Du bist ihm fremd, und ich bin seine Mutter, flüsterte die Schwiegermutter.
Du hättest diesen Arzt aus der Privatklinik nicht rufen sollen, sagte Gisela Hoffmann und strich sich das schwarze Kopftuch zurecht. Unser Hausarzt ist gut, er hat uns ein Leben lang behandelt.
Sabine sagte nichts und stellte noch eine Platte mit Osterbrot auf den Tisch. Die Gäste waren allmählich gegangen, nur die engsten Verwandten blieben. Die Küche wirkte zu klein für so viele Menschen, aber im Wohnzimmer stand der Sarg, und niemand wagte es, dort zu essen.
Warum schweigst du?, fuhr die Schwiegermutter gereizt fort. Bist du zu geizig für eine ordentliche Behandlung? Dreihunderttausend Euro für die Operation, und was hat es gebracht?
Gisela, nicht jetzt, bat Nachbarin Tante Elke leise, doch die hörte nicht.
Wann denn sonst? Die Augen der Frau waren rot, nicht von Tränen, sondern von Wut. Er war mein Sohn! Ich habe ihn geboren, aufgezogen, großgezogen! Und sie… sie hat ihn nur geheiratet.
Sabines Finger krallten sich ins Geschirrtuch. Sie wollte schreien, weglaufen, sich verstecken doch das ging nicht. Heute war Stefans Beerdigung, und sie musste sich zusammenreißen.
Mama, hör auf, sagte Matthias, Stefans jüngerer Bruder, müde. Heute ist nicht der richtige Zeitpunkt.
Wann dann? Gisela fuhr auf. Nach der Beerdigung, ja? Ich soll schweigen, und sie darf hier das Sagen haben? Das ist mein Haus! Stefan ist hier geboren, hier soll er auch aufgebahrt werden!
Sabine zuckte zusammen. Sie hatten die ganze Woche gestritten, wo die Trauerfeier stattfinden sollte. Gisela bestand auf ihrer Dreizimmerwohnung, Sabine schlug ein Restaurant vor. Doch die Schwiegermutter entschied wie immer allein.
Ich lüfte mal das Wohnzimmer, flüsterte Sabine und ging hinaus.
Dort war es still und stickig. Der Duft von Blumen und Weihrauch vermischte sich mit dem Essen. Stefan lag im Sarg, fremd in seinem schwarzen Anzug. Anzüge mochte er nie, fand sie unbequem. Er trug lieber Jeans und Pullover.
Warum hast du mich verlassen?, flüsterte Sabine und trat näher. Wie soll ich jetzt allein sein?
Hinter ihr Schritte.
Sabinchen, quäl dich nicht, sagte Tante Elke und legte eine Hand auf ihre Schulter. Er konnte doch nichts dafür. Diese verdammte Krankheit.
Sie sagt, ich hätte ihn falsch behandeln lassen. Dass ich am Geld gespart habe.
Hör nicht auf sie. Sie leidet, deshalb ist sie so wütend. Er war ihr Einziger, ihr Ein und Alles.
Und ich? Habe ich nicht auch mein Leid? Sabine drehte sich um, und Tante Elke sah ihre tränennassen Augen. Zwölf Jahre waren wir zusammen. Zwölf Jahre! Ich habe ihn gepflegt, als er krank war. Habe meinen Job gekündigt, um mit ihm von Klinik zu Klinik zu fahren.
Ich weiß, ich weiß. Du warst eine gute Frau.
Und sie sagt fremd. Fremd? Wir haben in der Kirche geheiratet, wir wollten Kinder haben…
Sabine verstummte. Über Kinder zu sprechen, tat zu weh. Sie hatten es versucht, doch es klappte nicht. Dann wurde Stefan krank, und alles andere trat zurück.
Aus der Küche drangen gedämpfte Stimmen. Gisela erzählte jemandem, wie Stefan als Kind vom Fahrrad fiel und sich den Arm brach.
Ich bin selbst mit ihm ins Krankenhaus gefahren, war ihre Stimme zu hören. Mitten in der Nacht, mit dem Taxi. Der Arzt sagte, zum Glück seien wir schnell gekommen, sonst wäre der Arm schief verheilt.
