Meine beste Freundin entpuppt sich als Verräterin – Wie Polina mich nach 30 Jahren Freundschaft aus ihrem neuen Leben ausschloss und am Ende als „Ballast aus der Vergangenheit“ zurückließ

Die beste Freundin war eine Verräterin

Ach, fang nicht schon wieder damit an, stöhnte die Freundin und rollte mit den Augen. Deine ewigen Empfindlichkeiten wegen nichts und wieder nichts, Irmgard! Wir leben jetzt unterschiedlich, das musst du akzeptieren.

Du hast dein Leben, ich meins. Und ehrlich, wir sind inzwischen auf ganz verschiedenen Ebenen. Ich kann nicht jeden Hinz und Kunz bei mir reinlassen.

Jeden Hinz und Kunz? Irmgard spürte, wie ein Kloß in ihrem Hals wuchs. Bin ich für dich jetzt irgendwer von der Straße?

Pia, erinnerst du dich noch, wie ich dir damals in deiner kleinen Einzimmerwohnung Vorhänge genäht habe, aus alten Gardinen? Als du kaum Geld für Essen hattest? Ich habe drei Jahre lang deine Kinder von der Schule abgeholt!

Ja und? Soll ich dir jetzt zu Füßen liegen deswegen? fuhr Pia scharf dazwischen.

Irmgard blieb wie angewurzelt stehen mit dieser Frau war sie fast dreißig Jahre durch dick und dünn gegangen

In der Manteltasche ihres alten Frühlingsmantels fand sie eine flache, graue Knopfschachtel mit vier Löchern.

Schlagartig erinnerte sie sich daran, wie sie genau so einen Knopf Pia vor etwa fünfzehn Jahren angenäht hatte. Damals spielten ihre Töchter im Hof, während sie beide auf der Bank vor dem Haus saßen und Pia sich ausweinte, weil ihr Mann mal wieder das Haushaltsgeld vertrunken hatte.

Irmgard hatte damals wortlos eine Nadel und etwas Garn aus der Handtasche gezogen, den blöden Knopf befestigt und ihrer Freundin einen zerknitterten Fünfziger in die Hand gedrückt.

Nimms, sagte sie damals. Kauf den Kindern Milch. Gibs mir zurück, wann auch immer du kannst.

Pia hat nie zurückgezahlt. Weder damals, noch später. Doch Irmgard hat auch nie nachgefragt für eine Freundin, die sie schon so lange kannte, gab sie alles gern.

Sie hatten zusammen so viel durchgestanden: Spulwürmer bei den Kindern nach dem Sommerlager bekämpft, Tapeten in Pias abgewohnter Einzimmerbude geklebt, als Pia endlich ihren Versager-Mann rauswarf.

Irmgard schleppte Suppentöpfe zu ihr, während Pia zwischen zwei Jobs hin und her rannte, um Kredite abzuzahlen.

Irmgard, du bist mein Schutzengel, sagte Pia oft, das verweinte Gesicht in einem fettigen Tuch vergraben. Ohne dich läg ich längst unter der Brücke.

Wartes ab, ich komm wieder auf die Beine. Ich geb dir alles zurück, versprochen. Wir gehen zusammen auf Weltreise, du wirst schon sehen!

Irmgard schmunzelte nur und schenkte ihr noch Tee nach. Weltreise? Sie war schon froh, wenn das Geld bis zum Monatsende reichte.

Die Veränderungen kamen schleichend. Erst fing Pia bei einer zwielichtigen Firma für Grundstückshandel an.

Mit der Zeit wurde ihr Ton am Telefon kühler, die Gespräche abgehackt. Ich hab jetzt keine Zeit kam immer öfter über die Leitung.

Pia, kommst du morgen vorbei? fragte Irmgard einmal. Ich hab die Krautpiroggen gebacken, die du so magst.

Ach Irmgard, jetzt nicht, kam es aus dem Hörer. Ich hab gerade eine wichtige Transaktion. Außerdem, sowas ess ich nicht mehr, da ist zu viel Gluten drin.

Hab mich auch im Fitnessstudio angemeldet. Lass uns ein andermal darüber sprechen.

Wie sich herausstellte, gabs kein anderes Mal mehr.

Ein halbes Jahr später kaufte Pia sich ein Auto einen riesigen, glänzenden SUV, der kaum in den alten Hof passte.

Sie kam, um anzugeben, stieg aber nicht einmal aus, sondern ließ nur das Fenster runter, rückte ihre Sonnenbrille zurecht und wies auf die Ledersitze.

Siehst du, Irmgard? Alles Luxusausstattung. Nicht wie dein klappriger Golf.

Irmgard streichelte mit der Hand nur kurz das kalte Blech.

Ich freu mich für dich, Pia. Ehrlich. Willst du hereinkommen auf einen Tee? Den Kauf begießen, vielleicht mit einem Glas Saft?

Geht nicht, Pia warf einen Blick auf ihre Uhr. Ich hab gleich einen Termin fürs Maniküre in der Innenstadt. Die sind da sehr streng mit der Zeit.

Irmgard sah dem teuren Auto nach, das davonfuhr. Etwas fühlte sich fremd an. Kein Neid eher, als wüchse langsam eine unsichtbare Glaswand zwischen ihnen.

