Donnerstag, 18. Mai
Heute hätte ich fast mein Leben für einen Moment wie ein Drehbuch empfunden. Ich saß am alten Esstisch meiner kleinen Wohnung in München, als plötzlich mein Handy vibrierte. Nils. Mein Ex-Mann. Er rief an, was schon seltsam genug ist, denn seit unserer Trennung vor einem halben Jahr hatten wir zwar ab und zu Kontakt, aber nie so spontan.
Hallo, Annemarie! Kannst du deinem Ex-Mann aus der Patsche helfen?
Ich musste lachen. Hallo Nils! Was meinst du denn? Soll ich dir Geld leihen oder was?
Nein, keine Sorge, es geht nicht ums Geld. Ich… bräuchte mehr so… deine Unterstützung. Du musst für einen Abend meine Ehefrau spielen. Aber nicht meine Ex, sondern meine aktuelle.
Mir stockte der Atem. Wozu das denn bitte? Nils, was ist los bei dir?
Er seufzte. Also, ich habe da jemanden kennengelernt, dachte, es bleibt locker, ein bisschen Spaß, mehr nicht. Aber sie… Sie träumt schon von Hochzeit. Ich wollte eigentlich nach der Trennung mit dir frei sein, mal wieder leben, aber sie lässt nicht locker. Sie will unbedingt, dass ich sie heirate. Dabei bin ich doch jetzt frei, dachte ich wenigstens! Und jetzt sitzt sie mir im Nacken…
Ich muss gestehen, ich musste wieder lachen. Nils, du alter Charmeur! Das hätte ich von dir gar nicht gedacht… War unsere Ehe so schlimm?
Er wurde leise. Anna, du weißt doch, die Trennung war letztlich deine Idee. Du hast gesagt, wir seien zu verschieden, nicht mehr verliebt. Und du wolltest keine Kinder. Saskia dagegen will unbedingt ein Kind von mir. Da meint man, so was müsste mich stolz machen
Na, dann freu dich doch! Sie liebt dich, will ein Kind mit dir, das ist doch etwas Besonderes.
Aber Nils winkte ab. Ach, nein, sie ist nicht die Richtige. Ich bin zwar ihr Traummann, aber sie nicht meine Traumfrau. Sie kommt und geht bei mir, als wärs ihr Zuhause, kocht, putzt, plant schon unser gemeinsames Leben.
Und was willst du jetzt von mir? Soll ich plötzlich auftauchen? fragte ich weiter.
Du sagst einfach, du warst beruflich unterwegs und bist jetzt wieder zu Hause. Zeigst dich überrascht, dass ich der Bösewicht ausgerechnet mit ihr angebandelt habe, aber du liebst mich halt so sehr, dass du mich nicht aufgeben willst … Sie wird traurig sein, vielleicht sogar weinen, aber dann gibt sie auf. Du bist meine Ehefrau, das ist Fakt und sie wird schon abziehen.
Ich war baff. Du bist ja verrückt, Nils! Was für ein Zirkus! Wieso sollte ich das tun, dein Theaterstück mitspielen? Wir sind doch freundlich auseinander, aber das heißt noch lange nicht, dass du mich instrumentalisieren kannst!
Doch dann fing er an zu jammern. Anni, bitte, hilf mir. Ich weiß gerade selbst nicht, wie ich da rauskommen soll. Hör zu: Ich lade dich zum Angeln ein, ganz wie früher. Stilles Wasser, Angelruten, später vielleicht eine Bratwurst vom Grill … Bitte!
Ich musste grinsen. Er wusste genau, womit er mich ködern kann. Na gut, du Schlitzohr, ich rette dich!
Er fragte vorsichtig: Hast du eigentlich gerade jemanden? Einen neuen Freund?
Ich zögerte, antwortete aber ehrlich: Nee, aktuell ist da niemand. Hab noch keinen vernünftigen Mann getroffen. Überlege gerade, eine Eigentumswohnung zu kaufen, ich will nicht ewig zur Miete wohnen …
Er stöhnte. Mit mir hättest du alles gehabt: Wohnung, Geld, Reisen, keine Sorgen …
Glück ist nicht alles Materielle, Nils! Also, wann steigt die Show?
