Eltern pflegen ist Sache der Tochter, nicht des Sohnes! – so entschieden die Verwandten — Die Mutter ist schlechter dran. Die Beine halten gar nicht mehr, sie ist gestern zweimal gestürzt, nur um zur Toilette zu kommen. Allein schaffe ich das nicht mehr, mein Rücken macht nicht mit, das weißt du doch. Jedenfalls haben wir uns beraten und beschlossen: Wir bringen sie zu dir. Lisa ließ sich langsam auf den Hocker sinken. Ihr Herz rutschte ihr in die Magengrube. — Zu uns? Papa, hast du unsere Wohnung gesehen? Wir haben ein Zimmer, da sind mein Mann, das Kind und ich. Wo soll ich sie denn hinlegen?! — Stell dich nicht so an. Dein Mann schläft auf dem Klappbett in der Küche, die Mutter kommt auf das Sofa. Du bist doch sowieso zu Hause, kümmerst dich ums Kleine, ob einer mehr oder weniger – was macht das schon? Und wir brauchen jetzt keine zusätzlichen Ausgaben! In Lisas Familie gab es immer eine klare Hierarchie. Ganz oben stand Michael – der ersehnte Sohn, der „Erbe“, für den die Eltern alles getan hätten. Lisa war einfach das „erste Pfannkuchen“, das aus Sicht der Mutter missglückt war. Lisa erinnerte sich noch gut an ihren zehnten Geburtstag – da bekam sie eine Schachtel Pralinen und ein billiges Haarklammern-Set. Eine Woche später bekam Michael zum sechsten Geburtstag eine riesige Modelleisenbahn, die das halbe Wohnzimmer füllte. — Mama, warum bekommt Michael die Eisenbahn und ich nur Pralinen? – fragte Lisa damals. — Michael ist ein Junge und jünger als du, – schnitt Galina Arkadjewna, ihre Mutter, das Thema ab. – Und du bist die Ältere, du musst schon teilen lernen! Und überhaupt, wage es nicht, deinem Bruder zu missgönnen. Hilf ihm lieber die Schienen aufbauen, sonst ist er traurig. So war es immer. Als es darum ging, die Zimmer zu verteilen, wurde Lisa ins Durchgangszimmer auf ein unbequemes Schlafsofa verfrachtet, weil „Michael für die Hausaufgaben einen eigenen Bereich braucht“. Als Lisa vom Tanzkurs träumte und sogar die Aufnahmeprüfung bestand, sagte der Vater streng: — Kein Geld. Michael braucht Nachhilfe in Englisch. Er ist begabt, er wird es weit bringen. Hauptsache, er bekommt einen guten Start! Michael ging am Ende zu keinem Kurs. Englisch schwänzte er, in der Schule dümpelte er zwischen „ausreichend“ und „mangelhaft“, trug aber stets die modernsten Turnschuhe und das neuste Handy. Lisa büffelte im Halbdunkel der Durchgangsstube, während der Fernseher bis Mitternacht lief. Als sie einen Studienplatz an einer renommierten Universität ergatterte, gab es kein Festessen. — Na, bestanden, sehr schön, – gähnte der Vater. – Pack deine Sachen, Studentenwohnheim wartet. Eine Wohnung mieten wir nicht, wir müssen für Michaels Ausbildung sparen. Mit seinem Zeugnis kommt er nie in einen staatlichen Platz. — Aber im Wohnheim sind es vier Leute im Zimmer, – wollte Lisa einwenden. — Das schaffst du schon, – warf die Mutter ein. – Denk mal nach, du willst doch nicht, dass dein Bruder sein Leben lang als Straßenkehrer arbeitet! Lisa lebte fünf Jahre in der Wohnheimsbude, jobbt nachts als Bedienung, nur um sich Winterstiefel leisten zu können. Michael wechselte in der Zeit mehrere Autos, die die Eltern ihm aus Prestigegründen kauften. Jede kaputte Stoßstange, jedes Knöllchen wurde vom „Altersvorsorge-Geld“ bezahlt. *** — Lisa, hörst du mich? – die Stimme des Vaters am Telefon wurde lauter. – Morgen um zwei bringen wir die Mutter vorbei. Bereite alles vor. Frische Bettwäsche, koch Diät-Suppe. — Ich nehme niemanden auf, – sagte Lisa leise, aber bestimmt. — Was hast du gesagt? – Der Vater war offenbar sprachlos. – Wiederhol das! — Ich nehme die Mutter nicht auf. Ich habe ein zweijähriges Kind. Das braucht 24-Stunden-Aufmerksamkeit. Ich habe einen Mann, der auf zwei Jobs schuftet, damit wir nicht hungern. Ich habe keinen Platz und keine Kraft, eine pflegebedürftige Mutter zu versorgen. Ihr habt euren Lieblingssohn. Bringt sie zu ihm. — Er heiratet! – brüllte der Vater. – Verstehst du was du tust? Du verrätst die Familie! Michael hat sich verschuldet, um die Hochzeit zu organisieren, wir haben alles dafür gegeben. Er ist am Ende seiner Nerven, er hat keine Zeit für sowas! — Hat er wieder Schulden? – Lisa lachte bitter. – Erinnere dich mal daran, als er betrunken am Steuer saß und den Zaun samt Gewächshaus des Nachbarn platt gemacht hat. Damals habt ihr auch alles gezahlt, damit die Sache unter den Tisch fällt. Und als ich heiratete und wenigstens um einen Zuschuss für die Wohnung bat, hieß es, Michael müsse „sich gesundheitlich erholen“ von diesem Vorfall. — Das ist was anderes! Damals war es ein Notfall! — Die Not ist in euren Köpfen, Papa. Michael ist ein gesunder Mann, er hat eine eigene Wohnung, die ihr ihm gekauft habt. Er kann eine Betreuung für die Mutter engagieren, wenn er so erfolgreich ist! — Du… du bist kaltherzig geworden, – schnauzte der Vater. – Wir haben dich großgezogen, ernährt! Wir haben dir die Ausbildung ermöglicht. Du bist uns bis ans Lebensende verpflichtet! Hast du überhaupt ein Gewissen? Hol sofort die Mutter ab! — Ihr wolltet euch eine Haushälterin erziehen und habt euch verrechnet. Schluss jetzt, Papa, ich muss das Kind füttern. Wir sind morgen nicht zu Hause, gehen zur Klinik und dann zu meiner Schwiegermutter. Kommt also nicht. Lisa legte auf und schüttelte die Tränen ab. *** Eine Stunde später hämmerte es an der Tür. Nicht geklingelt, sondern mit der Faust gedröhnt. Lisa drückte den weinenden Sohn an sich. — Lisa, mach auf! Ich weiß, dass du da bist! – tönte der Bruder. – Mach SOFORT auf! Lisa ging zur Tür, löste aber nicht die Kette. — Was willst du, Michael? — Bist du total wahnsinnig?! Vater ruft an, heult fast, Mutter auf Pillen seit heute früh. Warum weigerst du dich zu helfen? Ist es so schwer, das Sofa freizumachen? — Michael, warum räumst du