Sabine lauschte und erinnerte sich an eine andere Version. Stefan hatte ihr die Geschichte lachend erzählt. Wie seine Mutter mehr Angst gehabt habe als er. Und der Arzt sie beruhigen musste, nicht den Jungen.
Er war immer so tapfer, fuhr die Schwiegermutter fort. In der Schule hat er sich für die Kleinen eingesetzt. Konnte sich wehren. Und dann in der Bundeswehr er wäre ein guter Offizier geworden.
Sabine dachte an die Feldpostbriefe. Stefan schrieb, wie er sich nach Hause sehnte, nach Kartoffelsuppe mit Dill. Und er schrieb von Sabine, dem Mädchen, das er vor dem Einrücken kennengelernt hatte und auf das er warten wollte.
Sabine, komm her, rief Cousine Lena aus der Küche. Gisela zeigt Fotos.
Auf dem Küchentisch lag ein altes Album. Die Schwiegermutter blätterte und kommentierte jedes Bild.
Hier in der ersten Klasse, zeigte sie. So ernst war er. Ein guter Schüler, immer Einser.
Sabine setzte sich daneben und betrachtete die Kinderfotos ihres Mannes. Der kleine Stefan lächelte von den Bildern, umarmte einen Stoffbären, baute Sandburgen.
Und hier schon groß, blätterte Gisela um. In der Fachschule, Kfz-Mechaniker. Goldene Hände hatte er, konnte jedes Auto reparieren.
Ja, er hat mir oft mit dem Auto geholfen, sagte Sabine leise. Nie hat er geschimpft, wenn ich was kaputt gemacht habe.
Die Schwiegermutter sah sie scharf an.
Na und? Er war eben hilfsbereit. Allen hat er geholfen, nicht nur dir.
Ein unbehagliches Schweigen folgte. Lena hustete und bat um weitere Fotos.
Hier nach der Bundeswehr, Gisela deutete auf ein Bild, wo Stefan in Jeans und Lederjacke neben einem Motorrad stand. Ein schöner Mann, die Mädchen waren verrückt nach ihm.
Sabine erinnerte sich, wie sie sich kennenlernten. Stefan hatte ihre Freundin nach der Arbeit mitgenommen, und sie war zufällig dabei. Er bot an, sie auch zu fahren, und erzählte unterwegs Witze. Damals schien er ihr der charmanteste Mensch der Welt.
So viele Mädchen hatte er, seufzte Gisela. Aber nie wollte er sich binden. Sagte immer: Es ist zu früh, ich will erst leben.
Mama, warum erzählst du das?, warf Matthias ein.
Was ist denn dabei? Es ist die Wahrheit. Er blieb lange ungebunden. Und dann heiratete er plötzlich. Ich war damals überrascht.
Sabine spürte, wie ihr die Wangen brannten. Stefan hatte lange gezögert, sie seiner Mutter vorzustellen. Sie sei sehr streng, sagte er, und würde sie vielleicht nicht verstehen.
Es war eine schöne Hochzeit, sagte Tante Elke versöhnlich. Ich erinnere mich an die prächtige Torte.
Die Torte habe ich bestellt, korrigierte Gisela. Und das Kleid für sie gekauft. Ihr eigenes Geld reichte nicht.
Ich habe gearbeitet, sagte Sabine leise. Nur war das Gehalt nicht hoch.
Eben. Stefan verdiente gut. In der Fabrik schätzten ihn, er wurde ständig befördert.
Sabine dachte daran, wie sie von einer eigenen Wohnung träumten. Sie sparten jeden Cent. Dann wurde Stefan krank, und alles Geld ging für Behandlungen drauf.
Er wollte so sehr Kinder haben, sagte sie unvermittelt. Sagte immer: Wenn ich gesund bin, kriegen wir ein Baby.
Gisela schwieg. Dann schloss sie das Album und legte es in die Schublade.
Wir müssen den Tisch decken, sagte sie. Gleich kommt der Pfarrer.
Als alle beschäftigt waren, blieben Sabine und Matthias allein. Er rauchte auf dem Balkon, sie spülte Geschirr.
Nimm es Mama nicht übel, sagte er, als er in die Küche kam. Sie hat ihren Sohn sehr geliebt. Vielleicht zu sehr.
Ich verstehe, antwortete Sabine, ohne sich umzudrehen. Aber es tut weh




