Mama, ich möchte eine kleine Hochzeit. Höchstens dreißig Leute. Nur die engsten Freunde und Familie.
Birgit Schuster blätterte unbeirrt weiter im Katalog für Festsaalvermietung.
So ein Unsinn. Was sollen denn die Leute denken? Tante Gertrud kommt extra aus Rostock, und du sagst ihr dann, tut mir leid, kein Platz für dich?
Ich habe Tante Gertrud das letzte Mal in der zehnten Klasse gesehen.
Eben drum. Zeit, dass sie dich mal wieder zu Gesicht bekommt.
Katharina lehnte am Türrahmen zur Küche und beobachtete ihre Mutter. Auf dem Tisch türmten sich Visitenkarten von Restaurants, Hochglanzbroschüren mit Fotos elfenbeinfarbener Zelte und Einladungskarten mit Goldprägung. Eine ganze Kommandobrücke in dieser bescheidenen Dreizimmerwohnung.
Mama, wir hatten uns etwas ganz Intimes vorgestellt, weißt du? Frische Blumen, die besten Freunde, vielleicht einfach ein kleines Landhaus bei München mieten
Ein Landhaus! Birgit Schuster sagte das, als hätte Katharina vorgeschlagen, im Leichenschauhaus zu heiraten. Katharina, du bist meine einzige Tochter, mein ganzer Stolz. Ich habe jahrelang gearbeitet, damit du nur das Beste bekommst. Dazu gehört auch eine richtige Hochzeit!
Endlich legte sie die Prospekte ab und sah ihre Tochter an mit diesem typischen, schneidenden Blick, den Katharina schon seit Kindheitstagen kannte. Ein Gemisch aus Vorwurf und körperlosem Schmerz, das einen förmlich in die Knie zwang.
Damit man sich nicht schämen muss, verstehst du? Du willst doch nicht, dass die Bauers und die Lehmanns tuscheln, dass wir an der Hochzeit gespart haben?
Die drei Wochen danach wurden zu einem endlosen Marathon aus damit man sich nicht schämt. Immer wieder hörte Katharina diesen Satz beim Abschmecken des Menüs, beim Probieren des Brautkleides, bei jedem Detail.
Anfangs versuchte sie noch zu argumentieren, redete sich den Mund fusselig immer leiser, immer verbitterter. Schließlich nickte sie nur noch stumm, wenn ihre Mutter wieder erklärte, warum ein einfacher Kuchen nicht reiche; ein sechsstöckiger, mit echten Orchideen müsse es sein.
Paul wagte nur einen einzigen Versuch, sich einzumischen.
Birgit, sollten wir nicht mal über das Budget reden? Katharina und ich, wir könnten doch auch
Ach Paul die Mutter der Braut schenkte ihm ein Lächeln, bei dem sogar der Gummibaum am Fenster die Blätter hängenließ , ihr seid noch jung, ihr habt doch von Organisation keine Ahnung. Überlasst das ruhig mir, ich hab Erfahrung.
Mit professioneller Akribie organisierte Birgit alles: Das Restaurant mit zweihundert Plätzen wurde gebucht, ohne je Katharina zu fragen, das Menü allein nach ihren Vorstellungen festgesetzt, Fotograf, Videomensch, DJ alles ausgesucht nach den Empfehlungen ihrer Freundinnen.
Ich durfte nichtmal die Serviettenfarbe aussuchen schluchzte Katharina nachts zu Paul, während sie nebeneinander im Dunkeln lagen. Mama hat festgelegt, dass es Elfenbein sein muss. Was ist das überhaupt für eine Farbe?
Irgendwas zwischen Weiß und Beige, glaube ich.
Ach du liebe Güte…
Der Gästeliste wuchs und wuchs. Jeden Abend hörte Katharina neue Namen, die ihre Mutter telefonisch durchgab.
Schreib auf: Die Meyers frühere Kollegen von Papa. Die Stolls erinnerst du dich, wir waren mal 2010 mit denen am Bodensee? Die Wagners Nachbarn von unserer alten Datsche
Mama, ich kenne die Leute nicht.
Die kennen dich. Das zählt!
Tag für Tag sah Katharina, wie ihr Traum von einem gemütlichen Fest im engsten Kreis zerbröselte. Die Hauptrolle: ihre Mutter. Jede Entscheidung von der Blumenwahl bis zur Musik wurde nach dem Geschmack der Gäste, nach dem äußeren Schein getroffen: Was denken die Leute?, Wie kommt das an?.
Der Hochzeitstag kam an einem stickigen Julisamstag. Zweihundert Gäste, von denen Katharina höchstens fünfzig näher kannte. Das Restaurant glitzerte wie aus einem Katalog; Kristall und Gold so weit das Auge reichte. Der Fotograf dirigierte: Lächeln! Noch einmal! Jetzt die Eltern dazu!
Stundenlang lächelte sie, bis es weh tat.
Birgit Schuster schwebte von Tisch zu Tisch, nahm Schulterklopfen und Komplimente entgegen Ach, das macht man doch für die Kinder!, flötete sie. Katharina sah, wie ihre Mutter mit jedem so ein Fest! so ein Aufwand! noch glücklicher wurde.
Eine Woche nach dem Fest kam der Anruf.
Kommt bitte heute um sechs vorbei. Es ist wichtig.
Birgits Stimme klang sachlich, fast wie beim Meeting im Büro.
Katharina und Paul klingelten pünktlich. Auf dem Küchentisch ein Haufen Papier. Birgit saß ihnen würdevoll gegenüber.
