Tagebucheintrag, 17. Februar
Gestern Abend klingelte es an meiner Tür es war meine alte Freundin Annemarie, völlig aufgelöst und mit Tränen in den Augen. Clara, ich brauche dringend deine Hilfe! Die Nachbarn über mir haben einen Wasserschaden verursacht, meine ganze Wohnung steht unter Wasser, alles feucht, ich kann da nicht schlafen. Nur für ein paar Nächte, bitte!, flehte sie. Natürlich ließ ich sie rein, was sollte ich auch machen? Wir sind schließlich zusammen in Tübingen zur Schule gegangen, da hilft man sich.
Die paar Nächte ziehen sich inzwischen schon in den vierten Tag, und Annemarie hat sich bei uns so eingelebt, dass ich mich beinahe fremd fühle. Sie begann mit einer Inspektion unserer Wohnung, als wäre sie Kontrolleurin vom Gesundheitsamt. Heute Morgen saß sie im meinem liebsten Bademantel am Tisch dem aus Seide, den ich sonst nur zu besonderen Anlässen trage und schmierte sich dick Butter aufs Vollkornbrot. Mit kritischem Blick kommentierte sie alles: Clara, warum sind eure Handtücher so kratzig? Das fühlt sich an wie Schmirgelpapier! Nach dem Duschen hatte ich gestern beinahe einen Ausschlag. Kannst du nicht einmal einen vernünftigen Weichspüler kaufen? Oder spart ihr wirklich am Komfort?
Ich versuchte ruhig zu bleiben, obwohl ich innerlich kochte: Das sind neue Handtücher aus Bambusfaser, die sind eben etwas fester. Und ich verwende bewusst einen hypoallergenen, geruchsneutralen Weichspüler, wegen der Allergien. Aber Annemarie winkte ab und hielt ihren Finger mit einem großen Amethyst-Ring in die Luft: Eben! Geruchsneutral, das heißt seelenlos. Eine Wohnung muss nach etwas duften! Nach Lavendel, nach Bergwiesen, nach Leben! Bei euch riecht es nach Nichts. Ihr lebt so langweilig, Clara, einfach fantasielos.
Ich drehte mich zum Herd um, wo ich Haferbrei für Hans, meinen Mann, kochte. Er schläft noch, muss aber bald los zur Arbeit. Sein Geduldsfaden ist schon hauchdünn, und ich bete, dass dieses Frühstück ruhig verläuft.
Annemarie hatte sich von Anfang an bei uns ausgebreitet. Nur zwei Tage, hatte sie anfangs versprochen, doch von heimlicher Abreise ist nichts zu sehen. Stattdessen fängt sie an, alles umzustellen. Wieder Haferbrei? Hans braucht Proteine! Männer sollten Fleisch essen wenigstens Eier. Du machst ihn mit deinem Brei noch krank!
Ich versuchte ruhig zu bleiben: Hans isst Haferbrei gerne. Er hat Gastritis, der Arzt hat ihm eine entsprechende Diät empfohlen. Doch Annemarie schüttelte den Kopf, Biss in das knusprige Brot, dass es durch die ganze Wohnung schallte. Die Ärzte haben keine Ahnung, sie werden von der Pharmaindustrie bezahlt. Ich folge einem Ernährungsexperten auf Instagram, der sagt, Kohlenhydrate machen krank. Naja, du wirst schon wissen, was du tust. Aber du solltest mal überlegen, warum Hans so blass aussieht.
Und dann kam Hans verschlafen in die Küche. Er suchte nach seiner geliebten blauen Tasse mit der Aufschrift Bester Angler, die er von seinem verstorbenen Vater geschenkt bekommen hatte. Aber keine Tasse weit und breit. Annemarie strahlt: Guten Morgen, Hans! Die Tasse habe ich weggeräumt, sie war so traurig und hat die Stimmung ruiniert. Ich habe dir eine schöne mit Blumen herausgesucht, aus dem Porzellan-Service, das nur in der Vitrine staubte. Die Dinge müssen doch benutzt werden! Und so stand vor Hans plötzlich eine winzige Porzellantasse mit rosa Pfingstrosen definitiv ungeeignet für Hans morgendlichen Teekonsum. Er sah mich an, verzweifelt: Warum?
Annemarie, sagte er ruhig, die Tasse war aus dem Service meiner Urgroßmutter. Und ich mag meine Anglertasse, weil sie einen halben Liter Tee fasst. Kann ich sie bitte zurückhaben? Aber Annemarie zuckte die Schultern. Ihr seid so konservativ und engstirnig! Ich wollte nur etwas ästhetische Ordnung schaffen. Außerdem war sie schon angeschlagen ich habe sie entsorgt.
