Während mein Mann in Bayern auf Montage war, habe ich gelogen, was die Vaterschaft unseres Sohnes betrifft und ahnte nicht, welche Folgen das haben würde.
Ein Geheimnis, das ein Leben lang hielt.
Frau Schmidt, stimmt es, dass Sie und der Holger keine Kinder haben? fragte die Nachbarin Brigitte und lehnte sich gierig über den Gartenzaun.
Ich umklammerte den leeren Putzeimer, der meine Hände beschäftigte, und senkte den Blick.
Es hat halt nicht sollen sein, murmelte ich möglichst tapfer.
Wie ich diese Gespräche hasste! Immer, wenn sich im Dorf jemand zum Thema Kinder äußerte, fühlte ich mich innerlich verdreht wie ein nasser Abwaschlappen. In unserem Ort drehte sich sowieso alles nur um Ernte und Nachwuchs. Die Ernte war dieses Jahr prächtig gewesen, aber bei Kindern…
Abends saß ich oft auf der Bank vor unserem alten Fachwerkhäuschen und starrte in den Sonnenuntergang und dachte an meinen Mann. Holger arbeitete jetzt schon eineinhalb Jahre in München, Dachdecker für teure Baustellen. So konnten wir uns neben den Kartoffeln aus dem Garten auch mal ein Stück Rinderbraten leisten. Immer, wenn er losfuhr, drückte ich ihm die glattrasierten Wangen und flüsterte:
Komm bald zurück.
Und er grinste schief und meinte: Aber klar, Anneliese! Du wirst meine Abwesenheit kaum bemerken.
Aber die Zeit zog sich dann wie ein Kaugummi am Schuh. Mit dreißig fühlte ich mich wie eine alte Eiche, schwer von Sorgen, besonders wenn die Kinder der Nachbarinnen um mich herumtobten. Sabine rechts hatte gerade das dritte Kind bekommen, Ulrike links erwartete Zwillinge. Und ich? Ich kümmerte mich um meine Geranien, als ob das mein Schicksal wäre.
Holger und ich haben jahrelang versucht, Kinder zu bekommen, aber das Schicksal meinte es anders mit uns.
In einer jener Nächte tobte ein echtes Unwetter. Der Regen hämmerte derart aufs Dach, dass ich schon dachte, bald prasselt er mir auf den Kopf. Da wurde ich von seltsamen Geräuschen geweckt. Zuerst dachte ich, unser Kater Fritz macht wieder Unsinn, aber dann hörte ich ein, für mein Herz kaum zu ertragendes, Babygeschrei.
Ich riss die Tür auf und fror plötzlich bewegungslos ein.
Direkt vor der Schwelle lag, in eine alte Decke gewickelt, ein schreiendes Bündel.
Ach du meine Güte, flüsterte ich und hob das kleine Wesen auf.
Es war ein winziges Baby, höchstens drei, vier Monate alt, das Gesicht rotverheult, Äuglein zusammengekniffen, Fäuste geballt. Daneben ein alter, halb verregneter Teddy.
Ich drückte es an mein klopfendes Herz.
Schon gut, kleines Mäuschen, schon gut, murmelte ich.
Gleich am nächsten Morgen rannte ich zu Herrn Dr. Weber, unserem Landarzt im Ort. Er kannte unsere lange Kindsuche.
Anneliese, bist du sicher, dass du das willst?, fragte er, während er verständnisvoll den Kopf schüttelte, aber kein bisschen urteilte.
Martin, hilf mir bitte mit den Papieren… Soll jeder denken, es wäre unser Kind. Holger kriegt doch nichts mit, der ist so weit weg
Und dein Gewissen?
Mein Gewissen hält auch ohne Kind keine Ruhe mehr, entgegnete ich bitter.
Fünf Monate vergingen wie im Flug.
Das Baby, das ich Paul nannte, entwickelte sich prächtig. Er brabbelte, quietschte und grinste und hatte ein Grübchen in der rechten Wange, einfach zum Niederknien.
Ich wartete wie auf das größte Fest meines Lebens auf Holgers Rückkehr. Ich schrubbte das Haus wie noch nie zuvor, buk seinen heißgeliebten Blechkuchen und brachte neue Vorhänge an.