Setzt euch. Wir müssen etwas klären.
Sie schob ihnen einen Vertrag hin. Ein Kreditvertrag. Die Summe: fast 25.000 Euro.
Was soll das? Paul blätterte fassungslos.
Naja, so ein Fest ist eben teuer. Ihr versteht das ja sicher.
Katharina starrte die Zahlen an. Fast fünfundzwanzigtausend Euro für einen Tag, ein Fest, das nicht ihres war.
Ich rechne fest mit eurer Unterstützung bei den Raten verkündete Birgit entschlossen. Schließlich war das eure Hochzeit. Ich habe das doch nur für euch gemacht.
Etwas zerbrach in Katharina. Jahre hatte sie nachgegeben, genickt, alles getan, um keinen Streit zu riskieren. Nun sah sie eine Frau, die für sich selbst ein Fest organisiert hatte und der Tochter die Rechnung präsentierte.
Moment Paul legte die Papiere weg. Aber wir haben das nie gewollt: Kein Festsaal für zweihundert Leute, keine sechsstöckige Torte, nichts davon
Birgit Schuster presste die Lippen zusammen.
Ihr seid jung. Ihr begreift das jetzt nicht. Eine Hochzeit ist das Aushängeschild einer Familie! Ihr solltet dankbar sein, dass ich alles übernommen habe.
Dankbar? Paul hob die Augenbrauen. Für einen Kredit über 25.000 Euro?
Für ein Fest, das euch immer in Erinnerung bleiben wird!
Die Mutter zog ein weiteres Blatt hervor sauber ausgedruckte Excel-Tabelle.
Ich habe das alles berechnet. Wenn wir die Summe durch drei teilen in fünf Jahren ist alles abbezahlt! So viel ist das ja gar nicht.
Katharina sah auf die Zahlen Raten für ein Fest, das sie nie wollte, für Gäste, die sie kaum kannte.
Auf dem Heimweg schwiegen sie. Paul steuerte schweigend durch die dunkle Stadt. Erst als sie die Tür zur Mietwohnung hinter sich schloss, sprach Katharina leise:
Sie hat mich nur benutzt.
Paul umarmte sie fest.
Mein ganzes Leben lang wisperte Katharina in seine Schulter, dumpf. Immer habe ich das gemacht, was sie wollte. Ihr Studium, ihre Jobauswahl, jetzt ihre Hochzeit.
Sie schaute ihm in die Augen.
Ich wollte ein kleines Fest. Dreißig Menschen, frische Blumen, ein Landhaus, vielleicht einfach eure Terrasse. Weißt du noch, wie wir geträumt haben?
Ich weiß noch.
Und was hab ich bekommen? Ein Zirkus für zweihundert und eine Rechnung.
Katharina lag die ganze Nacht wach, starrte an die Decke, hörte wieder und wieder die altbekannten Phrasen: “Das ist nur zu deinem Besten”, “Ich weiß, was für dich richtig ist”, “Später wirst du mir danken”. Nie, nie hatte sie gedankt. Nie.
Am nächsten Morgen fuhr sie zu ihrer Mutter.
Birgit Schuster öffnete im Hausmantel, überrascht.
Katharina? Was ist denn?
Es ist was.
Katharina ging ohne zu fragen in die Küche, setzte sich genau an den Stuhl vom Vortag.
Wir zahlen keinen Cent.
Die Mutter blieb sprachlos in der Tür stehen.
Was meinst du damit?
Genau das. Das ist DEIN Kredit. DEINE Entscheidung. DEINE Verantwortung.
Es war doch deine Hochzeit!
Nein, Mama. Das war deine Hochzeit. Deine Gäste. Dein Restaurant. Deine Servietten in Elfenbein. Ich habe etwas anderes gewollt. Du hast mich nie gefragt.
Birgit wurde blass, dann knallrot.
Du bist so undankbar! Ich habe Nächte durchgearbeitet für dich! Alles, nur für dich!
Für dich. Damit die Nachbarn nicht reden. Damit Tante Gertrud staunt. Damit deine Kolleginnen neidisch werden.
Wie kannst du so etwas sagen? Ich bin deine Mutter!
Katharina stand auf.
Solange du nicht akzeptierst, was du getan hast, gibt es zwischen uns nichts mehr zu sagen. Zahl du für deine Träume.
Sie ging. Drehte sich nicht um.
Am Abend rief Ursel, Pauls Mutter, an.
Kathi, Paul hat mir alles erzählt. Kommt heute zu uns, wir trinken zusammen Tee.
Am großen Tisch roch es nach Apfelkuchen und Geborgenheit. Gerhard, Pauls Vater, hörte still zu und schüttelte manchmal den Kopf. Ursel nahm Katharinas Hände.
Das war richtig, mein Schatz. Niemand darf sich auf dir ausruhen nicht einmal die eigene Mutter.
Gerade nicht die eigene Mutter meinte Gerhard leise. Wenn ihr jetzt nachgebt, hört das nie auf.
Paul legte seine Hand auf Katharinas.
Wir schaffen das. Zusammen.
Katharina blickte in die Runde: ihren Mann, seine Eltern. Und zum ersten Mal seit Wochen lächelte sie. Ganz ehrlich.
Ihre Mutter? Daran dachte sie nicht mehr. Sie rief nicht mehr an, antwortete nicht auf die wenigen vorwurfsvollen Nachrichten. Ihr eigenes Leben lag vor ihr.
Und garantiert niemals wieder Servietten in Elfenbein.




