Die Schwiegermutter nennt mich eine schlechte Hausfrau – also gebe ich ihren Sohn zur „Umerziehung“ zurück

Gestern Nacht, im Dunst eines seltsamen Traums, tauchte ich auf in einem Münchner Altbau. Die Wände wogten wie Wellen, und aus dem Kleiderschrank drang seltsam blauer Dampf. Irgendwo zwischen Bett und Küchenherd stand Helga, meine Schwiegermutter, mit einer Brille so groß, dass ihre Augen leuchteten wie zwei Euro-Münzen im Nebel.

Sag mal, Lore, warum hängen die Hemden von Paul nicht nach Farben sortiert? Himmelblau sollte links sein, dunkelblau recht. Schon meine Mutter hat mich das gelehrt! Ästhetik, verstehst du?, giftete sie und ihre Stimme klang wie ein bayerischer Oberstudienrat, der einem Schüler das Versmaß erklärt.

Ich, Lore, erstarrte. Zwischen meinen Fingern das Handtuch, vor Augen ein Berg aus Pflicht und Müdigkeit. Den Tag hatte ich im Büro am Leuchten ringender Steuerunterlagen verbracht, mich dann durch den Feierabendverkehr auf dem Mittleren Ring gequält, schließlich im Supermarkt frische Rinderhüfte besorgt, weil Paul gestern im Traum meinte, nach selbstgekochtem Gulasch zu verlangen. Nun aber stand ich in unserem surrealen Schlafzimmer, umgeben von tickenden Kuckucksuhren und Halbschatten, und hörte: Die ebenmäßige Abstufung der Blautöne ist essenziell. Im Detail steckt der Teufel, liebe Lore. Oder das Wohlbehagen. Du aber hast das Chaos. Mein Junge kommt heim und findet nie Harmonie. Der Mann ist wie eine Stimmgabel wird er schief gestimmt, wird alles im Leben krumm, dozierte sie.

Paul, der arme Junge, mit seinen 34 Jahren, saß im Wohnzimmer, das sich inständig dehnte und schrumpfte, die Sonne aus dem Fernseher schien auf seine Finger, die am Controller klebten. Er kämpfte im Spiel gegen feuerspeiende Drachen, während die Dialoge seiner Mutter wie Glühwürmchen durch die Luft flogen. Kein Gruß, kein Schutz, nur Levelaufstieg.

Helga…, atmete ich, den Schrank zuschlagend, um ihr den Blick aufs Unheil auszuschließen. Paul hat fünf Hemden. Zwei in der Waschmaschine, eins an, zwei hier. Ob das Blaue links oder rechts hängt… ist das nicht egal?

Und das ist wieder typisch! Ihre schweren Goldarmreife klingelten wie Kirchenglocken, als sie die Arme gen Himmel hob. Egal ist gar nichts! Ich habe damals bei MAN im Personalwesen gesessen, zwei Kinder erzogen, einen Schrebergarten gepflegt, und mein Mann hatte stets gestärkte Hemden und Braten mit Sauce auf dem Tisch. Sie fuhr fort, den Finger prüfend über den Fensterrahmen streichend (zu ihrem Leid rein und staubfrei), Brotkrümel suchend, die nirgends zu finden waren, und kritisierte gar meine Spülbürste: Die muss man alle drei Tage wechseln! Hygiene, Lore, Hygiene!

Was gibts heute zum Abendessen?
Gulasch, wie Paul wünscht.
Gulasch? Um sieben Uhr ist der Mann noch hungrig? Der Magen eines Mannes kennt keine Geduld! Bald hat er Magengeschwüre.

Die Traum-Stimmung schwoll wie ein Donnergrollen. Es war nicht ihr erster Besuch mit ihrem Schlüssel (Paul hatte ihr den im Notfall gegeben), sie liebte es, mich überraschend zu kontrollieren.

Doch diesmal spaltete sich etwas in mir. Vielleicht war es die Müdigkeit, vielleicht die surreale Flut aus blauen Hemden, vielleicht die Gleichgültigkeit Pauls. Plötzlich sagte ich: Schwiegermama, wie wärs mit einer Tasse Tee?

