Ein unangenehmer Beigeschmack »Es ist vorbei – es wird keine Hochzeit geben!«, rief Marina entsetzt. »Warte, was ist passiert?«, stammelte Ilja, »es war doch alles gut zwischen uns!« »Gut?«, schnaubte Marina, »ja, ganz ‘gut’. Nur…«, sie schwieg einen Moment, suchte fieberhaft nach Worten, und sagte schließlich ehrlich: »Deine Socken stinken! Ich bin nicht bereit, das mein Leben lang inhalieren zu müssen!« – Hat sie das wirklich gesagt? – stieß Marinas Mutter hervor, als sie erfuhr, dass die Tochter den Antrag zurückgezogen hatte. – Unglaublich! »Warum nicht?«, zuckte die gescheiterte Braut mit den Schultern. »Es ist doch die Wahrheit. Sag jetzt bitte nicht, dass du das nie bemerkt hast.« »Natürlich habe ich das bemerkt«, gestand die Mutter verlegen, »aber… das ist doch peinlich. Ich dachte, du liebst ihn. Ein netter Kerl ist er ja, und gegen Socken kann man doch was tun.« »Wie denn? Ihn zum Füße waschen anhasteln? Socken wechseln? Deo benutzen? Mama, hörst du dich selbst? Ich wollte heiraten, um hinter einem Mann stehen zu können, nicht um einen großen Jungen zu bemuttern.« »Wozu hast du dann überhaupt so weit gemacht? Warum den Antrag gestellt?« »Wegen dir, Mama! ‘Ilja ist doch ein guter, lieber Junge. Er gefällt mir sehr.’ Deine Worte, oder? Oder die: ‘Du bist jetzt siebenundzwanzig. Zeit, zu heiraten und mir Enkel zu schenken.’ Warum bist du jetzt so still – stimmt’s?« »Aber, Marinka, ich dachte nicht, dass du noch zögerst. Für mich wirkte alles ernst zwischen euch«, konterte die Mutter, »und weißt du, ich bin sogar froh, dass du gut nachgedacht und entschieden hast. Nur, mein Schatz, dieses ‘Socken stinken’ ist etwas übertrieben. Das bist eigentlich gar nicht du.« »Doch, Mama, das musste so. Verständlich. In seiner Sprache. Damit es kein Zurück mehr gibt…« *** Am Anfang wirkte Ilja auf Marina witzig und etwas unbeholfen. Immer in Jeans und demselben T-Shirt. Er redete nicht über Picasso, aber konnte stundenlang von alten Filmen schwärmen. Dann leuchteten seine Augen. Mit ihm war alles leicht und entspannt. Gerade diese Ruhe zog Marina an; sie hatte genug von dramatischen Beziehungen und der ewigen Suche nach dem Richtigen. Nach zwei Monaten Kino und Café fragte Ilja schüchtern: »Magst du zu mir kommen? Ich mache selbstgemachte Maultaschen!« Die Einladung klang warm und heimisch; Marinas Herz hüpfte. Und das »selbstgemacht« überzeugte sie vollends. Sie sagte zu… *** Iljas Wohnung gefiel Marina gar nicht. Kein Dreck, aber Chaos, Geschmacklosigkeit und eine gewisse Trostlosigkeit. Graue Wände, uraltes Sofa mit nur einer Rolle anstelle von Kissen. Überall stapelten sich Kartons, Bücher und alte Zeitschriften. Sneakers lagen mitten im Raum. Dazu stickige Luft mit Staub- und Muffgeruch. Die Wohnung wirkte wie eine Zwischenstation, aus der man nie abreist. »Und, wie gefällt dir meine Festung?«, breitete Ilja stolz die Arme aus – und zeigte keinen Funken Verlegenheit. Er war ehrlich stolz auf sich! Und bemerkte keine Merkwürdigkeiten. Marina zwang sich zu lächeln – sie mochte ihn und wollte keinen Streit. In die Küche gegangen, wurde es nicht besser: Staub auf dem Tisch, schmutziges Geschirr im Spülbecken, Tassen mit schwarzem Rand. Ein Topf, der bessere Zeiten gesehen hat. Ihr Blick blieb am Wasserkocher hängen. »Interessant«, dachte sie, »welche Farbe der wohl einmal hatte?