Freitag, wäre super! Bring ein paar Sachen mit, damit es echt aussieht. Ich sage Saskia, ich hätte deine Sachen weggeräumt, damit sie nichts merkt. Ich geb dir den Schlüssel, sie soll warten, während ich angeblich im Büro hängen bleibe. Du bist da, kochst Nudeln Carbonara, wie ich sie mag. Sechs Uhr? Dann komm ich, wir spielen das lustige Ehedrama, und du fährst wieder nach Hause.
Ich seufzte. Okay, überzeugt. Ich weiß nicht, warum ich immer so nett bin …
Tatsächlich war ich ein bisschen neugierig auf Saskia. Und, wenn ich ehrlich bin: Mir stach so ein kleines bisschen Eifersucht ins Herz. Nils hatte sich während unserer Ehe nie für jemand anderen interessiert. Er hatte mich immer auf Händen getragen, mir alles recht gemacht. Und ich war gelangweilt gewesen! Nach so vielen Jahren wir kannten uns seit der Schulzeit wurde aus der großen Liebe Routine. Ich fand ihn nett, klug, hübsch, erfolgreich, zum Glück hatte er die Wohnung seiner Eltern in München geerbt, später ein eigenes Geschäft aufgebaut.
Nach dem Abi zog es mich weg, erst Studium, dann blieb ich in Hamburg. Nils ließ mich nicht los, tauchte immer wieder auf, besuchte mich, wir gingen ins Theater, fuhren ins Allgäu. Am Ende waren wir einfach verheiratet wie, weiß ich selbst nicht mehr so genau. Es war ganz okay, wir stritten nie groß, aber irgendwann wollte ich mehr vom Leben.
Also bat ich um die Scheidung. Nils nahms schwer, aber stimmte zu. Er liebte mich zu sehr, um mich unglücklich zu machen, hielt er mir immer wieder entgegen. Alle meine Freunde hielten mich für verrückt: So einen Mann gibt man doch nicht einfach her! hörte ich oft. Aber das stachelte mich nur noch mehr an. Ich zog schnell in eine Mietwohnung, zum Glück verdiente ich genug. Das gemeinsame Auto ließ Nils mir widerwillig ein Abschiedsgeschenk.
Anfangs dachte ich, nun würde das Leben richtig losgehen. Aber die Männer standen nicht gerade Schlage, einer sagte sogar mal direkt: Du bist keine Schönheit, sondern schlicht normal. Das hatte ich wirklich nicht erwartet! Nils hatte mir immer gesagt, ich sei fantastisch.
Und nun diese Saskia. Irgendwie frustrierend; so schnell war ich also ersetzt. Aber ein bisschen neugierig war ich schon. Freitagabend nach der Arbeit fuhr ich zu Nils, packte eine kleine Tasche, hängte meine Sachen in den Schrank, verteilte Parfüm, Tiegelchen, Cremes, warf ein bisschen Unordnung in die Bude wie ich es jahrelang gemacht hatte.
Im Kühlschrank suchte ich nach Zutaten, machte mich ans Werk, kochte Carbonara.
Da klingelte es. Das Stück konnte beginnen.
Oh, hallo! Ich dachte schon, Nils kommt früher heim , begrüßte ich sie. Eine große, wirklich attraktive Frau mit langem, schwarzem Haar und grünen Augen betrat die Küche Claudia Schiffer würde vor Neid erblassen! Mein Herz stach.
Nils? Und Sie, wer sind Sie bitte?
Seine Freundin. Und Sie?
Ich bin Annemarie, seine Frau. Ganz offiziell!
Sie starrte mich an. Wie bitte? Er sagte, er sei Single!
Ich zuckte mit den Schultern. Seine Frau war auf einer Dienstreise, kaum ist sie zurück, versteht Nils sich als Junggeselle Diese Überraschungen! Naja, so ist es, wenn man mal unangekündigt nach Hause kommt! Er hat mich wohl gar nicht erwartet, und jetzt wird er auch keine Freude haben …
Saskia schluckte, ihre Lippen bebten. Was soll ich jetzt machen? Ich liebe ihn doch … Ihre Augen füllten sich mit Tränen, sie zückte ein Taschentuch.