Misstrauisch blinzelte sie. Na gut, aber nur wenn es richtigen Blatt-Tee gibt, keinen Kram aus Beuteln! Während der Wasserkocher eigenartige Melodien summte, inspizierte sie weiter: Brotkasten, Kühlschrankschubladen, und setzte sich dann an den Tisch wie ein Richter am Landgericht.

Lore, du bist eine schlechte Hausfrau, entschuldige meine Offenheit. Ich habe Paul wie eine Orchidee gehegt, ihn mit Seele gewässert, und du vernachlässigst ihn: Fertigprodukte, die schrecklichen Maultaschen… Das ist Gift!

Wir lieben Maultaschen, murmelte ich.
Du kannst Nägel lieben, aber ein Mann braucht Nahrung! Du profitierst nur, lebst für die Karriere Fitness und Hektik und das Haus verkommt. Mein Sohn verdient mehr.

In jenem Moment schallte aus dem Wohnzimmer: Jawoll, geschafft! Drachen erlegt! Pauls Triumph. Ich betrachtete Helgas makellose Frisur und ihre fest gepressten Lippen. Dann passierte etwas Seltsames in meinem Traumherz: Ich wurde federleicht.

Sie haben recht, Helga, lächelte ich, und sie verschluckte sich fast am Tee.

Wie bitte?
Ich bin wirklich eine miserable Hausfrau keine gestärkten Hemdkrägen, Maultaschen statt hausgemachter Knödel, und überhaupt Diese Verantwortung ist mir zu groß. Ich muss Paul zurückgeben. An die Herstellerin.

Ich glitt ins Wohnzimmer wie ein Gespenst im Dirndl, Helga hinterher, flatternd wie eine verängstigte Taube.

Paul, schalt aus. Wir packen deine Sachen. Du ziehst um. Zu Mama.

Was? Ist heute Fasching, oder was?
Nein, du gehst auf Kur. Deine Mutter kann dich perfekt verpflegen. Dort gibts Krägen, Gulasch nach Uhrzeit, und du wirst gebettet wie Ludwig der Zweite.

Helga schnappte nach Luft. Ihre Manipulationsmanöver versank in Marmeladedunst. Paul stammelte: Aber der Weg zur Arbeit!

Gesundheit geht vor, schob ich Jeans und Zahnbürste in die Sporttasche.

Lore, hör auf mit dem Theater! Es geht mir nur ums Prinzip!

Prinzip? Ich kanns nicht ändern genetisch. Paul muss in den Wellness-Mutter-Kurpark zurück.

Paul flehte: Mama! Sag was!
Helga richtete sich abrupt auf, die Henne im Hühnerstall. Vielleicht ist das richtig. Lass ihn sich bei mir erholen. Und du, Lore, lernst mal, wie es ist allein. Dann musst du selbst die Glühbirnen auswechseln!

Ich stieß ein Lachen aus die Glühbirnen wechselte ich IMMER, Paul suchte nie lange nach der Leiter, sondern einen Grund, es nicht zu machen.

Abgemacht! Ich schloss den Reißverschluss der Tasche und parkte sie bei Pauls Füßen.

Lore, du kannst mich nicht rauswerfen!
Die Wohnung ist meine vor der Ehe gekauft. Es ist kein Rausschmiss, sondern eine Kur. Sobald deine Mutter ein Qualitätssiegel ausstellt, können wir reden. Bis dahin, genieße die Mutterliebe.

Die Metalltür klappte zu. Die Wohnung dehnte sich aus, wurde heller, leiser, sang in blassen Farben. Keine Gaminggeräusche, kein Gemecker, kein Was gibts zu essen?

Ich spazierte zur Küche, räumte Teetassen weg, holte edlen trockenen Wein aus dem Kühlschrank, den ich für den Tag der Revolution aufgehoben hatte, und lümmelte mich auf Pauls Sofa. Die Pizza pikant, fett, wild bestellte ich prompt, und hemisch knisterte der Fernseher mit einem Serienmarathon, von dem Paul stets sagte, das sei Weiberkram.