« Die Laune sank. Sie hörte Ilja nur halb zu, der versuchte, sie mit Geschichten zum Lachen zu bringen. Aber als er ihr einen Teller Maultaschen reichte, lehnte sie strikt ab – Diät, behauptete sie… Etwas in dieser Küche zu probieren? Undenkbar. Zu Hause analysierte Marina ihren Besuch. Eigentlich waren die Wohnungsmängel Kleinigkeiten – lebt halt alleine, ist mit dem Haushalt überfordert. Und? Doch hinter all dem sah Marina etwas anderes: Wie kann man so leben? Nicht aus Faulheit, sondern – weil es für ihn ganz normal ist. Ein unangenehmer Beigeschmack blieb zurück… *** Dann kam Ilja zu Marina, machte offiziell einen Heiratsantrag und schenkte ihr einen Ring. Sie stellten den Antrag. Eltern begannen, die Hochzeit zu planen. Braut zu sein, ist schön. Aber wenn Marina allein war und an Ilja dachte, der ständig versuchte, ihr eine Freude zu machen oder Maultaschen zu kochen und Witze erzählte, sah sie… wieder den undefinierbaren Wasserkocher vor Augen! Und sie erkannte: Es geht nicht um den Wasserkocher. Er ist ein Indiz! Er steht für Iljas Lebenseinstellung, seine Wohnung, sich selbst – und wahrscheinlich auch für seine Beziehung zu ihr. Einmal stellte sich Marina ihren ersten gemeinsamen Morgen vor – und erschrak. Sie wacht auf, kommt in die Küche – und findet abgestandenen Tee und Krümel vom Sandwich. Und wenn sie sagt: »Schatz, räum das bitte weg«, sieht er sie an wie damals in seiner Wohnung – und versteht nicht, was sie meint. Er streitet nicht, brüllt nicht. Er versteht es einfach nicht. Und jeden Tag muss sie erklären, räumen, erinnern. Ihre Liebe würde langsam sterben an tausend kleinen, für ihn unsichtbaren Stichen. Und Mama ist so glücklich, dass sie heiratet… *** Heirat… Alles Leichte und Warme, das Marina bei Ilja empfand, verschwand mit der Zeit und wurde zu schwerer, zäher Sorge. »Marinka«, erkundigte sich Ilja fast täglich, mit besorgtem Blick, »alles okay bei uns? Wir lieben uns doch?« »Natürlich«, antwortete sie und spürte, wie etwas in ihr zerbrach. Schließlich sprach Marina mit ihrer Freundin und legte ihr alle Ängste offen. »Ja, und?«, verstand Katja nicht, »Staub, irgendein Wasserkocher… Mein Mann hinterlässt nach dem Frühstück gerne auch mal einen Panzer in der Küche, sieht das aber gar nicht. Männer nehmen solche Kleinigkeiten nicht wahr!« »Eben! Sie sehen es nicht«, flüsterte Marina. »Und er wird es nie sehen. Aber ich – ich sehe es. Mein Leben lang! Und das wird mich langsam und unaufhaltsam kaputt machen!« *** Sie machte ihm keinen Vorwurf. Er hat sie nie belogen. Er war ehrlich. Er lebte einfach in einer anderen Welt. Einer Welt, in der schmutzige Teller im Spülbecken die Norm sind. Für sie jedoch war das ein Zeichen für völliges Unverständnis und Gleichgültigkeit. Es ging nicht mal um Sauberkeit. Sie dachten einfach grundlegend unterschiedlich. Der Riss in ihrer Wahrnehmung würde sich mit der Zeit zu einer gewaltigen Kluft ausweiten. Lieber jetzt alles beenden, als Jahre später am Abgrund zu stehen, wo es dann zu spät ist. Es fehlte nur der richtige Moment… *** Marina und Ilja wurden zu einer Feier eingeladen. Sie kamen, zogen im Flur die Schuhe aus… Gingen ins Wohnzimmer… Der widerliche Geruch folgte ihnen. Marina bemerkte erst nicht, woher der Gestank kam. Als sie es merkte – und sah, dass auch alle anderen es merkten –, wurde ihr so peinlich, dass sie am liebsten im Boden versunken wäre. Wortlos lief sie in den Flur, zog sich an und ging. Ilja rannte ihr hinterher, packte sie am Arm, sie drehte sich um und warf ihm, fast voller Hass, entgegen: »Es ist aus! Es wird keine Hochzeit geben!« *** Es gab wirklich keine Hochzeit. Marina weiß, dass sie richtig gehandelt hat, und bereut nichts. Und Ilja… Er versteht bis heute nicht, wo das Problem lag. Wegen stinkender Socken? Die hätte er ja auch ausziehen können…