nicht eine deiner beiden Luxusschlafzimmer? Bring die Mutter in eins davon, und deine Angelina kann sie betreuen. Die wird schließlich Teil der Familie, soll sie mal Fürsorge zeigen für die Schwiegermutter. — Bist du verrückt? – Michael japste. – Geli ist Model, die schleppt doch keine Nachttöpfe für alte Leute! Die benutzt Kosmetik, die kostet mehr als dein Kinderwagen. Die kann in so einem Umfeld gar nicht leben! Das musst du verstehen. Wir haben eine Feier mit 200 Gästen, dann Flitterwochen auf den Malediven! Willst du mir das Leben ruinieren? — Deine Reise kostet so viel wie ein Jahr professionelle Pflegekraft, – entgegnete Lisa. – Storniert den Urlaub, engagiert Hilfe für die Mutter. Wo ist da das Problem? — Das Problem bist du! Du bist immer schon geizig und gemein. Die Eltern haben dir alles gegeben, und du… — Was haben sie mir gegeben, Michael? Ein gebrauchtes Fahrrad zum 16. Geburtstag, als du ein Moped bekommen hast? Oder das Kakerlakenwohnheim, während du im Ledersofa im Loft abhängst? Hast du dir überhaupt jemals etwas erarbeitet, das teurer ist als eine Packung Zigaretten? — Wie kannst du nur! Ich gründe ein Business! Ich werde bald richtig verdienen. Ich investiere in meine Zukunft! Was soll ich mit einer pflegebedürftigen Mutter am Hals? Lisa grinste. — Du meinst von dem Geld, das Vater aus Garagen- und Datschenverkauf bekommen hat? Das eigentlich für Mutters Behandlung war? Michael schwieg einen Moment und legte dann los: — Das war ihr Wille. Sie glauben an mich. Du… du bist bloß neidisch. Morgen kommt die Mutter zu dir. Ob du willst oder nicht. Vater bringt sie mit dem Taxi und lässt sie im Hausflur, wenn du nicht öffnest. Kapiert? — Versucht es ruhig, – sagte Lisa leise. – Ich rufe Polizei und Sozialdienste, und notiere, dass ihr einen hilflosen Menschen in Not allein gelassen habt. Mal sehen, wie das deinem „Business“ und Gelis Ruf bekommt. Michael brüllte noch irgendwas und trat gegen die Tür, Lisa ging einfach ins Zimmer. Sie setzte dem Sohn Zeichentrickfilme auf, um den Lärm zu übertönen, und hockte sich selbst auf den Boden, die Knie umklammert. Ihrem Mann erzählte sie natürlich alles. Und er stellte sich hinter sie. *** Am nächsten Tag klingelte ständig das Telefon. Tante Waltraud, Mamas Schwester, warf Lisa vor: — Lisa, wie kannst du nur, sie hat dich geboren! So habe ich dich nicht eingeschätzt! Die Mutter, krank und hilflos, einfach so elend sterben lassen! Der Patenonkel rief auch an: — Lisa, sei doch Mensch, der Michael muss sein Leben aufbauen. Hast du gar kein Herz? Eltern pflegen ist Sache der Tochter, nicht des Sohnes! Alle Verwandten, die seit Jahren sahen, wie Lisa in der Familie zurücksteckte, schlugen sich jetzt auf die Seite des „Goldjungen“. Anfangs nahm Lisa ab, dann legte sie das Handy weg. Um sich abzulenken, fuhr sie mit dem Sohn durch die ganze Stadt in den Park und ließ das Handy zu Hause. Ihr Mann sagte entschlossen: — Ich habe morgen freigenommen. Falls sie aufkreuzen, empfange ich sie persönlich. Die sollen wissen, dass du nicht allein bist! Aber weder an diesem noch am nächsten Tag kamen Vater oder Bruder. Lisa beruhigte sich; scheinbar ließen sie sie in Ruhe. *** Der Tag von Michaels Junggesellenabschied kam. Lisa kochte das Abendessen, wartete auf ihren Mann. Als es klingelte, erschrak sie. Schon wieder? Noch einmal klingeln, dann sah sie nach – vor der Tür stand Angelina, Michaels Verlobte. Im Trainingsanzug, mit verschmierter Wimperntusche. Angelina hatte Lisa erst wenige Male gesehen – Michael hatte sie zum Angeben vorgestellt, um zu beweisen, dass die Familie „normal“ sei. Lisa öffnete vorsichtig. — Darf ich reinkommen? – fragte Angelina. Lisa trat zurück, ließ sie ein. — Was ist passiert? Hat Michael dich geschickt? Komm in die Küche, ich brate Kartoffeln. — Nein, – Angelina schüttelte den Kopf. – Ich bin weg von ihm. Lisa erstarrte. — Warum das? — Ich habe zufällig gehört, wie er mit seinem Vater sprach. Die Mutter tut nur so krank, um dich unter Druck zu setzen und hier unterzubringen. Sie haben das zusammen eingefädelt – dein Vater ist die kranke Frau satt. Plan: Mutter wohnt bei dir eine Woche, und ihre Wohnung ist dann frei für Michaels Kumpels, die zur Hochzeit kommen sollen. Zurücknehmen will sie dein Vater gar nicht! Mir wurde so schlecht dabei… Lisa war fassungslos. — Mutter geht es also gar nicht so schlecht? — Es geht ihr schlecht, Lisa. Sie ist wirklich krank, aber nicht so schlimm. Die Geschichte, dass sie halbtot ist, haben sie erfunden. Die beiden haben ihren eigenen Plan: Mutter zu dir, Wohnung vermieten, Vater zieht auch aus – er hat längst eine andere Frau… Angelina schluchzte. — Ich dachte, er wäre nur verwöhnt, aber eigentlich nett. Aber er… ist nicht menschlich. Gestern hat er sogar die Katze der Mutter getreten, weil sie im Weg stand. Kurz: Ich habe Sachen gepackt und bin gegangen. Die Hochzeit findet nicht statt. Angelina weinte lange in Lisas Küche. Oleg, Lisas Mann, ließ sie in Ruhe – Lisas Trost tat Angelina gut, und Lisa wusste: Sie hatte sich in Angelina getäuscht. Sie war viel menschlicher als der Bräutigam. *** Nachdem Angelina abgesprungen und das Hochzeitsgeld ihrer Familie weg war, stand Michael tief in der Kreide. Die Kreditgeber, bei denen er Geld für „Hochzeitsgeschenke“ geliehen hatte, forderten Rückzahlung. Endlich kapierten die Eltern die Situation. Michael nahm nicht nur die Mutter nicht zu sich – er klaute auch noch die Wohnungsunterlagen und versuchte, das elterliche Apartment zu beleihen, um die Schulden zu begleichen. Als es aufflog, bekam Viktor Stepanowitsch einen Schlaganfall. Natürlich wandten sie sich hilfesuchend an Lisa, doch sie ignorierte die Bitten des Vaters. Sollen sie sehen, wie sie zurechtkommen. Am Ende haben sie sich so einen Sohn selbst großgezogen…

