Familienfeier Eintritt frei und ohne Grenzen
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Ach, verdammt … Behutsam hebt Svenja einen Scherben der bayrischen Vase auf, zögert, ihn wegzuwerfen, und legt ihn dann auf die Fensterbank. Tante Lotte, verzeih mir, murmelt sie in den leeren Raum hinein.
Die Wohnung duftet nach Shampoo, Sekt und irgendwie nach Mandarinen, obwohl gestern eigentlich niemand Mandarinen geschält hat. Hinter dem Sofa auf dem Teppich liegt ein Kunststoffkranz mit Glitzer. Im Schubfach des Couchtisches entdeckt sie ein gebundenes Seidentuch mit der Aufschrift Mädelsabend Deluxe.
Und unter der Heizung liegt schüchtern ein einsamer rosa Gummihandschuh mit abblätterndem Schleifchen. Er sieht aus, als wollte er vor dem letzten Abend fliehen und sei dabei steckengeblieben.
Svenja läuft im zerknitterten Bademantel mit ausgefranstem Gürtelquast durch das Zimmer, in der Hand einen Müllbeutel. Bei jedem Schritt raschelt es sanft von Bonbonpapier.
Auf der Fensterbank steht noch ein Glas mit einer eingetrockneten rubinroten Weinlache. In der Vase statt Blumen stecken drei Plastikstrohhalme mit glitzernden Sternen. An der Wand hängt eine Girlande aus Pappherzchen, von denen eines deutlich angenagt ist.
In der Küche wartet eine Baustelle auf sie.
Halb einsam thront auf dem Tisch die Hälfte einer mehrstöckigen Torte. Die Creme schmilzt wie ein verwehender Schneemann, schiefe Kerzen in den Zahlen 4 und 8 stecken schräg am Rand, obwohl man nicht Geburtstag, sondern einfach nur einen Abend unter Frauen gefeiert hat.
Im Spülbecken frösteln Sektgläser mit Lippenstiftspuren. Daneben stehen Unterteller mit eingetrockneten Hummusflecken. Auf einem Stuhl liegt ein Skatblatt für Wahrsagen die Hälfte offen, die andere halb verschoben, wie nach gescheiterten Prophezeiungen…
***
Svenja hebt mechanisch eine Karte auf der Karo König blickt sie müde und überlegen an. Gestern haben die Frauen mit diesen Karten Ehen, Umzüge und geheimnisvolle Ausländer vorhergesagt. Sie flüsterten, lachten dann aber doch laut und gossen die Weissagungen mit sprudelndem Sekt runter.
Sie beugt sich und zieht unter dem Sofa etwas Weiches hervor: ein fremder Spitzenstrumpf mit abgerissener Gummiband ein Relikt der Tanzparty auf dem Schemel. Kopfschüttelnd geht Svenja ins Schlafzimmer, dort ist es wenigstens ruhig.
Im Schlafzimmer herrscht relativer Frieden sieht man von drei Kissen auf dem Boden und einer Decke, gewickelt wie eine riesige Schnecke, mal ab. Als sie ihr Kissen aufschüttelt, findet sie darunter einen gefalteten, rosafarbenen Zettel.
Ein unangenehmer Stich ins Herz.
Wieder so eine vergessene Nachricht schreibt da etwa Erik aus der Bar an Judith? Aber die Handschrift ist bekannt: Schräg, große Buchstaben, jedes o von Judith ist ein kleiner Kreis.
Du bist die beste Gastgeberin der Welt! Deine Judith
Svenja bleibt am Ausrufezeichen hängen. Es wirkt ein wenig, als wackle es. Sie lächelt schief. Beste Gastgeberin mit zerbrochener Vase von Tante Lotte und Glitzer in der Dusche, so dass jeder Morgen ein Feuerwerk bietet.
Wie oft habe ichs mir geschworen nie wieder …, murmelt sie und sinkt aufs Bett.
***
Unter ihren Füßen macht es seltsam quietschend.
Svenja ruckt zusammen, schiebt den Hausschuh beiseite und findet darin eine unversehrte Mandarine. Ihre Schale glatt und glänzend, mit einem Zettel an einem Zahnstocher befestigt: Damit das Leben süß bleibt.
Gestern haben sie und die Frauen darüber Witze gemacht, jetzt spottet die Mandarine fast.
