Juri war das sehnlichst erwartete Wunschkind seiner Eltern. Doch die Schwangerschaft verlief kompliziert und Juri wurde viel zu früh geboren – mit unreifen Organen kam er im Brutkasten zur Welt. Monatelang kämpfte er ums Überleben: künstliche Beatmung, zwei schwere Operationen, Netzhautablösung. Zweimal mussten seine Eltern sich bereits zum Abschiednehmen bereitmachen – doch Juri überlebte. Es zeigte sich aber bald, dass er fast nichts sah und kaum hörte. Körperlich machte er langsam Fortschritte – setzte sich hin, griff nach Spielzeug, lernte mit Stütze laufen. Geistig blieb die Entwicklung jedoch aus. Erst kämpften die Eltern gemeinsam, doch irgendwann zog sich der Vater still zurück und Juris Mutter kämpfte allein weiter. Sie organisierte eine Hörimplantat-OP, als Juri dreieinhalb war, doch auch das brachte keinen Durchbruch. Therapie folgte auf Therapie: Heilpädagogik, Logopädie, Psychologie. Juri saß meist schweigend im Laufstall, drehte an Gegenständen, schlug damit auf den Boden, biss sich und stimmte monotone Laute an. Seine Mutter erkannte ihn dennoch an seinem besonderen Gurren und wusste, wie sehr er es liebte, wenn sie seinen Rücken und die Beine kraulte. Schliesslich sagte ein älterer Psychiater: “Was wollen Sie noch? Das ist ein laufendes Gemüse. Treffen Sie eine Entscheidung – ob Heimeinweisung oder Pflege zu Hause, auf Entwicklung brauchen Sie nicht mehr zu hoffen.” Das war der Einzige, der so klar sprach. Juris Mutter gab ihn in eine Einrichtung und kehrte in ihren Beruf zurück. Sie erfüllte sich einen Traum, kaufte ein Motorrad und fuhr am Wochenende mit Gleichgesinnten davon – der Motorenlärm vertrieb die Sorgen. Vom Vater kamen Unterhaltszahlungen, von denen sie für Betreuer am Wochenende zahlte. Dann gestand ihr ein Motorradfreund, Stas, seine Zuneigung – er spüre bei ihr etwas tragisch Besonderes. Sie zeigte ihm Juri. Der Freund war erstmal fassungslos, aber wenig später wurden sie ein Paar, wohnten zusammen. Juri blieb ihre Aufgabe allein. Später wollte Stas ein gemeinsames Kind – aber was, wenn es wieder so kommt? Nach langem Stillstand wurde der zweite Sohn geboren: Iwan, kerngesund. Stas fragte, ob man Juri nun nicht doch ganz abgeben sollte – als Ersatz quasi. “Dann würde ich eher dich abgeben”, konterte seine Frau. Als Iwan mit neun Monaten Juri entdeckte, entwickelte sich ein besonderes Band: Während Stas den Kontakt verhindern wollte, förderte Iwan den Bruder, brachte ihm Spielzeug, leitete seine Hände, brachte ihn zum Schweigen und Warten, lernte mit ihm stapeln, essen, trinken, sich an- und ausziehen. Im Kindergarten fiel Iwan durch sein Wissen auf – zu klug, zu sehr Förderkind. Bis zum Schuleintritt kümmerte sich Juris Mutter um beide. Iwan brachte Juri Sprechen und Alltagsfähigkeiten bei. Gemeinsam gingen sie zur Schule: Juri auf die Förderschule, Iwan auf die normale Grundschule. Noch heute machen sie die Hausaufgaben zusammen, dann erst seine eigenen. Juri liest, nutzt den Computer, hilft im Haushalt, kennt jeden Nachbarn, grüßt höflich, liebt Basteln und Ordnung. Und sein Lieblingsmoment ist, wenn die ganze Familie auf zwei Motorrädern durchs Umland fährt – Juri mit Mama, Iwan mit Papa – und gemeinsam der Wind hinausgeschrien wird. Das Wunder der Brüder Juri und Iwan: Wie eine Mutter mit Motorrad und Mut, ein besonderer Junge, viel Gegenwind und eine unerwartete Familienbande das Leben neu erfand – eine bewegende Geschichte aus Deutschland über Hoffnung, Anderssein und die Kraft der Liebe.

Sebastian wurde von seinen Eltern sehnsüchtig erwartet. Doch die Schwangerschaft war schwierig, und der Kleine kam viel zu früh zur Welt. Er lag wochenlang im Inkubator. Viele seiner Organe waren noch nicht ausgereift. Er musste beatmet werden, es folgten zwei Operationen. Netzhautablösung. Zweimal durfte man sich bereits von ihm verabschieden. Aber Sebastian kämpfte sich ins Leben zurück.