Die Pflicht, sich um die Eltern zu kümmern, liegt bei der Tochter, nicht beim Sohn!, bestimmten die Verwandten.

Deiner Mutter geht es schlechter. Die Beine tragen sie kaum noch, gestern ist sie zweimal gefallen, als sie aufs Klo gehen wollte.

Ich schaffe das alleine nicht mehr, mein Rücken macht nicht mit, das weißt du doch.

Wir haben uns also beraten und beschlossen: Wir bringen sie zu dir.

Liselotte ließ sich langsam auf den Hocker sinken. Ihr Herz sackte in den Magen.

Zu uns? Papa, hast du mal unsere Wohnung gesehen? Eine Zwei-Zimmer im Plattenbau, da leben mein Mann, das Kind und ich. Wo soll ich sie denn hinlegen?!

Nun übertreib nicht. Dein Mann kann auf der Schlafcouch in der Küche schlafen, und deine Mutter nimmt das Sofa im Wohnzimmer.

Du bist doch eh zu Hause, kümmerst dich ums Kind, da macht eine Person mehr keinen Unterschied.

Und wir können jetzt wirklich keine zusätzlichen Kosten gebrauchen!

In Lises Familie herrschte schon immer eine strenge Hierarchie. Ganz oben im Familiengefüge stand Michael, der ersehnte Sohn, der Thronfolger, für den die Eltern alles taten.

Liselotte war einfach nur das erste Pfannkuchen, wie ihre Mutter oft sagte der, der nie so ganz gelingt.

Lise erinnerte sich noch genau an ihren zehnten Geburtstag sie bekam eine Tafel Schokolade und ein Set billiger Haargummis.

Eine Woche später zum sechsten Geburtstag von Michael bekam er eine riesige Eisenbahn, die den halben Wohnraum einnahm.

Mama, warum kriegt Michael die Bahn und ich nur Schokolade? fragte die kleine Lise damals.

Michael ist ein Junge und außerdem jünger, schnitt Mutter Helga strikt ab. Du bist die Ältere, du musst lernen zu teilen!

Und hör auf, deinem Bruder zu beneiden. Geh lieber, hilf ihm beim Zusammenbauen, sonst wird er noch traurig.

So ging es in allem weiter.

Als es um die Zimmeraufteilung ging, musste Lise ins Durchgangszimmer auf eine ausgeleierte Ausziehcouch, weil Michael braucht doch ein eigenes Zimmer zum Lernen.

Als Lise unbedingt beim Ballett mitmachen wollte und sogar genommen wurde, sagte der Vater nur:

Das Geld reicht nicht. Michael braucht einen Englisch-Nachhilfelehrer. Er hat das Zeug zu was Großem, er braucht nur den richtigen Start.

Letztlich ging Michael nie zum Nachhilfeunterricht. In Englisch schrammte er an den Vieren vorbei, dafür hatte er stets die neuesten Adidas-Turnschuhe und immer das modernste Handy.

