Ich weiß es besser
Was soll das denn bloß sein Dieter ließ sich erschöpft vor seiner Tochter nieder und betrachtete die zarten rosa Flecken auf ihren Wangen. Schon wieder…
Die vierjährige Anneliese stand mitten im Wohnzimmer, geduldig und seltsam ernst für ihr Alter. Sie war es schon gewohnt, dass ihre Eltern sie immer wieder untersuchten, mit besorgten Mienen, die endlosen Salben und Tabletten.
Maria kam dazu, hockte sich neben ihren Mann. Mit sanften Fingern schob sie eine blonde Strähne aus dem Gesicht ihrer Tochter.
Diese Medikamente wirken überhaupt nicht. Als ob wir ihr nur Wasser gäben. Und die Ärzte im Gesundheitsamt Wer sind das überhaupt? Das dritte Behandlungsschema und nichts passiert!
Dieter stand langsam auf und rieb sich die Nasenwurzel. Draußen war es grau, der Tag versprach genauso farblos zu werden wie die davor. Sie packten schnell Anneliese in eine dicke Jacke, und nach einer halben Stunde saßen sie schon in der Wohnung von Dieters Mutter.
Helga seufzte, schüttelte den Kopf und streichelte das schmale Kreuz der Enkelin.
So klein und schon so viele Medikamente. Was für eine Belastung für den Körper sagte sie und setzte Anneliese auf ihren Schoß. Das Mädchen kuschelte sich sogleich an die Großmutter, als wäre es ihr sicherster Zufluchtsort. Es tut mir weh, das mit anzusehen.
Wir würden sie ja gerne davon wegbringen Maria saß an der Sofakante und ballte die Hände. Aber die Allergie bleibt hartnäckig. Wir haben alles entfernt. Wirklich alles. Sie isst nur noch die grundlegendsten Lebensmittel und trotzdem, Ausschlag.
Und was sagen die Ärzte?
Nichts Konkretes. Sie finden es nicht heraus. Wir machen Tests, wir geben Proben, aber das Ergebnis Maria winkte ab. Das hier ist das Ergebnis. Auf ihren Wangen.
Helga seufzte tief und zupfte am Kragen von Annelieses Jacke.
Ich hoffe, sie wächst da raus. Bei manchen Kindern klingt sowas irgendwann ab. Aber jetzt nichts Tröstliches.
Dieter schaute seine Tochter wortlos an. So klein, so dünn. Die riesigen, konzentrierten Augen. Er strich ihr über das Haar und sah unvermittelt Bilder seines eigenen Kindseins: Wie er samstags heimlich Hefezöpfe aus der Küche stibitzt hatte, nach Bonbons gebettelt, und das Apfelmus seiner Mutter direkt aus dem Glas gelöffelt. Und seine Tochter? Gedämpftes Gemüse. Gedämpftes Fleisch. Wasser. Keine Früchte, keine Süßigkeiten, keine normale Kinderkost. Vier Jahre alt und eine strengere Diät als mancher Magengeschwürpatient.
Wir wissen schon gar nicht mehr, was wir noch weglassen sollen sagte er leise. Ihre Ernährung ist da bleibt kaum noch was übrig.
Sie fuhren schweigend nach Hause. Anneliese schlummerte auf dem Rücksitz, Dieter blickte immer wieder durch den Rückspiegel. So ruhig. Wenigstens juckte sie sich nicht.
Mama hat angerufen Maria durchbrach die Stille. Sie möchte, dass wir Anneliese nächstes Wochenende bringen. Sie hat Karten fürs Puppentheater und will mit ihr hingehen.
Theater? Dieter schaltete den Gang um. Das ist gut. Sie braucht etwas Ablenkung.
Genau das habe ich auch gedacht. Ein bisschen Tapetenwechsel schadet ihr nicht.
…Am Samstag parkte Dieter das Auto vor dem Haus der Schwiegermutter, hob Anneliese aus dem Kindersitz. Die Kleine blinzelte müde, rieb sich mit winzigen Fäusten die Augen zu früh geweckt, kaum geschlafen. Er nahm sie auf den Arm, und sie schmiegte ihr warmes, federleichtes Gesicht an seinen Hals wie ein Spatz.
