Der erste Eindruck — Mama, das ist Leonie, — stellte Moritz leicht errötend vor, als er spät abends das Mädchen nach Hause brachte. — Guten Abend, — antwortete Renate, blickte missbilligend auf den unerwarteten Gast. — Was für eine Uhrzeit, um jemanden vorzustellen! In einer halben Stunde ist Mitternacht… — Ich habe Moritz gesagt, dass es schon spät ist, — entgegnete das Mädchen prompt. — Aber hört er? So stur wie er ist! „Gute Taktik,“ dachte Renate. „Sie rechtfertigt sich und schiebt die Schuld ihm zu. Unsympathisch, das Mädchen.“ — Na gut, kommt rein, — forderte die Mutter auf, sagte aber nichts weiter und verschwand den Flur entlang Richtung Schlafzimmer. Was hätte sie sonst tun sollen? Sie konnte doch ihren einzigen Sohn mitten in der Nacht nicht vor die Tür setzen, schon gar nicht wegen einer Fremden! Wenn sie zusammenleben wollten, bitte. Eine Mutter ist dazu da, ihr Kind zu schützen und ihm die Augen zu öffnen. Und genau das, dachte Renate, würde sie schnell erledigen. Moritz würde die Leonie schon von selbst abschieben – und erleichtert sein, sie loszuwerden! Die ganze Nacht lag Renate wach und schmiedete Pläne, die Eindringling loszuwerden. Gegen die Hochzeit war sie ja nicht. Ihr Sohn war schließlich auch schon dreißig, längst bereit für das Leben zu zweit. Aber doch nicht mit ihr! Erstens war sie offensichtlich deutlich jünger. Zeichen für Leichtsinn und Unbeständigkeit. Was für eine Ehefrau, Mutter oder Hausherrin wäre das? Zweitens: Ihr Charakter sprach Bände – erscheint mitten in der Nacht im fremden Haus, entschuldigt sich nicht mal! Schlimmer noch, gibt ihrem Sohn völlig grundlos die Schuld… Und bleibt auch noch zum Schlafen! War das das erste Mal oder war das schon Routine? Drittens: Sie gefiel Renate einfach nicht. Folglich würde Moritz sie auch bald nicht mehr mögen. Warum Zeit verschwenden? Der Plan erübrigte sich. Leonie lieferte Renate selbst genug Gründe, um Ordnung ins Haus zu bringen. Der erste Warnschuss kam schon am Morgen. Leonie ging duschen — und kam eine Stunde nicht wieder raus. Moritz tigert derweil nervös durch die Wohnung. — Mein Sohn, was ist los? — fragte Renate auffallend sanft. — Das Mädchen macht sich hübsch, will dir gefallen… — Aber ich muss zur Arbeit! — Klopf und sag ihr, dass sie nicht allein in der Wohnung ist, — schlug die Mutter vor. — Ach, bringt doch nichts, — murmelte er. — Wir reden später. Und du, Mama, musst du nicht langsam los? — Ich? Nein. Ich bin schon fertig. Ich habe Quarkkuchen gemacht. Komm frühstücken. — Ich hab mich noch nicht mal fertiggemacht! — Macht nichts, wäscht du dich später. Jetzt nutze die Zeit und iss was. Es wird ein langer Tag. Moritz setzte sich an den Tisch. Da kam Leonie schließlich aus dem Bad, Handtuch ums Haar. Sie sah bezaubernd aus. — Endlich! — rief Moritz, stürzte zum beschlagenen Spiegel, rasierte sich in Rekordzeit, schlang das kleinste Stück Quarkkuchen hinunter und rief schon im Hinausgehen: — Bis heute Abend! Vertragt euch! — Moritz! — rief Leonie. — Heute wollten wir doch meine Sachen holen, weißt du noch? — Machen wir abends, nicht sauer sein! — tönte seine Stimme aus dem Treppenhaus. Renate erhob sich, schloss ihrem Sohn die Tür, wandte sich an Leonie und fragte ohne Umschweife: — Schämen Sie sich nicht? — Nein, — lächelte das Mädchen. — Sollte ich? — Moritz kommt deinetwegen zu spät zur Arbeit! — Tut er gar nicht. Wahrscheinlich nimmt er ein Taxi. Keine Sorge, das geht schon. — Trotzdem, denk dran: Du bist hier nicht allein. Wer morgens eine Stunde im Bad verbringen will, muss früher aufstehen. Gut, dass ich heute nicht arbeiten muss. — Ich mache das nicht wieder, — entgegnete Leonie nur. — Entschuldigung. Renate war leicht konsterniert. Sie hatte einen