Allerdings stellte sich rasch heraus, dass er fast blind und schwerhörig war. Körperlich machte er zwar langsam Fortschritte setzte sich hin, griff nach Spielzeug, stand dann irgendwann mit Hilfe auf , doch geistig wollte es einfach nicht vorangehen. Anfangs hatten seine Eltern noch Hoffnung sie kämpften, doch der Vater zog sich irgendwann still und leise zurück. Die Mutter, Anke, blieb und kämpfte weiter. Sie fand eine seltene Behandlungsmöglichkeit, und so bekam Sebastian im Alter von dreieinhalb Jahren Cochlea-Implantate. Plötzlich schien er alles zu hören, aber die erhoffte Entwicklung blieb aus. Anke lief von einer Therapie zur nächsten: Ergotherapeuten, Logopäden, Psychologen, sonderpädagogische Fachkräfte. Sie kam mit Sebastian immer wieder zu mir, manchmal mehrmals im Monat. Ich schlug neue Ansätze vor alles probierte sie aus. Aber der Durchbruch blieb aus. Sebastian saß meist still im Laufstall, drehte einen Gegenstand in der Hand, schlug damit gelegentlich auf den Boden, biss sich in die Hand oder in irgendein Teil, heulte manchmal monoton, dann wieder leidenschaftlich veränderlich. Anke war überzeugt, dass Sebastian sie erkannte, sie mit einem besonderen Gurren rief und es liebte, wenn sie ihm den Rücken oder die Beine kraulte.

Schließlich sagte ein alter Psychiater ihr einmal: Was wollen Sie noch für eine Diagnose? Es ist, wie es ist ein lebender Pflegefall. Sie müssen für sich eine Entscheidung treffen, entweder geben Sie Ihr Kind ab oder Sie pflegen ihn zu Hause das haben Sie ja inzwischen gelernt. Ich sehe keinen Sinn darin, sich weiter selbst an den Abgrund zu bringen oder auf kleine Wunder zu hoffen.

Das war der einzige Mensch, der zu Anke je so deutlich sprach. Sie gab Sebastian in eine spezielle Fördereinrichtung und ging wieder arbeiten. Nach einiger Zeit erfüllte sie sich einen alten Traum und kaufte sich ein Motorrad. Sie fuhr mit Gleichgesinnten durch Düsseldorf und über die Landstraßen hinaus das laute Brummen vertrieb alle düsteren Gedanken. Ihr Ex-Mann zahlte Unterhalt, den verwendete sie komplett für eine Wochenendbetreuung Sebastian war im Grunde nicht schwer zu versorgen, wenn man sich an sein Geheul gewöhnt hatte.

Eines Tages sprach sie ein Bekannter, Peter, aus dem Motorradclub an: Weißt du, Anke, ich hab mich irgendwie ernsthaft in dich verguckt. Da steckt was Tragisches und Faszinierendes zugleich in dir.
Komm. Ich zeig dir was, antwortete sie nur.
Er grinste und dachte wohl, sie lädt ihn zu sich nach Hause und ins Bett ein. Sie zeigte ihm Sebastian, der gerade munter war, moduliert heulte und gurrte, vermutlich, weil er seine Mutter erkannt hatte oder der fremde Besucher ihn irritierte.
Ach du Scheiße!, entfuhr es Peter sichtlich betroffen.
Was hast du denn erwartet?, entgegnete Anke.

Mit der Zeit fuhren sie nicht nur gemeinsam Motorrad, sondern lebten zusammen. Peter hielt Abstand zu Sebastian; das war vorher klar abgemacht, und Anke war damit einverstanden. Später schlug Peter vor, ein gemeinsames Kind zu bekommen. Anke reagierte abweisend: Und wenn es wieder so kommt? Peter schwieg fast ein Jahr, dann begann er wieder darüber zu reden.

Schließlich kam Felix zur Welt zum Glück kerngesund. Bald sagte Peter: Vielleicht sollten wir Sebastian inzwischen dauerhaft in ein Heim geben? Jetzt, wo wir einen gesunden Sohn haben? Anke konterte scharf: Dann geb ich eher dich ab. Peter lenkte verlegen ein: War ja nur so eine Idee

Mit etwa neun Monaten entdeckte Felix seinen Bruder. Er robbte auf Sebastian zu, zeigte großes Interesse. Peter hatte dabei Angst und wurde manchmal wütend: Lass den Kleinen nicht zu Sebastian, das ist gefährlich, wer weiß, was passiert. Doch Peter war meistens arbeiten oder unterwegs, und Anke ließ Felix machen. Immer, wenn Felix bei ihm war, schien Sebastian ruhiger, hörte auf zu heulen, schien zu lauschen und zu warten.

