Dieses unangenehme Gefühl
Es ist vorbei, es wird keine Hochzeit geben!, rief Johanna aus.
Warte mal, was ist denn passiert?, stammelte Felix, völlig verdattert. War doch alles okay!
Okay? Johanna schnaubte. Na ja… okay. Aber ehrlich ich sags dir jetzt, wies ist: Deine Socken stinken! Und ich bin nicht bereit, mein ganzes Leben damit zu verbringen, diesen Mief einzuatmen!
Was? Das hast du wirklich gesagt? Ihre Mutter, Erika, fiel aus allen Wolken, als Johanna ihr erklärte, dass sie die Anmeldung fürs Standesamt zurückzieht. Ich fass es nicht!
Warum denn nicht?, Johanna zuckte die Schultern. Es ist die Wahrheit. Erzähl mir nicht, dass du das nie gerochen hast.
Doch, natürlich…, Erika wurde rot, aber… das ist doch peinlich. Ich dachte, du liebst ihn. Der Junge ist doch nett. Und Socken das kann man doch lösen.
Wie denn? Ihn zum Füßewaschen zwingen? Socken wechseln? Fußspray benutzen? Mama, hörst du dich eigentlich? Ich wollte heiraten! Einen Mann, keinen großen Jungen adoptieren!
Warum bist du dann überhaupt so weit gegangen und hast die Anmeldung gemacht?
Das warst du, Mama! Felix ist so lieb, so bodenständig. Ich mag ihn wirklich. War das nicht deine Rede? Und dann: Du bist doch jetzt 27, es wird Zeit für Enkel. Was sagst du jetzt? Habe ich recht?
Johanna, ich habe wirklich gedacht, dass ihr es ernst meint…, ergriff Erika das Wort, und ich bin ehrlich froh, dass du darüber so gründlich nachgedacht hast das zeigt, dass du mir doch ähnlicher bist, als ich dachte. Aber das mit den stinkenden Socken, das ist schon… heftig. Das klingt gar nicht nach dir.
Genau deshalb, Mama. Damit kommt es auch bei ihm an. Klare Kante. Keine Chance, dass er zurückrudert…
***
Am Anfang fand Johanna Felix lustig und irgendwie unbeholfen. Er trug immer Jeans und dieselbe T-Shirt-Kollektion. Er dozierte nicht über Goethe, aber konnte stundenlang über alte Filme quatschen. Dann funkelten seine Augen auf eine Weise, die Johanna beeindruckte.
Mit ihm war alles entspannt, unkompliziert.
Gerade dieses Bodenständige hat sie angezogen. Nach all den Dramen und Herzschmerz-Geschichten ihres Lebens wollte sie einfach mal zur Ruhe kommen.
Nach zwei Monaten voller Kinobesuche und Café-Abenden fragte Felix ganz schüchtern:
Wollen wir mal zu mir gehen? Ich mach dir Maultaschen selbstgemacht!
Das hatte so einen heimeligen Charme, dass Johannas Herz einen Sprung machte. Und das selbstgemacht hat ihr komplett den Rest gegeben.
Sie sagte zu…
***
Felix Wohnung mochte Johanna gar nicht.
Es war nicht schmutzig, aber chaotisch, geschmacklos und irgendwie ungepflegt. Graue Wände ohne Bilder, ein antikes, fleckiges Sofa mit nur einer alten Rolle als Kissen. Überall stapelten sich Kisten, Bücher, Zeitschriften, ein paar Sneaker mitten im Flur. Und dazu eine dicke, muffige Luft voller Staub.
Das ganze Zimmer wirkte wie ein Provisorium als würde Felix jeden Moment ausziehen, aber irgendwie nie wirklich loskommen.
Na, gefällt dir meine Burg?, breitete Felix die Arme aus und grinste stolz. Ein Anflug von Verlegenheit war da nicht zu spüren. Wirklich er fand alles ganz normal.
Johanna zwang sich zum Lächeln. Er war ihr sympathisch und sie wollte keinen Streit anzetteln.
Sie ging mit ihm in die Küche. Dort war es nicht besser: der Tisch war mit einer dünnen Staubschicht bedeckt, im Spülbecken stapelten sich alte Teller, Tassen mit so richtig fiesem Belag. Auf dem Herd ein abgenudelter Topf. Johanna blieb an dem Wasserkocher hängen.
Ob der wohl jemals eine andere Farbe hatte?, dachte sie sich, ziemlich angewidert.
Die Stimmung war im Keller.
Johanna hörte Felix nur noch halb zu er redete sich die Seele aus dem Leib, um sie zum Lachen zu bringen. Aber als er ihr Maultaschen auf den Teller packte, lehnte sie ab und schob es auf ihre Diät…
Etwas aus dieser Küche zu essen niemals.