Das Handy brummt am Nachttisch. Judith (unser Wirbelwind) leuchtet auf.
Natürlich, sagt Svenja in den leeren Raum, räuspert sich und nimmt ab: Hallo?
Sveniii! Im Hörer klingt es, als gehe die Party woanders weiter. Du bist super, ehrlich! Die Mädels sind begeistert! Sogar Ines, die Maniküre, ist noch da wir haben uns kaputtgelacht, als du den Geist aus dem Schrank vertrieben hast!
Im Hintergrund ruft jemand: Sag Svenja, ich lasse jetzt nur noch bei ihr entbinden! tosender Beifall.
Danke, Svenja, Judith wird leiser. Du naja, du weißt schon. Bei dir ist es immer wie daheim.
Svenja sieht auf die Mandarine im Schuh.
Mhm. Wie daheim …
Okay, mein Star ruh dich aus, Königin der Buffets! *klick* Stille.
***
Sie legt die Brille ab, neben Judiths Zettel. Im Schrankspiegel sieht sie eine Frau um die fünfzig mit müdem Gesicht, überraschend jungen grünen Augen, eilig hochgesteckten Haaren darin feststeckend ein Glitzerstern. Ein einziger, störrischer.
Das Handy klingelt wieder, jetzt Videoanruf. Tanja die Tochter.
Svenja seufzt, fährt sich durch die Haare, doch der Stern bleibt hartnäckig.
Ja, meine Süße? Auf dem Bildschirm erscheint Tanja, zerzauste Stirnfransen, Kaffeetasse.
Mama! Tanja blinzelt ins Bild. Aha, sag ich doch. Schon wieder Glitzer an der Katze?
Nein, an mir, verbessert Svenja. Die Katze hat sich gestern von den Karten-Tänzen versteckt, steckt bestimmt wieder in der Wäschebox
Sie berichtet vom Abend.
Mama, hörst du dich eigentlich? Tanja grinst, dann ernst. Katze versteckt sich, bayerische Vase in Scherben, Mandarinen im Schuh … Kannst du Judith nicht einmal nein sagen?
Mitfühlende, aber auch gereizte Töne schwingen in Tanjas Worten.
Sie es geht ihr halt nicht gut, antwortet Svenja mechanisch. Das weißt du.
Und dir gehts gut? Wann hast du mal einfach nur entspannt, ohne Gäste?
Svenja blickt zur rosa Gummihandschuh unter der Heizung, auf den Zettel und die leere Wohnung voller fremden Gestern-Lachen.
Ich weiß nicht, sagt sie ehrlich. Wahrscheinlich hocke ich auch irgendwo hinterm Schrank. Zusammen mit der Katze.
Tanja lacht glucksend.
Ich hab dich lieb, Mama. Aber echt. Überleg mal das nächste Mal trinken wir einfach Tee, zu zweit. Ohne Wahrsagen, ohne Glitzer.
Eine kleine Stille, als ob etwas unausgesprochen bleibt.
Schauen wir mal, sagt Svenja.
Doch zum ersten Mal klingt ihr Schauen wir mal nicht mehr wie das ewige, höfliche: Natürlich, Judith, sondern wie ein Anfang zu etwas anderem.
***
Das erste Mal kommt Judith zu Svenja einfach so im Frühling vorbei draußen liegt noch schmutziger Restschnee, aber auf Svenjas Fensterbank strecken sich schon zarte grüne Triebe dem Licht entgegen.
Svenni, mach auf, ich bring Frieden! Und Kuchen!
Svenja öffnet die Tür und weicht automatisch, als wäre Judith eine Naturgewalt, die nach Parfüm (Vanille!) und Berliner Kälte riecht. Riesige Auflauf-Form in den Händen, etwas Gebräuntes drauf.
Hausgemachter Kohlkuchen wie bei Oma, weißt du noch? Schuhe bleiben halb an, Judith eilt schon in die Küche. Wahnsinn, Svenja! Dein Flur sieht aus wie im Wohnmagazin!
Verlegen rückt Svenja ihren ordentlich gefalteten Schal am Haken zurecht. Die Zweizimmerwohnung im Plattenbau ist ihr ganzer Stolz Tapeten auf die Gardinen abgestimmt, ein selbstgestricktes Plaid von Mama auf dem Sofa. Weiße Küche mit Holzarbeitsplatte, die Fensterbank voller Pflanzen.
