Er erhielt ein Haus erst dann erinnerte sich die Mutter, dass sie einen Sohn hatte
Ich wuchs in einer zerrütteten Familie in einem kleinen Dorf in Bayern auf. Mein Vater verließ uns, als ich gerade mal zwei Jahre alt war. Aus mir unerklärlichen Gründen liebte meine Mutter immer meine ältere Schwester Annemarie inniger, überschüttete sie mit Zuneigung und Geschenken, während ich meist nur Ermahnungen oder einen Klaps auf den Hintern erhielt. Das zog sich durch meine ganze Kindheit und Schulzeit. Ich musste ständig die unangenehmsten Hausarbeiten erledigen, egal ob Holz holen oder den Stall ausmisten, während Annemarie in Ruhe lernte oder sich mit Freundinnen traf. Ich konnte es kaum erwarten, endlich mein Abitur zu machen und nach München zu ziehen. Dafür lernte ich oft bis spät in die Nacht, und meine Mühe zahlte sich schließlich aus.
Als jedoch die Nachricht kam, dass ich einen Studienplatz hatte, fragte meine Mutter mich nicht ein einziges Mal, für welches Fach oder in welcher Stadt. Sie seufzte nur: Na endlich hast du es begriffen.
Nach meinem ersten Studienjahr fuhr ich in den Semesterferien zurück ins Dorf. Doch schnell merkte ich, dass niemand auf mich wartete. Nach einem kurzen Abend mit ein paar alten Schulfreunden packte ich wieder meine Sachen und fuhr zurück in mein Wohnheim nach München. Die Jahre zogen schnell vorbei. Ich habe ab und zu versucht, meine Mutter anzurufen, doch sie interessierte sich immer nur für eins: ob ich schon genug Geld verdienen würde, um ihr und Annemarie unter die Arme zu greifen. Aber während des Studiums hatte ich kaum etwas außer dem erhöhten BAföG.
Als ich zu arbeiten begann, wollte meine Mutter natürlich wissen, wie viel ich nun verdiente. Ich schickte ihr hin und wieder etwas Geld, aber auch das war selten, da die Miete meiner kleinen Münchner Wohnung fast die Hälfte meines Gehaltes verschlang. Niemand fragte je, ob ich über die Runden kam schließlich galt in ihrer Vorstellung ein Leben in der Stadt als Inbegriff von Wohlstand. Langsam brach der Kontakt ab. Inzwischen hatte Annemarie erst einen Jungen aus unserem Dorf geheiratet, bekam zwei Kinder, ließ sich scheiden, heiratete erneut, bekam wieder ein Kind und ließ sich wieder scheiden. Offenbar war ihr hitziges Temperament problematisch. Ehrlich gesagt, wunderte mich das nicht.
Dann traf mich die Nachricht vom Notar wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Nach einem Termin in der Kanzlei Brunner in Augsburg erfuhr ich, dass mein Großvater väterlicherseits mir ein Haus im Umland von Augsburg hinterlassen hatte. Warum ausgerechnet ich mein Vater, an den ich mich nicht erinnerte, war eigentlich der rechtmäßige Erbe gewesen. Vermutlich hatte jemand meiner Mutter von dem Erbe erzählt.
Das Telefon klingelte und zum ersten Mal seit Jahren zeigte das Display Mutter. Ich war ehrlich überrascht. Doch das legte sich schnell, als sie mir erklärte, Annemarie brauche dringend eine neue Wohnung und ich solle das Haus verkaufen, damit sie das Geld für Annemarie hätte. Das war absolut nicht, was ich wollte, und ich sagte das auch. Wochenlang versuchte sie, mich zu überreden. Annemarie rief ebenfalls an und beklagte ausführlich ihr elendes Leben. Als ich sie fragte, ob sie je darüber nachgedacht hätte, wie es mir all die Jahre ergangen war, verstummte sie kurz und fauchte dann: Du hast mich nie geliebt! Als ich zurückfragte, wie viel Schwesterliebe sie mir gezeigt hatte, knallte sie den Hörer auf.
Ein halbes Jahr später hatte ich das Haus geerbt und erfolgreich für einen ordentlichen Betrag in Euro verkauft. Am Tag der Hochzeit mit meiner Frau Klara konnten wir uns eine hübsche Zwei-Zimmer-Wohnung in München leisten, in der wir heute noch leben.
Den Kontakt zu Mutter und Annemarie habe ich komplett abgebrochen. Sie konnten es nie verkraften, dass ich das Erbe nicht wie selbstverständlich erwartet für sie geopfert habe. Manchmal frage ich mich, ob sie mich je als Sohn oder Bruder gesehen haben. Aber wie so oft in meiner Kindheit, musste ich wieder meinen eigenen Weg gehen.





