Paradies im Plattenbau
Als Markus ihr die Schlüssel zu seiner Wohnung überreicht, weiß Ingrid: Die Festung ist eingenommen. Kein Leonardo DiCaprio hat je so auf einen Oscar gewartet wie Ingrid auf ihren Adam (nun ja, auch wenn es nur Markus ist), und das mit eigenem Rückzugsort. Die verzweifelte, fünfunddreißigjährige Ingrid wirft mittlerweile öfter mitleidige Blicke zu den Straßenkatzen und auf die Auslagen der Alles für Handarbeit-Läden. Und dann taucht er auf ein Einzelgänger, der seine Jugend für Karriere, Ernährung, Fitnessstudio und diesen ganzen Quatsch wie die Suche nach sich selbst geopfert hat, und das auch noch ohne Kinder. Ingrid hat seit ihrem zwanzigsten Geburtstag auf dieses Geschenk gewartet, und offenbar hat das Christkind nun endlich verstanden, dass sie keinen Spaß gemacht hat.
Ich habe dieses Jahr nur noch eine letzte Dienstreise, dann gehöre ich ganz dir, sagt Markus und drückt ihr das verheißungsvolle Entriegelungswerkzeug für sein kleines Paradies in die Hand. Aber erschrick nicht über meine Bude. Ich bin meistens nur zum Schlafen hier, meint er, schwingt sich in den Lufthansa-Airbus und fliegt übers Wochenende in eine andere Zeitzone.
Ingrid packt Zahnbürste, Creme, Schwämmchen und macht sich auf den Weg, um das ominöse Refugium zu begutachten. Die Probleme beginnen schon beim Eingang. Markus hatte sie zwar vorgewarnt, dass das Schloss manchmal klemmt, aber sie hätte nicht gedacht, dass es so extrem ist. Sie kämpft ganze vierzig Minuten: schiebt, zieht an, steckt den Schlüssel mit aller Kraft rein, versucht es vorsichtig aber dieses eifersüchtige Biest von Tür will sich dem neuen Bewohner einfach nicht öffnen. Ingrid beginnt, psychischen Druck auszuüben, wie es einst auf dem Schulhof in Dortmund gelehrt wurde. Der Lärm ruft die Nachbarin auf den Plan.
Warum brechen Sie in eine fremde Wohnung ein?, fragt eine besorgte Frauenstimme.
Ich breche nicht ein, ich hab Schlüssel!, faucht die schwitzende und genervte Ingrid zurück.
Und wer sind Sie? Ich habe Sie hier noch nie gesehen, hakt die Nachbarin nach.
Ich bin seine Freundin!, erklärt Ingrid herausfordernd und stemmt die Hände in die Hüften, sieht aber nur den Türspalt, durch den mit ihr verhandelt wird.
Sie-e-e?, staunt die Frau ehrlich.
Ja, ich. Irgendwelche Probleme?
Nein, keine. Er hat aber noch nie jemanden hierher mitgebracht (bei diesem Satz liebt Ingrid Markus noch ein Stückchen mehr), und jetzt gleich so eine…
So eine wie?, fragt Ingrid irritiert.
Ach, ist ja auch nicht meine Sache. Entschuldigung, murmelt die Nachbarin und schließt die Tür.
Ingrid merkt, entweder sie bezwingt das Schloss oder das Schloss sie. Mit all ihrem Willen drückt sie den Schlüssel hinein und dreht ihn so vehement, dass sie meint, gleich den ganzen Rahmen mitzubiegen. Die Tür gibt nach.
Plötzlich liegt Markus ganzer Innenraum vor Ingrid ausgebreitet, und ihr Herz beginnt zu frieren. Klar, ein alleinstehender Mann hat einen gewissen Hang zum Minimalismus, doch hier ist es die reinste Mönchszelle.
Du arme Seele, dein Herz hat vergessen, was Gemütlichkeit ist oder hat es nie gekannt, entfährt es Ingrid, als sie die schlichte Bude begutachtet, in der sie nun öfter aufschlagen wird.
Andererseits ist sie froh. Die Nachbarin hat nicht gelogen: Hier hat wirklich noch nie eine Frauenhand gewirkt weder an Wänden, noch am Boden, noch in der Küche. Ingrid ist die Erste.
Sie hält es nicht lange aus, schlüpft wieder in ihre Schuhe und läuft zum nahen REWE, um eine hübsche Duschvorlage zu kaufen, dazu einen Badematten, und natürlich Topflappen und Geschirrtücher für die Küche. Im Laden überkommt sie ein Anfall: Zu Matte und Vorhang gesellen sich Raumdüfte, handgefertigte Seifen und praktische Kosmetik-Organizer.
Solche Kleinigkeiten in eine fremde Wohnung zu bringen, ist keineswegs dreist, beruhigt sich Ingrid, als sie ihren zweiten Einkaufswagen an den ersten koppelt.