Total gemütlich hier, sagen alle Gäste. Für Svenja ist das mehr als eine Floskel.
Komm, zieh dich aus, sagt sie routiniert und nimmt Judith den Kuchen ab. Der ist ja schwer!
Wie mein Leben! lacht Judith, aber ihre Augen strahlen. Weißt du … bei mir sie meint ihre Altbauwohnung Küche: winzig, Wände dünn, über mir schreit das Baby, unten hämmert ständig wer. Aber bei dir
Sie dreht sich mitten in der Kombi-Küche dort steht ein kleiner runder Tisch, am Fenster ein breites Sofa.
Hier atmet die Wohnung! Luft! Das ist Sünde, allein zu sitzen. Wir müssen kleine Abende machen, nur wir! Plus zwei Freundinnen, die sind toll, ehrlich!
Svenja trifft das Sünde allein zu sitzen wie ein kurzer Stich. Sie denkt an all die langen Abende allein, an Fernsehen zum Stricken, während Tanja weg ist, und daran, dass Verwandte sie nur zu Festen beachten.
Mädelsabend? Sie zögert. Eigentlich … warum nicht. Kuchen hab ich ja.
Judith reißt die Augen auf.
Du meinst JA? Ich dachte schon, ich muss bestechen! Na dann Samstag ohne offiziellen Grund … einfach Probe-Mädelsabend.
Samstag wirkt unwirklich, als ob es nie käme.
Okay ich koch auch was.
Svenja, du bist Gold wert. Und Judith umarmt sie so fest, dass die Rippen knacken. Wir sind fast wie Schwestern!
Dieses fast fühlt sich komisch an, Svenja schluckt es mit einem Stück Kuchen hinunter.
***
Ostern jenes Jahres findet dann natürlich bei Svenja statt. Judith hat eingeladen.
Bei Svenja ist es ein Zuhause! Ihre Hefezöpfe wie aus der Werbung, Eier wie in Zeitschriften und eine Katze, die alles überwacht.
Die Katze die getigerte Mici wirkt eher wie eine müde Aufpasserin. Aber Hauptsache, wichtig.
Judith kommt mit zwei Freundinnen. Svenja steht etwas ratlos im Flur, als auf einmal drei laute Frauen gleichzeitig reinstolpern: eine rothaarig im gelben Trench, eine brünette in Leder und eine kleine brünette mit großem Lachen.
Das ist Lena, das ist Irina, das ist Mareike, winkt Judith. Und das ist Svenja, bei der es immer warm und lecker ist.
Svenja bugsiert hastig Schuhe, bietet Pantoffeln an, zeigt mit listenhafter Hoffung an die Garderobe. Im Kopf rechnen: Stühle? Zwei Hefezöpfe? Elf Eier. Und ein typischer deutscher Salat für das ernsthafte Buffet.
Natürlich reicht das nie. Kaum eine Stunde vergeht, schon ruft Judith, während sie über Glasur sinniert: Mist, ich hab vergessen: Katja und Julika sind um die Ecke, ich lade sie eben ein! Svenni, ist das okay? Die bringen Eier mit.
Svenja will protestieren, aber da piept der Backofen. Schon wieder mehr Gäste.
***
Das Fest wird eine laute Marktparade. Es wird gestritten, wessen Hefeteig besser aufgeht, wer als Kind schon auf dem Land gebacken hat. Lena schwingt den Löffel mit Schokoladenglasur, trifft die weiße Tischdecke, braune Sprenkel spritzen bis zum Rand.
Ups …, Lena grinst ertappt. Heißt das jetzt: Geldsegen?
Judith lacht los, alle stimmen ein. Svenja tupft mechanisch, der Fleck bleibt.
Ach, macht nichts , sagt sie. Doch Judiths Blick ist plötzlich so warm, als rette Svenja nicht nur die Decke, sondern die ganze Welt.
Am Abend ist die Fensterbank voll bunter Eier, der Papierring aus Servietten hängt an der Wand, unter dem Tisch liegen Sandalen. Judith, mit Rotwein, erklärt feierlich:
Mädels, ich sage euch bei Svenja ist immer richtiges Fest!