Dieses unangenehme Gefühl

Es ist vorbei, es wird keine Hochzeit geben!, rief Johanna aus.

Warte mal, was ist denn passiert?, stammelte Felix, völlig verdattert. War doch alles okay!

Okay? Johanna schnaubte. Na ja… okay. Aber ehrlich ich sags dir jetzt, wies ist: Deine Socken stinken! Und ich bin nicht bereit, mein ganzes Leben damit zu verbringen, diesen Mief einzuatmen!

Was? Das hast du wirklich gesagt? Ihre Mutter, Erika, fiel aus allen Wolken, als Johanna ihr erklärte, dass sie die Anmeldung fürs Standesamt zurückzieht. Ich fass es nicht!

Warum denn nicht?, Johanna zuckte die Schultern. Es ist die Wahrheit. Erzähl mir nicht, dass du das nie gerochen hast.

Doch, natürlich…, Erika wurde rot, aber… das ist doch peinlich. Ich dachte, du liebst ihn. Der Junge ist doch nett. Und Socken das kann man doch lösen.

Wie denn? Ihn zum Füßewaschen zwingen? Socken wechseln? Fußspray benutzen? Mama, hörst du dich eigentlich? Ich wollte heiraten! Einen Mann, keinen großen Jungen adoptieren!

Warum bist du dann überhaupt so weit gegangen und hast die Anmeldung gemacht?

Das warst du, Mama! Felix ist so lieb, so bodenständig. Ich mag ihn wirklich. War das nicht deine Rede? Und dann: Du bist doch jetzt 27, es wird Zeit für Enkel. Was sagst du jetzt? Habe ich recht?

Johanna, ich habe wirklich gedacht, dass ihr es ernst meint…, ergriff Erika das Wort, und ich bin ehrlich froh, dass du darüber so gründlich nachgedacht hast das zeigt, dass du mir doch ähnlicher bist, als ich dachte. Aber das mit den stinkenden Socken, das ist schon… heftig. Das klingt gar nicht nach dir.

Genau deshalb, Mama. Damit kommt es auch bei ihm an. Klare Kante. Keine Chance, dass er zurückrudert…

***

Am Anfang fand Johanna Felix lustig und irgendwie unbeholfen. Er trug immer Jeans und dieselbe T-Shirt-Kollektion. Er dozierte nicht über Goethe, aber konnte stundenlang über alte Filme quatschen. Dann funkelten seine Augen auf eine Weise, die Johanna beeindruckte.

Mit ihm war alles entspannt, unkompliziert.

Gerade dieses Bodenständige hat sie angezogen. Nach all den Dramen und Herzschmerz-Geschichten ihres Lebens wollte sie einfach mal zur Ruhe kommen.

Nach zwei Monaten voller Kinobesuche und Café-Abenden fragte Felix ganz schüchtern:

Wollen wir mal zu mir gehen? Ich mach dir Maultaschen selbstgemacht!