Das Schloss hat jetzt keine Einwände mehr. Erfüllt eigentlich kaum noch seinen Zweck und erinnert an einen Bundesliga-Torwart, der ohne Helm aufs Feld läuft. Ingrid ahnt, dass sie etwas angerichtet hat, und verbringt mitten in der Nacht mit Küchenmessern damit, das alte Schloss auszubauen. Morgens flitzt sie zum Baumarkt, um ein neues zu kaufen. Die Messer müssen natürlich auch weg. Und gleich noch Gabeln, Löffel, eine Tischdecke, Schneidebretter und Untersetzer. Die Gardinen lassen nicht mehr lange auf sich warten.
Am Sonntagmittag ruft Markus an und sagt, dass sich seine Dienstreise noch um ein paar Tage verlängert.
Ich bin echt dankbar, wenn du ein wenig Wärme und Gemütlichkeit in mein Zuhause bringst, sagt er schmunzelnd am Telefon, als Ingrid gesteht, dass sie seine Wohnung etwas aufgepeppt hat.
Für Gemütlichkeit sorgen? Ingrid fährt bereits LKW-weise Deko und Haushaltswaren an, alles exakt platziert nach Plan und mit liebevoller Akribie. Jahre hat sich das Bedürfnis in ihr angestaut, und jetzt, wo sie freie Hand hat, gibt es kein Halten mehr.
Zurück bleibt von Markus alter Wohnung am Ende nur noch eine Spinne bei der Lüftung. Ingrid hat überlegt, auch die zu vertreiben, doch als sie die entgeistert dreinblickenden acht Augen sieht, entscheidet sie sich, das Tier als Mahnmal der Unantastbarkeit von Fremdeigentum zu lassen.
Die Wohnung sieht aus, als sei Markus acht Jahre glücklich verheiratet gewesen, sich dann enttäuschen ließ und schließlich entgegen aller Erwartungen wieder glücklich wurde. Ingrid hat nicht nur die Wohnung neugestaltet, sondern auch gleich dafür gesorgt, dass das ganze Haus jetzt weiß, dass sie die neue Hausherrin ist, und ab sofort alle Anfragen an sie zu richten sind. Klar, ein Ring am Finger fehlt noch, aber das ist rein formell. Anfangs beobachtet die Nachbarschaft sie skeptisch, doch dann geben sie sich achselzuckend geschlagen: Bitte, soll sie machen. Uns ists egal, ist ja nicht unsere Sache.
***
Am Tag von Markus Rückkehr bereitet Ingrid ein echtes Sonntagsessen zu, verpackt ihre noch immer straffe Rückseite in ein auffälliges und herrlich unpassendes Kleid, verteilt Räucherstäbchen in allen Ecken, dimmt das vorige neue Licht und wartet. Markus Adam verdient diesen Royal-Empfang. Kein Garten Eden aber ihr persönliches kleines Paradies.
Markus verspätet sich. Als Ingrid merkt, dass das Kleid an der Stelle drückt, für die sie monatelang im Fitnessstudio geknechtet hat, dreht sich plötzlich ein Schlüssel im Schloss.
Das Schloss ist neu, du musst nur drücken, es ist offen!, ruft Ingrid verlegen, aber mit leichter Verführungstimme durch die Wohnung. Für Kritik ist sie unempfindlich geworden: Sie weiß, wie schön die Wohnung jetzt ist. Ihr wird alles verziehen.
In dem Moment ploppt eine neue SMS von Markus auf: Wo bist du? Ich bin daheim. Die Wohnung sieht ja noch ganz normal aus. Haben mir schon alle prophezeit, dass du alles mit Kosmetik vollstellst. Ingrid liest die Nachricht allerdings erst später.
Erstmal betreten nämlich fünf wildfremde Leute die Wohnung: zwei junge Männer, zwei fast noch Schulkinder und ein ziemlich gebrechlicher Großvater, der bei Ingrids Anblick sofort Haltung annimmt und sich durchs dünne Haar streicht.
Na schau mal an, Papa, so einen Empfang hast du verdient. Wozu brauchtest du denn die Reha, wenn es daheim All inclusive gibt?, sagt einer der Söhne und fängt sich gleich einen Rüffel von seiner Frau, weil er zu sehr starrt.
Ingrid steht wie angewurzelt mit zwei vollen Weingläsern in der Hand. Am liebsten würde sie schreien, aber sie ist wie gelähmt.
Aus der Ecke kichert die Spinne.
Äh, entschuldigen Sie, w-w-wer sind Sie…?, stottert Ingrid.
Der Eigentümer des kleinen Paradieses hier. Kommen Sie aus der Hausarztpraxis, wollten Verbände wechseln? Ich meinte doch, ich mache das selbst, schmunzelt der alte Herr und betrachtet Ingrids sexy Krankenschwester-Outfit.