Zuhause ging Johanna alles nochmal durch.
Was sie in Felix Wohnung gesehen hatte, war auf den ersten Blick harmlos. Klar, ein Single-Mann bekommt den Haushalt oft nicht so ganz gebacken. Und weiter?
Aber hinter all dem Durcheinander sah sie etwas ganz anderes, Größeres: Wie kann man nur so leben? Nicht, weils zu viel Arbeit ist, sondern weil… es für ihn einfach normal ist!
Es blieb ein ziemlich bitterer Nachgeschmack…
***
Dann war Felix bei Johanna eingeladen. Er machte ihr offiziell einen Antrag, schenkte ihr sogar einen Ring. Die beiden gingen zum Standesamt. Ihre Familien begannen Pläne für die Hochzeit zu schmieden.
Brautsein ist natürlich schön. Aber immer, wenn Johanna allein war und über Felix nachdachte wie er sich immer Mühe gab, für sie kochte oder seine Maultaschen drehte, wie er Witze erzählte zappte ihr plötzlich das Bild vom schmuddeligen Wasserkocher durch den Kopf!
Und Johanna wusste: Es geht nicht nur um den Wasserkocher. Er steht für Felix Verhältnis zum Alltag. Für seine Einstellung zum Leben. Und letztlich auch zu ihr.
Eines Tages stellte sie sich vor, wie das gemeinsame Frühstück laufen würde und erschrak.
Sie kommt in die Küche und findet halbleeren Tee und Krümel von Felix Stullen. Und wenn sie sagt: Schatz, räum das doch bitte weg, wird er sie nur verdutzt anschauen wie damals in seiner Wohnung und gar nicht begreifen, was sie meint. Er wird nicht streiten, nicht schreien. Er wird es einfach… nicht verstehen. Und jeden Tag müsste sie reden, erinnern, aufräumen. Ihre Liebe würde langsam an tausend kleinen, für ihn unsichtbaren Stichen sterben.
Und ihre Mutter freut sich wie verrückt, dass sie heiratet.
***
Heiraten…
All die Leichtigkeit und Wärme, die Johanna bei Felix gespürt hatte, war wie weggeblasen, abgelöst von einer zähen, lähmenden Angst.
Johanna, ist alles gut bei uns? Wir lieben uns doch?, fragte Felix fast täglich und sah ihr dabei besorgt in die Augen.
Klar, antwortete sie, während sie merkte, wie etwas in ihr zerbrach.
Schließlich hielt Johanna es nicht mehr aus und vertraute sich ihrer Freundin an, packte alles auf den Tisch.
Na und?, kicherte und staunte Maria. Ein bisschen Staub, Wasserkocher, du machst dir Sorgen? Mein Mann hinterlässt die Küche wie ein Panzer fällt ihm gar nicht auf. Männer sehen sowas nicht!
Genau! Sie sehen es nicht, flüsterte Johanna. Und Felix wird es nie sehen. Aber ich! Und für mich ist das jeden Tag eine Qual, die mich langsam auffrisst.
***
Sie machte Felix keine Vorwürfe. Er war ehrlich. Er lebte einfach in einer anderen Welt. In einer Welt, in der eine dreckige Tasse in der Spüle nichts Schlimmes ist. Für Johanna aber war das ein Zeichen von Desinteresse und Unverständnis.
Ihr wurde klar: Es geht nicht um Sauberkeit. Es geht darum, wie verschieden sie die Welt sehen. Die kleine Riss in ihrer Beziehung würde mit der Zeit zu einem riesigen Abgrund werden.
Also lieber jetzt stoppen, als in ein paar Jahren ganz unten anzukommen wenn es zu spät ist.
Sie wartete nur auf einen passenden Moment…
***
Johanna und Felix wurden zu einer Party eingeladen.
Sie kamen, zogen Schuhe und Jacken aus…
Gingen ins Wohnzimmer…
Das unangenehme Aroma schlich hinter ihnen her.
Johanna kapierte erst nicht, woher das kam.
Als sie es merkte und sah, dass alle anderen Gäste es auch verstanden hatten wurde ihr so schrecklich peinlich, dass sie am liebsten im Erdboden versunken wäre. Ohne ein Wort rannte sie in den Flur, zog sich blitzschnell an und ging.
Felix stolperte hinterher, packte sie am Arm. Sie drehte sich um und warf ihm mit fast schon Verachtung ins Gesicht:
Schluss! Es gibt keine Hochzeit!
***
Und tatsächlich, es gab keine Hochzeit.
Johanna ist sich sicher, dass sie die richtige Entscheidung getroffen hat und bereut nichts.
Felix…
Der weiß bis heute nicht, was eigentlich das Problem war. Na und? Socken stinken doch mal. Hätte er sie halt ausgezogen…