Mir lief es eiskalt den Rücken herunter. Die Tasse war für Hans eine Erinnerung an seinen Vater. Doch da stand sie in den Müll geworfen. Hans sagte nichts mehr, sondern holte die Tasse mit Kaffeeresten aus dem Abfall, spülte sie ab und schenkte sich demonstrativ Tee ein. Noch einmal und deine Karma verschlechtert sich augenblicklich, falls du noch einmal meine Sachen anfasst, meinte er leise.
Annemarie schnappte nach Luft: Hans ist ja direkt cholerisch! Clara, das ist ja psychischer Druck. Du solltest mal deine Grenzen mit ihm aufarbeiten, am besten mit einem Therapeuten! Ich schluckte meinen mittlerweile kalten Kaffee und wünschte mir, einfach Annemarie samt Koffer vor die Tür zu setzen. Doch mein guter deutscher Anstand hielt mich zurück.
Wann werden denn die Renovierungsarbeiten in deiner Wohnung fertig? Du meintest doch, nur ein paar Tage? fragte ich vorsichtig.
Ach, das zieht sich, viel komplizierter als gedacht! Die Balken müssen freigelegt werden, vielleicht muss ich noch eine Woche hierbleiben… Aber hey, ich bin doch deine Freundin ich bringe hier mal richtig Gemütlichkeit rein! Ich bleibe heute daheim und koche euch Abendessen, damit ihr nicht immer diese Fertignudeln essen müsst.
Den ganzen Arbeitstag zerfielen meine Gedanken im Büro. Ich malte mir aus, wie Annemarie alles umdekorierte und wurde richtig schlecht vor Sorge. Auf dem Heimweg begegnete ich unserer Nachbarin Frau Schneider im Treppenhaus. Sie sagte vorwurfsvoll: Clara, ich verstehe ja, dass ihr Besuch habt. Aber muss man die Musik so laut aufdrehen um zwei Uhr nachmittags? Mein Blutdruck, wissen Sie… Und dieser Neue Deutsche Schlager, dass die Wände wackeln!
Ich entschuldigte mich peinlich berührt und versprach Besserung. Treppauf überlegte ich schon eine ernste Ansprache Hotels, notfalls meine Kosten, aber so gehts nicht weiter!
Doch als ich die Wohnungstür öffnete, verschlug es mir die Sprache. Der Vorleger im Flur war weg, stattdessen ein grober Strohteppich. Unsere Schuhe lagen durcheinander in der Ecke, das Regal war voll mit Annemaries Pumps sortiert nach Farbe. In der Küche dann die nächste Überraschung: Meine liebgewonnenen Leinenvorhänge waren verschwunden. Stattdessen nackte Fenster, die Blumen vom Fensterbrett standen jetzt mitten auf dem Tisch Veilchen, Geranien, alles samt Wurzeln umarrangiert. Wo sind die Vorhänge? brachte ich hervor.
In der Wäsche natürlich! Die waren so verstaubt. Ich hab sie bei neunzig Grad gewaschen da gehen alle Milben weg! Leinenvorhänge. Neunzig Grad. Mir wurde ganz anders. Annemarie, Leinen darf nur bei dreißig Grad gewaschen werden, sonst laufen sie ein…
Sie winkte ab: Wenn sie eingehen, waren sie eh nichts wert. Ich habe schon neue rausgesucht mit geometrischem Muster, ist jetzt total angesagt! Und schau, ich koche einen tibetischen Fenchelsuppe, reinigt Sämtliche Chakren und den Darm! Der Sud roch nach gekochtem Kohl und fremden Gewürzen. Ich wurde langsam ungehalten.
Ich möchte keinen Suppe. Ich möchte wissen, warum du einfach alles ohne zu fragen veränderst! Die Blumen brauchen Licht, auf dem Tisch gehen sie ein. Aber Annemarie plapperte weiter: Ich habe die Blumen umgestellt, damit die Reichtums-Zone aktiviert wird. Und im Schlafzimmer habe ich die Luft gereinigt und das Bett umgestellt man soll nicht mit den Füßen zur Tür schlafen! Ich habe das Kopfende Richtung Osten gedreht.
Mir kochte die Wut hoch. Du warst in unserem Schlafzimmer?
Natürlich! Die Tür war offen. Das Bett musste ja umgestellt werden! Schwer, aber ich habs geschafft.
Ich holte tief Luft: Annemarie, hör jetzt zu. Sammle deine Sachen Kosmetikartikel, Kleider, alles! Pack deinen Koffer. Jetzt.
Annemarie war sprachlos. Du willst mich rauswerfen? Nachts? Die beste Freundin? Wegen ein paar Vorhängen und Blumen? Ich tue doch alles für euch ihr lebt hier im Sumpf, ich bringe Leben rein!
