Ich habe eine Frau mit Kind geheiratet. Achtzehn Jahre später hat sie mich verlassen – doch ihre Tochter entschied sich, die Feiertage mit mir zu verbringen.

Weißt du, ich hab ja damals eine Frau mit Kind geheiratet. Achtzehn Jahre später ist sie gegangen aber ihre Tochter hat sich zu Weihnachten für mich entschieden.

Es war so ein typischer Nachmittag am 22. Dezember, draußen grau, ich hocke um drei immer noch im Schlafanzug auf dem Sofa, mampfe Cornflakes direkt aus der Packung, als plötzlich der Schlüssel im Schloss rattert.

Mist, dachte ich, Hannah hat ja noch einen Schlüssel.

Aber es war nicht Hannah, sondern Lina mit zwei riesigen Koffern und dem alten Rucksack von der Uni.

Hallo, Papa, sagt sie.

Mir fällt die Cornflakespackung fast auf den Boden.

Lina?! Was…

Ich zieh bei dir ein. Sie knallt die Koffer auf den Boden. Naja, hoffe das ist okay. Ansonsten wird das jetzt ziemlich peinlich, weil ich die Dinger schon hier hochgeschleppt hab.

Ich spring so abrupt vom Sofa auf, dass mir fast schwindlig wird.

Du… willst hier wohnen? Weiß das deine Mutter?

Klar. Wir haben das Gespräch gehabt. Sie macht so Anführungszeichen mit den Fingern. Ich hab ihr gesagt, dass ich lieber hier wohnen will. Dass das hier für mich immer Zuhause war. Hannah hat geweint, ich hab geweint, es war Drama pur. Aber sie verstehts.

Aber

Papa. Sie schaut mich so ernst an, wie sie es immer tat, wenns ihr wichtig war. Mama hat jetzt ihr neues Leben, ihren modernen Mini-Apartment, alles schick und aufgeräumt, fast steril, da muss man Angst haben, was anzufassen. Und du hast dieses Haus. Hier kann ich meine Kaffeetasse irgendwo stehen lassen und niemand bekommt einen Anfall.

Hey, ich räum schon auf.

Sicher. Deshalb stehen auch drei Tassen im Wohnzimmer.

Sie hat recht. Und in der Küche gammeln bestimmt nochmal sechs.

Und außerdem, sie zieht den Mantel aus, muss ja jemand drauf achten, dass du nicht nur von Tiefkühlpizza und Selbstmitleid lebst.

Ich muss lachen, obwohl mir eigentlich ganz seltsam wird vorm Hals.

Ich ess mit Stäbchen. Gilt das als Talent?

Das gilt gerade mal als Grundversorgung, nicht als Lebensqualität.

Lina marschiert rüber in die Küche, checkt erstmal die Vorräte.

So schlimm?, fragt sie, während sie den Kühlschrank öffnet. Sojasoße, drei Flaschen Bier und… Joghurt, dessen Haltbarkeitsdatum schon wieder Stonehenge war? Papa. Ernsthaft.

Der Joghurt ist erst seit zwei Wochen abgelaufen.

Hier steht März.

…März ist okay, da hast du recht.

Sie stellt sich mit Händen in die Hüften hin. Ganz wie damals, als sie acht war und wollte, dass ich ihre Zöpfe flechte.

Morgen gehen wir zum Edeka. Und heute Abend bestellen wir Pizza wie ganz normale Leute. Hast du noch die Nummer von dem Italiener mit dem Extrakäse?

Hab sogar Kurzwahl drauf.

War ja klar.

Während wir auf die Pizza warten, läuft sie durchs Haus, wie ein Makler auf Inspektion.

Dein Schlafzimmer ist das reinste Chaos, aber mein Zimmer ist immer noch mein Zimmer. Sie grinst, als sie in ihr altes Zimmer kommt. Selbst die schrecklichen Poster aus meiner Oberstufenzeit sind noch da.

Du hast die selbst angebracht. Ich rühr nix von deinen Sachen an.