Streit erwartet. Nun ja … — Na gut, — murmelte sie und ging ins Bad. Da fiel ihr als Erstes die angebrochene neue Tube Zahnpasta auf, obwohl die alte noch nicht leer war. — Leonie, warum hast du eine neue Zahnpasta angebrochen? — Mir gefällt die besser … — Ich hoffe, du bringst deine eigene mit – und dein Shampoo! — Natürlich, Frau Renate … — Und eigene Handtücher! — Kommt alles … Egal, wie sehr Renate einen Streit suchte, Leonie gab ihr keine Angriffsfläche. Sie stimmte allem nickend zu, notierte stets ihre „Pflichten“. Schließlich ging Renate aufs Ganze. — Was willst du eigentlich hier? — Moritz und ich lieben uns … — Klar liebst du so einen Kerl! Nur eines begreife ich nicht: Was findet er an dir? — Hab ich ihn nie gefragt … — Wo sind deine Eltern? — Meine Mutter arbeitet als Schneiderin in einer Fabrik. — Und dein Vater? — Den habe ich nie gekannt. — Verstehe. Ohne Vater groß geworden. Wie willst du eine gute Ehefrau für meinen Sohn sein? — Ich geb mein Bestes … — Versuch es gar nicht erst, Mädchen. Mein Sohn liebt dich nicht. Er denkt nur, er liebt dich! Ich kenne ihn besser! Niemals wird er dich heiraten! Wozu auch? Du hast dich ihm ja längst an den Hals geworfen. — Er liebt mich, — Leonies Stimme zitterte. — Da bin ich sicher. Mehr erfahren — Irrst du. Glaubst du, du bist die Erste? — Nein … Aber das ist auch egal … — Egal? In einer Woche ist er dich leid! Du bist nicht mal von seinem Schlag! Intellekt – hast du das schon mal gehört? — Ja, aber das passt hier nicht. — Und warum nicht? — Ich habe einen Hochschulabschluss. — Und was dann? Schau, Mädchen, geh lieber nach Hause. Hier ist nicht dein Platz. Ich versuche dir das den ganzen Morgen zu erklären, und du verstehst es einfach nicht. — In Ordnung, ich gehe. Aber was erzählen Sie Moritz? Er wird nicht begeistert sein. — Das geht dich nichts an! Hau ab und komm nicht wieder. Du bist hier nicht willkommen. Renate schimpfte – und erschrak fast vor sich selbst: Was war nur in sie gefahren? Nie hatte sie jemandem auch nur einen Bruchteil so etwas an den Kopf geworfen. Giftige Worte sprudelten hervor. Und Leonie? Sie blickte Renate an – und verstand alles. Die Mutter war eifersüchtig auf ihren Sohn! Sie kannten sich nicht einmal einen Tag, und doch … Und als die Sonne über München unterging, spürte Renate zum ersten Mal das Gewicht der Stille in einer Wohnung, in der niemals das Lachen eines Enkels widerhallen würde.

Erster Eindruck
Mama, das ist Mathilde, stellte Benedikt leicht verlegen seine Begleitung spät am Abend vor.
Guten Abend, erwiderte Erika mit spürbarer Unzufriedenheit, als sie die unerwartete Besucherin musterte. Ein wunderbarer Zeitpunkt für eine Vorstellung! In einer halben Stunde schlägt Mitternacht
Ich habe Benedikt gesagt, dass es schon spät ist, konterte das Mädchen sofort. Aber hört er auf mich? So stur ist er!
Pfiffig, dachte Erika. Hat sich rausgeredet und gleichzeitig die Schuld auf meinen Sohn geschoben. Diese junge Frau ist wirklich unangenehm.
Also, kommt herein, bat die Mutter knapp und verschwand im Flur in Richtung Schlafzimmer.
Was hätte sie sonst tun sollen? Ihren einzigen Sohn mitten in der Nacht wegen einer Fremden vor die Tür setzen? Wenn er mit ihr zusammenleben wollte, dann sollte er eben. Eine Mutter ist dazu da, ihr Kind zu schützen und ihm die Augen zu öffnen. Erika hatte schon eine Strategie parat. Benedikt würde diese Mathilde ganz von selbst loswerden und dann wäre er sogar erleichtert!
Die ganze Nacht lag Erika wach, feilte an einem Plan, um die Eindringling möglichst bald wieder loszuwerden.
Eigentlich hatte sie nichts gegen eine Hochzeit ihres Sohnes, immerhin war er mit seinen dreißig Jahren längst bereit für ein eigenes Leben.
Aber nicht mit dieser!