Als ich seine Stimme im Hof hörte, hatten meine Knie plötzlich die Konsistenz von Götterspeise.
Anneliese!
Holger kam rein braungebrannt, schlanker geworden, aber doch noch mein Holger.
Und wen haben wir denn da? blieb er vor dem Stubenwagen stehen und blickte auf Paul herab.
Der Kleine blinzelte, sah zu Holger hinauf und strahlte, das Grübchen ganz tief.
Ich schluckte.
Holger das ist unser Sohn, sagte ich, die Stimme vibrierte. Ich habe erst davon erfahren, als du schon weg warst. Er kam ein bisschen zu früh… Tut mir leid, dass ichs nicht geschrieben habe. Ich hatte Angst.
Holger sagte lange nichts. Dann, plötzlich, lachte er auf.
Unser Sohn?.. Meine Anneliese, er nahm mich in die Arme und wirbelte mich durch die Stube.
Paul gluckste fröhlich und ich konnte nicht anders als weinen ob nun aus Glück oder aus Furcht, ich wusste es nicht.
Die Jahre vergingen.
Holger fand einen Job in der Sägerei nebenan, wollte nicht noch mal fort. Er hing am Sohn. Sie bauten zusammen Nistkästen, schraubten am Moped und gingen angeln.
Aber je älter Paul wurde, desto öfter bemerkte ich Holgers nachdenkliche Blicke.
Richtig auffällig wurde es, als der Junge zwölf war.
Sag mal, Anneliese, begann Holger beim Abendessen und sah Paul dabei genau an. Warum ist er eigentlich so dunkelhaarig? In unserer Familie gabs das doch noch nie.
Mir zitterte die Kaffeetasse in der Hand.
Der schlägt nach Onkel Klaus, weißt du noch?
Ah, ja… Stimmt schon irgendwie, brummte Holger, aber ich merkte, dass er seither genauer hinsah.
Mit jedem Jahr wuchs meine Angst.
Mit fünfzehn wurde Paul sehr krank; fast vier Tage hohes Fieber. Holger wollte ihn ins Krankenhaus nach Nürnberg bringen, aber der Arzt riet ab die Fahrt wäre zu riskant gewesen.
Ich habe mein Kind rund um die Uhr bewacht.
Immer wieder dachte ich: Was, wenn er Blut braucht, wenn jemand nach Erbkrankheiten fragt?
Doch am vierten Tag wachte Paul einfach auf und verlangte erst mal eine Apfelschorle.
Da begriff ich: Es ist völlig egal, welches Blut in seinen Adern fließt. Ich bin wirklich seine Mutter.
Mit fünfundzwanzig, als Paul schon ein stattlicher Mann war, konnte ich das Schweigen nicht länger ertragen.
Beim Abendessen, als alle am Tisch saßen, ringelte ich nervös die Hände und schaute meine Familie an:
Ich muss euch was erzählen
Alle starrten mich an.
Es war eine stürmische Nacht vor fünfundzwanzig Jahren jede Silbe kostete mich alles. Da lag ein Baby auf der Türschwelle.
Ich erzählte die ganze Geschichte.
Holger sprang so abrupt auf, dass beinahe der Stuhl umfiel.
Fünfundzwanzig Jahre…, murmelte er tonlos. Fünfundzwanzig Jahre und du hast mich belogen?!
Er stapfte hinaus.
Und Paul…
Mama, meinte er leise, ist doch egal, wie ich hergekommen bin. Du bist meine Mutter. Du warst es immer.
Ich weinte hemmungslos.
Holger kam am Abend zurück.
Er setzte sich wortlos neben mich auf die Treppenstufen, schaute lange in die Dunkelheit.
Weißt du noch, als er damals fast im Weiher untergegangen ist…? Oder wie stolz wir immer auf seine Zeugnisse waren? Und wie wir ihn zur Bundeswehr gebracht haben?
Ich nickte.
Vielleicht zählt am Ende nur das, murmelte er. Er gehört zu uns. Ganz egal, wie.
Ich weinte wieder.
Am nächsten Morgen drehte sich das Leben weiter jetzt ohne Geheimnisse. Denn Familie entsteht nicht durchs Blut, sondern durch Liebe.