Beifall, und Svenja fühlt, wie dieses richtiges Fest in der Brust nachhallt. Als würde ihr leiser Herd für etwas Großes reichen.
***
Früher war es allerdings anders. Damals gab es die richtigen Feste bei Judith.
Judith war immer die Chefin: extrovertiert, laut, ein bisschen derb, aber Anführerin. Im Hof sammelten sich die Kinder bei ihrem Eingang. Es gab dort Modenschauen im Bademantel von Mama und geheime Klubs unter der Kellertreppe. Sogar die Omas sagten: unsere Schauspielerin.
Svenja hingegen war still: Immer pünktlich zu Hause, brachte Bücher unbeschadet zurück, putzte die Schuhe am Teppich bis sie glänzten.
Svenja, du bist unser Streber, meinte Tante Lotte, Mamas Schwester, auch Judiths Mutter. Pass heute auf Judith auf, ja?
Als Teenager trennten sich ihre Wege. Judith kam früh mit wilden Geschichten von Diskos zurück, Svenja startete eine Ausbildung, machte das Abi an der Abendschule, wurde Buchhalterin, lebte geregelt. Die Cousinen trafen sich selten, höchstens zu Familienfeiern.
Dann starb Tante Lotte. Beerdigung, Leichenschmaus, müde Gesichter, alte Geschichten kommen hoch. Da saßen sie bei Svenja bis drei Uhr morgens, spülten die Trauer mit Tee runter.
Mit Mama ist unser Zuhause gestorben, sagte Judith traurig ins Teeglas. Ich weiß gar nicht, wie das ohne geht.
Svenja, die schon vier Jahre ohne ihre Mutter lebte, murmelte: Es geht auch anders. Nicht besser, nicht schlechter. Einfach neu.
Danach riefen sie öfter an erst für Formalia, dann für Kleinkram, irgendwann einfach so. Bald zog Judith Svenja wie ein Strudel in ihre Welt.
Was sollen wir, Verwandte, getrennt leben? Nee! Ich komm zu dir, du zu mir!
Zu Judith ging Svenja aber kaum. Mal war die Arbeit schuld, mal Tanja, mal war sie zu müde. Doch Judith kam immer öfter zu ihr.
***
So wurde bei Svenja zur Formel:
Na klar, zu Svenja, plant Judith via Handy. Was soll ich mit meiner Mini-Küche? Svenja hat Wohnzimmerküche, Blogger-Traum!
Silvester? Zu Svenja! Da gibts einen Lichterkreis und Hering-Salat wie Torte.
Ostern? Birthday? Einfach mal so? Immer zu Svenja da isst man gut, es ist schön.
Anfangs fühlte sich Svenja geschmeichelt.
Ihr sorgsam gepflegtes Zuhause war für andere Zentrum. Sie freute sich über neue Servietten, experimentierte Brote und wurde gelobt für ihre Tafel. Wie im Magazin!
Doch mit der Zeit wurde es viel. Gäste kamen nicht nur nach Judiths Einladung.
Svenja, hier ist Lena, gestern war ich mit Irina und Judith bei dir wir schauen kurz vorbei?
Einmal klingelt es das dritte Mal in einer Woche. Vor der Tür steht Nadja, eine aus alten Tagen damals gab es Zoff, Vorwürfe. Peinlich.
Hi … Judith sagte, du, äh … Party bei dir, kann ich früher zum Helfen?
Svenja spürt, wie alte Scham aufsteigt. Sie will Nein sagen, doch sie tritt beiseite.
Komm rein, sagt sie. Kaffee?
Der Küchentuchknoten in ihren Händen wird ganz fest.
***
Der erste Protest ist albern-kindlich.
Willst du den Gästen das Fest verderben? Kauf mieses Gebäck!
Statt die köstlichen Hörnchen aus der örtlichen Bäckerei nimmt sie knuspriges Billiggebäck aus dem Supermarkt, das vor dem Tee schon zerkrümelt.
Sollen sie sehen, dass nicht alles bei mir wie im Restaurant ist, denkt sie stur und füllt die Schüssel.
Die Party läuft trotzdem herrlich. Judiths Freundinnen knabbern das schlechte Gebäck und bringen Oliven, Käse, Judith Tomaten Deluxe.