Lise hingegen büffelte in der Dunkelheit des Durchgangszimmers, während der Abendfernseher bis Mitternacht plärrte.

Als Lise einen Platz an einer renommierten Hochschule in München bekam, feierten die Eltern nicht mal.

Na, hast es geschafft. Pack deine Sachen, du ziehst ins Wohnheim, gähnte der Vater. Eine Wohnung mieten wir nicht, wir müssen für Michaels Studium sparen. Mit seinen Noten bekommt er keinen Studienplatz auf Staatskosten.

Aber im Wohnheim teilen sich vier Leute ein Zimmer, das ist wirklich nicht einfach, versuchte Lise noch.

Stell dich nicht so an, warf die Mutter ein. Hab ein bisschen Anstand, denk an deinen Bruder! Oder willst du, dass er ewig als Straßenfeger schuften muss?

Fünf Jahre hauste Lise im Wohnheim, jobbte nachts als Kellnerin, um sich wenigstens Winterstiefel zu kaufen.

In der Zeit wechselte Michael einen gebrauchten BMW nach dem anderen bezahlt von den Eltern, damit er vor seinen Freunden nicht blöd dasteht.

Jede kaputte Stoßstange, jedes Knöllchen wurde von Papas Sparbuch fürs Alter bezahlt.

***

Lise, hörst du mich? die Stimme des Vaters am Hörer wurde lauter. Morgen um zwei bringen wir deine Mutter.

Bereite alles vor. Frische Bettwäsche, koch eine leichte Suppe.

Ich nehme niemanden auf, sagte Liselotte leise, aber klar.

Was hast du gesagt? Der Vater schluckte schwer. Wiederhole das!

Ich sage, ich kann Mama nicht aufnehmen. Ich habe ein zweijähriges Kind, das rund um die Uhr Aufmerksamkeit braucht.

Mein Mann schuftet auf zwei Stellen, damit wir über die Runden kommen. Ich habe weder die Kraft noch Platz, um mich um eine Pflegebedürftige zu kümmern.

Ihr habt doch euren geliebten Sohn. Bringt sie zu ihm.

Er heiratet doch gerade! brüllte der Vater. Weißt du überhaupt, was du da tust? Du verrätst deine eigene Familie!

Michael hat sich hoch verschuldet für die Hochzeit, wir haben ihm jeden Cent gegeben. Er ist völlig fertig, er kann sich jetzt nicht noch damit belasten!

Wieder verschuldet? Lise lachte bitter. Erinnerst du dich, wie er damals betrunken gefahren ist und den Zaun und das Gewächshaus der Nachbarn eingerissen hat? Damals habt ihr auch alles gezahlt, damit die Polizei die Sache unter den Teppich kehrt.

Und als ich geheiratet habe und wenigstens einen kleinen Zuschuss für die Anzahlung unserer Wohnung wollte, meintet ihr, Michael muss genesen nach dem Vorfall.

Das war damals etwas völlig anderes! Das war eine Notlage!

Die Notlage ist in eurem Kopf, Papa. Michael ist kerngesund, hat eine Wohnung, die ihr ihm gekauft habt. Er kann sich eine Pflegekraft für Mama leisten, wenn er so erfolgreich ist!

Du… berechnend bist du! der Vater redete sich in Rage. Wir haben dich großgezogen! Dir die Ausbildung bezahlt. Du bist uns auf ewig was schuldig! Hast du überhaupt kein Ehrgefühl mehr? Ich hab gesagt: Du holst deine Mutter!

Ihr wolltet euch ein Dienstmädchen großziehen, aber das ist euch misslungen. So, Papa, ich muss das Kind füttern.

Morgen sind wir nicht zuhause. Wir sind beim Kinderarzt und danach bei meiner Schwiegermutter. Kommt ruhig nicht!

Lise legte auf und schüttelte den Kopf, während ihr die Tränen kamen.

***

Eine Stunde später donnerte es gegen die Tür kein Klingeln, sondern wahrhaftige Schläge. Lise drückte ihren aufgewachten, weinenden Sohn an sich.

Liselotte! Mach auf! Ich weiß, dass du da bist! schrie der Bruder. Aufmachen, sag ich! Sofort!

Lise trat an die Tür, machte aber nicht die Kette ab.

Was willst du, Micha?

Hast du den Knall nicht gehört?! Papa ist am Telefon fast am Weinen, Mama steht auf Pillen seit dem Morgen. Warum weigerst du dich zu helfen? Zu schwer, das Sofa freizuräumen?

Micha, warum räumst du nicht dein Riesenschlafzimmer frei? Du hast doch zwei! Leg Mama da rein, deine Angelina soll’s machen.

Sie wird doch eh bald Familie. Lass sie sich mal um ihre Schwiegermutter kümmern.

Sag mal, bist du total verrückt?! Michael japste. Geli ist Model! Die wird sich doch nicht um eine alte Frau kümmern!

Die gibt für ihre Kosmetik mehr aus als du für den Kinderwagen. Die kann so was gar nicht aushalten, begreif das endlich mal.

Wir haben ein Fest für zweihundert Leute! Flitterwochen auf den Malediven! Willst du mir alles ruinieren?

Die Reise kostet so viel wie ein Jahr Pflegekraft, bemerkte Lise. Sagt die Reise ab, stellt Mama eine Betreuerin ein. Wo ist da das Problem?

Das Problem bist du! Ständig nur geizig und verbittert. Die Eltern haben dir alles gegeben, und du…

Was haben sie mir gegeben, Michael? Ein gebrauchtes Damenrad zum sechzehnten, während du ein Motorrad bekommen hast?