Sie wirkte eindeutig jünger, was Erika als Zeichen von Unreife und Wankelmütigkeit wertete.
Was für eine Ehefrau, Mutter oder Hausherrin sollte das denn werden?
Und dann ihr Charakter! Sie platzt zu später Stunde unangemeldet herein, kein Wort der Entschuldigung! Im Gegenteil sie gibt Benedikt noch die Schuld…
Und übernachtet einfach so!
War das das erste Mal oder macht sie sowas regelmäßig?
Außerdem rein aus dem Bauch heraus mochte Erika sie einfach nicht.
Also würde Benedikt sie auch bald nicht mehr mögen.
Warum also Zeit verschwenden?
Doch der Plan blieb letztlich überflüssig.
Mathilde sorgte am nächsten Morgen selbst dafür, dass Erika Grund genug bekam, ein Machtwort zu sprechen.
Das erste Alarmsignal kam gleich morgens.
Mathilde verschwand im Bad und blieb fast eine Stunde dort.
Benedikt tigerte genervt im Wohnzimmer umher.
Was ist los, mein Sohn? fragte Erika auffällig lieblich. Das Mädchen macht sich hübsch für dich, willst du dich beschweren?
Ich muss zur Arbeit!
Klopf an und sage ihr, dass sie nicht allein hier wohnt, schlug die Mutter vor.
Das bringt eh nichts, murmelte Benedikt. Später. Und, Mama, wirst du nicht auch zu spät?
Ich? Nein. Ich bin fertig, habe Quarktaschen gebacken. Komm frühstücken.
Ich bin noch nicht mal gewaschen!
Ist nicht schlimm, das holst du nach. Jetzt iss lieber vernünftig der Tag wird anstrengend genug.
Benedikt setzte sich an den Tisch.
Da kam Mathilde endlich aus dem Bad, mit einem Handtuchturban im Haar. Sie sah bezaubernd aus.
Endlich! rief Benedikt, stürmte ins beschlagene Bad, schrubbte sich im Eiltempo, rasierte sich hastig, schlang die kleinste Quarktasche hinunter und rief beim Hinausstürmen:
Bis abends! Ich hoffe, ihr versteht euch!
Benedikt! rief Mathilde ihm nach. Wir wollten doch heute meine Sachen holen!
Heute Abend! Bitte sei nicht böse! seine Stimme war schon aus dem Treppenhaus zu hören.
Erika stand auf, schloss die Tür hinter ihrem Sohn, drehte sich zu Mathilde und fragte ohne Umweg:
Hast du denn kein Schamgefühl?
Nein, lächelte Mathilde ruhig. Sollte ich eines haben?
Benedikt kommt wegen dir zu spät zur Arbeit!
Kommt er nicht. Er nimmt bestimmt ein Taxi. Keine Sorge, es wird schon alles laufen.
Wie auch immer: Du bist hier nicht alleine. Wenn du morgens eine Stunde im Bad brauchst, steh doch einfach früher auf. Zum Glück habe ich heute frei.
Das kommt nicht wieder vor, sagte Mathilde schlicht. Entschuldigung.
Erika war fast überrumpelt. Sie hatte mit Streit gerechnet aber das…?
Na gut, murmelte sie und ging ins Bad.
Gleich das erste, was ihr ins Auge sprang: eine neue Zahnpastatube, obwohl die alte noch halbvoll war.
Mathilde, warum hast du eine neue Tube aufgemacht?
Die schmeckt mir besser
Ich hoffe, du bringst deine eigene Zahnpasta und dein Shampoo das nächste Mal auch mit!
Natürlich, Frau Wagner
Und Handtücher!
Werden mitgebracht
Egal wie sehr sie versuchte, Mathilde zu einem Streit zu provozieren sie blieb ruhig, nickte, hörte aufmerksam zu, notierte alle Pflichten.
Erika, allmählich ganz erschöpft von den Vorwänden, ging schließlich aufs Ganze.
Was willst du eigentlich hier?
Benedikt und ich lieben einander
So einen Mann liebt doch jede! Was ich nicht verstehe: Was findet er ausgerechnet an dir?
Habe ich ihn nie gefragt
Was machen deine Eltern?
Meine Mutter arbeitet als Näherin in einer Fabrik.
Und dein Vater?
Den habe ich nie kennengelernt.
Aha. Nie einen Vater gehabt. Und wie willst du dann eine gute Frau für meinen Sohn werden?
Ich werde es versuchen
Versuch es nicht, Mädchen. Es wird nichts helfen! Mein Sohn liebt dich nicht. Er glaubt es nur! Ich kenne ihn besser! Heiraten wird er dich nicht wozu auch? Ihr lebt ja schon alles aus.