Mareike hängt später ihre Plastikkette an die Türklinke am Morgen baumelt sie vor der weißen Tür. Svenja will sie wegräumen, da klingelt Judith schon wieder.
Oh bei dir ist sogar die Türklinke festlich!, lacht sie.
Svenja will sagen: Das ist kein Fest. Das ist Chaos. Aber da klingt so viel echte Freude in Judiths Stimme, dass sie nur seufzt:
Ein Fest …
Das Fest bleibt …
***
Besonders war der Mädelsabend, den Judith Wahrsagen-Nacht nannte.
Heute blicken wir in die Zukunft! Svenja, du bist unsere Orakel-Meisterin selbst dein Teekessel flüstert Prophezeiungen.
Svenja liest Orakel und guckt verdutzt auf ihren altkalkigen Wasserkessel.
Eine der Freundinnen, Lena, schleppt Tarotkarten, eine dicke Kerze, einen kleinen Spiegel an.
Das ist kein Treffen, das ist eine Séance, verkündet sie. Wir rufen die Geister.
Svenja kichert ängstlich.
Welche Geister? Hier gibts allenfalls Geister der Erbsensuppe …
Genau!, lacht Judith. Entspann dich, ist nur Spaß.
Licht aus, Kerze an, Goldschimmer tanzt an den Wänden. Mici, die Katze, hockt skeptisch am Fensterbrett.
Lena legt Karten, richtet den Spiegel Jetzt fragen wir das Universum.
Svenja fühlt sich wie Statistin auf der eigenen Party, beobachtet das Kerzenlicht auf den Gesichtern, denkt, all die Fragen um Liebe, Geld, Umzüge drehen sich seltsam um sie herum.
Plötzlich flackert das Licht erst ein, dann das andere. Dann Krach, der Strom ist aus.
Oh!
Ein Zeichen!, flüstert Lena, die Mädels kreischen.
Svenja greift schon nach dem Handy, da schießt plötzlich etwas Dunkles vorbei Mici, panisch, verschwindet in den Schlafzimmerschrank.
Das nächste Zeichen: Hier wirds selbst den Geistern zu eng, sagt Svenja trocken.
Nach wenigen Minuten ist das Licht wieder da Kurzschluss wegen Bauarbeiter im Haus. Doch die Katze bleibt noch Stunden im Schrank. Svenja hört leises Kratzen, ein klägliches mrr, ganz hinten aus dem Wäscheberg.
Als Mici am nächsten Tag wieder rauskommt, verstaubt und beleidigt, sagt Svenja beim Streicheln:
Na komm, Mici. Wir verstecken uns gemeinsam.
Die Katze schnaubt leise und trottet in die Küche, zu vergessenen Glitzerflecken.
***
Svenja braucht Bedenkzeit.
Erst stiert sie auf dem Küchenstuhl auf das leere Nachrichtenfeld am Handy blinkender Cursor.
Sie tippt: Judith, nächstes Mal feiert ihr bei dir. Sofort löscht sie wieder.
Noch ein Versuch:
Judith, ich kann nicht mehr …
Judith, bitte keine Parties bei mir, wenigstens für eine Weile.
Judith, ehrlich, ich bin fix und fertig.
Jeder Satz klingt zu scharf oder zu lasch. In Gedanken hört sie Judiths Svenni, du verstehst doch, Du bist ja immer lieb, Ist doch nicht schlimm für dich.
Sie atmet tief, legt das Handy beiseite, geht ins Zimmer, vor den Spiegel. Licht zuckt, Schatten im Gesicht. Svenja nimmt die Bürste bleibt abrupt stehen, schaut dem eigenen Spiegelbild in die Augen:
Judith, nächstes Mal feiert ihr bei dir.
Die Stimme zittert. Sie presst die Lippen zusammen.
Kein Rechtfertigen, mahnt Tanjas Stimme im Kopf. Du darfst!
Gerade Rücken, Schultern zurück, als ob sie gleich auf eine Bühne tritt.
Judith, spricht sie jetzt, ich freue mich auf gemeinsame Zeit. Aber ich mag keine Parties mehr bei mir. Nächstes Mal feiert ihr bei dir.
Wieder kippt der Ton ins Rechtfertigende.