Du bringst nicht Leben, sondern Chaos. Das ist mein Zuhause. Und ich mag es so, wie es ist. Ich wollte keine Umgestaltung, kein Feng-Shui und keine Erziehung für meinen Mann. Du solltest einfach den Wasserschaden bei dir abwarten, mehr nicht.
Sie kreischte: Du wünschst mir, dass ich krank werde? Willst du mich ins Hotel abschieben?
Ich will endlich Ruhe, Annemarie. Es gibt Hotels, Hostels, oder andere Freunde aber hier bleibst du nicht.
In dem Moment kam Hans nach Hause, roch den seltsamen Suppenduft, sah das Bett mitten im Schlafzimmer stehen und die wütende Clara. Was ist denn hier passiert? Und wieso steht unser Bett quer? Ich bin fast drüber gestolpert!
Annemarie suchte Schutz: Hans, bitte, ich wollte doch nur helfen jetzt wirft Clara mich raus!
Hans schaute sie lange und kalt an: Du hast jetzt zwanzig Minuten. Danach packe ich deine Sachen selbst und ich schmeiß sie einfach aus dem Fenster. Wir wohnen im fünften Stock.
Annemarie stampfte los, schnappte Sachen, knallte Türen. Ich fiel erschöpft auf den Stuhl. Entschuldige, Hans. Ich wollte das wirklich nicht.
Hans legte tröstend seinen Arm um mich: Du bist nicht schuld, manche Leute sind wie Schimmel setzt man sie nicht raus, breiten sie sich aus. Sind die Vorhänge sehr beschädigt?
Ich schniefte: Ja, die sind kaputt. Und bestimmt ist das Parkett zerkratzt.
Parkett kann man abschleifen. Vorhänge gibt es neu. Wichtig ist, dass wir den tibetischen Suppe überlebt haben. Schau dir die Farbe an …
Eine Viertelstunde später kam Annemarie, starr und aufgebrezelt mit ihrem Koffer zur Tür hinaus: Ihr werdet sehen ihr verliert den einzigen Menschen, der euch uneigennützig Gutes wollte. Bleibt im eigenen Schmutz und schlechter Energie. Adieu!
Ich schloss hinter ihr ab. Sie drehte sich nochmal um: Und übrigens, Clara, deine Gesichtscreme für hundert Euro: kompletter Quatsch. Ich hab sie drei Tage lang für die Füße genommen und keinen Effekt gespürt! Kauf lieber Kindercreme, die ist besser.
Die Tür fiel ins Schloss, ich verriegelte doppelt, danach kicherte ich und spürte, wie der Stress von mir abfiel.
Hans warf die Suppe weg: Selbst die Toilette hat sich gewehrt, aber jetzt ist’s geschafft. Lass uns das Bett und die Blumen zurückstellen.
Wir verbrachten den ganzen Abend damit, die Wohnung wiederherzustellen. Die Kratzer vom Bett sieht man zum Glück nicht mehr, aber die Vorhänge waren jetzt winzige Fetzen Annemarie hatte sie wirklich verkocht.
Egal, meinte ich, jetzt ist es wenigstens heller.
Als wir endlich zu unseren geliebten Nudeln mit Käse saßen, piepste mein Handy: Ein Foto von Annemarie aus einem Café Tasse Kaffee und Torte, mit der Nachricht: Genieße meine Freiheit von toxischen Menschen! Liebe und Licht für alle! Ich blockierte den Kontakt.
Hans meinte: Wegen einer Sache hatte sie recht. Wir sollten wirklich die Türschlösser tauschen nicht dass sie einen Ersatzschlüssel gemacht hat, während sie hier Energie umgestellt hat.
Am nächsten Tag tauschten wir die Schließzylinder aus. Endlich konnte ich wieder aufatmen, unsere Wohnung roch wieder nach Zuhause, und die verrückten Reformideen waren Geschichte.
Einen Monat später erfuhr ich, dass Annemarie bei irgendeiner entfernten Tante im Rheinland untergekommen ist. Gerüchte gehen herum, dass sie dort den ganzen Garten umgegraben hat und jetzt die Tante selbst nach einem Weg sucht, Annemarie möglichst weit weg in eine Kurklinik zu schicken.
Ich grinse über diese Geschichten. Eine Lehre habe ich gezogen: Helfen ist gut, aber das eigene Zuhause sollte nur für Menschen offenstehen, die die Grenzen respektieren.
Ach ja, ich habe neue Vorhänge gekauft mit geometrischem Muster, tatsächlich. Irgendwie hat Annemarie doch einen Punkt getroffen, aber das würde ich ihr niemals sagen.
Und wenn mal ein aufdringlicher Gast bei euch zu Hause eigene Regeln aufstellen will was tut ihr? Schreibt gern eure Erfahrungen in die Kommentare!