Waltraud trat im bunten Hausmantel vors Haus, schlug die Hände zusammen wie eine Matrosin, die ein Schiffbruchopfer entdeckt.
Ach du mein liebes Kind, Sonnenschein! Sie schnappte sich Anneliese, presste sie ans mächtige Dekolleté. So bleich, so schmal Die Diät macht sie ganz kaputt. Ihr ruiniert das arme Kind!
Dieter steckte die Hände in die Taschen und unterdrückte seinen Ärger. Immer derselbe Streit.
Wir tun alles zu ihrem Besten. Nicht aus Jux und Dollerei, das weißt du doch.
Pah, was für ein “Bestes”. Waltraud schnürte die Lippen und sah die Enkelin an, als käme sie gerade aus einem Gefangenenlager. Nur Haut und Knochen! Kinder müssen wachsen. Ihr lasst sie verhungern!
Mit Anneliese auf dem Arm marschierte sie ins Haus, ohne zurückzublicken. Die Tür fiel leise ins Schloss. Dieter stand noch eine Minute im fremden Vorgarten, spürte eine kratzende Ahnung im Kopf wie ein Gedanke auf der Flucht im Nebel. Er strich sich über die Stirn, hörte auf sein Inneres, winkte schließlich ab und ging zum Auto.
Ein Wochenende ohne Kind seltsames, fast vergessenes Gefühl. Am Samstag fuhren Maria und er in den Supermarkt, schoben einen Wagen zwischen den Reihen voller Lebensmittel durch, kauften für die Woche ein.
Zu Hause werkelte Dieter stundenlang am tropfenden Badewasserhahn seit Wochen schon. Maria sortierte Schränke aus, holte alte Sachen hervor, stopfte sie in Säcke für den Müll. Alltagstrubel, aber ohne die Stimme ihrer Tochter war die Wohnung seltsam leer, ungewohnt still.
Abends bestellten sie Pizza mit Mozzarella und Basilikum, die Anneliese nie essen durfte. Dazu eine Flasche roten Wein sie saßen in der Küche, sprachen über das Leben, Urlaub, den nie fertigen Renovierungsplan. So lange hatten sie nicht mehr so geredet.
Es tut einfach gut sagte Maria irgendwann und biss sich gleich auf die Lippe. Ich meine na du weißt schon. Einfach ruhig. Und friedlich.
Ja, ich verstehe. Dieter legte seine Hand auf ihre. Ich vermisse sie auch. Aber ein bisschen Pause hilft uns sicher.
Am Sonntag fuhr er gegen Abend weg, um Anneliese abzuholen. Die Sonne ging unter und tauchte die Straßen in dickes Orange. Das Haus der Schwiegermutter stand hinter alten Apfelbäumen, im seltsamen Licht des Sonnenuntergangs fast heimelig.
Dieter stieg aus, öffnete das Gartentor die quietschenden Scharniere klangten seltsam im Ohr und blieb mitten im Schritt stehen.
Auf der Treppe saß seine Tochter. Neben ihr Waltraud, das Gesicht erfüllt von reinem Glück. In ihrer Hand ein großes, goldbraunes Gebäck glänzend und duftend. Und Anneliese biss hinein. Krumen am Kinn, Wangen voller Teig und die leuchtendsten Augen, die er seit langem bei ihr gesehen hatte.
Dieter blieb reglos stehen. Dann wurde ihm heiß und wütend zumute.
Mit drei Schritten war er da, riss das Stück Gebäck aus Waltrauds Hand.
Was soll das?!
Waltraud zuckte und wich zurück, ihr Gesicht rötete sich vom Hals bis zu den Haarwurzeln.
Sie hob die Hände, als wolle sie seine Wut fortwedeln.
Das war doch nur ein kleines Stückchen! Halb so wild, nur ein Teilchen
Dieter hörte gar nicht zu. Hebte Anneliese hoch sie versteifte sich, klammerte sich an seine Jacke und trug sie zum Auto. Im Kindersitz schnallte er sie fest, Hände zitternd vor Zorn. Anneliese blickte ihn mit großen Augen an, kurz vorm Weinen.
Alles gut, Liebling sanfte Stimme, und er streichelte ihr das Haar. Bleib kurz hier sitzen, Papa kommt gleich wieder.
Tür zu. Zurück zum Haus. Waltraud stand noch dort und nestelte am Saum, das Gesicht fleckig.