Keine Ausflüchte, tadelt sie sich. Ich bin keine Entschuldigungsmaschine.
Langsam tippt sie:
Judith, ich bin ehrlich: Ich brauch mal Pause von Gästen. Nächstes Mal macht ihr das bei dir, ja?
Der Finger schwebt über Senden. Im Brustkorb schnürt etwas, Angst, Judith zu verlieren, sie zu verletzen. Na endlich! Hab ich immer gewusst, dass du langweilig bist.
Sie schickt ab, legt das Handy weg.
Zeit zu reden, flüstert sie. Persönlich.
Vor dem Spiegel probt sie den Dialog mehrfach.
Judith, das ist mein Zuhause, mir ist es zu viel …
Ich mag dich, aber ich muss nicht für alle die Bühne sein …
Judith, wir müssen mal über Grenzen sprechen.
Jedes Mal wird die Stimme dünner. Sie sieht keine große Chefin, sondern eine Frau, die lernt, nein zu sagen als Fremdwort.
Doch irgendwann schleicht sich eine neue Note in den Blick nicht Wut, nicht Müdigkeit, sondern Entschlossenheit. Leise, aber standhaft.
Okay, sagt sie dem Morgen im Spiegel. Gehen wir zu ihr. Nicht zu mir. Zu ihr.
***
Svenja geht absichtlich ohne Vorankündigung zu Judith.
Wenn sie immer unangemeldet mit Kuchen und Freundinnen kommt, dann darf ich das auch. Nicht als Gastgeberin, sondern als Gast. Als Zeugin.
Judiths Altbau: hohe Decken, bröckelnder Putz, Briefkästen mit ausufernden Zeitungen auf dem Flur. Früher fand Svenja das charmant jetzt riecht es nach Feuchtigkeit und kalter Erbsensuppe.
Kein Aufzug. Svenja schleppt sich hoch, starrt die abgeschabten Stufen an. Im dritten Stock folgt ein Mix aus billigem Raumduft und abgestandenem Eintopf.
Die Tür von Judith erkennt man. Ein schief angenagelter Lorbeerkranz, ein Holzschild: Hier wohnt das Wunder. Früher fand Svenja das süß, jetzt wirkt es naiv und traurig.
Klopfen. Nichts rührt sich. Sie klingelt ausdauernd. Nach Minuten leises Tapsen, heisere Stimme:
Wer ist da?
Ich, sagt Svenja. Svenja.
Langes Fummeln am Schloss, als würde die Türe Widerstand leisten. Dann einen Spalt offen.
Judith lugt in verbeultem Trainingsanzug hervor, ein Wollsocken am Fuß, der zweite in der Hand. Die Haare zerzaust, die Augen geschwollen.
Svenni? Du ohne Anmeldung?
Kommst du bei mir jemals mit Anmeldung? fragt Svenja ruhig.
Judith blinzelt, macht die Tür aber schließlich auf.
Die Wohnung trifft einen mit … Leere. Nicht Tapete, nicht Möbel, sondern … Nichts.
Im Flur kein Herzlich willkommen kein Teppich, kein Schuhregal. Schrubber an der Wand, alte Schuhe, ein ausgetretener Treter, Turnschuhe, ein Pumps. Auf dem Boden ein eingetrockneter Fleck.
Svenja geht weiter und das Herz zieht sich zusammen.
Im Zimmer steht ein Sofa, mal grün, inzwischen grau abgewetzt. Drauf: Kleider, Jeans, Shirts, einfach ein Haufen.
Am Boden: Leere Weinflaschen, Energydosen, eine Zeitschrift ohne Umschlag. Laptop auf dem Schemel, daneben Aschenbecher voller Kippen.
Unterm Tisch: Zwei Tassen. Eine umgekippt, alter Inhalt als brauner Kreis auf dem PVC. Die andere auf Teppichrand, kalt gewordener Kaffee mit Zigarettenasche oben drauf.
Betrunkener Kaffee, denkt Svenja, so nannte Tanja das. Kaffeetassen, die übrig bleiben, während das Leben scheinbar wichtigere Sorgen macht.
Auf der Fensterbank keine Blumen wie bei Svenja stattdessen Plastikbecher, ein Chipstütenrest, eine vertrocknete Zitrone bei der Heizung.