Das hatte so einen heimeligen Charme, dass Johannas Herz einen Sprung machte. Und das selbstgemacht hat ihr komplett den Rest gegeben.

Sie sagte zu…

***

Felix Wohnung mochte Johanna gar nicht.

Es war nicht schmutzig, aber chaotisch, geschmacklos und irgendwie ungepflegt. Graue Wände ohne Bilder, ein antikes, fleckiges Sofa mit nur einer alten Rolle als Kissen. Überall stapelten sich Kisten, Bücher, Zeitschriften, ein paar Sneaker mitten im Flur. Und dazu eine dicke, muffige Luft voller Staub.

Das ganze Zimmer wirkte wie ein Provisorium als würde Felix jeden Moment ausziehen, aber irgendwie nie wirklich loskommen.

Na, gefällt dir meine Burg?, breitete Felix die Arme aus und grinste stolz. Ein Anflug von Verlegenheit war da nicht zu spüren. Wirklich er fand alles ganz normal.

Johanna zwang sich zum Lächeln. Er war ihr sympathisch und sie wollte keinen Streit anzetteln.

Sie ging mit ihm in die Küche. Dort war es nicht besser: der Tisch war mit einer dünnen Staubschicht bedeckt, im Spülbecken stapelten sich alte Teller, Tassen mit so richtig fiesem Belag. Auf dem Herd ein abgenudelter Topf. Johanna blieb an dem Wasserkocher hängen.

Ob der wohl jemals eine andere Farbe hatte?, dachte sie sich, ziemlich angewidert.

Die Stimmung war im Keller.

Johanna hörte Felix nur noch halb zu er redete sich die Seele aus dem Leib, um sie zum Lachen zu bringen. Aber als er ihr Maultaschen auf den Teller packte, lehnte sie ab und schob es auf ihre Diät…

Etwas aus dieser Küche zu essen niemals.

Zuhause ging Johanna alles nochmal durch.

Was sie in Felix Wohnung gesehen hatte, war auf den ersten Blick harmlos. Klar, ein Single-Mann bekommt den Haushalt oft nicht so ganz gebacken. Und weiter?

Aber hinter all dem Durcheinander sah sie etwas ganz anderes, Größeres: Wie kann man nur so leben? Nicht, weils zu viel Arbeit ist, sondern weil… es für ihn einfach normal ist!

Es blieb ein ziemlich bitterer Nachgeschmack…

***

Dann war Felix bei Johanna eingeladen. Er machte ihr offiziell einen Antrag, schenkte ihr sogar einen Ring. Die beiden gingen zum Standesamt. Ihre Familien begannen Pläne für die Hochzeit zu schmieden.

Brautsein ist natürlich schön. Aber immer, wenn Johanna allein war und über Felix nachdachte wie er sich immer Mühe gab, für sie kochte oder seine Maultaschen drehte, wie er Witze erzählte zappte ihr plötzlich das Bild vom schmuddeligen Wasserkocher durch den Kopf!

Und Johanna wusste: Es geht nicht nur um den Wasserkocher. Er steht für Felix Verhältnis zum Alltag. Für seine Einstellung zum Leben. Und letztlich auch zu ihr.

Eines Tages stellte sie sich vor, wie das gemeinsame Frühstück laufen würde und erschrak.

Sie kommt in die Küche und findet halbleeren Tee und Krümel von Felix Stullen. Und wenn sie sagt: Schatz, räum das doch bitte weg, wird er sie nur verdutzt anschauen wie damals in seiner Wohnung und gar nicht begreifen, was sie meint. Er wird nicht streiten, nicht schreien. Er wird es einfach… nicht verstehen. Und jeden Tag müsste sie reden, erinnern, aufräumen. Ihre Liebe würde langsam an tausend kleinen, für ihn unsichtbaren Stichen sterben.

Und ihre Mutter freut sich wie verrückt, dass sie heiratet.

***

Heiraten…

All die Leichtigkeit und Wärme, die Johanna bei Felix gespürt hatte, war wie weggeblasen, abgelöst von einer zähen, lähmenden Angst.