Oder die Kakerlaken-Bude im Heim, während du samt Ledersofa in der Designersuite gewohnt hast?

Hast du jemals für etwas im Leben selber gearbeitet, das mehr wert ist als eine Schachtel Zigaretten?

Wie kannst du es wagen! Ich gründe ein Unternehmen! Ich werde bald großes Geld verdienen!

Ich investiere in meine Zukunft! Wozu soll ich mich mit einer Pflegefall belasten?

Lise verzog spöttisch den Mund.

Du meinst das Geld, das Papa durch den Verkauf von Garage und Schrebergarten eingenommen hat? Das Geld, das eigentlich für Mamas Behandlung gedacht war?

Michael schwieg einen Moment, dann sagte er:

Das war ihr Wille! Sie glauben an mich! Du bist nur neidisch.

Jedenfalls wird Mama morgen hierhergebracht. Ob du willst oder nicht. Papa bringt sie mit dem Taxi und lässt sie vorm Haus, wenn du nicht aufmachst. Klar?

Versucht es ruhig, sagte Lise leise. Ich rufe die Polizei und das Jugendamt. Und lasse es dokumentieren, dass ihr eine hilflose Person im Stich lasst.

Mal sehen, wie das deiner Firma und Gelis Ruf bekommt.

Michael schrie weiter, trat gegen die Tür. Lise aber ging zu ihrem Sohn zurück.

Sie schaltete Kinderfernsehen ein, um den Lärm zu übertönen, und setzte sich mit angezogenen Knien auf den Boden.

Ihr Mann, Oskar, hörte sich abends alles ruhig an und stellte sich auf ihre Seite.

***

Am nächsten Tag klingelte das Telefon ohne Unterlass. Tante Waltraud, Mutters Schwester, jammerte in die Leitung:

Lise, wie kannst du nur! Sie hat dich geboren! So viel hätte ich von dir nicht gedacht! Deine arme Mutter, krank und hilflos, einfach zum Sterben liegen lassen!

Auch ihr Patenonkel meldete sich:

Lise, sei ein Mensch, Michael muss sein Leben aufbauen. Hast du kein Herz? Die Tochter hat die Eltern zu pflegen, nicht der Sohn!

Alle Verwandten, die jahrelang mitangesehen hatten, wie Liselotte zurückgesetzt wurde, standen nun einmütig hinter dem Goldjungen.

Lise antwortete zunächst, irgendwann nahm sie aber keine Anrufe mehr entgegen. Um auf andere Gedanken zu kommen, packte sie ihren Sohn und fuhr mit ihm in einen Park am anderen Ende von Leipzig. Das Handy ließ sie diesmal zu Hause.

Ihr Mann erklärte:

Morgen habe ich mir frei genommen. Falls dein Vater und dein Bruder auftauchen, werden sie mich kennenlernen. Sie sollen wissen, dass du nicht alleine bist!

Doch an jenem Tag, und auch an den folgenden, kamen weder der Vater noch der Bruder. Liselotte atmete auf als hätten sie sie endlich in Ruhe gelassen.

***

Am Abend, als Michael mit großem Prunk seinen Junggesellenabschied feiern wollte, bereitete Lise Abendessen vor und wartete auf Oskar.

Als es klingelte, erschrak sie. Fängt das wieder an?

Noch einmal klingeln, und sie ging vorsichtig zur Tür. Draußen stand Angelina, die Verlobte ihres Bruders.

In einem alten Jogginganzug, schwarze Mascara verlaufen unter den Augen.

Lise hatte Angelina nur einige Male gesehen Michael hatte sie zum Vorzeigen mitgebracht, um zu demonstrieren, was für eine ehrbare Familie sie seien.

Lise öffnete die Tür.

Darf ich rein? fragte Angelina, scheu.

Lise trat beiseite.

Was ist passiert? Hat Michael dich vorgeschickt als Spion? Komm mit in die Küche, ich brate Kartoffeln.

Nein, Angelina schüttelte den Kopf. Ich habe ihn verlassen.

Lise erstarrte mitten im Teebeutel-Ausdrücken.

Warum?

Ich habe zufällig ein Gespräch zwischen ihm und deinem Vater mitgehört. Deine Mutter stellt sich extra noch kränker, um dich unter Druck zu setzen.

Das haben sie gemeinsam ausgetüftelt dein Vater ist seine kranke Frau satt. Geplant war: Deine Mutter bleibt eine Woche bei dir, solange zur Untermiete die Freunde von Michael für die Hochzeit in die Elternwohnung einziehen können.

Und dein Vater hat gar nicht vor, sie wieder zurückzuholen! Mir ist so übel geworden bei dieser Bösartigkeit…

Lise war wie vom Donner gerührt.

Also geht es Mama gar nicht so schlecht?

Doch, sie ist wirklich krank, aber nicht so schlimm, wie sie behaupten. Ihre angebliche Todesnähe ist völliger Unsinn.

Dein Vater will deine Mutter zu dir abschieben und dann die alte Wohnung vermieten. Er zieht auch aus, er hat schon längst eine andere Frau…

Angelina schniefte.

Ich dachte, er wär nur verwöhnt, aber gut. Er ist kein Mensch.

Gestern hat er sogar die alte Katze deiner Mutter getreten, weil sie ihm in die Quere kam.

Ich habe meine Sachen gepackt und bin weg. Es wird keine Hochzeit geben.

Angelina saß lange weinend in Lises Küche. Oskar, der von der Arbeit kam, ließ sie beide in Ruhe. Liselotte tröstete die Ex-Verlobte und dachte, dass sie sich in ihr getäuscht hatte Angelina war um Welten menschlicher als der Bräutigam.