Irgendwas in ihr wird umgestülpt.
Das ist keine unaufgeräumte Wohnung, sondern ein Leben, das zerfasert, ohne dass es jemand merkt.
***
Schau nicht so, sagt Judith schroff. Ich hab eben nach … naja, allem noch nicht aufgeräumt.
Nach was? fragt Svenja leise.
Nach Mama. Nach der Arbeit. Nach dem … sie deutet auf Weinflaschen Leben. Nach Allem halt.
Judith geht in die kleine Küche wirklich eine Kammer. Ein Tisch, ein Stuhl, ein uralter Kühlschrank mit abgeplatzten Magneten. Im Spülbecken verkrustete Teller. Eine Pfanne mit kalt gewordenen Kartoffeln, im Eck ein voller Müllbeutel.
Judith beginnt, Tee zu kochen.
Svenja drückt ihre Tasche an sich, sieht vor sich: Ihre eigene Küche, Decke, Kuchen, Glitzer, Lachen. Und hier … eine Parallelwelt voller Stille und Schmutz.
Plötzlich versteht sie tief, dass Judiths Besuche mehr sind als nur praktisch: Sie sucht bei Svenja die einzige Zuflucht von ihrem kahlen Alltag.
Bist du … wegen was Besonderem da? Oder Inspektion?
Beides, antwortet Svenja. Heute beides.
***
Ich dachte, du bist böse, bricht Judith plötzlich in sich zusammen, Tränen in den Augen, nicht mehr vor Lachen.
Bin ich. Sehr. Ich mag kein ewiges Feiern bei mir zu Hause. Gestern war die letzte Grenze erreicht. Sie stellt die Tasche ab, macht keinen Platz auf dem Küchentisch.
Aber ich wollte auch verstehen.
Judith wischt sich über das Gesicht, verschmiert die Tusche.
Was verstehen?
Wieso es bei dir so ist. Und warum nur bei mir wie daheim ist.
Judith lacht brüchig.
Weil du ein echtes Zuhause hast. Und ich? Kulissenwohnung. Ich fühl mich hier nie daheim seit Mama tot ist. Ich wohne wie eine Untermieterin, nicht wie jemand, der hierhin gehört.
Svenja schweigt. Sie erinnert sich an die Zeit nach dem Tod der Mutter erst, als sie alles umräumt, wird es langsam ihr eigenes Zuhause.
Und bei dir Bei dir ist alles am Platz. Plaid ordentlich, Tassen glänzen, Katze schnurrt am Fensterbrett. Du läufst durch die Küche und weißt, wo was liegt. Du du bist Chefin deines Lebens.
Sie schluchzt.
Bei dir … habe ich seit Ewigkeiten zum ersten Mal keine Angst mehr. Bin nicht allein.
Svenja spürt, wie sich Wärme in ihrer Brust ausbreitet Mitgefühl, Erkennen.
Und ich …, lacht Judith impulsiv, dachte immer, du magst, wenn das Haus brummt. Weil du so toll organisierst!
Sie verschränkt die Finger.
Ich dachte, du findest es super, wenn alles belebt ist und du nicht allein bist. Ich hab gar nicht gesehen … Wollte es nicht sehen, glaub ich Ich floh halt immer zu dir, weils wie früher war.
Svenja schluckt.
Du hast also nie gemerkt, dass mein Zuhause langsam Teil deines Chaos wurde?
Judith verbirgt das Gesicht in den Händen.
Ich … hab Angst vor dem Alleinsein, Svenja. Ehrlich. Wenn ich hier abends sitze, höre ich Mamas Stimme: Ihr Tadeln, ihre Ansprüche, ihr Alles falsch gemacht. Dann dreh ich Musik auf, rufe Leute an, renn zu dir weil nur bei dir noch irgendwie alles gut ist.
Svenja setzt sich ihr gegenüber. Alles, was sie geprobt hat, klingt gar nicht mehr streng nur ehrlich.
Judith, sagt sie sanft, bestimmt. Es tut mir sehr leid, dass du dich so einsam fühlst. Es tut gut, dass du mein Zuhause als Zuflucht siehst. Aber
Sie legt die Hände auf den Tisch, damit sie still bleiben.
Ich kann nicht mehr für alle deine Fluchten das einzige Polster sein.