Johanna, ist alles gut bei uns? Wir lieben uns doch?, fragte Felix fast täglich und sah ihr dabei besorgt in die Augen.

Klar, antwortete sie, während sie merkte, wie etwas in ihr zerbrach.

Schließlich hielt Johanna es nicht mehr aus und vertraute sich ihrer Freundin an, packte alles auf den Tisch.

Na und?, kicherte und staunte Maria. Ein bisschen Staub, Wasserkocher, du machst dir Sorgen? Mein Mann hinterlässt die Küche wie ein Panzer fällt ihm gar nicht auf. Männer sehen sowas nicht!

Genau! Sie sehen es nicht, flüsterte Johanna. Und Felix wird es nie sehen. Aber ich! Und für mich ist das jeden Tag eine Qual, die mich langsam auffrisst.

***

Sie machte Felix keine Vorwürfe. Er war ehrlich. Er lebte einfach in einer anderen Welt. In einer Welt, in der eine dreckige Tasse in der Spüle nichts Schlimmes ist. Für Johanna aber war das ein Zeichen von Desinteresse und Unverständnis.

Ihr wurde klar: Es geht nicht um Sauberkeit. Es geht darum, wie verschieden sie die Welt sehen. Die kleine Riss in ihrer Beziehung würde mit der Zeit zu einem riesigen Abgrund werden.

Also lieber jetzt stoppen, als in ein paar Jahren ganz unten anzukommen wenn es zu spät ist.

Sie wartete nur auf einen passenden Moment…

***

Johanna und Felix wurden zu einer Party eingeladen.

Sie kamen, zogen Schuhe und Jacken aus…

Gingen ins Wohnzimmer…

Das unangenehme Aroma schlich hinter ihnen her.

Johanna kapierte erst nicht, woher das kam.

Als sie es merkte und sah, dass alle anderen Gäste es auch verstanden hatten wurde ihr so schrecklich peinlich, dass sie am liebsten im Erdboden versunken wäre. Ohne ein Wort rannte sie in den Flur, zog sich blitzschnell an und ging.

Felix stolperte hinterher, packte sie am Arm. Sie drehte sich um und warf ihm mit fast schon Verachtung ins Gesicht:

Schluss! Es gibt keine Hochzeit!

***

Und tatsächlich, es gab keine Hochzeit.

Johanna ist sich sicher, dass sie die richtige Entscheidung getroffen hat und bereut nichts.

Felix…

Der weiß bis heute nicht, was eigentlich das Problem war. Na und? Socken stinken doch mal. Hätte er sie halt ausgezogen…

