Nicht im Weg stehen
Mama, ich schaffe es dieses Wochenende leider nicht zu kommen. Es ist einfach zu viel los im Büro, verstehst du? Wichtige Mandanten, eine dringende Besprechung… totaler Ausnahmezustand.
Birgit hörte zu und nickte, obwohl ihr Sohn sie am Telefon nicht sehen konnte. Eine Gewohnheit, die sie sich im Laufe der Jahre als Mutter angewöhnt hatte zustimmen, akzeptieren, nicht widersprechen.
Natürlich, mein Sohn. Natürlich, ich verstehe das schon, mach dir keine Sorgen.
Gut so. Ich muss jetzt los.
Tut-tut-tut. Birgit legte den Hörer langsam auf und blieb einen Moment still im Flur stehen, den Blick auf die verblichenen Tapeten gerichtet. Dann ging sie ins Wohnzimmer, ließ sich in den alten abgewetzten Sessel fallen. Wie viele Nächte hatte sie hier schon verbracht, lauschend, ob Ralf die Treppe hochkommt von der Uni, von der Arbeit, von einem Treffen.
Der Sessel kannte all das. Die schlaflosen Nächte mit den Schulbüchern, wenn sie ihm half beim Lernen. Das gespannte Warten am Telefon, wenn er sich verspätete. Die leisen Tränen nach der Beerdigung ihres Mannes Uwe war plötzlich gestorben, das Herz hat es nicht mehr geschafft. Damals war Ralf sechzehn…
Birgit schloss die Augen, und vor ihrem inneren Auge tauchten Erinnerungen auf…
…Fünf Uhr morgens, die dunkle Küche, hastig geschlürfter Tee mit einer belegten Stulle. Anschließend zu Fuß quer durch das Viertel, um in der Grundschule die Flure zu wischen, noch bevor die Klassen begannen. Um acht war sie wieder zu Hause, weckte Ralf, machte Frühstück, schickte ihn los. Am Abend dann Krankenhaus, endlose Korridore, Chlorgeruch, schwere Putzeimer, das leise Stöhnen der Kranken hinter verschlossenen Türen.
Zwischen den beiden Jobs schaffte sie trotzdem den Haushalt. Sie kochte Suppen aus Knochen, die der Metzger fast umsonst gab. Flickte alte Kleider um, damit Ralf unter den Freunden nicht abgerissen wirkte. Stopfte Socken, bis von ihnen nur noch ein Flicken übrig war.
Nach Uwes Tod wurde alles noch schwieriger. Die Witwenrente ein Hohn. Birgit nahm jede Nebenbeschäftigung an: putzte bei Nachbarn, strickte und verkaufte Mützen, im Sommer verkaufte sie Kräuter vom kleinen Schrebergarten. Jeden Euro steckte sie sorgsam in eine alte Keksdose für die Ausbildung des Sohnes.
An sich selbst dachte sie dabei nie. Der Rücken schmerzte? Wird schon. Die Gelenke ächzten? Egal. Wenn ein Arzt Medizin verschrieb, landete das Rezept in der Schublade. Geld für Tabletten gab es nicht, und Zeit zum Kranksein sowieso nicht. Ralf wuchs, Ralf lernte, Ralf sollte seinen Weg machen.
Und sie schaffte es. Der Sohn wurde an der juristischen Fakultät angenommen eine der besten in München. Fünf Jahre lang lebte Birgit von seinen Prüfungen, Hausarbeiten, Semesterferien. Das Diplom mit Auszeichnung, feierliche Übergabe, strahlende Fotos. Darauf Ralf groß, selbstbewusst, in einem neuen Anzug, den Birgit von den letzten Ersparnissen besorgt hatte. Und sie daneben klein, gebeugt, in dem gleichen Kleid wie seit zehn Jahren.
Ralf stieg schnell die Karriereleiter hoch. Anstellung in einer großen Kanzlei, renommierte Klienten, steigendes Gehalt. Mit achtunddreißig wohnte Ralf endlich in der eigenen Wohnung in Schwabing, heiratete Katrin auch Juristin, auch erfolgreich.
Birgit jedoch blieb in der gleichen 2-Zimmer-Plattenbauwohnung in Giesing mit tropfenden Hähnen und bröckelndem Putz. Sie blieb allein mit ihren Erinnerungen und den sporadischen Anrufen ihres Sohnes.