Ich blieb sachlich. Was du machen sollst? Nach Hause gehen. Vergiss ihn.
Sie seufzte. Ich habe ihm vertraut. Ich wollte doch ein Kind, heiraten … Nils ist so einmalig. Herzensgut, großzügig, leidenschaftlich …
Ich schnitt ihr das Wort ab. Bitte keine Details. Ich glaube dir, dass du nichts wusstest, aber jetzt weißt du es eben. Mach Schluss und such dir einen lieben Mann.
Doch sie schüttelte energisch den Kopf. Nein, so schnell gebe ich nicht auf! Was, wenn er mich liebt, nicht Sie? Vielleicht lässt er sich scheiden, und wir bekommen ein Kind und werden glücklich. Reisen wir, fahren wir angeln, gehen ans Meer, zu meinen Eltern nach Griechenland … Gleich wird er kommen, dann sehen wir!
Sie ließ sich auf einen Stuhl fallen, starrte auf ihr Handy. Hier, schau: Wir im Theater, wir in den Alpen, bei mir zu Hause … Bis Sie plötzlich wieder auftauchten, war alles wunderbar!
Und in mir regte sich doch tatsächlich Eifersucht. Zum ersten Mal in meinem Leben war mir, als könnte ich Nils wirklich verlieren. Früher hätte ich mir nie vorstellen können, dass ein anderer Mensch in seinem Leben Platz finden könnte und dass dieser Jemand ausgerechnet so eine Schönheit wäre …
Angeln, Kinder ausgerechnet! Das waren immer unsere Themen gewesen. Sollte sie ihm das jetzt alles geben, was ich nie wollte? Nein! Ich spürte plötzlich, wie meine alten Gefühle für Nils wieder aufflammten. Was hatte ich da bloß aufgegeben? Seine Fürsorge, seine Liebe und jetzt saß ich alleine da, während so eine Frau begann, mein altes Leben zu übernehmen.
Ich hielt es nicht aus. So, junge Dame, jetzt packen Sie Ihre Sachen und verlassen Sie die Wohnung! Verschwinden Sie, bevor ich mir die Haare ausreiße! Raus!
Ich packte Saskia am Arm, führte sie zur Tür. Sie wehrte sich, aber ich war entschlossener. Ich schob sie hinaus.
Und komm bloß nie wieder! Nils gehört mir! Klar?
Dann schloss ich die Tür, das Herz klopfte mir wie wild. Was war mit mir los? Endlich wieder Gefühle, Leben! Das hatte mir all die Zeit gefehlt. Ich fühlte, dass ich Nils nicht wieder hergeben konnte nicht an diese Greta Garbo mit Anglerhut und Kinderwunsch!
Später, als Nils endlich kam, lächelte ich verschmitzt. Ich trug ein Kleid, deckte den Tisch.
Er fragte gespannt: Und, wie liefs, Annemarie?
Ich lachte. Perfekt! Ich hab sie vor die Tür gesetzt, glaube nicht, dass sie nochmal wiederkommt. Bist du sicher, dass du nichts für sie empfindest? Sie sieht echt umwerfend aus!
Nils schüttelte den Kopf. Nein, du bist und bleibst die Einzige für mich.
Ich war erleichtert. Wirklich? Du liebst mich noch?
Er sah mich ernst an. Immer. Das hat sich nie geändert.
Ich griff nach seiner Hand. Jetzt weiß auch ich es: Ich will dich zurück. Ich will ein Kind mit dir, vielleicht sogar zwei! Nils, lass uns nochmal heiraten!
Er grinste. Sein Plan hatte tatsächlich funktioniert. Ach, diese Männer und ihre Tricks! Manchmal braucht es eben ein bisschen Theater, damit einem die Wahrheit klar wird.
Bis morgen, liebes Tagebuch ich habe heute erkannt, was wirklich zählt.





