Die Schwiegereltern stehen vor der Tür
Denkst du etwa, du hast hier das Sagen? Meinst du, bloß weil dein Bauch immer runder wird, kannst du machen, was du willst? Ich sehe ganz genau, was du im Schilde führst. Du willst unseren Sohn doch bloß wegen dem Mietvertrag und dem Gehalt!
Komm, Helga, brummte Schwiegervater, während er schon die Haustür aufschob. Mit denen zu diskutieren, bringt eh nichts. Sie werden schon wieder angekrochen kommen, wenn sie etwas brauchen.
Seit einer Woche war sie überfällig. Der Test lag bereits zwei Tage in ihrer Handtasche, aber Lydia brachte es einfach nicht übers Herz, ihn auszupacken.
Sie war sicher: Sollten dort zwei Streifen erscheinen, könnte die fragile Ruhe, die sie in den letzten zwei Jahren und ohne jeden Kontakt zur anderen Seite gefunden hatten, explosionsartig zerbrechen.
Lydia, kannst du mir den Inbusschlüssel holen? Der liegt noch irgendwo im Flur, schallte es vom Wohnzimmer.
Lydia lugte nach draußen. Ihr Mann Johannes saß im Schneidersitz auf dem Boden, Schweißperlen auf der Stirn, zerzaustes Haar.
Sie erinnerte sich, wie sie vor fünf Jahren in ihre erste gemeinsame Mietwohnung gezogen waren: Damals wusste Johannes nicht, wo vorne und hinten am Wischmopp war und staunte, dass Buchweizen nicht selbständig in den Topf sprang.
Hier, bitteschön, reichte sie ihm das Werkzeug. Gestern hast du das Klo repariert, heute den Schlafzimmerschrank aufgebaut. Deine Mutter würde glatt in Ohnmacht fallen, wenn sie wüsste, dass du das alles alleine machst!
Johannes verzog das Gesicht schief zu einem Lächeln.
Mama meint, ich müsste im Sessel sitzen und warten, bis mir jemand ein Glas Wasser reicht. Und du, in ihrer Version, hast mich endgültig zu deinem Haushaltssklaven gemacht.
Ich hab dich einfach zu einem erwachsenen Menschen geformt, lehnte sich Lydia grinsend an den Türrahmen. Na, wie fühlt sichs an? Schwer, so zerbrochen zu sein?
Mir gehts eigentlich super, Lydia. Ich kann viel freier atmen, seit wir nicht mehr um deren Segen betteln.
Kurz herrschte Schweigen, dann fragte Lydia:
Johannes, was wäre wenn sich alles ändert? Wenn wir ein Kind bekommen?
Der Hammer erstarrte mitten in der Luft. Johannes sah sie an.
Das merkt meine Mutter sofort, flüsterte er. Du weißt doch, sie erfährt sowas immer aus erster Hand.
Davor habe ich Angst. Wir haben doch gerade erst angefangen zu leben. Dein Vater damals Ich bekomme heute noch Gänsehaut, wenns unerwartet an der Tür klingelt.
Mein Vater hat es damals eindeutig überspannt. Und, naja, ihre Traditionen sind halt noch aus der DDR-Ära. Da hilft nichts.
Er findet nämlich, ein Mann solle nie einen Lappen anfassen. Und abwaschen? Das ist seiner Meinung nach Männerschande.
Johannes, er hat mir damals gedroht!, Lydia schüttelte den Kopf. Er hat mir knallhart ins Gesicht gesagt, wenn ich alles nicht wieder gerade biege und aufhöre, dich zu schikanieren, würde er einen Weg finden, mich aus deinem Leben zu verbannen.
Und deine Mutter stand daneben, nickte und tupfte sich Krokodilstränen weg. Die glauben ganz ernsthaft, dass ich dir das Leben zerstört habe!
Johannes legte das Werkzeug beiseite, stand auf und kam zu ihr.
Lydia, das passiert kein zweites Mal. Damals war ich überrumpelt, aber so schnell lasse ich niemanden mehr auf dich los. Versprochen!