Er liebt mich, Mathildes Stimme zitterte. Da bin ich mir sicher.
Glaubst du. Denkst du, du bist die Erste?
Nein Aber das spielt keine Rolle
Keine Rolle? In einer Woche bist du für ihn Vergangenheit! Nicht einmal vom gleichen Schlag seid ihr! Intellekt! Schon einmal gehört?
Ja, aber das passt nicht hierher.
Warum nicht?
Ich habe studiert.
Und? Schau, es wäre besser, du würdest nach Hause gehen. Hier gehörst du nicht her. Die ganze Zeit versuche ich, dir das klar zu machen. Du verstehst es nicht.
In Ordnung, dann gehe ich. Aber was sagen Sie Benedikt? Er wird das nicht mögen.
Das geht dich nichts an! Geh und komm nicht wieder. Du bist hier nicht willkommen.
Erika wunderte sich über sich selbst. Sie hätte nie geglaubt, so bittere Worte aussprechen zu können.
Und Mathilde?
Das Mädchen schaute Erika an und verstand alles.
Die Mutter war eifersüchtig auf ihren eigenen Sohn! Nach kaum einem Tag war alles aufgedeckt und dennoch…
Doch als über München die Sonne unterging, spürte Erika zum ersten Mal das bedrückende Schweigen einer Wohnung, in der das Lachen eines Enkelkindes wohl niemals widerhallen würde.

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Homy
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Der erste Eindruck — Mama, das ist Leonie, — stellte Moritz leicht errötend vor, als er spät abends das Mädchen nach Hause brachte. — Guten Abend, — antwortete Renate, blickte missbilligend auf den unerwarteten Gast. — Was für eine Uhrzeit, um jemanden vorzustellen! In einer halben Stunde ist Mitternacht… — Ich habe Moritz gesagt, dass es schon spät ist, — entgegnete das Mädchen prompt. — Aber hört er? So stur wie er ist! „Gute Taktik,“ dachte Renate. „Sie rechtfertigt sich und schiebt die Schuld ihm zu. Unsympathisch, das Mädchen.“ — Na gut, kommt rein, — forderte die Mutter auf, sagte aber nichts weiter und verschwand den Flur entlang Richtung Schlafzimmer. Was hätte sie sonst tun sollen? Sie konnte doch ihren einzigen Sohn mitten in der Nacht nicht vor die Tür setzen, schon gar nicht wegen einer Fremden! Wenn sie zusammenleben wollten, bitte. Eine Mutter ist dazu da, ihr Kind zu schützen und ihm die Augen zu öffnen. Und genau das, dachte Renate, würde sie schnell erledigen. Moritz würde die Leonie schon von selbst abschieben – und erleichtert sein, sie loszuwerden! Die ganze Nacht lag Renate wach und schmiedete Pläne, die Eindringling loszuwerden. Gegen die Hochzeit war sie ja nicht. Ihr Sohn war schließlich auch schon dreißig, längst bereit für das Leben zu zweit. Aber doch nicht mit ihr! Erstens war sie offensichtlich deutlich jünger. Zeichen für Leichtsinn und Unbeständigkeit. Was für eine Ehefrau, Mutter oder Hausherrin wäre das? Zweitens: Ihr Charakter sprach Bände – erscheint mitten in der Nacht im fremden Haus, entschuldigt sich nicht mal! Schlimmer noch, gibt ihrem Sohn völlig grundlos die Schuld… Und bleibt auch noch zum Schlafen! War das das erste Mal oder war das schon Routine? Drittens: Sie gefiel Renate einfach nicht. Folglich würde Moritz sie auch bald nicht mehr mögen. Warum Zeit verschwenden? Der Plan erübrigte sich. Leonie lieferte Renate selbst genug Gründe, um Ordnung ins Haus zu bringen. Der erste Warnschuss kam schon am Morgen. Leonie ging duschen — und kam eine Stunde nicht wieder raus. Moritz tigert derweil nervös durch die Wohnung. — Mein Sohn, was ist los? — fragte Renate auffallend sanft. — Das Mädchen macht sich hübsch, will dir gefallen… — Aber ich muss zur Arbeit! — Klopf und sag ihr, dass sie nicht allein in der Wohnung ist, — schlug die Mutter vor. — Ach, bringt doch nichts, — murmelte er. — Wir reden später. Und du, Mama, musst du nicht langsam los? — Ich? Nein. Ich bin schon fertig. Ich habe Quarkkuchen gemacht. Komm frühstücken. — Ich