Wie immer

Wie immer

Ich, Annemarie, bin heute wieder viel zu früh wach geworden. Fünf Uhr dreißig, obwohl der Wecker erst um sechs klingeln sollte. So ist das bei mir immer an Tagen, an denen viel ansteht eine To-do-Liste, so lang wie der Rhein. Ich habe kurz im Dunkeln liegend auf die Straße hinausgeschaut, dann ganz vorsichtig meinen Schlaf aus dem warmen Bett geschlichen, damit ich Uwe nicht aufwecke. Er hat nur etwas gemurmelt und sich auf die andere Seite gedreht.

In der Küche habe ich das Licht angeknipst und die Tür leise zugezogen. Wasserkocher, Herd, die Hände machen alles wie von selbst. Draußen war es noch richtig dunkel, nur die Straßenlaternen tauchten die parkenden Autos in gelbe Flecken auf dem verschneiten Asphalt. Es ist der 28. Dezember. Nur noch drei Tage bis Silvester, und fertig habe ich bisher nur, was ich gestern noch geschafft habe: Der Plätzchenteig ruht im Kühlschrank, der Einkaufszettel liegt auf dem Küchentisch.

Kurz nach sieben kam Uwe in die Küche, schon angezogen und nach seinem Rasierwasser duftend. Er setzte sich an den Tisch und warf einen Blick auf die Teetasse, die ich ihm hinstellte.

Was machst du heute so? fragte ich, während ich ihm Tee einschenkte.

Ich fahr mal eben noch ins Werk, ein paar Unterlagen abgeben. Bin abends dann zurück, sagte er und nahm die Tasse, ohne mich anzusehen.

Ich meinte eigentlich das Abendessen. Was soll ich kochen?

Ach, wie immer halt, zuckte er mit den Schultern und blätterte durch die Tageszeitung. Alles in Ordnung.

Eigentlich wollte ich sagen, dass wie immer kein richtiger Vorschlag ist, dass ich doch gestern Frikadellen gemacht habe, vorgestern Fisch, und davor Gulasch. Aber ich schwieg, holte die Eier aus dem Kühlschrank für das Omelett.

Felix meldet sich übrigens heute, sagte ich und schlug die Eier in die Schüssel. Er meinte, am Wochenende kommt er vorbei.

Mhm, sagte Uwe und las weiter.

Während das Omelett in der Pfanne ausbackte, klingelte das Telefon. Ich wischte mir die Hände an der Schürze trocken und schaute aufs Display. Felix.

Hallo, mein Junge!

Hi, Mama! Ich komm am Samstag, ist das okay? Ich bin wohl so gegen zwei da.

Ja, natürlich! Was kann ich dir denn machen zu essen?

Na, mein Lieblingsessen! Mit Hühnchen, mit Pilzen, du weißt schon.

Klar, weiß ich.

Super! Ich muss los, Mama, hab gleich eine Zoom-Konferenz. Kuss!

Er war schon weg, bevor ich ihn fragen konnte, ob er übernachten will. Ich sah eine Sekunde auf das Handy, dann zur schmorenden Pfanne. Also, heute auf den Markt frische Champignons und ein gutes Maispoularden besorgen. Und Crème fraîche nicht vergessen.

Uwe aß das Omelett zügig auf und trank seinen Tee. Als ich schon zur Spüle griff, um abzuräumen, stand er bereits an der Garderobe.

Bin dann heute Abend wieder da, sagte er und zog sich Jacke und Mütze über.

Uwe, warte mal…

Was ist?

Ach, nichts. Geh ruhig.

Die Tür fiel zu. Ich blieb alleine in der Küche zurück, mit dem schmutzigen Geschirr und all den Aufgaben, die im Kopf ihre Kreise zogen. Zum Markt, einkaufen, kochen, Wohnung putzen, Uwes Hemden noch waschen, neue Christbaumkugeln holen, weil unsere Katze letztes Jahr die Hälfte zerdeppert hat, Plätzchen noch fertig backen, und anrufen sollte ich meine Mutter auch, sonst ist sie gekränkt.

Irgendwo tief im Inneren piekst etwas. Schon immer. Aber meistens merke ich es nicht. Heute sticht es besonders.