Aber sie gibt keine Ruhe, Johannes. Sie wird weder uns noch unserem Kind Frieden lassen Sie wird unser Kind als ihr Eigentum betrachten! Wir könnten es kaum erziehen, solange sie sich einmischt!
Ehrlich, mir bleibt doch nur eins: möglichst weit wegziehen.
Er schwieg. Aber Lydia wusste, er dachte dasselbe.
***
Zwei Wochen später die Befürchtungen bestätigten sich: Die Schwangerschaft war gewünscht, aber irgendwie auch bedrohlich.
Lydia verhielt sich vorsichtiger denn je: Sie bat Johannes, Mutti nichts zu verraten, wählte für Vorsorgeuntersuchungen eine Privatklinik am Stadtrand in der Hoffnung, dass Lore Gabriele, ihre Schwiegermutter, dort keine Beziehungen hatte.
Vergeblich. Am Samstagmorgen, Lydia hatte gerade den losen Teebeutel in die Kanne geworfen, klingelte es.
Dann hämmerte es dermaßen gegen die Tür, dass Lydia zusammenzuckte. Sie blickte Johannes an, der langsam vom Tisch aufstand.
Mach ja nicht auf, flüsterte Lydia stumm.
Joooohannes! Mach auf, ich weiß, dass ihr zu Hause seid! Ist euch jegliche Erziehung abhandengekommen? Die Mutter vor der Tür stehen lassen?!, tönte schon Lore Gabrieles energisches Organ.
Johannes seufzte, rückte sein T-Shirt zurecht und schlurfte zur Tür. Lydia blieb lieber in der Küche. Am liebsten wäre sie einfach in Luft aufgelöst.
Lore Gabriele stürmte in die Wohnung wie eine Lawine. Noch im Mantel und in klobigen Winterschuhen polterte sie ohne Schuhe auszuziehen direkt ins Wohnzimmer.
Dicht gefolgt von Werner, Johannes Vater. Der wenigstens war halbwegs manierlich und schlüpfte aus den Schuhen.
Lydia stellte sich quer in den Flur gegen das Bedürfnis, sich vor lauter Kreuzzeichen zu schützen, half ihr nur Sarkasmus.
Na, hallo, liebe Schwiegertochter!, schmeichelte Lore Gabriele mit giftigem Ton. Wie lange wolltest du die frohe Botschaft eigentlich geheim halten?
Welche Botschaft? Lydia verzog ahnungslos das Gesicht.
Hat sie schon alles ausgeplaudert bekommen?!
Nicht so tun, als wüsstest du von nichts! Gestern hat mich meine Nachbarin angerufen, um mich zu beglückwünschen. Dass ich Oma werde!
Seid ihr eigentlich völlig verrückt geworden? Na gut, Lydia lasse ich so ein Verhalten ja noch durchgehen die ist eben naja, du weißt schon. Aber du, Johannes! Von dir hätte ich mehr erwartet!
Dachtest wohl, in einer privaten Praxis ist man sicher, was? Vor mir kann man nicht fliehen. Ich habe mein ganzes Leben dafür geopfert, dass meine Kinder das Beste bekommen, und ihr lasst die Entwicklung meines Enkelkindes in irgendeinem Schuppen betreuen?!
Mama, bitte beruhig dich!, Johannes stemmte sich zwischen Lydia und seine Mutter. Wir regeln das schon alleine, ja? Lass uns bitte unser Leben so gestalten, wie wir wollen.
Halt den Mund, Junge!, rauschte Werner dazwischen. Dich fragt niemand! Sieh dich mal an, was ist aus dir geworden? Sie hat dich komplett zum Waschlappen gemacht.
Und jetzt setzt sie noch das Kind als Druckmittel ein! Alles, damit sie uns endgültig von der Familie trennt!
Ich benutze niemanden als Vorwand, ließ sich Lydia nicht einschüchtern. Ich will einfach nur mal Ruhe haben. Ihr habt doch seit zwei Jahren kein Lebenszeichen von euch gegeben. Was hat sich jetzt geändert?
Mama, bitte geh. Und nimm Papa mit. Ihr beleidigt meine Frau, bedroht sie, wie damals… Ich will euch hier nicht mehr sehen, sagte Johannes leise.