hab mich noch nicht mal fertiggemacht! — Macht nichts, wäscht du dich später. Jetzt nutze die Zeit und iss was. Es wird ein langer Tag. Moritz setzte sich an den Tisch. Da kam Leonie schließlich aus dem Bad, Handtuch ums Haar. Sie sah bezaubernd aus. — Endlich! — rief Moritz, stürzte zum beschlagenen Spiegel, rasierte sich in Rekordzeit, schlang das kleinste Stück Quarkkuchen hinunter und rief schon im Hinausgehen: — Bis heute Abend! Vertragt euch! — Moritz! — rief Leonie. — Heute wollten wir doch meine Sachen holen, weißt du noch? — Machen wir abends, nicht sauer sein! — tönte seine Stimme aus dem Treppenhaus. Renate erhob sich, schloss ihrem Sohn die Tür, wandte sich an Leonie und fragte ohne Umschweife: — Schämen Sie sich nicht? — Nein, — lächelte das Mädchen. — Sollte ich? — Moritz kommt deinetwegen zu spät zur Arbeit! — Tut er gar nicht. Wahrscheinlich nimmt er ein Taxi. Keine Sorge, das geht schon. — Trotzdem, denk dran: Du bist hier nicht allein. Wer morgens eine Stunde im Bad verbringen will, muss früher aufstehen. Gut, dass ich heute nicht arbeiten muss. — Ich mache das nicht wieder, — entgegnete Leonie nur. — Entschuldigung. Renate war leicht konsterniert. Sie hatte einen Streit erwartet. Nun ja … — Na gut, — murmelte sie und ging ins Bad. Da fiel ihr als Erstes die angebrochene neue Tube Zahnpasta auf, obwohl die alte noch nicht leer war. — Leonie, warum hast du eine neue Zahnpasta angebrochen? — Mir gefällt die besser … — Ich hoffe, du bringst deine eigene mit – und dein Shampoo! — Natürlich, Frau Renate … — Und eigene Handtücher! — Kommt alles … Egal, wie sehr Renate einen Streit suchte, Leonie gab ihr keine Angriffsfläche. Sie stimmte allem nickend zu, notierte stets ihre „Pflichten“. Schließlich ging Renate aufs Ganze. — Was willst du eigentlich hier? — Moritz und ich lieben uns … — Klar liebst du so einen Kerl! Nur eines begreife ich nicht: Was findet er an dir? — Hab ich ihn nie gefragt … — Wo sind deine Eltern? — Meine Mutter arbeitet als Schneiderin in einer Fabrik. — Und dein Vater? — Den habe ich nie gekannt. — Verstehe. Ohne Vater groß geworden. Wie willst du eine gute Ehefrau für meinen Sohn sein? — Ich geb mein Bestes … — Versuch es gar nicht erst, Mädchen. Mein Sohn liebt dich nicht. Er denkt nur, er liebt dich! Ich kenne ihn besser! Niemals wird er dich heiraten! Wozu auch? Du hast dich ihm ja längst an den Hals geworfen. — Er liebt mich, — Leonies Stimme zitterte. — Da bin ich sicher. Mehr erfahren — Irrst du. Glaubst du, du bist die Erste? — Nein … Aber das ist auch egal … — Egal? In einer Woche ist er dich leid! Du bist nicht mal von seinem Schlag! Intellekt – hast du das schon mal gehört? — Ja, aber das passt hier nicht. — Und warum nicht? — Ich habe einen Hochschulabschluss. — Und was dann? Schau, Mädchen, geh lieber nach Hause. Hier ist nicht dein Platz. Ich versuche dir das den ganzen Morgen zu erklären, und du verstehst es einfach nicht. — In Ordnung, ich gehe. Aber was erzählen Sie Moritz? Er wird nicht begeistert sein. — Das geht dich nichts an! Hau ab und komm nicht wieder. Du bist hier nicht willkommen. Renate schimpfte – und erschrak fast vor sich selbst: Was war nur in sie gefahren? Nie hatte sie jemandem auch nur einen Bruchteil so etwas an den Kopf geworfen. Giftige Worte sprudelten hervor. Und Leonie? Sie blickte Renate an – und verstand alles. Die Mutter war eifersüchtig auf ihren Sohn! Sie kannten sich nicht einmal einen Tag, und doch … Und als die Sonne über München unterging, spürte Renate zum ersten Mal das Gewicht der Stille in einer Wohnung, in der niemals das Lachen eines Enkels widerhallen würde.
— Wenn du streitest, wird mein Sohn dich auf die Straße werfen, — verkündete die Schwiegermutter, die vergaß, wessen Wohnung das war.