Sie bleibt kurz ruhig, schaut an die Wände, die alten Fotos, den Schreibtisch mit den zehn Kilo alten Büchern.

Weißt du, was lustig ist? Mama hat mir angeboten, mein Zimmer in ihrer neuen Wohnung einzurichten Wie du magst, hat sie gesagt. Aber…, sie setzt sich aufs Bett, hier ist es schon genau wie ichs will. Das ist meins.

Ich setz mich zu ihr.

Lina, du musst nicht hierbleiben, nur weil du denkst, ich brauch Gesellschaft. Mir gehts wirklich okay.

Blödsinn, Papa. Sie gibt mir einen kleinen Stoß in die Seite. Ich bin hier, weil du, als ich eineinhalb war und laufen gelernt hab, mich immer mit offenen Armen aufgefangen hast. Weil ich nachts nach Albträumen zu dir ins Bett durfte. Weil du bei meinem Abitur mehr geweint hast als ich.

Hab ich gar nicht so doll…

Drei Taschentücher. Papa, drei!

Ich war- allergisch.

Wahrscheinlich gegen Emotionen.

Sie grinst und legt ihren Kopf an meine Schulter.

Du bist mein Papa. Nicht der, der mir die Hälfte der Gene gegeben hat, sondern der, der mir den ganzen Rest geschenkt hat. Und jetzt hast du dieses große Haus ganz für dich alleine und isst traurige Cornflakes im Schlafanzug glaubst du echt, ich lass dich damit durchkommen? Keine Chance.

Mir versagt fast die Stimme vor lauter Rührung.

Ich hab dich lieb, Mäuschen.

Ich dich auch, Opa. Aber ernsthaft, morgen putzen wir. Hier riechts komisch.

Heiligabend kam, und Lina hielt Wort. Sie hat mich um zehn aus dem Bett gescheucht und zum Supermarkt gezerrt.

Wir machen ein richtiges Abendessen. Kein Asia-Imbiss!

Aber das ist doch Tradition

Die neue Tradition heißt: echtes Essen. Komm, lauf.

Wir kaufen ein wie verrückt. Sie wirft Sachen in den Einkaufswagen, als würden wir eine Fußballmannschaft bekochen.

Weißt du überhaupt, wie man das alles kocht?, frag ich skeptisch.

Natürlich nicht. Aber wir haben Google und ein bisschen Mut. Das reicht.

Es hat nicht gereicht.

Der Truthahn war innen roh und außen verbrannt, das Kartoffelpüree war eher Tapetenkleister, das Gemüse ja, das sah aus wie Holzkohle.

Wir starren beide wortlos auf das Desaster auf dem Esstisch.

Naja, sagt Lina, wir können ja immer noch

Chinesisch bestellen?

Chinesisch bestellen.

Wir essen direkt aus der Box, lachen über den kulinarischen Totalausfall beste Heiligabend seit Monaten.

Weißt du was?, sag ich, das wird unsere neue Tradition.

Wir versuchen, fancy zu kochen, scheitern glorreich und bestellen am Ende Ente süß-sauer.

Perfekt.

Nach dem Essen drückt sie mir ein Mini-Schächtelchen in die Hand.

Hier, das ist für dich.

Drin liegt ein neuer Schlüssel, mit einem selbst gebastelten Anhänger: Zuhause.

Ein Duplikat von meinem Schlüssel. Jetzt wohne ich hier ganz offiziell, sagt sie und grinst. Ein bisschen krumm, aber dafür von Herzen.

Ich umarme sie fest.

Der ist perfekt.

Papa, ich krieg keine Luft.

Ist mir egal, lass mich den Moment genießen.

Sie lacht und drückt mich zurück.

Danke für alles, Papa. Für achtzehn Jahre. Dass du immer geblieben bist. Dass du du bist.

Danke, dass du dich entschieden hast, hier zu sein.

Immer, Papa.

In dieser Nacht lag ich lange wach, hab den Schlüssel betrachtet.
Hannah ist gegangen und das hat wehgetan.
Aber Lina ist geblieben.
Und das das hat alles verändert.

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Homy
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