Sie traten gemeinsam aus dem Krankenhaus ins Freie, Vater und Sohn. Niemand stand dort, um sie zu begrüßen, niemand machte ein Foto oder überreichte einen Blumenstrauß. Das wäre auch merkwürdig gewesen Blumen für einen Mann…
Nein, die Mutter lebte, ihr ging es gut. Wenn man davon absieht, dass das Kind für sie eigentlich überhaupt keine Rolle spielte. Sie hatte es Paul auch direkt gesagt, ohne Umschweife. Doch Paul bestand darauf, flehte, bat und drohte sogar ein wenig.
Er war schließlich fast vierzig und immer noch kinderlos. Vielleicht war das jetzt seine einzige Chance, eine Spur von sich zu hinterlassen. Sie wurden sich einig… Die Frau brachte das Kind zur Welt, und gleich nach der Geburt ließen sie sich scheiden. Die Ex-Ehefrau willigte bereitwillig ein, Unterhalt zu zahlen.
Anfangs wollte Paul darauf verzichten, gekränkt in seinem Stolz. Doch seine Ex meinte:
Das Leben ist lang. Es kann vieles passieren. Du bist kein Junge mehr, ich bin deutlich jünger. Auch wenn ich kein Kind wollte, so ist das Kind doch meines und es soll für euch wenigstens ein wenig Sicherheit geben. Für später…
Es folgten unruhige Tage, aber Paul verzweifelte nicht. Um ihn herum waren doch so viele alleinerziehende Mütter! Was sollte er weniger wert sein? Auch Adoptivkinder gab es genug… Paul sah also kein Problem als ob ein Kind in männlicher Hand verkümmerte. Nein, Maximilian Paul wuchs, legte an Gewicht zu und war ein sehr glückliches Kind.
Doch als kleine Max langsam größer wurde, kamen viele Fragen nach der Mutter auf. Wie soll ein Vater dem Kind erklären, dass die Mutter ihn gar nicht will? Paul schaffte es irgendwie:
Ich habe dich im Keller gefunden.
In welchem denn?
Da drüben, unterm Nachbarhaus.
Seitdem zog der Keller Max wie ein Magnet an. Auf Spaziergängen, wenn Paul kurz unaufmerksam war, lief der Junge zu den Kellerfenstern und flüsterte nach seiner Mama. Doch als Antwort bekam er immer nur Stille…
Aber eines Tages… da hörte Max wirklich etwas! Sein Herz blieb fast stehen und schlug dann so heftig, dass Max nichts mehr hörte als die wilden Schläge in seinem Brustkorb.
Die Haustür war angelehnt, und Max rannte in den Keller. Erst war es stockdunkel, dann gewöhnten sich die Augen. Max stieg tiefer hinab, wollte rufen, aber die Kehle war wie zugeschnürt, und seine Stimme war nur ein wimmerndes Flüstern, voller Tränen:
Mama, Mama? Bist du da? Ich bins, Max… Ich bin gekommen, dich zu holen!
Keine Antwort. Max blieb stehen, schluchzte wieder und lauschte. Ein leises Rascheln drang aus der Dunkelheit. Der Junge wischte sich mit dem schmutzigen Handrücken die Tränen ab und folgte dem Geräusch.
Sicher, die Mama war bestimmt krank, anders wäre sie längst zu ihm gekommen. Doch das würde jetzt alles anders werden er würde sie finden, und wie sie sich freuen würde!
So folgte Max den Geräuschen, weinte, lächelte. Alle anderen in der Kita hatten eine Mama, und nun würde auch er eine haben! Doch in der Ecke, auf einem Haufen alter Lappen, erwartete ihn nur eine Katze. Eine Katze, die ihn vorsichtig betrachtete und ein kleines Kätzchen unter ihrem Bauch verbarg.
Mama?
Enttäuschung zerriss Max beinahe, die Beine wurden schwer und er setzte sich langsam auf den Boden. Dann hob er den Kopf und blickte wieder zur Katze…
Mit fünf Jahren denkt man anders. Die Logik der Erwachsenen gilt nicht; oft ist sie bei Kindern ehrlicher und verständlicher.
Max starrte die Katze an und erinnerte sich an Gertrud aus seiner Gruppe. Sie hatte immer mit ihren prächtigen Haaren angegeben und gesagt, ihr Vater sei ein Zentaur. Und Benjamin hatte steif und fest behauptet, sein Vater sei ein Außerirdischer und bewiesen habe er es auch! Also warum sollte seine Mutter nicht eine Katze sein?
Die Katze verstand sofort, dass der Junge ihr nichts antun würde, dass er weder sie noch das Kätzchen störte. Vorsichtig näherte sie sich und stupste mit dem Kopf seine kleine Hand an.
Du bist wirklich meine Mama?
So hoffnungsvoll fragte Max, glaubte so fest daran, dass es für ihn zur Wahrheit wurde. Er hätte jeden verprügelt, der ihm widersprochen hätte. Der Junge schloss die Katze in die Arme, und die Katze schlang den Schwanz um ihn…
Paul merkte zuerst nicht, dass sein Sohn fehlte. Als er es sah, rief er sofort. Keine Antwort. Paul wurde unruhig, lief über den Spielplatz, suchte unter Büschen.
Maaaax! Max, komm raus! Maxi, wo bist du?
Es vergingen lange, schleppende Minuten, in denen Paul graue Haare bekam, bis Max auftauchte aus dem Keller.
Langsam kam er herauf, drückte die Katze und das Kätzchen fest an sich. Und zum besorgten Vater sagte er:
Ich hab Mama gefunden. Und ich glaube, das ist meine Schwester… Die waren im Keller, da wo du mich gefunden hast.
Paul war sprachlos, wusste nicht, was er sagen sollte. Die ganze Wahrheit? Aber wie? Er blieb dem Jungen nichts anderes schuldig, als zuzustimmen.
Und wie hast du erkannt, dass sie es ist?
Max zuckte mit den Schultern.
Einfach gewusst… So hat sie mich angeschaut! Papa, lass uns heimgehen. Mama ist sicher müde.
Max war unglaublich glücklich. Mama war gefunden! Dass die Schwester sich als Bruder herausstellte, war gar nicht schlimm so konnte er besser mit ihm wilde Jungen-Spiele spielen, und zum Einschlafen würde Mama ihnen beiden mit leisem Schnurren eine Geschichte erzählen.
Im Kindergarten stand man Max bei. Na und? Eine Katzenmama! Kesha behauptete, sein Vater sei ein Flugzeug, hatte sogar ein Foto gezeigt.
Paul war lange verunsichert, suchte nach den richtigen Worten, dem Sohn zu erklären, dass das alles nicht sein könne. Doch als er Max’ fröhliches Gesicht sah, winkte er ab. Es würde sich alles von allein fügen…
Fortan herrschte zu Hause wildeste Unordnung. Max tobte mit den Katzen, wirbelte mit ihnen die ganze Wohnung durcheinander. Die Katze war noch jung und hatte nichts dagegen, mit den Jungen herumzutollen.
Ihr schafft mich noch! schimpfte Paul, während er die Sachen wieder an ihren Platz räumte.
Max, ein Schuhband in der Hand, Kätzchen und Katze, hielten inne. Sie schauten Paul an, dann einander… zuckten gemeinsam die Schultern und machten weiter Unsinn. Warum? Na, weil Mama es ihnen erlaubt hatte!