***

Ohne Angelinas Erspartes ihre Familie finanzierte einen Großteil der Hochzeit stürzte Michael ab.

Die Gläubiger, bei denen er für Hochzeitsgeschenke geborgt hatte, forderten ihr Geld zurück.

Die Eltern sahen endlich der Realität ins Auge. Michael hatte nicht nur die Mutter nicht zu sich genommen, sondern auch noch die Papiere der Elternwohnung gestohlen, um heimlich eine Hypothek aufzunehmen, damit er seine Schulden los wird.

Als das herauskam, erlitt Vater Wolfgang einen Schlaganfall.

Natürlich wandten sie sich an Lise um Hilfe sie ignorierte die flehentlichen Bitten des Vaters.

Sollen sie doch selbst klarkommen. Immerhin haben sie diesen Sohn völlig selbst so herangezogenEinige Wochen vergingen, während das familiäre Schweigen in Lises Leben wie Watte lag. Ihr Handy blieb erstaunlich still. Sie gewöhnte sich an diesen neuen, friedlichen Rhythmus: Morgens Obstsalat schneiden, mit ihrem Sohn auf die Rutsche im Park, abends gemeinsames Vorlesen. Oskar und sie lachten wieder mehr. Es war, als hätte jemand eine schwere, unsichtbare Kette von ihrem Rücken genommen.

Eines Tages flatterte ein Brief ins Haus. Die Handschrift kannte sie nicht. Liebe Lise, begann er. Ich weiß, dass du denkst, ich hätte dich nie geliebt. Vielleicht hast du sogar Recht damit. Aber jetzt verstehe ich, was ich verloren habe. Ich sitze im Heim, alles verkauft, alles weg, und frage mich, wie es dazu kommen konnte. Michael kommt mich nicht besuchen. Dein Vater spricht nur noch mit den Wänden. Ich schreibe dir, weil niemand sonst mir zuhört. Mach, was du für richtig hältst. Deine Mama.

Lise faltete das Papier langsam zusammen. Sie spürte keinen Zorn mehr, nur einen Hauch von Traurigkeit. Aber Mitleid war nicht das, was ihre Zukunft bestimmen würde.

Am Nachmittag nahm sie ihren Sohn an die Hand, fuhr zum See und ließ ihn Steine ins Wasser plumpsen. Während die Sonne golden unterging und die ersten Glühwürmchen um sie tanzten, blickte sie in den Himmel. Endlich hatte sie ihre eigene Stimme gefunden und diesmal würde niemand sie mehr ersticken.

Sie schloss die Augen und lächelte. Ihre Welt war klein, aber sie gehörte ihr und denen, die sie wirklich liebten. Und das war genug.