Lore Gabriele stockte.
Was?
Bitte geht. Ihr seid in unser Zuhause geplatzt, beschimpft meine Frau. Ihr habt sie bedroht und hört noch immer nicht damit auf. Ich will keinen Kontakt mehr. Bitte akzeptiert das.
Wir wollen doch nur das Beste für dich!, kreischte Lore Gabriele. Sieh dir dein Leben an! Du putzt den Fußboden, du kaufst selber ein! Aus dir hat sie einen Pantoffelhelden gemacht du steckst doch nur noch unter ihrem Pantoffel!
Das heißt Partnerschaft, Mama. Für dich ist das vielleicht ein Fremdwort aber Papa war ja ohnehin nur dein Laufbursche. Selbst Nadja, meine Schwester, hustet nach deinem Terminkalender!
Werner machte einen Schritt nach vorne und ballte die Fäuste.
Willst du mit deiner Mutter so reden? Hast du alles vergessen, was wir für dich getan haben? Damals, als du im Studium gechillt hast, wer hat dich durchgefüttert?!
Ich habe es nie vergessen! Und meinen Teil habe ich mehr als bezahlt! Nur die letzten zwei Jahre gabs keine Überweisungen mehr von mir aber davor? Hättet ihr mal zusammengerechnet!
Plötzlich sackte Lore Gabriele auf den Flurhocker und begann zu stöhnen:
Au weia, mein Herz Johannes, die Pillen Liiidia, siehst du, was du anrichtest? Mit dir kommt meine Gesundheit unter die Räder! Wenn mir was passiert, bist du schuld!
Lydia verschränkte die Arme und verdrehte die Augen. Nach Jahren hatte sie diese kleinen Schwiegermutter-Theatervorstellungen schon in- und auswendig.
Frau Schmidt, Ihr Gesicht ist rosig, Atmung gleichmäßig, und der Puls auf der Halsschlagader schwingt auch nicht gerade im Takt zur Tachykardie. Von einer Kollegin zur anderen: Lassen Sie den Zirkus, das zieht bei mir nicht mehr.
Schwiegermama schnaubte. Hob sich in Zeitlupe wieder vom Hocker, zog den Mantel zurecht und warf Lydia einen Blick zu, bei dem selbst einem Eisbären kalt geworden wäre.
Schon gut, machts halt nach eurem Kopf. Aber beschwere dich hinterher nicht! Ich sorge dafür, dass dich keine Klinik hier in ganz München mehr behandelt! Ich hole mir das Kind, so eine Mutter wie dich kann man nicht frei rumlaufen lassen.
Komm, Helga, nörgelte Werner und öffnete die Tür. Mit denen zu reden bringt ja nichts. Die kommen schon zurück, wenn sie Hilfe brauchen.
Die Schwiegereltern zogen von dannen, während Johannes seine Frau den ganzen Abend lang mit Kamillentee bei Laune hielt Lydia zitterte immer noch.
***
Schon kurz nach dem letzten Eklat begannen die Probleme. Die sonst so freundliche Gynäkologin zog neuerdings das Gesicht, sobald Lydia ins Behandlungszimmer kam, sprach unwirsch und belehrend mit ihr.
Nach einem weiteren solchen Besuch kam Lydia weinend nach Hause.
Sie macht keine Scherze, Johannes. Was hat sie bei der Ärztin aufgeschnappt, dass die mich jetzt behandelt wie den letzten Dreck?”
Dann warten wir nicht weiter ab, Johannes setzte sich zu ihr und hielt ihre Hände. Ich hab einen Vorschlag: Erinnerst du dich, als man mir den Posten in Hamburg angeboten hat? Damals habe ich abgelehnt, weil du deine Arbeit nicht aufgeben wolltest.
Lydia blickte auf.
Hamburg? Johannes, das ist weit weg.
Eben drum! Dienstwohnung, neue Klinik, neue Ärzte. Und das Beste: Meine Mutter hat dort null Einfluss. Sollen sie sich mit Nadja gegenseitig zerfleischen!