Die Tage flossen wie bayerische Butter ich kochte leichte Sachen, aß Quark mit Heidelbeeren, und plötzlich blieb die Wohnung sauber, wie von selbst. Die Spüle funkelte, im Bad keine Pfützen, die Zahnpastatube stets fest verschlossen.

Erst am dritten Tag vibrierte das Handy. Paul meldete sich, die Stimme klang wie ein trauriger Hund.
Wie ists im Sanatorium? Sind die Hemdkrägen gestärkt?

Lore ich Sie füttert mich durch. Frikadellen, Borschtsch, Strudel. Ich passe in keine Jeans mehr! Jeden Morgen um sechs Wecken, Gymnastik, Computer verboten angeblich Strahlen. Und reden, sie redet ohne Pause! Geschichten über Nachbarn, Hüftprobleme, Zinsentwicklung Ich halte es kaum aus! Arbeiten von daheim geht nicht, sie bringt dauernd Tee und Vorschläge!

Du wolltest Fürsorge. Jetzt bekommst du Fürsorge. Total und allumfassend.

Ich will zurück, Lore. Bitte! Ich vermisse dich und alles! Darf ich heimkommen?

Nicht jetzt. Mindestens noch eine Woche. Ich muss weiter an meinem Versagen als Hausfrau leiden.

Ich legte auf, mit einer seltsamen Wärme im Herzen. Ich liebte ihn, den Chaoten, und wusste doch: ein sofortiges Nachgeben wäre der Rückfall ins Sockenparadies. Es musste ein Schock bleiben.

Nach sieben Tagen klingelte es an der Tür. Helga, die einst so strahlte, war nun wie abgestandene Limonade. Frisur zerzaust, Augenringe wie schwarze Perlen. Paul stand mit gesenktem Kopf und Tasche.

Guten Morgen, sagte ich neutral.

Lore, wir müssen sprechen. Helga klang wie ein leerer Zinnteller.

Paul plumpste auf den Küchenstuhl. Helga faltete die Hände.

Ich bringe ihn zurück. Es ist unerträglich!

Wie, nicht transformiert?

Nein, er ist ein verwöhnter, launischer Egoist. Früher hab ich ihn als Kind gern gehabt, aber als Mann ist er ein Krümelmonster. Dein Schwiegervater war viel eigenständiger. Aber der da Mama, wo sind meine Socken?, Mama, mehr Salz!, Mama, der Suppe fehlt was! Ich bin kaputt wie noch nie. Blutdruck zweihundert. Ich will endlich meine Ruhe! Serien und Tee ohne Geballer!

Paul wurde rot wie ein gekochtes Karottchen.

Das ist also die Rückgabe? Und was ist mit der schlechten Hausfrau?, hakte ich nach.

Bin schon ruhig. War alles übertrieben. Du bist sauber, versorgst gut was solls. Ich hatte einen schlechten Tag und Magnetsturm im Kopf. Hauptsache, ich hab ihn nicht zurückbekommen!

Paul blickte mich vorsichtig an. Lore, ich habe viel gelernt. Mamas Haus ist kein Hotel. Ich werde mich bessern!

Es gibt Bedingungen, sagte ich streng.
Welche? beide sahen mich an, wie Prüflinge die Schultafel.

Ich nahm mein Notizblatt aus dem Schubladenschlummer.
Erstens: Saugroboter, morgen wird gekauft.
In Ordnung.
Zweitens: Jeden Abend belädst DU die Spülmaschine.
Mach ich.
Drittens: Deine Hemden bügelst du selbst. Oder trägst sie krumm mir egal.
Krieg ich hin.

Und viertens: Helgas Besuche nur nach Vorankündigung. Kritik? Putzlappen im Bad, sonst bringst du die Torte mit und kochst selber. In meiner Wohnung gilt mein Gesetz.

Helga schnappte nach Luft, Erinnerungen an die Paul-Kur zwangen sie zum Stillhalten.
Gut so. Lebt ihr wie ihr wollt. Aber bring ihn mir ja nie zurück.

Paul atmete tief durch.