Also wirklich, Adam Friedrich, jetzt hast dus aber nett hier. So gemütlich! Vorher wars ja wie in der Gruft. Und wie heißen Sie, junge Dame? Sind Sie unserem Adam nicht ein bisschen zu jung? Na, abgesehen davon: Mann mit eigenem Dach überm Kopf…, mischt sich die Schwiegertochter ein.
I-Ingrid…
Aha! Da hast du dir ja wirklich jemanden ausgesucht, Adam Friedrich!
Adams Augen leuchten ihm scheint das alles ziemlich passend zu sein.
U-u-und wo ist Markus?, haucht Ingrid und leert auf einen Zug beide Gläser.
Ich bin Markus!, ruft der vielleicht achtjährige Enkel freudig die Hand in die Luft.
Lass mal gut sein, du bist noch zu klein für den Namen Markus, bremst die Mutter und schickt beide Kinder samt Mann wieder zum Auto.
Äh entschuldigen Sie, ich glaube, ich habe die falsche Wohnung…, fängt sich Ingrid langsam wieder und erinnert sich an den holprigen Start mit dem Schloss. Das ist die Lindenstraße achtzehn, Wohnung sechsundzwanzig, oder?
Nein, das hier ist die Kastanienallee achtzehn, sagt der Opa und macht sich schon bereit, seinen plötzlichen Geschenk-Regen auszupacken.
Typisch, seufzt Ingrid dramatisch. Die beiden verwechsel ich dauernd. Bedienen Sie sich ruhig, ich muss kurz telefonieren.
Sie schnappt sich das Handy und flüchtet ins Bad verbarrikadiert sich, wickelt sich ins Handtuch und liest dann endlich die Nachricht von Markus.
Markus, ich bin gleich da, habe mich nur im Supermarkt verquasselt, tippt Ingrid zurück.
Kein Problem, bring bitte noch eine Flasche Wein mit, spricht Markus als Sprachnachricht ein.
Den Wein wird Ingrid mitbringen aber nur für sich. Sie rollt die Matte zusammen, nimmt den Duschvorhang ab, wartet, bis die fremde Familie sich in die Küche verzieht, packt alles in einen Beutel und stiehlt sich aus der Wohnung.
Friedrich, da geht sie! Die Liebe läuft davon!, raunen die neugierigen Nachbarn im Treppenhaus.
***
Ich erzähls später, sagt Ingrid zu Markus, als er ihr die Tür öffnet.
Wie im Nebel läuft sie an ihm vorbei, ohne ihn anzusehen. Sie geht direkt ins Bad, hängt ihren Vorhang auf, rollt die Matte aus und wirft sich aufs Sofa, schläft sofort bis zum nächsten Morgen durch, bis Stress und Wein aus dem Körper sind. Als sie wach wird, wartet ein fremder junger Mann auf Erklärungen.
Sag mal, welche Adresse ist das hier eigentlich…?
Fliederweg achtzehn……Hab ich geglaubt, murmelt Ingrid, während sie an die Decke starrt, jede Faser erschöpft und doch leise kichernd. Vielleicht war der Weg zum Paradies wirklich ein Irrgarten aus Kastanien- und Linden- und Fliederwegen aber immerhin, sie ist angekommen. Markus sitzt am Küchentisch, stützt den Kopf in die Hände und schüttelt lächelnd den Kopf, während sie in ihrer Matte eingewickelt, noch immer nicht ganz da, aber erfüllt von einer seltsamen Zufriedenheit liegenbleibt.
Weißt du, was das Schönste an einer Wohnung ist?, sagt Ingrid, steht auf Haare zerzaust, Blick entschlossen, Paradiesvogel im Pyjama. Dass man sie verändern kann. Immer wieder. Sie läuft zu Markus, legt ihm ihre Hand auf die Schulter und lacht. Ein Lachen, das ihm sagt, dass letzte Nacht im Grunde alles richtig gelaufen ist.
Draußen summen Spatzen. Im Treppenhaus wird geklüngelt, getuschelt, gelauscht. Ingrid denkt an Friedrichs enttäuschtes Gesicht, an acht streifende Spinnenaugen, an die Nachbarinnen, die alles wissen wollen, an verkehrte Straßennamen und an diesen einen perfekten Rückzugsort, den sie trotzdem gefunden hat.
Sie reicht Markus das Handy, auf dem noch ihre falsche Nachricht an ihn offen ist. Heute Abend erzähle ich dir alles. Aber jetzt hol ich uns erstmal Kaffee. Oder… falls du magst eine Flasche Wein.
Und während Markus lacht, die erste Musik durch das geöffnete Fenster weht und zwei Tassen aneinanderschlagen, weiß Ingrid: Ihr Paradies hat keinen festen Grund. Aber manchmal reicht schon ein bisschen Mut zum Ausprobieren, ein gutes Schloss und jemand, der den Schlüssel nicht wegwirft.
Endlich zuhause. Auf ihre eigene, grandios holperige Weise.