Felix brachte ihm Spielsachen, zeigte ihm, wie man damit spielte, legte Sebastian die Finger zurecht. Eines Tages, als Peter einmal krank zu Hause war, sah er, wie Felix unsicher durch die Wohnung lief und dabei leise vor sich hin plapperte, während Sebastian, der bisher immer in der Ecke gekauert hatte, ihm wie an einer unsichtbaren Leine folgte. Peter stellte eine Szene, forderte strikt, seinen Sohn vor diesem Idioten zu schützen oder wenigstens ständig dabei zu bleiben. Anke zeigte wortlos zur Tür. Peter erschrak. Sie vertrugen sich wieder.

Anke kam zu mir.
Er ist ein Holzklotz, aber ich liebe ihn, sagte sie über Peter. Furchtbar, oder?
Das ist doch normal, sagte ich. Sein Kind liebt man
Ich rede aber gerade von Peter, stellte sie klar. Und sag mal, ist Sebastian für Felix gefährlich?
Nach allem, was ich beobachten konnte, war Felix der Lok, aber natürlich sollte man dennoch aufpassen.

Mit eineinhalb Jahren brachte Felix Sebastian schon das Stapeln von Bauklötzen bei. Er selbst sprach bereits in Sätzen, sang einfache Lieder, zeigte Verse wie Hoppe, hoppe Reiter.
Ist Felix ein Wunderkind?, fragte mich Anke. Peter will das genau wissen.
Stolz platzte fast aus ihm heraus bei seinen Freunden sprachen die Kinder in dem Alter kaum über Mama und Papa hinaus.
Ich denke, es liegt an Sebastian, sagte ich. Nicht jedes Kleinkind ist so gefordert, das Entwicklungsmotor eines anderen zu sein.
Eben!, freute sich Anke. Das sag ich diesem Holzkopf da auch!

Schon etwas skurril, dachte ich mir ein lebender Pflegefall, ein Holzklotz, eine motorradfahrende Frau, ein Wunderkind.

Nachdem Felix gelernt hatte, aufs Töpfchen zu gehen, brauchte er ein halbes Jahr für die Erziehung seines Bruders dazu. Anke gab Felix sogar die Aufgabe, Sebastian ans Essen, Trinken aus dem Becher, Anziehen und Ausziehen heranzuführen. Mit dreieinhalb stellte Felix dann die Frage:
Was hat Sebastian eigentlich?
Nun, erstens sieht er gar nichts.
Doch, sieht er!, korrigierte Felix. Nur schlecht. Das hier sieht er noch, das schon nicht mehr. Kommt auf das Licht an. Im Badezimmer unter der Lampe sieht er ganz viel.
Der Augenarzt staunte nicht schlecht, als ihm ein Dreijähriger Sebastians Sehvermögen erklärte aber hörte aufmerksam zu, veranlasste noch eine weitere Untersuchung, verschrieb danach eine spezielle Therapie und starke Gläser.

Im Kindergarten kam Felix überhaupt nicht zurecht.
Der gehört doch in die Schule mit dem Kopf! So ein Schlaumeier!, schimpfte die Erzieherin. Der weiß alles besser als wir!
Ich sprach mich dagegen aus, ihn zu früh einzuschulen: Lieber in Kindergruppen, lieber weiter mit Sebastian arbeiten lassen.

Zu meiner Überraschung war Peter einverstanden und schlug Anke vor: Dann bleib halt noch mit ihnen zu Hause, bringt doch eh nichts im Kindergarten. Und hast du gemerkt, dass Sebastian seit einem Jahr kaum mehr schreit?
Ein halbes Jahr später sagte Sebastian erste Wörter: Mama, Papa, Felix, gib, trinken, miau-miau.

Die beiden Brüder kamen gleichzeitig in die Schule. Felix sorgte sich: Wie kommt Sebastian ohne mich zurecht? Sind die Lehrer in der Förderschule wirklich gut? Verstehen die ihn? Die Hausaufgaben macht er, jetzt in der fünften Klasse, erst mit Sebastian, dann für sich selbst. Sebastian benutzt einfache Sätze, kann lesen, Computer bedienen, liebt Kochen und Aufräumen (Felix oder die Mutter leiten ihn dabei), sitzt gerne auf der Bank im Hof, beobachtet, hört, riecht. Er kennt jeden Nachbarn, grüßt jeden. Bastelt leidenschaftlich mit Knete und baut Legosteine auf und ab.