Am Abend, als Helga gegangen war und Paul wie ein reformierter Student eigenhändig die Spülmaschine luden (jeden Schritt dokumentierend), blickte ich zum leise brummenden Saugroboter.

Veränderung passiert nie über Nacht. Paul würde noch oft einen Sofa-Thron fordern und Helga würde den Putztest nicht aufgeben. Aber die roten Linien waren gezeichnet. Nicht mit Kreide, sondern mit Nagellack.

Paul kam rein, trocknete seine Hände.
Lore, sind Maultaschen übrig? Habe Sehnsucht danach. Mamas Dampfnudeln jagen mich im Schlaf!

Ich lachte. Laut, herzlich, und schob den Kochtopf auf den Herd.

Ich umarmte Paul; er roch nach Münchner Straßen und Lavendelwaschmittel ein Duft, den ich verabgrundete. Es war reparierbar. Wenn jemand zurückkam, dann verändert. Denn ein Zuhause ist kein Hotel, und die Frau keine Servicekraft.

Und Helga? Seitdem prüfte sie beim Besuch nur noch, ob Paul die Spülmaschine geladen und Tee gekocht hatte. Offenbar war die Angst vor der Rückgabe ein besseres Erziehungsmittel als Argumente oder Moralpredigten.

Und manchmal, um etwas zu reparieren, muss man es erst auseinandernehmen und zum TÜV bringen damit es neu und nach eigenen Regeln wieder zusammengesetzt wird.

Ob es so richtig war? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Aber im Traum war es das perfekte Ende.