Ralf kam einmal im Monat Samstags vorbei, stets pünktlich um drei wie ein Termin im Kalender, Besuch bei Mutter erledigt. Er brachte Tüten aus dem Feinkostladen: Müsli, das Birgit nie aß, Schimmelkäse, der ihr übel wurde, griechische Oliven, die sie nie mochte.
Im Herbst erwischte sie eine heftige Erkältung. Der Husten ging nicht weg, tagelang lag sie mit Fieber flach, jeder Atemzug brannte in der Brust. Die Nachbarin Frau Scholz kam vorbei mit Himbeertee und schüttelte den Kopf:
Birgit, ruf doch mal Ralf an. Vielleicht kann er dich unterstützen.
Ach was, lass mal krächzte Birgit. Er hat genug um die Ohren, den darf ich nicht stören.
Sie kämpfte sich allein durch. Die Medikamente verschlangen die Hälfte ihrer Rente. Ralf erfuhr nie von ihrer Krankheit sie erwähnte es mit keinem Wort, als er einen Monat später anrief.
Vom kaputten Bad allerdings musste sie erzählen: Die Tapeten im Wohnzimmer quollen nach einem Rohrbruch, der Wasserhahn im Bad spritzte nur noch rostig.
Gut, Mama, ich schick dir Handwerker knurrte Ralf ins Telefon, unüberhörbar genervt. Aber misch dich da bitte nicht ein, ja?
Am nächsten Tag kamen die Arbeiter zwei brummige Kerle. Sie klebten die Tapeten schief, klecksten Farbe auf den Boden, montierten den Hahn so, dass kaum mehr Wasser rauskam. Sie verabschiedeten sich, ohne hinter sich aufzuräumen. Birgit fegte Splitter zusammen und putzte schweigend. Sie beschwerte sich nicht bei Ralf.
Ein Jahr später schien sich alles zu ändern. Oder besser: Für Birgit fühlte es sich wenigstens so an…
Dimitri Dimi wurde geboren. Der Enkel. Ein kleiner, runzeliger Wurm mit den Augen von Ralf und der Stupsnase von Katrin. Birgit weinte vor Glück, als sie ihn zum ersten Mal auf den Arm nahm so winzig, so hilflos, so vertraut.
Anfangs brachte Ralf den Kleinen für ein paar Stunden vorbei. Birgit kochte frischen Gemüsebrei, kaufte Rasseln, sang Schlaflieder die gleichen, die sie einst Ralf vorsang. Dimi schlief auf ihrem Schoß ein, und sie verharrte reglos, damit er sich nicht erschrak, selbst wenn ihr die Beine einschliefen.
Die Besuche wurden immer länger. Immer häufiger stand Ralf mit Kind und Reisetasche plötzlich da.
Mama, bist du so lieb und passt bis morgen auf Dimi auf? Katrin und ich haben ein wichtiges Meeting.
Aus Tag wurde zwei. Aus zwei wurden drei. Birgit schlief die Nächte nicht, weil der Enkel weinte, Windeln mussten gewechselt, Wäsche gewaschen, stundenlang getragen werden wegen Bauchgrimmen. Die Knie brannten, der Blutdruck schwankte, ihr wurde schwindelig.
Aber sie schwieg. Sie schwieg und sie liebte…
…An einem Freitagabend stand Ralf unangemeldet vor der Tür. Acht Uhr, draußen war es schon dunkel, und er drückte ihr die schwere Kindertasche in die Hand.
Mama, Katrin und ich fahren aufs Land. Ich hole Dimi am Sonntag ab.
Dimi rieb sich verschlafen die Augen. Birgit nahm ihn an sich, drückte ihn fest und sog den Milchduft ein.
Ralf, ich habe mich nicht vorbereitet, habe nicht mal Säuglingsnahrung hier…
Ist alles in der Tasche. Wir müssen los! Tschüss, Mama!
Und schon war er weg, ließ seine Mutter mit dem Kind im dunklen Flur stehen. Birgit atmete tief durch und trug den Enkel ins Wohnzimmer.