Das Größte für ihn ist es aber, wenn sie alle gemeinsam auf Motorrädern durch die Eifel fahren er mit Anke, Felix mit Peter, und alle schreien lachend gegen den Wind

Was ich gelernt habe? Das Leben ist nicht planbar. Manchmal scheint alles aussichtslos, und trotzdem findet man im Chaos einen Sinn, wenn man gemeinsam Wege sucht und einander liebt.

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Homy
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Juri war das sehnlichst erwartete Wunschkind seiner Eltern. Doch die Schwangerschaft verlief kompliziert und Juri wurde viel zu früh geboren – mit unreifen Organen kam er im Brutkasten zur Welt. Monatelang kämpfte er ums Überleben: künstliche Beatmung, zwei schwere Operationen, Netzhautablösung. Zweimal mussten seine Eltern sich bereits zum Abschiednehmen bereitmachen – doch Juri überlebte. Es zeigte sich aber bald, dass er fast nichts sah und kaum hörte. Körperlich machte er langsam Fortschritte – setzte sich hin, griff nach Spielzeug, lernte mit Stütze laufen. Geistig blieb die Entwicklung jedoch aus. Erst kämpften die Eltern gemeinsam, doch irgendwann zog sich der Vater still zurück und Juris Mutter kämpfte allein weiter. Sie organisierte eine Hörimplantat-OP, als Juri dreieinhalb war, doch auch das brachte keinen Durchbruch. Therapie folgte auf Therapie: Heilpädagogik, Logopädie, Psychologie. Juri saß meist schweigend im Laufstall, drehte an Gegenständen, schlug damit auf den Boden, biss sich und stimmte monotone Laute an. Seine Mutter erkannte ihn dennoch an seinem besonderen Gurren und wusste, wie sehr er es liebte, wenn sie seinen Rücken und die Beine kraulte. Schliesslich sagte ein älterer Psychiater: “Was wollen Sie noch? Das ist ein laufendes Gemüse. Treffen Sie eine Entscheidung – ob Heimeinweisung oder Pflege zu Hause, auf Entwicklung brauchen Sie nicht mehr zu hoffen.” Das war der Einzige, der so klar sprach. Juris Mutter gab ihn in eine Einrichtung und kehrte in ihren Beruf zurück. Sie erfüllte sich einen Traum, kaufte ein Motorrad und fuhr am Wochenende mit Gleichgesinnten davon – der Motorenlärm vertrieb die Sorgen. Vom Vater kamen Unterhaltszahlungen, von denen sie für Betreuer am Wochenende zahlte. Dann gestand ihr ein Motorradfreund, Stas, seine Zuneigung – er spüre bei ihr etwas tragisch Besonderes. Sie zeigte ihm Juri. Der Freund war erstmal fassungslos, aber wenig später wurden sie ein Paar, wohnten zusammen. Juri blieb ihre Aufgabe allein. Später wollte Stas ein gemeinsames Kind – aber was, wenn es wieder so kommt? Nach langem Stillstand wurde der zweite Sohn geboren: Iwan, kerngesund. Stas fragte, ob man Juri nun nicht doch ganz abgeben sollte – als Ersatz quasi. “Dann würde ich eher dich abgeben”, konterte seine Frau. Als Iwan mit neun Monaten Juri entdeckte, entwickelte sich ein besonderes Band: Während Stas den Kontakt verhindern wollte, förderte Iwan den Bruder, brachte ihm Spielzeug, leitete seine Hände, brachte ihn zum Schweigen und Warten, lernte mit ihm stapeln, essen, trinken, sich an- und ausziehen. Im Kindergarten fiel Iwan durch sein Wissen auf – zu klug, zu sehr Förderkind. Bis zum Schuleintritt kümmerte sich Juris Mutter um beide. Iwan brachte Juri Sprechen und Alltagsfähigkeiten bei. Gemeinsam gingen sie zur Schule: Juri auf die Förderschule, Iwan auf die normale Grundschule. Noch heute machen sie die Hausaufgaben zusammen, dann erst seine eigenen. Juri liest, nutzt den Computer, hilft im Haushalt, kennt jeden Nachbarn, grüßt höflich, liebt Basteln und Ordnung. Und sein Lieblingsmoment ist, wenn die ganze Familie auf zwei Motorrädern durchs Umland fährt – Juri mit Mama, Iwan mit Papa – und gemeinsam der Wind hinausgeschrien wird. Das Wunder der Brüder Juri und Iwan: Wie eine Mutter mit Motorrad und Mut, ein besonderer Junge, viel Gegenwind und eine unerwartete Familienbande das Leben neu erfand – eine bewegende Geschichte aus Deutschland über Hoffnung, Anderssein und die Kraft der Liebe.
Wie immer