Merken Sie sich eines gleich: Ich bin keine dieser Schwiegertöchter, die still schweigen – sagte Vera ganz ruhig zu ihrer Schwiegermutter

Merken Sie sich eins: Ich gehöre nicht zu den Schwiegertöchtern, die schweigen, sagte Verena ruhig zu ihrer Schwiegermutter.

Hannelore Bauer hatte sich auf diesen Tag lange vorbereitet.

Nicht im Sinne von Kuchen backen oder den Tisch decken. Nein. Sie hatte sich innerlich vorbereitet, wie jemand, der weiß, dass ein wichtiges Gespräch bevorsteht. Sie richtete die Bilderrahmen im Wohnzimmer neu aus. Stell­te die Vase mit den künstlichen Rosen weiter nach links. Blickte in den Spiegel. War zufrieden.

Ihre Schwiegertochter hatte sie nur einmal gesehen, bei der Hochzeit im Kleid, geschminkt. Das zählte nicht. Ein Kleid und ein bisschen Schminke machen aus jeder eine andere.

Verena betrat den Flur pünktlich, was Hannelore innerlich vermerkte. Sie zog ordentlich ihre Schuhe aus, stellte sie säuberlich hin. Auch das fiel Hannelore auf. Sie schaute ruhig umher, ohne Neugier, wie jemand, der gewohnt ist, professionell Räume zu begutachten. Sie arbeitet als Verwaltungsangestellte in einer Klinik. Wahrscheinlich hat sie es da gelernt.

Kommen Sie herein, bat Hannelore.

Paul murmelte hinter ihnen irgendetwas Aufmunterndes.

In der Küche lenkte Hannelore das Gespräch sofort in die gewohnte Richtung.

In unserer Familie kochen die Frauen selbst, sagte sie, während sie den Wasserkocher einschaltete. Paul ist an Hausmannskost gewöhnt. Rinderrouladen, Kartoffeln. Kein solches modernes Zeug, ihr abweisender Blick meinte wohl Pizza, Sushi und all den neumodischen Kram. Und Ordnung war hier immer wichtig. Paul mag es perfekt.

Verena trank Tee und hörte zu. Wie man beim Arzt zuhört abwarten, bis der andere fertig ist, erst dann kommt die eigene Antwort.

Und noch etwas, setzte Hannelore sich bequem. Bei uns widerspricht man Älteren nicht.

Verena stellte ihre Tasse ab, sah Hannelore ruhig an ohne Lächeln, ohne Groll.

Und Sie merken sich bitte auch eins, sagte sie. Ich gehöre nicht zu den Schwiegertöchtern, die schweigen.

Stille. Hannelore schwieg. Doch in ihrem Kopf begann bereits ein Plan zu wachsen.

Die erste Runde folgte drei Tage später.

Hannelore rief Paul in der Mittagspause an nicht Verena, nur Paul und kündigte an, kurz vorbeizuschauen. Einfach so. Mal nach dem Rechten sehen.

Sie brachte einen warmen Kohlkuchen mit, liebevoll in einem Küchentuch eingewickelt. Verena öffnete die Tür, sagte Guten Tag, kommen Sie bitte rein, nahm den Kuchen. Kein Ach, das wäre doch nicht nötig gewesen! oder ein Wie köstlich das duftet!. Sie nahm ihn schlicht, trug ihn in die Küche. Hannelore stockte innerlich ob der fehlenden Begeisterung.

Sie blickte sich um. Auf dem Tisch standen schmutzige Tassen vom Frühstück. Hannelore griff nach einer, blickte sie an, stellte sie zurück. Sagte, ohne jemanden besonders anzusehen:

Ich spüle Geschirr immer sofort nach dem Benutzen.

Hm, erwiderte Verena und setzte das Wasser auf.

Die Pause zog sich. Hannelore wartete. Verena rechtfertigte sich nicht.

Sie tranken Tee und aßen vom Kuchen. Der war gut, das räumte Verena ehrlich ein. Hannelore taute ein wenig auf, begann, von Nachbarin Frau Sommer zu erzählen, die eine neue Haustür bekommen hätte. Dann glitt sie über zu Pauls Kindheit immer nur hausgemachte Suppe, nie Tütensuppe.