***

Nachmittags nehme ich den Bus zum Wochenmarkt. Der fährt langsam, schlängelt sich über schneebedeckte Straßen und an vertrauten Häusern vorbei. Zwanzig Jahre wohne ich jetzt in Köln-Nippes, jede Ecke kenne ich mit geschlossenen Augen. An der Marktstraße steige ich aus, rücke die Tasche zurecht und gehe durch das Markttor.

Es wuselt und lärmt zwischen den Ständen. Manche feilschen, Kinder kreischen, es riecht nach Bratwurst und Tannengrün. Ich laufe an Kleidung und Schnittblumen vorbei, stehe vorm Fleischstand. Suche ein dickes Suppenhuhn aus, feilsche der Höflichkeit halber, aber weiß schon, dass der Preis passt.

Noch was dazu? fragt die Metzgersfrau, während sie das Huhn einpackt.

Haben Sie irgendwo frische Pilze gesehen?

Am besten hinten links, bei Marion. Die sammelt die selber.

Ich nicke, trage das Huhn weiter. Die Pilze bei Marion sehen toll aus fest, erdig, sie duften nach Wald. Also, ein halbes Kilo wandert in den Korb, dann noch Crème fraîche, Butter, frische Petersilie. Die Tasche wird schwer, schon protestiert die Schulter. Ach, schnell noch Mandarinen Felix steht auf Mandarinen!

Vor dem Obststand steht ein alter Mann. Dünn, ausgetretene Jacke, selbstgestrickte Mütze. Er schaut erst zu den Mandarinen, dann auf seine Münzen, dann wieder zum Obst. Ich erkenne sofort: Er rechnet nach, ob sein Geld reicht.

Bitte ein Kilo von den spanischen Mandarinen, sage ich und krame mein Portemonnaie hervor.

Hab gerade georgische und spanische da. Welche nehmen Sie?

Von den spanischen, sage ich und sehe den alten Herrn an. Der dreht sich verlegen weg, das Kleingeld in der Faust.

Das macht 2,50 Euro.

Ich will gerade zahlen, da stocke ich. Der Mann sieht wieder auf die Äpfel. In seinen Augen ist etwas, das mich trifft. Kein Mitleid eher Wiedererkennen.

Moment, wiegen Sie bitte noch ein halbes Kilo dazu. Für den Herrn da, sage ich leise.

Der Verkäufer runzelt kurz die Stirn, packt dann wortlos noch Mandarinen ein. Ich bezahle, nehme beide Tüten und gehe zu dem alten Mann.

Hier, bitte. Für Sie. Frohe Weihnachten schon mal, sage ich und drücke ihm den Beutel in die Hand.

Er schaut erst mich, dann die Tüte an. So viel Dankbarkeit in seinem Blick, dass ich wegsehe.

Ich danke Ihnen. Das ist aber lieb. Vielen, vielen Dank.

Nichts zu danken. Gehört zu Weihnachten dazu.

Ihnen auch alles Gute für das neue Jahr!

Ich nicke und eile davon, zerre die Tasche fester. Warum habe ich das gemacht? Eigentlich habe ich nicht Geld zu verschenken. Aber darum ging es mir gar nicht. In dem Augenblick, als er die Tüte annahm und mich so angesehen hat, da wurde mir seltsam schwer ums Herz. So als hätte ich mich selbst von außen gesehen.

Nach Hause fahre ich schweigend, starr den Schnee am Fenster an. Ein Fremder bedankt sich für ein paar Mandarinen. Zuhause dagegen ganz gleich wie viel ich koche, putze, wasche sagt nie jemand etwas. Wie immer eben. Hauptsache, es läuft.

***

Am Samstag, wie immer früh wach, 6:30 Uhr. Uwe schnarcht, ich schleiche in die Küche. Das Huhn ist aufgetaut, die Pilze warten. Erst alles putzen, dann das Huhn füllen, später in den Ofen schieben. Bis zwei Uhr soll alles fertig sein.

Ich säubere die Pilze auf der Zeitung, das Messer gleitet durch die weichen Lamellen. Gedanken schweifen zum Markt zurück, zu dem alten Mann, seinen Augen.

Was machst du so früh auf? Uwe steht gähnend im Türrahmen. Ist doch Samstag.

Felix kommt doch zum Essen. Muss vorbereiten.

Ach ja. Er gießt sich Tee ein, setzt sich, stellt den Fernseher an. Nachrichten rauschen. Ich höre halb mit, schneide weiter Pilze, höre, dass der Eurokurs wackelt, es einen Unfall auf der Autobahn gab. Uwe trinkt Tee, guckt TV, kein Wort an mich.