Lydia, ich habe fünf Jahre lang versucht, der brave Sohn zu sein. Habe alles geschluckt auch, wenn Papa dich anschrie und Mama dich nutzlos nannte. Aber jetzt bin ich nicht mehr nur Sohn, sondern Vater. Und ich beschütze meine Familie!
Lydia wischte sich die Tränen weg und umarmte ihn.
Der Umzug dauerte einen Monat. Sie kündigte offiziell in der Praxis, Johannes unterschrieb den Arbeitsvertrag für Hamburg.
Wohin genau es ging, erfuhren nur zwei engste Freunde die ihre Zunge hüten konnten wie Fort Knox.
***
Die Ruhe hielt aber genau zwei Tage. Dann hagelten Anrufe von der Verwandtschaft.
Vor allem Mamas Dauerklingeln:
Johannes, was tust du?! Wo steckst du überhaupt? Warum erfahre ich von Fremden, dass ihr weg seid? Bin extra vorbeigekommen da steht so eine Oma vor der Tür, die behauptet, ihr wohnt nicht mehr da! Sag sofort Bescheid, wo du bist!
Auch Vater war am Telefon:
Ich zieh dir die Ohren lang, wenn ich dich erwische! Wegen dir hat deine Mutter fast einen Herzanfall bekommen! Wo ist der alte Johannes hin? Bist jetzt komplett unter dem Pantoffel deiner Frau? Mich brauchst du nicht mehr anrufen!
Auch der Rest der Sippe wurde mobil. Johannes wechselte kurzerhand die Handynummern für sich und Lydia. Erst dann kehrte endlich Frieden ein.
Pünktlich zum Termin wurde ein Junge geboren. Sie nannten ihn Finn. Rein zufällig ein Name, auf den Lore Gabriele allergisch reagiert Als Finn eines Nachmittags, mit ein paar Wochen auf der Welt, unruhig auf Lydias Brust schlummerte und draußen der Hamburger Wind an die Scheiben klopfte, stand Johannes am Fenster. Seine Hände berührten beiläufig den Buggy, der im Sonnenspot tanzte. Er sah rüber zu Lydia, in deren Gesicht sich Erschöpfung und Glück abwechselten.
Er trat leise zu ihr, küsste Finns haariges Köpfchen und sagte: Weißt du, ich habe keine Angst mehr davor, was sie wollen. Früher dachte ich, wir müssten sie zufriedenstellen. Jetzt weiß ich: Unsere Familie sind wir.
Lydia lächelte. Und Finn. Unser Neuanfang.
Sie drehte sich ein wenig, sodass das Licht ihren Sohn und sie in einen warmen Schein tauchte. In diesem Moment vibrierten beide Handys auf dem Küchentisch anonyme Nummern, zwei Anrufe hintereinander. Johannes und Lydia sahen sich an, und wie verabredet ignorierten sie das Bimmeln. Dann schaltete Johannes die Handys stumm.
Draußen flatterte ein kleiner Gänseschwarm an der Elbe entlang. Finn grunzte zufrieden und öffnete für einen Wimpernschlag die Augen, als hätte er gespürt, dass all das jetzt ihnen gehörte: Stille, Geborgenheit, der Duft von Kamillentee, das verwegene Glucksen des Hamburger Hafens.
Und während das letzte Sonnenlicht die Umzugskartons in goldene Schachteln verwandelte, schwor sich Lydia, dass Finn nie lernen würde, wie es sich anfühlt, im eigenen Zuhause ein Fremder zu sein.
An diesem Abend kochten sie Kartoffeln und Buttergemüse einfach, warm, selbst gewählt. Lydia lachte leise, weil der kleine Finn die Gurken mit der Nase verschmähte.
Als sie später das Fenster öffneten, stob der Wind herein, trug Kindergeschrei vom Spielplatz zu ihnen herauf, und ein neues Leben begann für sie, leise und unaufhaltsam, in Freiheit und mit einer Liebe, die allen alten Stimmen trotzte.
Eine Familie, die diesmal niemand mehr auseinanderreißen konnte.