Wir kochen auch selbst, antwortete Verena.

Ich sage es nur, er ist daran gewöhnt.

Verstanden.

Wieder Stille. Hannelore fuhr nach Hause mit dem Gefühl, etwas nicht bekommen zu haben. Was, war unklar. Aber sicher, da hätte mehr sein müssen.

Sie versuchte es erneut, eine Woche später.

Diesmal ohne Kuchen. Sie kam, durchquerte den Flur, bemerkte, dass die Garderobe überladen war. Pauls Jacke würde verknittern. Verena hörte zu, nickte. Hängte die Jacke nicht um, erklärte nichts. Nicken. Das irritierte fast mehr, als hätte sie widersprochen.

Im Wohnzimmer entdeckte Hannelore, dass die Bücher durcheinander standen Romane neben Kochbüchern, Reiseführer daneben.

Zuhause haben wir sie immer nach Themen geordnet, sagte sie.

Ich stelle sie nach Farben, antwortete Verena.

Nach Farben?

Am Buchrücken. So finde ich sie am schnellsten.

Hannelore starrte erst das Regal, dann Verena an. Ihr Verstand suchte vergeblich nach Logik.

Na gut, jedem das Seine, murmelte sie.

Dann wurde es spannend.

Beim dritten Besuch wählte Hannelore die Strategie, ihren Sohn einzubeziehen. Nicht direkt, aber sie erwähnte bei seinem Beisein, wie gern er immer Frikadellen mit Soße gegessen hatte. Der Wink war mehr als deutlich. Paul murmelte irgendetwas, wie er es immer tat, wenn er Partei ergreifen sollte. Verena schnitt Brot in der Küche und tat, als höre sie nichts.

Dann bemängelte Hannelore die Gardinen: Zu hell, es bräuchte dunklere im Apartment. Verena erklärte ruhig, dass helle Vorhänge am Morgen mehr Licht hereinlassen sie stehe früh auf.

So sieht man den Staub schneller, sagte Hannelore.

Ich wasche sie alle zwei Wochen, entgegnete Verena.

So oft?

Das ist praktisch.

Wieder kein Streit, kein Türenknallen. Nur eine kurze, schlichte Antwort. Ein Punkt am Satzende. Hannelore war Pausen gewohnt, auf die Rechtfertigungen folgten, dann Zustimmung oder Tränen. Alles, was bearbeitbar war.

Der nächste Besuch: Bemerkung über Salz. Zu viel, nicht gut für den Blutdruck. Verena blickte auf, sagte:

Wenn Sie möchten, koche ich für Sie ohne Salz. Paul und ich sind es mit gewohnt.

Hannelore öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Sah Paul an.

Er bewunderte das Muster auf der Tischdecke.

Ich mache mir doch nur Sorgen, sagte sie leise, fast gekränkt.

Das verstehe ich, antwortete Verena.

Hannelore fuhr schweigend nach Hause. Erst im Aufzug wurde ihr klar, dass sie wieder verloren hatte obwohl sie nicht sagen konnte, wie oder wobei. Die Schwiegertochter war nicht unhöflich. Sie fiel ihr nicht ins Wort. Sie blieb einfach stehen. Wie eine Wand.

Schlimmer als ein Streit. Im Streit wusste man, was zu tun war. Hier: völlige Ratlosigkeit.

Daheim rief Hannelore ihre Freundin Gabi an.

Gabi, was für eine Schwiegertochter hat unser Paul da! Man kann sie einfach nicht fassen.

Was ist denn los?

Nichts. Genau das ist es ja! Sie steht da, schaut. Ganz ruhig. Nicht ein überflüssiges Wort. Keine normale Reaktion.

Ist doch eigentlich gut, oder?

Gabi, du verstehst das nicht.

Gabi verstand nicht. Hannelore selbst verstand es kaum. Sie spürte nur: Es läuft nicht nach Plan. Welchem Plan auch immer. Aber es gab einen und der funktionierte nicht.

Als sie ein Gespräch mit Paul allein suchte, sagte er:

Mama, uns geht’s gut.