Judith senkt den Blick. Svenja atmet aus.
Lass uns was ändern.
***
Was heißt anders? fragt Judith, Nase in ein Taschentuch.
Zum Beispiel: Nicht alle Feste bei mir.
Ihr Blick gleitet zu den Kaffeetassen am Boden, dem vollen Beutel, dem wilden Haufen.
Fangen wir damit an ein Zuhause ist nicht nur da, wo es lustig ist. Sondern auch da, wo man sich nicht vor sich selbst schämt.
Judith lächelt traurig.
Vor mir selbst schäme ich mich lange schon, gesteht sie.
Dann ändern wir das ab heute, steht Svenja auf. Wenn du all deine Leute weiter zu mir abschiebst, bleibt es hier … leer und chaotisch. Und mir wird das zu viel.
Sie stützt sich am Stuhl ab.
Wir machen das jetzt so: Treffen im Wechsel. Einmal bei mir, einmal bei dir. Aber … keine Massen, kleine Gruppen. Nicht jede Woche, einmal im Monat.
Du willst … Gäste hierher bringen? In diese … Wohnung? Judith deutet herum.
Ich will mein Zuhause nicht mehr als einziges Festlokal zur Verfügung stellen, erwidert Svenja. Ich will deins zu einem richtigen Ort machen.
Sie lächelt mild.
Und ich schlag noch was vor: Fangen wir klein an. Nicht mit Gästen. Wir beide.
Wie meinst du?
Svenja krempelt die Ärmel hoch.
Ich meine: Wir nehmen jetzt den Müll, spülen die Tassen, wischen den Tisch und … backen Pfannkuchen. Für uns. Ohne Feminaparty, ohne Glitzer, ohne Tarot. Nur du und ich.
Pfannkuchen? Judith schnupft, in den Augen Flammschimmer: Ich kann besser Quarkbällchen!
Quarkbällchen gehen auch.
***
Sie machen es.
Erst holprig. Svenja holt einen frischen Müllbeutel, knotet den vollen zu, bringt ihn raus. Judith sammelt Tassen, spült. Svenja hilft.
Ich bin auch nicht mit sauberem Sofa geboren, sagt sie. Mama hats mir beigebracht. Und das Leben. Du hast einfach … anders überlebt.
Judith schweigt, spült aber sehr gründlich.
Bald duftet es nach Bratöl. Judith, jetzt im Element, wirkt wieder wie das Mädchen von damals auf dem Hof, als sie Modeschauen imitierte. Nur ist ihr Laufsteg jetzt ein Sandkasten aus Altbauwänden.
Als die ersten heißen Quarkbällchen gegessen werden, klingelt es.
Wer denn jetzt? Judith fährt hoch.
Svenja späht hinaus und grinst.
Familie, sagt sie.
Auf der Schwelle steht Tanja mit Rucksack und Tüte.
Dem Duft gefolgt, entschuldigt sie sich. Ich hab dir geschrieben, Mama, du hast nicht geantwortet Musste vorbeischauen.
Judith zupft verlegen ihr Haar.
Komm rein, sagt Svenja. Wir machen eine Generalprobe für unser neues Format.
Tanja betritt das reinliche, aber karge Wohnzimmer, überschaut alles, merkt die neue Stimmung.
Ach, sagt sie. Jetzt gibts bei Tante Judith auch Glitzer.
Was? Judith versteht nicht.
Sieh zur Lampe, lacht Tanja.
Tatsächlich hängt da ein silbernes Sternchen offenbar am Pulli mit umgezogen.
Svenja lacht.
Na, prima. Jetzt glitzern wir beide.
Hauptsache, freiwillig, zwinkert Tanja.
Svenja spürt, wie sich innerlich etwas entspannt. Sie ist immer noch wütend auf Judith, fürchtet weitere Mädelsabende aber diesmal hat sie die Wahl. Und Judith auch.
Zu dritt an Judiths Küchenzeile, mit Quarkbällchen, lachend, als sich Mehl auf Judiths Wange schleicht.
Ohne dass sich jemand fremd wie in einer Mietwohnung fühlt. Es ist das erste kleine, aber echte Fest. Ohne Buffetkönigin oder beste Gastgeberin der Welt. Einfach Svenja, Judith und Tanja.