Uwe, bring doch bitte mal den Müll runter. Der Beutel ist voll.

Gleich, nach dem Tee, nuschelt er, ohne den Blick vom Bildschirm zu nehmen.

Wann gleich?

Eben nach dem Tee.

Ich seufze, wende mich ab. Nach dem Tee bedeutet bei ihm oft später, vielleicht, meistens erledige ichs dann doch selbst.

Das Huhn wird wunderbar. Goldbraun, knusprig, duftet nach Pilzen und Knoblauch. Um fünf vor zwei kommt es auf den Tisch. Punkt zwei zehn taucht Felix auf fröhlich, mit roten Wangen, Designerjacke, teure Schuhe.

Mama! Er umarmt mich, küsst mich schnell auf die Wange. Wie gehts?

Passt schon, sage ich und mustere ihn sieht gut aus, zufrieden.

Papa, alles klar? Felix stapft ins Wohnzimmer, klopft Uwe auf die Schulter. Fußball?

Ja, setz dich, Halbzeit.

Mama, was zu essen?

Sofort, ich decke. Ich breite alles im Esszimmer aus: Huhn, Kartoffeln, Salat. Felix isst mit Begeisterung, lobt, schnappt sich nochmal nach. Uwe isst still, nickt nur im Takt zum Fernsehen. Ich sitze dabei, trinke Tee, beobachte meinen Sohn. Er erzählt etwas über den Job, ein neues Projekt in Frankfurt, eine Dienstreise. Ich höre zu, aber mein Herz hängt an seiner Freude am Essen. Er merkt gar nicht, was ich alles gemacht habe, wie lange ich heute in der Küche stand, für ihn.

Mama, warum bist du so still? Bist du müde?

Nein, alles gut. Alles wie immer.

Schön! Kannst du mir noch ein Hemd waschen? Hab meins vergessen, brauchs morgen.

Welches?

Na das weiße, das du mir zum Geburtstag geschenkt hast. Liegt im Auto, bring ich gleich.

Er flitzt raus, kommt mit einem zerknüllten Hemd zurück. Ich mustere den Kragen gelbliche Flecken. Muss ich mit Kernseife einweichen.

Danke, Mama, du bist die Beste! Felix drückt mich, küsst mich flüchtig. Bin dann gleich wieder weg, noch Freunde treffen.

Was, schon?

Ja, hab noch was vor. Verstehst du ja, Mama.

Ich nicke. Verstehe. Er kommt, isst, nimmt noch was und geht wieder. Wie in einem Hotel.

Felix, kommst du Silvester?

Klar, Mama, wie immer! Mach bitte nicht so viel. Letztes Jahr hatten wir viel zu viel, das haben wir kaum geschafft.

Gut, antworte ich und ziehe ihm den Reißverschluss hoch, wie früher.

Die Tür fällt zu. Ich stehe im Flur, dann gehe ich abräumen. Uwe liegt schon mit Fernbedienung auf dem Sofa. Ich trage das Geschirr, darunter Felix Hemd einweichen, waschen, bügeln, damit ers morgen abholen kann.

Während ich das Hemd einseife, steigt eine tiefe Traurigkeit in mir auf. Warum sagt dieser fremde alte Mann dreimal Danke für eine Tüte Mandarinen, mein eigener Sohn für ein ganzes Festessen aber nicht? Warum fragt nicht mal Uwe, ob es geschmeckt hat? Warum sieht niemand, was ich jeden Tag mache?

Annemarie, bringst du mal den Tee? ruft Uwe aus dem Wohnzimmer.

Ich schließe für einen Moment die Augen, balle die Fäuste in der Seife, dann stehe ich auf, trockne die Hände ab und stelle den Wasserkocher an.

***

Der Silvestertag soll wie immer verlaufen. Mein Plan steht schon eine Woche. Kartoffelsalat, Heringshäppchen, kaltes Bratenfleisch, gebackenes Huhn, selbstgemachte Käseplatte, kleine Snacks. Uwe steht auf Sülze, Felix liebt Kartoffelsalat, ich eigentlich am meisten den Hering. Also mach ich alles.

Am 29. Dezember gehe ich nochmal auf den Markt, kaufe Rinderbein für die Sülze, rote Bete, Matjesfilets, Schinken. Koche den ganzen Tag Sülze ansetzen, kühlen, Gemüse schnippeln. Abends tun mir Beine und Rücken weh.