Ich möchte einfach, dass ihr richtig lebt.

Wir leben richtig.

Eben auf eure Weise, sagte Hannelore.

Ja, bestätigte er. Auf unsere.

Dann, mit Blick zur Seite:

Sie ist ein guter Mensch, Mama.

Hannelore presste die Lippen zusammen. Guter Mensch. Sehr aussagekräftige Beschreibung.

Sie kam wieder vorbei. Und wieder. Immer fand sie etwas eine Tasse falsch, das Handtuch schief, das Fenster im Winter geöffnet. Verena hörte stets zu, antwortete ruhig, abschließend. Nach jedem Besuch fuhr Hannelore heim mit dem Gefühl, sie hätte wie gegen eine Wand gesprochen und diese Wand hatte nichts bemerkt.

Das nervte. Ungemein.

Denn es gab nichts, womit man streiten, nichts, worüber man sich beleidigen konnte. Paul würde nur sagen Mama, alles in Ordnung. Gabi anrufen? Die würde auch wieder nichts verstehen.

Einmal ging Hannelore ohne Ankündigung hin.

Ein taktischer Fehler, das wusste sie bald. Sie wollte nur helfen, Ordnung schaffen, den Küchenschrank endlich sortieren alles war so unlogisch eingeräumt. Und überhaupt: Sie ist Pauls Mutter. Sie hat ein Recht.

Verena öffnete die Tür noch in Mantel und Schal, offenbar gerade erst heimgekehrt.

Hannelore?

Ich war gerade in der Nähe, sagte Hannelore. Nicht wahr, aber es klang besser.

Sie ging in die Küche, blickte sich um. Auf dem Tisch: Frühstücksreste, Tassen, Teller, Messer. Hannelore verzog die Lippen und begann, das Geschirr zu spülen.

Ich möchte doch nur, dass alles ordentlich ist, erklärte sie.

Verena blieb in der Tür stehen, blickte ruhig.

Frau Bauer.

Ja?

Lassen Sie das Geschirr bitte stehen.

Hannelore drehte sich um. Verena stand ruhig da, Arme nicht verschränkt, Stimme ohne Schärfe, im Gesicht keinerlei Unmut. Wie jemand, der eine Selbstverständlichkeit ausspricht.

Ich möchte nur, wiederholte Hannelore, das Beste.

Ich verstehe, dass Sie das Beste wollen, sagte Verena. Aber das ist unser Zuhause.

Vier Worte. Einfach und klar.

Ich bin die Mutter, sagte Hannelore kalt. Ihr letztes, wichtigstes Argument.

Verena wich ihrem Blick nicht aus.

Und ich bin seine Familie.

Stillstand.

Hannelore hielt ein Glas mit Reis in der Hand. Sie stellte es zurück, genau an seinen Platz.

In diesem Moment kam Paul von der Arbeit, betrat die Küche. Sah erst seine Mutter, dann seine Frau. Er verstand sofort. Ging zurück in den Flur, zog sich in aller Ruhe aus.

Schlauer Mann.

Hannelore griff nach ihrer Tasche.

Ich muss dann, sagte sie.

Möchten Sie noch eine Tasse Tee? fragte Verena.

Nein. Danke.

Sie ging. Im Aufzug betätigte sie den Knopf, sah, wie die Zahlen runtersprangen fünf, vier, drei. Ich bin seine Familie. Wie bitte?

Hannelore trat hinaus auf die Straße. Es war kalt, windig, Oktober. Sie ging zur Bushaltestelle. Grübelnd.

Jetzt wurde es erst richtig interessant.

Sie hatte sich ans Gewinnen gewöhnt immer auf ihre Art: Vorbeikommen, reden, Druck machen. Bei der ersten Schwiegertochter (es gab eine, nicht lange, drei Jahre, dann Scheidung) hatte das immer funktioniert. Damals kamen Tränen, Entschuldigungen, am Ende Zustimmung. Alles lief nach Fahrplan.

Verena weinte nicht. Sie entschuldigte sich nicht. Sie stimmte nicht zu, widersprach aber auch nie.