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Homy
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Die Schwiegermutter nennt mich eine schlechte Hausfrau – also gebe ich ihren Sohn zur „Umerziehung“ zurück
Ein Paradies im Plattenbau Als Dima ihr die Schlüssel zu seiner Wohnung überreichte, wusste Eva: Sie hatte ihre Bastille genommen. Kein Leonardo DiCaprio hat den Oscar je so herbeigesehnt, wie Eva auf ihren Adam (wenn auch Dima) mit eigenem „Pavillon“ gewartet hatte. Mit 35, voller Sehnsucht, war ihr Blick immer öfter auf Straßenkatzen oder Schaufenster von „Alles für Handarbeit“ gerichtet. Und dann kam er – ein einsamer, seine Jugend der Karriere, gesunder Ernährung, Fitnessstudio und anderer Selbstoptimierungskram geopfert habender, kinderloser Mann. Auf diesen „Wunsch“ hatte Eva seit sie 20 war gehofft – und offenbar hatte der lahme Nikolaus endlich begriffen, dass das ernst gemeint war. „Ich habe dieses Jahr nur noch eine letzte Geschäftsreise, dann gehöre ich ganz dir“, meinte Dima, als er ihr das langersehnte Werkzeug gab – den Schlüssel zu seinem Refugium. „Erschrick bitte nicht vor meiner Höhle. Ich komme sonst nur zum Winterschlaf nach Hause“, sagte er noch und flog mit der Lufthansa ins nächste Wochenende und eine andere Zeitzone. Eva packte Zahnbürste, Creme, Schwämmchen ein – und machte sich auf, die Höhle zu inspizieren. Gleich am Eingang tauchten Probleme auf. Dima hatte gleich gewarnt: Das Schloss klemmt manchmal. Aber SO schlimm? Fast 40 Minuten kämpfte Eva mit der Tür – stieß, zog, steckte den Schlüssel bis zum Anschlag, drehte höflich, aber die eifersüchtige Tür wollte sich nicht einer neuen Bewohnerin öffnen. Psychologische Kriegsführung, wie damals auf dem Schulhof, half auch nichts. Da öffnete sich die Tür der Nachbarin: „Entschuldigung, wieso brechen Sie da ein?“ „Ich breche nicht ein, ich hab einen Schlüssel!“, schnaufte Eva, den Schweiß abwischend. „Und wer sind Sie bitte? Ich hab Sie hier noch nie gesehen.“ „Ich bin SEINE Freundin!“, entgegnete Eva herausfordernd, Hand in der Hüfte – doch die Nachbarin schaute nur durch den Türspalt. „Sieee…?“, wunderte sich die Frau. „Ja, ich! Gibts Probleme?“ „Nee, nur… er hat hier noch nie eine Frau… naja, dann mal viel Spaß!“ „Was heißt hier ‘eine wie ich’?“, aber die Nachbarin zuckte nur mit den Schultern und schloss die Tür. Eva dachte: Jetzt oder nie. Sie rammte den Schlüssel energisch hinein, so dass sie fast den kompletten Rahmen drehte – und endlich öffnete sich die Tür. Dimas ganzes Inneres offenbarte sich – Evas Seele wurde von Eiskristallen überzogen. Klar, allein lebende Männer sind oft etwas asketisch, aber das hier war eine echte Klosterzelle. „Armer Kerl, dein Herz hat längst vergessen – oder nie gekannt – was Gemütlichkeit ist!“, murmelte Eva beim Anblick des bescheidenen Wohnraums, der nun öfter ihre Zuflucht werden sollte. Andererseits war sie froh: Die Nachbarin hatte Recht – keine weibliche Hand hatte diese Fenster, Wände, Küche je berührt. Eva war die Erste. Sie hielt es nicht aus, zog wieder die Schuhe an und rannte in den nächsten „Möbel Martin“ für einen hübschen Duschvorhang und Badematte, dazu Topflappen und Küchentücher. Im Geschäft überkam sie die Welle: Zu Matte und Vorhang gesellten sich Duftkerzen, handgemachte Seife, Kosmetikboxen. „Ein paar Kleinigkeiten in eine fremde Wohnung bringen – das ist doch keine Unverschämtheit!“, beruhigte sie sich, als sie die zweite Ladung aufnahm. Das Schloss war nun kein Gegner mehr. Eigentlich funktionierte es überhaupt nicht mehr und erinnerte an einen Eishockey-Torwart ohne Helm. Eva verbrachte den halben Abend damit, den alten Zylinder mit Küchenmessern auszuhebeln und lief am Morgen zum Baumarkt für einen neuen. Die Messer mussten auch ersetzt werden. Und Gabeln, Löffel, Tischdecke, Schneidebretter, Topfuntersetzer – und Vorhänge waren auch gleich fällig. Sonntagmittag rief Dima an und sagte, dass sich seine Dienstreise noch um ein paar Tage verzögert. „Ich wäre dir sogar dankbar, wenn du meiner Wohnung etwas Leben und Wärme einhauchst“, lachte er, als Eva zugab, dass sie sich ein paar Freiheiten mit seiner Einrichtung genommen hatte. Übrigens – das „Wärme Einziehen“ betrieb sie mittlerweile schon auf LKW-Ladungen; alles wurde genau nach Einrichtungsplan verteilt. So viele Jahre war das in einer einsamen