Die erste Nacht war ein Kampf. Dimi verweigerte die Flasche, spuckte Brei heraus, schrie alle zwei Stunden. Birgit wiegte ihn, bis das Gefühl in den Schultern verschwand, lief Runde um Runde und summte, bis die Stimme versagte. Morgens gegen fünf schlief er endlich Birgit blieb erschöpft im Sessel sitzen, zu müde, sich zu bewegen.
Der Samstag wurde zu einer endlose Schleife aus Füttern, Umziehen, Tragen. Die Knie brannten, sie stützte sich an den Wänden ab. In den Schläfen hämmerten die Schmerzen. Trotzdem kochte sie Brei, schrubbte Flaschen, wechselte Windeln.
Bis Sonntagabend war Birgits Körper wie ein einziger schmerzender Block. Sie betrachtete den schlafenden Dimi und wusste: Noch ein bisschen, dann klappt sie zusammen. Nicht aus Erschöpfung. Sondern weil sie nicht mehr konnte. Nicht mehr wollte. Und auch nicht mehr musste.
Ganz tief in ihrem Innersten, wo sie vierzig Jahre lang alle eigenen Wünsche versteckt hatte, reifte der Entschluss. Sie öffnete im Handy den Browser und tippte.
Ralf kam um acht am Abend wieder. Er war braun gebrannt, entspannt, duftete nach Grillgut und teurem Parfüm.
Na, alles klar? rief er beim Reinkommen, ohne seine Mutter anzusehen.
Ralf. Birgit sprach leise. Ich habe eine Stelle in der Bibliothek gefunden. Ich kann ab jetzt nicht mehr auf Dimi aufpassen.
Ein paar Sekunden schwieg Ralf, als müsse er die Worte erst erfassen. Dann schwoll sein Gesicht röter an.
Was redest du denn, Mama? Wir haben doch mit dir gerechnet! Die Bücherei? Mit fünfundsechzig?
Gerade deswegen.
Was soll das heißen? er wurde laut, Dimi begann zu quengeln.
Birgit schwieg. Sie schaute auf den Sohn, dem sie ihr Leben gewidmet hatte, und sah plötzlich einen fremden gereizten Mann, der nicht begreifen konnte, warum das Dienstpersonal aufbegehrt.
Das ist doch nicht dein Ernst, Mama! Katrin arbeitet, ich arbeite, wir brauchen Unterstützung!
Dann stellt eine Tagesmutter ein.
Eine Fremde? Denkst du überhaupt an deinen Enkel?
Sie hätte jetzt viel sagen können. Wie sie früher beim Licht einer Kerze Socken stopfte, um Strom zu sparen. Wie sie trocken Brot aß, damit für ihren Jungen noch genug Fleisch da war. Wie sie jahrelang die eigenen Bedürfnisse vergaß. Aber Birgit sagte nur:
Ich arbeite jetzt in der Bibliothek.
Ralf riss Dimi an sich, griff nach der Tasche. Die Tür schlug zu, dass der Putz von der Türrahmen krümelte.
Birgit ließ sich in ihren alten Sessel fallen. Ruhe. Eine seltsame, ungewohnte, fast bedrohliche Stille und zugleich so wohltuend, dass sie sich kaum satt hören konnte.
Eine Woche später meldete sie sich zum Malkurs im Kulturzentrum an. Mittwochs und samstags malten sie dort. Birgit, die noch nie Pinsel in der Hand gehalten hatte, übte das Mischen von Farben, lernte Striche setzen, Schatten malen.
Es gelang ihr schlecht. Die Äpfel wurden schief, Vasen krumm, Stoffe sahen aus wie zerknüllte Putzlappen. Aber jeden Abend setzte sie sich ans Fenster mit einer Tasse Tee und lächelte.
Zum ersten Mal seit vierzig Jahren tat sie etwas für sich selbst.
Ralf rief selten an, noch seltener kam er vorbei. Er bestrafte sie mit Schweigen wie früher als Kind, wenn er Fernsehverbot hatte. Birgit vermisste ihren Enkel manchmal schmerzlich. Doch von ihren Gefühlen ließ sie sich nicht mehr beherrschen.
Abends malte sie. Äpfel, Tassen, herabgefallene Blätter. Und jeder unvollkommene Pinselstrich sagte ihr: Es ist nie zu spät, wirklich zu leben.