Sag mal, bleibst du noch lange in der Küche? Uwe schaut herein. Fernseher spinnt, komm mal schauen.

Ich habe zu tun, Uwe.

Geh kurz. Musst doch nur die Antenne ausrichten.

Ich wische die Hände trocken, gehe ins Wohnzimmer, richte die Antenne. Klar, Signal läuft wieder. Uwe zurück aufs Sofa, ich wieder an den Salat. Nur einen Moment, klingt in meinem Kopf nach. Als ob ich in der Küche nur die Zeit totschlage!

Am Abend ist alles so gut wie fertig. Nur das Huhn fehlt noch. Ich sitze mit Tee in der Hand, betrachte den Kühlschrank voller Schüsseln. Morgen Abend werden alle wieder um diesen Tisch sitzen, essen, trinken, erzählen. Und ich? Immer wieder aufstehen, nachschenken, neu servieren. Am Ende die ganze Nacht aufräumen.

Das Telefon klingelt. Meine Mutter.

Annemarie, bist du bereit für Silvester?

Bin vorbereitet, Mama.

Gut so. Ich schaff das alles nicht mehr, ehrlich gesagt. Früher hab ich alles für euch gekocht, heute frag ich mich: wofür? Interessiert doch keinen.

Ach Mama, sag das nicht.

Wieso nicht? So ist es doch. Man schuftet, und keiner merkts. Denken, ist ja normal.

Ich höre zu und spüre Wärme aber nicht aus Freude, sondern weil ich mich erkannt fühle. Genau das ist es. Wir Frauen laufen, machen, tun, und am Ende sitzt man allein in der Küche. Müde und unsichtbar.

Mama, komm doch zu uns. Am zweiten vielleicht?

Ach, was soll ich da? Ich schau mal. Du solltest dich auch nicht überarbeiten.

Mach ich nicht. Mach dir keine Sorgen.

Ich lege auf, starre lange in die Dunkelheit und sehe dem Schnee zu, der groß und langsam fällt. Draußen ist alles ruhig. In mir ist dieser Schmerz, der heute besonders groß ist.

Ich denke wieder an den alten Mann auf dem Markt. Er war ein Fremder, doch in seinem Danke lag ein echtes Sehen. Hier zu Hause bin ich unsichtbar. Wie die Spülmaschine. Einfach da, funktioniert aber keiner beachtet es.

***

Am 31. Dezember ist plötzlich alles anders. Ich stehe auf und bleibe sitzen. Schaue an die Decke, höre Uwe schnarchen. In mir ist so viel Leere. Plötzlich weiß ich: Es reicht.

Diesmal backe ich kein Huhn. Kein Festessen, kein großes Aufkochen. Kein ganzer Tag in der Küche, während die anderen essen, trinken, und ich dann abends allein aufräume.

Uwe wacht gegen acht auf, streckt sich.

Annemarie, verschlafen heute? Wieso bist du nicht schon auf?

Doch, antworte ich. Bin in der Küche. Ich trinke Tee nur meine eigene Tasse. Der Herd ist sauber und kühl.

Und Frühstück?

Mach dir doch selbst was. Eier sind im Kühlschrank, Brot im Brotkasten.

Er schaut mich verblüfft an.

Bist du sauer?

Nö.

Also, warum dann?

Ich bin einfach müde, Uwe. Sehr müde.

Er schaut noch einen Moment, dann macht er sich tatsächlich Rührei mit wenig Geschick. Ich schaue zu, wie er ungeschickt die Eier in die Pfanne schlägt, das Eiweiß rauchend anbackt.

Was guckst du denn?

Nichts, sage ich.

Wir schweigen. Er isst, ich trinke Tee. Dann verlässt er wortlos das Zimmer und setzt sich vor den Fernseher. Ich bleibe zurück, öffne den Kühlschrank. Alles ist vorbereitet Salate, Sülze. Nur das Huhn würde noch fehlen. Heute bleibt der Ofen aber aus.

Um eins ruft Felix an.

Mama, bin in einer Stunde da, okay?

Felix, ich werde heute nichts kochen.

Was? Was meinst du?

Ich koche heute nicht.

Aber… was essen wir dann?

Weiß ich nicht. Bestellt euch was oder kocht selbst.

Aber Mama, es ist doch Silvester! Das kannst du doch nicht machen!