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Homy
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Eltern pflegen ist Sache der Tochter, nicht des Sohnes! – so entschieden die Verwandten — Die Mutter ist schlechter dran. Die Beine halten gar nicht mehr, sie ist gestern zweimal gestürzt, nur um zur Toilette zu kommen. Allein schaffe ich das nicht mehr, mein Rücken macht nicht mit, das weißt du doch. Jedenfalls haben wir uns beraten und beschlossen: Wir bringen sie zu dir. Lisa ließ sich langsam auf den Hocker sinken. Ihr Herz rutschte ihr in die Magengrube. — Zu uns? Papa, hast du unsere Wohnung gesehen? Wir haben ein Zimmer, da sind mein Mann, das Kind und ich. Wo soll ich sie denn hinlegen?! — Stell dich nicht so an. Dein Mann schläft auf dem Klappbett in der Küche, die Mutter kommt auf das Sofa. Du bist doch sowieso zu Hause, kümmerst dich ums Kleine, ob einer mehr oder weniger – was macht das schon? Und wir brauchen jetzt keine zusätzlichen Ausgaben! In Lisas Familie gab es immer eine klare Hierarchie. Ganz oben stand Michael – der ersehnte Sohn, der „Erbe“, für den die Eltern alles getan hätten. Lisa war einfach das „erste Pfannkuchen“, das aus Sicht der Mutter missglückt war. Lisa erinnerte sich noch gut an ihren zehnten Geburtstag – da bekam sie eine Schachtel Pralinen und ein billiges Haarklammern-Set. Eine Woche später bekam Michael zum sechsten Geburtstag eine riesige Modelleisenbahn, die das halbe Wohnzimmer füllte. — Mama, warum bekommt Michael die Eisenbahn und ich nur Pralinen? – fragte Lisa damals. — Michael ist ein Junge und jünger als du, – schnitt Galina Arkadjewna, ihre Mutter, das Thema ab. – Und du bist die Ältere, du musst schon teilen lernen! Und überhaupt, wage es nicht, deinem Bruder zu missgönnen. Hilf ihm lieber die Schienen aufbauen, sonst ist er traurig. So war es immer. Als es darum ging, die Zimmer zu verteilen, wurde Lisa ins Durchgangszimmer auf ein unbequemes Schlafsofa verfrachtet, weil „Michael für die Hausaufgaben einen eigenen Bereich braucht“. Als Lisa vom Tanzkurs träumte und sogar die Aufnahmeprüfung bestand, sagte der Vater streng: — Kein Geld. Michael braucht Nachhilfe in Englisch. Er ist begabt, er wird es weit bringen. Hauptsache, er bekommt einen guten Start! Michael ging am Ende zu keinem Kurs. Englisch schwänzte er, in der Schule dümpelte er zwischen „ausreichend“ und „mangelhaft“, trug aber stets die modernsten Turnschuhe und das neuste Handy. Lisa büffelte im Halbdunkel der Durchgangsstube, während der Fernseher bis Mitternacht lief. Als sie einen Studienplatz an einer renommierten Universität ergatterte, gab es kein Festessen. — Na, bestanden, sehr schön, – gähnte der Vater. – Pack deine Sachen, Studentenwohnheim wartet. Eine Wohnung mieten wir nicht, wir müssen für Michaels Ausbildung sparen. Mit seinem Zeugnis kommt er nie in einen staatlichen Platz. — Aber im Wohnheim sind es vier Leute im Zimmer, – wollte Lisa einwenden. — Das schaffst du schon, – warf die Mutter ein. – Denk mal nach, du willst doch nicht, dass dein Bruder sein Leben lang als Straßenkehrer arbeitet! Lisa lebte fünf Jahre in der Wohnheimsbude, jobbt nachts als Bedienung, nur um sich Winterstiefel leisten zu können. Michael wechselte in der Zeit mehrere Autos, die die Eltern ihm aus Prestigegründen kauften. Jede kaputte Stoßstange, jedes Knöllchen wurde vom „Altersvorsorge-Geld“ bezahlt. *** — Lisa, hörst du mich? – die Stimme des Vaters am Telefon wurde lauter. – Morgen um zwei bringen wir die Mutter vorbei. Bereite alles vor. Frische Bettwäsche, koch Diät-Suppe. — Ich nehme niemanden auf, – sagte Lisa leise, aber bestimmt. — Was hast du gesagt? – Der Vater war offenbar sprachlos. – Wiederhol das! — Ich nehme die Mutter nicht auf. Ich habe ein zweijähriges Kind. Das braucht 24-Stunden-Aufmerksamkeit. Ich habe einen Mann, der auf zwei Jobs schuftet, damit wir nicht hungern. Ich habe keinen Platz und keine Kraft, eine pflegebedürftige Mutter zu versorgen. Ihr habt euren Lieblingssohn. Bringt sie zu ihm. — Er heiratet! – brüllte der Vater. – Verstehst du was du tust? Du verrätst die Familie! Michael hat sich verschuldet, um die Hochzeit zu organisieren, wir haben alles dafür gegeben. Er ist am Ende seiner Nerven, er hat keine Zeit für sowas! — Hat er wieder Schulden? – Lisa lachte bitter. – Erinnere dich mal daran, als er betrunken am Steuer saß und den Zaun samt Gewächshaus des Nachbarn platt gemacht hat. Damals habt ihr auch alles gezahlt, damit die Sache unter den Tisch fällt. Und als ich heiratete und wenigstens um einen Zuschuss für die Wohnung bat, hieß es, Michael müsse „sich gesundheitlich erholen“ von diesem Vorfall. — Das ist was anderes! Damals war es ein Notfall! — Die Not ist in euren Köpfen, Papa. Michael ist ein gesunder Mann, er hat eine eigene Wohnung, die ihr ihm gekauft habt. Er kann eine Betreuung für die Mutter engagieren, wenn er so erfolgreich ist! — Du… du bist kaltherzig geworden, – schnauzte der Vater. – Wir haben dich großgezogen, ernährt! Wir haben dir die Ausbildung ermöglicht. Du bist uns bis ans Lebensende verpflichtet! Hast du überhaupt ein Gewissen? Hol sofort die Mutter ab! — Ihr wolltet euch eine Haushälterin erziehen und habt euch verrechnet. Schluss jetzt, Papa, ich muss das Kind füttern. Wir sind morgen nicht zu Hause, gehen zur Klinik und dann zu meiner Schwiegermutter. Kommt also nicht. Lisa legte auf und schüttelte die Tränen ab. *** Eine Stunde später hämmerte es an der Tür. Nicht geklingelt, sondern mit der Faust gedröhnt. Lisa drückte den weinenden Sohn an sich. — Lisa, mach auf! Ich weiß, dass du da bist! – tönte der Bruder. – Mach SOFORT auf! Lisa ging zur Tür, löste aber nicht die Kette. — Was willst du, Michael? — Bist du total wahnsinnig?! Vater ruft an, heult fast, Mutter auf Pillen seit heute früh. Warum weigerst du dich zu helfen? Ist es so schwer, das Sofa freizumachen? — Michael, warum