Sie stand einfach ruhig da, ihre Sätze knapp und unumstößlich. Das ist unser Zuhause. Ich bin seine Familie. Wie wollte man dagegen argumentieren? Was daran war falsch?

Hannelore kam heim. Setzte Teewasser auf. Sie wurde das Gefühl nicht los.

Pauls Mutter. Ja, das bleibt sie. Für immer.

Aber Familie das ist auch eine Tatsache.

Sie goss sich Tee ein. Wärmte die Hände an der Tasse.

Gabi rief abends an einfach so.

Wie ist die neue Schwiegertochter? fragte sie wie üblich.

Nicht einfach, gestand Hannelore.

Streitet sie denn?

Nein. Genau das ist ja das Problem.

Aber das ist doch gut.

Gute Dinge sind nicht immer leicht, Gabi.

Gabi lachte. Hannelore schmunzelte auch kurz.

Ich war heute bei ihnen. Habe in der Küche das Geschirr gespült.

Und?

Sie bat mich, es zu lassen.

Richtig so, meinte Gabi.

Gabi

Doch, ist doch richtig, Hannelore.

Gabi schwieg einen Moment.

Du warst mutig, dass du gegangen bist.

Ich wusste nur nichts mehr zu sagen.

Es gibt eben nichts zu sagen, stellte Gabi klar.

Hannelore blickte aus dem Fenster. Dachte daran, dass Ich bin seine Familie das war früher ihre eigene Rolle gewesen. Damals, als sie jung war und ähnliche Worte zu hören bekam.

Paul hat richtig gewählt.

Der Gedanke kam leise, ohne Brimborium. Hannelore trank ihren Tee aus. Spülte die Tasse sofort wie immer.

Dann nahm sie das Handy, zögerte kurz und schrieb an Verena:

Tut mir leid, dass ich heute unangemeldet kam.

Verena antwortete nach einer Minute. Ein einziges Wort:

Schon gut.

Hannelore schaute lange auf dieses Wort. Schon gut. Kurz. Klar.

Es schien, als würden sie langsam anfangen, sich zu verstehen.

Ein paar Tage später rief Hannelore selbst an.

Nicht Paul, sondern Verena. Taktvoll zögerte sie, bis abgenommen wurde.

Verena, ich habe morgen eine Untersuchung in der Praxis. Ich soll nicht alleine hingehen. Paul muss arbeiten, ich will ihn nicht stören. Könntest du vielleicht…?

Um wie viel Uhr? fragte Verena.

Hannelore nannte die Zeit.

In Ordnung, sagte Verena. Ich bin da.

Kein aber selbstverständlich, kein das versteht sich von selbst. Nur ein knappes in Ordnung, ich bin da. Hannelore legte auf fast überrascht: Sie hatte etwas Anderes erwartet. Mehr oder weniger.

An der Praxis war Verena schon da, wartete am Eingang, kam früher als vereinbart. Sie nickte kühl, nahm den Dokumentenordner, überflog alles ruhig und routiniert, wie jemand mit Erfahrung.

Es fehlt noch eine Bescheinigung. Die holen wir an der Anmeldung.

Woher weißt du das?

Ich arbeite in einer Klinik, sagte Verena. Seit acht Jahren.

Das wusste Hannelore. Hatte es vergessen.

Sie warteten fast zwei Stunden. Verena blieb, schaute nicht aufs Handy, setzte sich neben sie, fragte regelmäßig nach, ging einmal zum Arzt und gab Bescheid. Alles ohne Aufhebens.

Nach dem Termin standen sie draußen.

Alles gut gelaufen, sagte Verena. Nichts Schlimmes.

Hannelore schwieg, dann sagte sie leise, ganz nüchtern als bräuchte sie keine Zeugen:

Paul hat wohl richtig gewählt.

Verena lächelte nicht. Sagte weder Danke noch etwas anderes. Sie nickte nur ruhig.

Wie immer.

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Homy
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Merken Sie sich eines gleich: Ich bin keine dieser Schwiegertöchter, die still schweigen – sagte Vera ganz ruhig zu ihrer Schwiegermutter
A Ich bin jetzt für dich keine Mama mehr!