Auch ich will mal feiern. Nicht nur schuften. Kommt, wenn ihr wollt aber gekocht wird heute nicht.

Ich lege auf. Meine Hände zittern. Ich habe es ausgesprochen. Klar und deutlich. Felix wird gekränkt sein, Uwe sicher sauer. Aber ich kann nicht mehr. Kann nicht weiter die Unsichtbare sein.

Uwe kommt ins Zimmer.

Was hast du Felix denn erzählt?

Was los ist.

Was soll das? Es ist doch Silvester!

Es gibt Essen im Kühlschrank. Wenn ihr mehr wollt, macht selbst was.

Er ist fassungslos und stampft davon. Ich sitze nur da und starre in den Schneefall.

***

Felix kommt um drei, ganz ungewohnt vorsichtig.

Mama, was ist denn los?

Gar nichts, sage ich.

Du willst echt nicht kochen?

Ich schaue ihn an. Diesen erwachsenen, satten Jungen. Mein Junge, der mich trotzdem nie sieht. Du kommst, wie ins Restaurant. Nimmst Essen, frische Wäsche und bist wieder weg. Hast du mich je gefragt, wie es mir geht? Ob ich müde bin?

Aber… Mama, ich frag doch…

Nein, du tust so, als wärs nett aber du hörst ja trotzdem nie richtig hin.

Felix schweigt, schaut auf den Boden. Ich lege ihm die Hand auf die Schulter: Ich will nicht mehr Möbelstück sein, Felix. Auf dem Markt letzte Woche habe ich einem alten Mann Mandarinen geschenkt und er hat dreimal Danke gesagt. Dreimal, verstehst du? Zu Hause sagt niemand Danke.

Felix sagt erst nichts, dann: Es tut mir leid. Ich habe nicht nachgedacht…

Genau. Weil ich alles immer mache. Deswegen merkts keiner.

Uwe kommt in die Küche. Wollen wir den ganzen Abend jetzt Schuld suchen?

Nein, Uwe. Heute nicht. Heute macht ihr selber, wenn ihr Hunger habt.

Und das Huhn?

Fällt aus.

Das ist jetzt aber… Uwe flucht, Felix zuckt die Achseln.

Ich geh dann mal einkaufen, sagt Felix.

Ich mach auch fertig. Uwe zieht sich an. Ich bleibe allein zurück, fühle mich leer und leicht. Vielleicht ist es der Anfang von etwas Neuem.

***

Abends steht dann Salat auf dem Tisch, Sülze, ein paar Würstchen. Felix bringt aus dem Supermarkt Grillhähnchen, Pommes, Pizza. Uwe ist brummig, Felix bemüht sich um gute Stimmung es klappt nicht so recht.

Ich sitze still mit ihnen am Tisch. Laufe nicht hin und her. Ich esse auch mal. Es fühlt sich ungewohnt an, aber auch richtig.

Mama, trink doch mal den selbst gemachten Saft, sagt Felix.

Danke, Felix.

Uwe schiebt das Supermarkthähnchen auf dem Teller hin und her. Murmelt dann: Deins schmeckt besser.

Ich schaue ihn an. Er hebt nicht den Blick, aber das ist vielleicht fast so etwas wie eine Entschuldigung.

Weiß ich, sage ich ruhig.

Im Fernsehen läuft Dinner for One. Als Mitternacht naht, stoßen wir an, zögerlich. Felix umarmt mich.

Mama, entschuldige. Ich machs besser. Versprochen.

Danke, Felix.

Ich glaube nicht, dass sich alles sofort ändert. Aber da ist ein kleiner Riss in der Gewohnheit, durch den Licht fällt.

Nach dem Neujahrsgeläut räumt Felix die Teller ab. Was machst du denn?

Abraumen, Mama. Ruh dich aus.

Uwe schaut erst Felix, dann mich an. Steht auf, trägt seine Schüssel in die Küche. Gemeinsam waschen sie ab, fragen unsicher wohin mit den Gabeln. Ich helfe. Es ist ungewohnt. Und warm.

***

Felix bleibt über Nacht. Am nächsten Morgen, Neujahr, gibts Pfannkuchen. Uwe kocht Kaffee, Felix deckt den Tisch.

Mama, kann ich am Mittwoch wiederkommen? Vielleicht kochen wir da zusammen? Zeig mir, wie das geht, ja? Seine Augen sind offen, aufmerksam.