Frau aufgestaut – jetzt, da sie freie Hand hatte, konnte der Topf endlich überkochen. Als Dima zurückkam, war von der alten Wohnung nur noch eine kleine Spinne bei der Lüftung geblieben. Eva wollte auch die noch vertreiben, sah aber in die acht schockierten Augen und ließ sie als Symbol der Unantastbarkeit fremden Eigentums einfach bleiben. Dimas Wohnung sah aus, als sei er acht Jahre glücklich verheiratet, danach enttäuscht worden – und dann wieder glücklich, gerade eben deshalb. Eva hatte nicht nur die Wohnung, sondern gleich das halbe Treppenhaus für sich eingenommen, alle Nachbarn erfuhren, dass ab jetzt sie das Sagen hatte. Auch wenn der Ring am Finger noch fehlte – reine Formsache. Die Nachbarn beäugten sie erst skeptisch, dann zuckten sie nur: „Wenn Sie meinen. Ist ja Ihr Ding.“ *** Am Tag, als Dima zurückkommen sollte, bereitete Eva ein echtes, deutsches Abendessen zu, verpackte ihr noch straffes Hinterteil in aufreizend festliche Hülle, stellte Duftkerzen auf, dimmte das neue Licht – und wartete. So sollte ihr Adam empfangen werden! Kein Paradiesgarten, sondern ein richtiges Paradies im deutschen Plattenbau. Dima kam nicht. Als Eva spürte, wie das Korsett zu zwicken begann, hörte sie den Schlüssel im Schloss. „Keine Sorge, neues Schloss – einfach drücken, nicht abgeschlossen!“, rief sie verführerisch, aber auch etwas nervös. Vor jeglicher Verurteilung hatte sie keine Angst – sie hatte ganze Arbeit geleistet. Das würde ihr jeder vergeben. Genau in diesem Moment kam von Dima eine SMS: „Wo bist du? Ich bin zu Hause und sehe – die Wohnung ist wie immer. Meine Freunde meinten, du würdest alles mit Kosmetik vollstellen, aber nix davon.“ Eva las das natürlich erst viel später. Zunächst stürmten fünf fremde Menschen ins Zimmer: Zwei jüngere Männer, zwei Schulkinder, ein ziemlich betagter Opa, der sich plötzlich schön machte, als er Eva in ihrem freizügigen Outfit sah. „Na sieh mal an, Papa wird von der Krankenschwester empfangen. Wieso brauchtest du überhaupt diese Reha, wenn dich zu Hause ‘all inclusive’ erwartet?“, witzelte einer der jungen Männer, bis seine Frau ihn zurückpfiff. Eva stand wie angewurzelt mit zwei vollen Gläsern da. Schreien konnte sie nicht. Im Eck kicherte die Spinne. „Entschuldigung, w-wer sind Sie denn?“, piepste Eva. „Der Besitzer dieses Häuschens. Und Sie? Von der Sozialstation zum Verbandswechsel? Habe doch gesagt, kann selbst …“ meinte der Opa und musterte Eva im sexy Krankenhauskostüm. „Wow, Adam-Matthias – bei dir ist jetzt richtig was los! Nach dem Grabesstillen endlich Leben in der Bude. Wie heißen Sie, junge Dame? Finden Sie unseren Adam-Matthias nicht ein bisschen alt? Andererseits … eigener Wohnraum ist auch was wert….“ „E-ev … Eva …“ „So so, Adam-Matthias, du hast echt ein Händchen bei den Damen!“, schmunzelte die Nachbarin. Dem Opa gefiel die Situation offensichtlich. „U-und wo ist Dmitry?“, hauchte Eva – und kippte gleich beide Gläser runter. „Ich bin Dimitri!“, strahlte ein Achtjähriger. „Nicht so voreilig, das ist noch Papa-Sache“, schimpfte die Mutter und schob die Kids samt Mann aus dem Raum. „Entschuldigen Sie bitte, ich glaube, ich habe die Wohnung verwechselt … Das hier ist doch Jasminstraße 18, Wohnung 26?“ „Nö, das ist Fliederstraße 18“, rieb sich der Opa die Hände, bereit, das Geschenk auszupacken. „Klar, ich verwechsle die beiden immer … Machen Sie es sich gemütlich, ich … muss telefonieren.“ Sie flüchtete ins Bad, schloss ab, wickelte sich ins Handtuch und erst da las sie Dimas SMS. „Dima, ich bin gleich da, war noch im Supermarkt!“, tippt sie hektisch. „Super, ich warte. Bring bitte eine Flasche Wein mit“, kam als Sprachnachricht zurück. Wein hatte Eva jetzt genug – vor allem in sich selbst. Sie schnappte Duschvorhang und Matte, wartete, bis die Fremden in der Küche waren, stopfte alles in die Tasche und flitzte raus. „Matthias, sie haut ab! Die Liebe haut ab!“, hörte man durchs Haus. *** „Ich erzähle es dir später“, erklärte Eva ihr Outfit, als Dima ihr die Tür öffnete. Sie schlich wortlos vorbei, ging zuerst ins Bad, hängte ihren Duschvorhang auf, rollte die Matte aus, fiel aufs Sofa – und schlief bis zum nächsten Morgen, bis Stress und Wein verdampft waren. Am Morgen saß ein fremder junger Mann vor ihr, der auf Aufklärung wartete. „Sag mal … welche Adresse ist das überhaupt?“ „Jasminstraße 18.“