Dieter, du verstehst das nicht…
Ich verstehe das nicht?! Er blieb stehen, und nun sprudelte es aus ihm heraus. Ein halbes Jahr! Ein halbes Jahr voller Rätsel! Untersuchungen, Labore, Allergietests weißt du, wie viel uns das gekostet hat? Wieviel Nerven, wieviele schlaflose Nächte?!
Waltraud wich zur Tür zurück.
Ich wollte doch nur das Beste…
Das Beste?! Dieter machte einen Schritt Wir hielten sie mit Wasser und gekochtem Huhn am Leben! Alles gestrichen, was sein könnte! Und du fütterst sie heimlich mit Backwaren?!
Ich wollte ihr Immunsystem stärken! Waltraud wurde plötzlich trotzig und hob das Kinn. Ein bisschen hier, ein bisschen da! So gewöhnt sie sich daran. Bald wäre es weg gewesen, Dank mir! Ich weiß Bescheid, ich habe drei Kinder großgezogen!
Dieter sah sie an es war, als würde er eine Fremde erblicken. Diese Frau, die er aus Rücksicht auf Maria und den Familienfrieden jahrelang ertrug sie vergiftete sein Kind. Mit Absicht. Weil sie sich für klüger als alle Ärzte hielt.
Drei Kinder wiederholte er leise, und Waltraud wurde blass. Und? Jedes Kind ist anders. Und Anneliese ist nicht deine Tochter, sondern meine. Und du wirst sie nicht nochmal sehen dürfen.
Was?! Waltraud krallte sich ans Geländer. Das kannst du nicht machen!
Doch, ich kann.
Er drehte sich um und ging zum Wagen. Hinter ihm schrien Worte, aber Dieter sah nicht zurück. Er setzte sich, startete. Im Rückspiegel Waltrauds Gestalt, mit flatternden Armen hinterm Tor. Mit einem Ruck fuhr er los.
Maria wartete im Flur. Sie sah Dieters Gesicht und die verweinte Tochter und wusste sofort Bescheid.
Was ist passiert?
Dieter fasste sich kurz, berichtete trocken und gefasst die Wut war dort geblieben, bei Waltraud. Maria hörte wortlos zu, ihr Gesicht wurde zunehmend härter. Dann zückte sie das Handy.
Mama. Ja, Dieter hat mir alles erzählt. Wie konntest du nur?!
Dieter nahm Anneliese mit ins Bad wusch Gebäck und Tränen vom Gesicht. Durch die Tür hörte er Marias Stimme, kalt und fremd. Sie las Waltraud die Leviten wie nie zuvor. Am Ende klang es wie ein Urteil: Bis wir die Allergie endgültig geklärt haben wirst du Anneliese nicht sehen.
Es vergehen zwei Monate…
Sonntagsessen bei Helga ist zur Tradition geworden. Heute steht ein Biskuitkuchen mit Sahne und Erdbeeren auf dem Tisch. Und Anneliese isst ihn. Ganz allein, große Löffelspuren bis zu den Ohren. Keine Flecken auf den Wangen.
Wer hätte das gedacht Helga schüttelt den Kopf. Sonnenblumenöl. So eine seltene Allergie.
Der Arzt meinte, einer von tausend Fällen Maria schmiert sich Butter aufs Brot. Kaum hatten wir es ganz ersetzt durch Olivenöl, war der Ausschlag nach zwei Wochen weg.
Dieter kann sich an seiner Tochter nicht sattsehen. Rosa Backen, leuchtende Augen, Sahne auf der Nase. Ein fröhliches Kind, endlich darf es wieder genießen Kuchen, Kekse, alles, was ohne Sonnenblumenöl gebacken wird. Und das ist eine ganze Menge!
Waltraud? Das Verhältnis bleibt frostig. Sie ruft an, entschuldigt sich, schluchzt ins Telefon. Maria bleibt sachlich. Dieter redet gar nicht mehr.
Anneliese greift wieder zum Kuchen, Helga schiebt ihr die Platte noch näher.
Iss, mein kleines Mädchen. Iss und sei gesund.
Dieter lehnt sich zurück. Draußen Regen, drinnen warm und der Duft von Gebäck. Seine Tochter ist gesund. Alles andere ist unwichtig.





