter, Friederike, kam zu mir und beklagte sich, ganz aufgewühlt:
Was tut meine Mutter da nur? Sie hat mich so enttäuscht! Jetzt schreit meine Schwiegermutter, dass ich im Alter bestimmt auch den Verstand verliere. »Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm«, sagt sie. Und mein Mann und ich haben erst kürzlich einen Autokredit aufgenommen! Zwei Monate sind wir schon im Rückstand. Wir haben so sehr auf meine Mutter gesetzt darauf, dass sie uns hilft! Aber sie hat uns wirklich enttäuscht: Wohnung weg, Mutter weg!
Ich starrte Friederike ziemlich verblüfft an warum sollte ihre Mutter denn bitte den Kredit für ihr Auto abbezahlen? Aber Friederike redete einfach weiter:
Meine Schwiegermutter ist völlig außer sich, dass wir bei ihr in ihrer Eigentumswohnung leben müssen, während meine Mutter ihre Wohnung einfach vermietet hat!
Ich merkte, dass Friederike sich von mir Mitgefühl erhoffte. Aber ich muss sagen, ich finde Brigittes Entscheidung richtig. Sie hat ein Recht darauf, ihr Leben nach eigenen Wünschen zu gestalten. Warum glauben die Leute, dass eine Frau mit Renteneintritt nur noch für ihre Kinder und Enkel da sein muss? Das ist doch nicht gerecht! Also fragte ich Friederike:
Warum vertraust du nicht auf dich und deinen Mann? Warum habt ihr in fünfzehn Jahren Ehe nicht einmal daran gedacht, euch selbst ein Zuhause zu kaufen? Dann würde deine Schwiegermutter euch keine Vorwürfe machen.
Friederike erzählte weiter:
Ich träumte so sehr davon, dass meine Mutter mit dem Ruhestand aufs Land zieht, und dass wir dann ihre Dreizimmerwohnung übernehmen könnten!
Ich beschloss, Friederike ein wenig zu necken und sagte: Nein, nein, nein! Was wäre, wenn Brigitte eines Tages noch heiraten würde? Ich hatte eine Bekannte, die fuhr spontan in den Urlaub nach Griechenland. Dort lernte sie einen Mann kennen und hat ihn geheiratet. Jetzt lebt sie glücklich am Meer. Vielleicht macht Brigitte das auch!
Nach diesen Worten schaute Friederike mich an, als würde sie aus einem seltsamen Traum erwachen. Erst neulich hatte ich Fotos von Brigitte im Internet gesehen: Sie schrieb, dass sie sich prächtig erholt und ihr Leben genießt. Mit ihr freute ich mich. Ich finde, sie macht alles richtig. Das Alter ist kein Hindernis für das Glück und es ist auch kein Grund, auf neue, wundersame Erfahrungen im Leben zu verzichten.
Alles ist möglich, wenn das Leben plötzlich anfängt, in seltsamen Farben zu leuchten so wie in einem deutschen Sommernachtstraum mit duftenden Lindenblüten und einer Wohnung, die am Morgen schwebend aus der Stadt verschwindet.