Natürlich, sage ich.

Ich würde auch was lernen, murmelt Uwe.

Dann lerne ich euch beide. Macht Spaß.

Felix fährt spätnachmittags nach Hause und ruft abends an. Uwe sitzt, ohne den Fernseher anzumachen, im Wohnzimmer. Ich räume auf, und plötzlich ruft er mich.

Komm mal her, Annemarie.

Ich setze mich aufs Sofa. Wir schauen aus dem Fenster auf den verschneiten Hof. Uwe seufzt.

Ich hab nachgedacht. Über das, was du gesagt hast. Wir haben dich gar nicht bemerkt. Ich war so daran gewöhnt, dass du alles machst ich dachte, das gehört so.

Ging mir lange auch so. Aber jetzt geht es nicht mehr.

Er nimmt meine Hand. Warm. Ich weiß nicht, wann er das zuletzt gemacht hat.

Ich versuche, mehr zu helfen. Mehr zu sehen. Versprechen kann ich nicht viel, aber ich bemühe mich.

Das reicht schon, sage ich. Gesehen werden ist alles.

Wir sitzen noch lange da. Dann steht Uwe auf, macht Tee, bringt mir eine dampfende Tasse.

Für dich.

Danke, sage ich, und lächle. Wir sitzen schweigend, aber das ist ein neues, warmes Schweigen.

***

Am 2. Januar rufe ich meine Mutter an.

Und, überstanden? will sie wissen.

Ich erzähle ihr, von meinem Entschluss, von der Aufregung, von den Jungs in der Küche. Sie lacht.

Hätte ich mich nie getraut. Aber du hasts richtig gemacht. Sonst merken sie nie was!

Du kannst ja heute vorbeikommen, wir trinken Tee zusammen.

Sie kommt tatsächlich vorbei, bringt Apfelstreusel und Nelken mit. Wir reden, trinken, lachen. Uwe holt sich ein Stück Kuchen, bedankt sich sogar bei meiner Mutter. Lecker, sagt er.

Meine Mutter schaut mich erstaunt an. Ich nicke ihr zu.

***

Abends will Uwe mir etwas zeigen. Er öffnet den Ofen: Da steht na ja, eine etwas krumme, aber duftende Hähnchenkeule. Habs selbst gemacht mit Felix am Telefon.

Ich staune, lache. Gemeinsam essen wir, Uwe erzählt halb beschämt vom Chaos beim Kochen. Ich denke: Das ist der Anfang. Langsam, aber ehrlich.

Am Tag darauf steht Felix mit einer Tüte voller Zutaten vor der Tür. Mama, zeig mir Omas Kartoffelsalat. Ich wills schaffen.

Wir schnippeln zusammen, Uwe hilft bei den Kartoffeln. Der Salat ist zu salzig, aber wir lachen. Nachher legt Felix sogar das Besteck auf den Tisch.

Am Abend sagt Felix: Nächstes Jahr machen wir Silvester zusammen, Mama. Alle helfen mit.

Ich kann Sülze kochen, sagt Uwe. Wenn du mich anlernst.

Natürlich, sage ich und lächle.

Wir sitzen noch lange in der Küche. Mir ist zum ersten Mal seit Monaten warm ums Herz.

***

Die Zeit läuft weiter. Nicht immer ist alles perfekt. Aber Uwe fragt öfter: Hast du was vor, kann ich helfen? Felix ruft von sich aus an, bringt manchmal Kuchen mit. Ich lerne zu sagen, was ich will, nicht mehr schweigend alles allein zu stemmen.

Einen Monat später steht Felix mit Fensterputzutensilien in der Tür, fragt, ob er helfen soll. Uwe räumt tatsächlich die Spülmaschine ein. Es ist nicht immer einfach und manchmal rutschen wir zurück in unsere alten Muster. Aber wir merken es und halten kurz inne.

Und manchmal, wenn wir an einem Abend zu dritt ganz selbstverständlich am Tisch sitzen, Tee trinken, lachen, dann weiß ich: Etwas ist anders. Nicht perfekt, aber heller. Ich werde gesehen.

Uwe stellt mir eine Tasse Tee hin. Hier, für dich. Und danke.

Ich lächele, sehe nach draußen, wo der Schnee schmilzt. Und ich denke: Es genügt. Gesehen werden, das ist alles, was ich brauche.

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Homy
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