räumst du nicht eine deiner beiden Luxusschlafzimmer? Bring die Mutter in eins davon, und deine Angelina kann sie betreuen. Die wird schließlich Teil der Familie, soll sie mal Fürsorge zeigen für die Schwiegermutter. — Bist du verrückt? – Michael japste. – Geli ist Model, die schleppt doch keine Nachttöpfe für alte Leute! Die benutzt Kosmetik, die kostet mehr als dein Kinderwagen. Die kann in so einem Umfeld gar nicht leben! Das musst du verstehen. Wir haben eine Feier mit 200 Gästen, dann Flitterwochen auf den Malediven! Willst du mir das Leben ruinieren? — Deine Reise kostet so viel wie ein Jahr professionelle Pflegekraft, – entgegnete Lisa. – Storniert den Urlaub, engagiert Hilfe für die Mutter. Wo ist da das Problem? — Das Problem bist du! Du bist immer schon geizig und gemein. Die Eltern haben dir alles gegeben, und du… — Was haben sie mir gegeben, Michael? Ein gebrauchtes Fahrrad zum 16. Geburtstag, als du ein Moped bekommen hast? Oder das Kakerlakenwohnheim, während du im Ledersofa im Loft abhängst? Hast du dir überhaupt jemals etwas erarbeitet, das teurer ist als eine Packung Zigaretten? — Wie kannst du nur! Ich gründe ein Business! Ich werde bald richtig verdienen. Ich investiere in meine Zukunft! Was soll ich mit einer pflegebedürftigen Mutter am Hals? Lisa grinste. — Du meinst von dem Geld, das Vater aus Garagen- und Datschenverkauf bekommen hat? Das eigentlich für Mutters Behandlung war? Michael schwieg einen Moment und legte dann los: — Das war ihr Wille. Sie glauben an mich. Du… du bist bloß neidisch. Morgen kommt die Mutter zu dir. Ob du willst oder nicht. Vater bringt sie mit dem Taxi und lässt sie im Hausflur, wenn du nicht öffnest. Kapiert? — Versucht es ruhig, – sagte Lisa leise. – Ich rufe Polizei und Sozialdienste, und notiere, dass ihr einen hilflosen Menschen in Not allein gelassen habt. Mal sehen, wie das deinem „Business“ und Gelis Ruf bekommt. Michael brüllte noch irgendwas und trat gegen die Tür, Lisa ging einfach ins Zimmer. Sie setzte dem Sohn Zeichentrickfilme auf, um den Lärm zu übertönen, und hockte sich selbst auf den Boden, die Knie umklammert. Ihrem Mann erzählte sie natürlich alles. Und er stellte sich hinter sie. *** Am nächsten Tag klingelte ständig das Telefon. Tante Waltraud, Mamas Schwester, warf Lisa vor: — Lisa, wie kannst du nur, sie hat dich geboren! So habe ich dich nicht eingeschätzt! Die Mutter, krank und hilflos, einfach so elend sterben lassen! Der Patenonkel rief auch an: — Lisa, sei doch Mensch, der Michael muss sein Leben aufbauen. Hast du gar kein Herz? Eltern pflegen ist Sache der Tochter, nicht des Sohnes! Alle Verwandten, die seit Jahren sahen, wie Lisa in der Familie zurücksteckte, schlugen sich jetzt auf die Seite des „Goldjungen“. Anfangs nahm Lisa ab, dann legte sie das Handy weg. Um sich abzulenken, fuhr sie mit dem Sohn durch die ganze Stadt in den Park und ließ das Handy zu Hause. Ihr Mann sagte entschlossen: — Ich habe morgen freigenommen. Falls sie aufkreuzen, empfange ich sie persönlich. Die sollen wissen, dass du nicht allein bist! Aber weder an diesem noch am nächsten Tag kamen Vater oder Bruder. Lisa beruhigte sich; scheinbar ließen sie sie in Ruhe. *** Der Tag von Michaels Junggesellenabschied kam. Lisa kochte das Abendessen, wartete auf ihren Mann. Als es klingelte, erschrak sie. Schon wieder? Noch einmal klingeln, dann sah sie nach – vor der Tür stand Angelina, Michaels Verlobte. Im Trainingsanzug, mit verschmierter Wimperntusche. Angelina hatte Lisa erst wenige Male gesehen – Michael hatte sie zum Angeben vorgestellt, um zu beweisen, dass die Familie „normal“ sei. Lisa öffnete vorsichtig. — Darf ich reinkommen? – fragte Angelina. Lisa trat zurück, ließ sie ein. — Was ist passiert? Hat Michael dich geschickt? Komm in die Küche, ich brate Kartoffeln. — Nein, – Angelina schüttelte den Kopf. – Ich bin weg von ihm. Lisa erstarrte. — Warum das? — Ich habe zufällig gehört, wie er mit seinem Vater sprach. Die Mutter tut nur so krank, um dich unter Druck zu setzen und hier unterzubringen. Sie haben das zusammen eingefädelt – dein Vater ist die kranke Frau satt. Plan: Mutter wohnt bei dir eine Woche, und ihre Wohnung ist dann frei für Michaels Kumpels, die zur Hochzeit kommen sollen. Zurücknehmen will sie dein Vater gar nicht! Mir wurde so schlecht dabei… Lisa war fassungslos. — Mutter geht es also gar nicht so schlecht? — Es geht ihr schlecht, Lisa. Sie ist wirklich krank, aber nicht so schlimm. Die Geschichte, dass sie halbtot ist, haben sie erfunden. Die beiden haben ihren eigenen Plan: Mutter zu dir, Wohnung vermieten, Vater zieht auch aus – er hat längst eine andere Frau… Angelina schluchzte. — Ich dachte, er wäre nur verwöhnt, aber eigentlich nett. Aber er… ist nicht menschlich. Gestern hat er sogar die Katze der Mutter getreten, weil sie im Weg stand. Kurz: Ich habe Sachen gepackt und bin gegangen. Die Hochzeit findet nicht statt. Angelina weinte lange in Lisas Küche. Oleg, Lisas Mann, ließ sie in Ruhe – Lisas Trost tat Angelina gut, und Lisa wusste: Sie hatte sich in Angelina getäuscht. Sie war viel menschlicher als der Bräutigam. *** Nachdem Angelina abgesprungen und das Hochzeitsgeld ihrer Familie weg war, stand Michael tief in der Kreide. Die Kreditgeber, bei denen er Geld für „Hochzeitsgeschenke“ geliehen hatte, forderten Rückzahlung. Endlich kapierten die Eltern die Situation. Michael nahm nicht nur die Mutter nicht zu sich – er klaute auch noch die Wohnungsunterlagen und versuchte, das elterliche Apartment zu beleihen, um die Schulden zu begleichen. Als es aufflog, bekam Viktor Stepanowitsch einen Schlaganfall. Natürlich wandten sie sich hilfesuchend an Lisa, doch sie ignorierte die Bitten des Vaters. Sollen sie sehen, wie sie zurechtkommen. Am Ende haben sie sich so einen Sohn selbst großgezogen…
Er bekam ein eigenes Zuhause – und plötzlich erinnerte sich seine Mutter, dass sie einen Sohn hat