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Homy
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Ein unangenehmer Beigeschmack »Es ist vorbei – es wird keine Hochzeit geben!«, rief Marina entsetzt. »Warte, was ist passiert?«, stammelte Ilja, »es war doch alles gut zwischen uns!« »Gut?«, schnaubte Marina, »ja, ganz ‘gut’. Nur…«, sie schwieg einen Moment, suchte fieberhaft nach Worten, und sagte schließlich ehrlich: »Deine Socken stinken! Ich bin nicht bereit, das mein Leben lang inhalieren zu müssen!« – Hat sie das wirklich gesagt? – stieß Marinas Mutter hervor, als sie erfuhr, dass die Tochter den Antrag zurückgezogen hatte. – Unglaublich! »Warum nicht?«, zuckte die gescheiterte Braut mit den Schultern. »Es ist doch die Wahrheit. Sag jetzt bitte nicht, dass du das nie bemerkt hast.« »Natürlich habe ich das bemerkt«, gestand die Mutter verlegen, »aber… das ist doch peinlich. Ich dachte, du liebst ihn. Ein netter Kerl ist er ja, und gegen Socken kann man doch was tun.« »Wie denn? Ihn zum Füße waschen anhasteln? Socken wechseln? Deo benutzen? Mama, hörst du dich selbst? Ich wollte heiraten, um hinter einem Mann stehen zu können, nicht um einen großen Jungen zu bemuttern.« »Wozu hast du dann überhaupt so weit gemacht? Warum den Antrag gestellt?« »Wegen dir, Mama! ‘Ilja ist doch ein guter, lieber Junge. Er gefällt mir sehr.’ Deine Worte, oder? Oder die: ‘Du bist jetzt siebenundzwanzig. Zeit, zu heiraten und mir Enkel zu schenken.’ Warum bist du jetzt so still – stimmt’s?« »Aber, Marinka, ich dachte nicht, dass du noch zögerst. Für mich wirkte alles ernst zwischen euch«, konterte die Mutter, »und weißt du, ich bin sogar froh, dass du gut nachgedacht und entschieden hast. Nur, mein Schatz, dieses ‘Socken stinken’ ist etwas übertrieben. Das bist eigentlich gar nicht du.« »Doch, Mama, das musste so. Verständlich. In seiner Sprache. Damit es kein Zurück mehr gibt…« *** Am Anfang wirkte Ilja auf Marina witzig und etwas unbeholfen. Immer in Jeans und demselben T-Shirt. Er redete nicht über Picasso, aber konnte stundenlang von alten Filmen schwärmen. Dann leuchteten seine Augen. Mit ihm war alles leicht und entspannt. Gerade diese Ruhe zog Marina an; sie hatte genug von dramatischen Beziehungen und der ewigen Suche nach dem Richtigen. Nach zwei Monaten Kino und Café fragte Ilja schüchtern: »Magst du zu mir kommen? Ich mache selbstgemachte Maultaschen!« Die Einladung klang warm und heimisch; Marinas Herz hüpfte. Und das »selbstgemacht« überzeugte sie vollends. Sie sagte zu… *** Iljas Wohnung gefiel Marina gar nicht. Kein Dreck, aber Chaos, Geschmacklosigkeit und eine gewisse Trostlosigkeit. Graue Wände, uraltes Sofa mit nur einer Rolle anstelle von Kissen. Überall stapelten sich Kartons, Bücher und alte Zeitschriften. Sneakers lagen mitten im Raum. Dazu stickige Luft mit Staub- und Muffgeruch. Die Wohnung wirkte wie eine Zwischenstation, aus der man nie abreist. »Und, wie gefällt dir meine Festung?«, breitete Ilja stolz die Arme aus – und zeigte keinen Funken Verlegenheit. Er war ehrlich stolz auf sich! Und bemerkte keine Merkwürdigkeiten. Marina zwang sich zu lächeln – sie mochte ihn und wollte keinen Streit. In die Küche gegangen, wurde es nicht besser: Staub auf dem Tisch, schmutziges Geschirr im Spülbecken, Tassen mit schwarzem Rand. Ein Topf, der bessere Zeiten gesehen hat. Ihr Blick blieb am Wasserkocher hängen. »Interessant«, dachte sie, »welche Farbe der wohl einmal hatte?« Die Laune sank. Sie hörte Ilja nur halb zu, der versuchte, sie mit Geschichten zum Lachen zu bringen. Aber als er ihr einen Teller Maultaschen reichte, lehnte sie strikt ab – Diät, behauptete sie… Etwas in dieser Küche zu probieren? Undenkbar. Zu Hause analysierte Marina ihren Besuch. Eigentlich waren die Wohnungsmängel Kleinigkeiten – lebt halt alleine, ist mit dem Haushalt überfordert. Und? Doch hinter all dem sah Marina etwas anderes: Wie kann man so leben? Nicht aus Faulheit, sondern – weil es für ihn ganz normal ist. Ein unangenehmer Beigeschmack blieb zurück… *** Dann kam Ilja zu Marina, machte offiziell einen Heiratsantrag und schenkte ihr einen Ring. Sie stellten den Antrag. Eltern begannen, die Hochzeit zu planen. Braut zu sein, ist schön. Aber wenn Marina allein war und an Ilja dachte, der ständig versuchte, ihr eine Freude zu machen oder Maultaschen zu kochen und Witze erzählte, sah sie… wieder den undefinierbaren Wasserkocher vor Augen! Und sie erkannte: Es geht nicht um den Wasserkocher. Er ist ein Indiz! Er steht für Iljas Lebenseinstellung, seine Wohnung, sich selbst – und wahrscheinlich auch für seine Beziehung zu ihr. Einmal stellte sich Marina ihren ersten gemeinsamen Morgen vor – und erschrak. Sie wacht auf, kommt in die Küche – und findet abgestandenen Tee und Krümel vom Sandwich. Und wenn sie sagt: »Schatz, räum das bitte weg«, sieht er sie an wie damals in seiner Wohnung – und versteht nicht, was sie meint. Er streitet nicht, brüllt nicht. Er versteht es einfach nicht. Und jeden Tag muss sie erklären, räumen, erinnern. Ihre Liebe würde langsam sterben an tausend kleinen, für ihn unsichtbaren Stichen. Und Mama ist so glücklich, dass sie heiratet… *** Heirat… Alles Leichte und Warme, das Marina bei Ilja empfand, verschwand mit der Zeit und wurde zu schwerer, zäher Sorge. »Marinka«, erkundigte sich Ilja fast täglich, mit besorgtem Blick, »alles okay bei uns? Wir lieben uns doch?« »Natürlich«, antwortete sie und spürte, wie etwas in ihr zerbrach. Schließlich sprach Marina mit ihrer Freundin und legte ihr alle Ängste offen. »Ja, und?«, verstand Katja nicht, »Staub, irgendein Wasserkocher… Mein Mann hinterlässt nach dem Frühstück gerne auch mal einen Panzer in der Küche, sieht das aber gar nicht. Männer nehmen solche Kleinigkeiten nicht wahr!« »Eben! Sie sehen es nicht«, flüsterte Marina. »Und er wird es nie sehen. Aber ich – ich sehe es. Mein Leben lang! Und das wird mich langsam und unaufhaltsam kaputt machen!« *** Sie machte ihm keinen Vorwurf. Er hat sie nie belogen. Er war ehrlich. Er lebte einfach in einer anderen Welt. Einer Welt, in der schmutzige Teller im Spülbecken die Norm sind. Für sie jedoch war das ein Zeichen für völliges Unverständnis und Gleichgültigkeit. Es ging nicht mal um Sauberkeit. Sie dachten einfach grundlegend unterschiedlich. Der Riss in ihrer Wahrnehmung würde sich mit der Zeit zu einer gewaltigen Kluft ausweiten. Lieber jetzt alles beenden, als Jahre später am Abgrund zu stehen, wo es dann zu spät ist. Es fehlte nur der richtige Moment… *** Marina und Ilja wurden zu einer Feier eingeladen. Sie kamen, zogen im Flur die Schuhe aus… Gingen ins Wohnzimmer… Der widerliche Geruch folgte ihnen. Marina bemerkte erst nicht, woher der Gestank kam. Als sie es merkte – und sah, dass auch alle anderen es merkten –, wurde ihr so peinlich, dass sie am liebsten im Boden versunken wäre. Wortlos lief sie in den Flur, zog sich an und ging. Ilja rannte ihr hinterher, packte sie am Arm, sie drehte sich um und warf ihm, fast voller Hass, entgegen: »Es ist aus! Es wird keine Hochzeit geben!« *** Es gab wirklich keine Hochzeit. Marina weiß, dass sie richtig gehandelt hat, und bereut nichts. Und Ilja… Er versteht bis heute nicht, wo das Problem lag. Wegen stinkender Socken? Die hätte er ja auch ausziehen können…
Seit dem Tag, an dem Toschka das Liebste genommen wurde, betrat er seine Hütte nicht mehr. Nun schlief er auf bloßer Erde, fraß kaum noch und reagierte selbst auf seinen letzten verbliebenen Freund, Sebastian, nicht mehr…