Bald darauf begann Pia, ein Haus zu bauen. Sie nannte es ihre Residenz. Fotos schickte sie stapelweise aufs Handy: hier wird der Grund gegossen, dort kommen riesige Panoramafenster, der Designer zeigt ihr Fliesensamples, von denen eins so viel kostet wie Irmgards zwei Monatsgehälter.

Komm vorbei, schaus dir an! schrieb Pia.

Aber immer, wenn Irmgard einen konkreten Besuchsvorschlag machte, gab es Ausreden: Die Handwerker seien da, sie müsse einkaufen, Kopfweh.

Den Schlusspunkt setzte sie kurz vor Pias Geburtstag. Irmgard, wie immer, kaufte als Einzugsgeschenk eine schöne Leinentischdecke und beschloss, unangemeldet vorbeizufahren.

Sie wusste, dass Pia zuhause war sie hatte gerade in den sozialen Medien ein Bild von einem ruhigen Morgen am neuen Ort gepostet.

Der Zaun war fast drei Meter hoch, alles ganz wie es sich gehört: schwere schmiedeeiserne Tore, Video-Gegensprechanlage. Irmgard drückte den Knopf.

Ja? meldete sich Pia selbst.

Pia, ich bins. Ich war gerade hier in der Nähe und dachte, ich bring dir die Leinentischdecke, die du immer so mochtest. Als Geschenk.

Irmgard hörte, wie sie auf dem Kiesweg schlurfte. Das Eisentor öffnete sich nur einen Spalt da stand Pia: im Seidenmorgenmantel, gepflegt frisierte Haare, perfekte Nägel. Irmgard dachte noch, wie schafft sie das bloß alles? Der makellose Rasen und die Fassade blitzten dahinter.

Doch Pia trat keinen Schritt zurück, um sie hereinzubitten, blieb einfach in der Tür stehen.

Hallo Irmgard, sagte sie oberflächlich. Was gibts? Wolltest du etwas?

Irmgard stand da mit dem Geschenk in der Hand. Dreißig Jahre Freundschaft lösten sich auf in diese kurze, geschäftsmäßige Frage.

Nichts, Pia… Ich wollte nur vorbei schauen. Ein kleines Geschenk bringen. Vielleicht einen Tee trinken. Den Hausbau anschauen, von dem du so viel erzählt hast

Pia würdigte das Päckchen keines Blickes.

Irmgard, jetzt ist wirklich ungünstig. Ich muss gleich aufräumen, dann kommen noch Gäste wichtige Leute.

Und da ist jetzt neuer Boden und alles, verstehst du? Nicht, dass du noch was schmutzig machst Schau mal deine Schuhe an alles voller Dreck.

Bist du etwa zu Fuß gekommen? Wo ist denn dein alter Golf? Endlich auseinander geflogen? Gib mir einfach das Geschenk, ich schau mir die Decke an und ruf dich irgendwann mal an, ja?

Sie griff danach, doch Irmgard drückte es unwillkürlich an sich.

Wichtige Leute? murmelte sie leise. Und ich bin also jetzt niemand?

Siehst du, Pia stach mit dem Finger in die Luft. Da fängst du schon wieder an! Willst du jetzt wieder aufzählen, wie du mir früher geholfen hast?

Hör zu, Irmgard, ich bin dir dankbar. Ehrlich. Aber das war früher. Lang, lang her! Heute ist alles anders. Ich hab alles allein geschafft.

Allein? Irmgard lächelte bitter. Natürlich.

Ja, allein! Und ich will die Altlasten nicht mehr mitschleppen. Das ist mühsam. Also, was ist jetzt? Gibst du mir das Geschenk oder nicht? Ich hab keine Zeit.

Irmgard betrachtete ihre Freundin. Vor ihr stand eine völlig fremde Frau. Glattes Gesicht, kühler Blick, gepflegte Hände.

Wo war das Mädchen von früher, das eine Tafel Schokolade teilte? Oder das Kind, das geschworen hat, sie blieben Freunde für immer?

Weißt du was, Pia, Irmgard ließ die Tüte langsam zu Boden gleiten. Du brauchst mich nicht mehr anrufen. Und mit der Tischdecke mach, was du willst. Nimm sie als Putzlappen oder leg sie eben wichtigen Leuten zu Füßen.

Herrlich, knurrte Pia. Immer musst du alles dramatisieren.

Das Tor fiel krachend ins Schloss. Irmgard stand vor dem hohen Zaun und hörte, wie sich Schritte entfernten.

Als sie zu ihrem alten Golf lief, fühlten sich ihre Beine schwer wie Blei an. Sie setzte sich ans Steuer, warf einen Blick in den Rückspiegel auf der Rückbank lag noch ein Kinderspielball, wohl von ihrem Enkel vergessen.

Irgendwie liefen ihr Tränen übers Gesicht, sie startete den Motor und fuhr nach Hause, dahin, wo alles vertraut war.

***

Drei Monate vergingen. Irmgard lebte weiter ihr ganz normales Leben: Arbeit, Wohnung, sonntags zum Schrebergarten.

Sie blockierte Pias Nummer nicht vor Wut, sondern weil sie nicht in Versuchung kommen wollte nachzusehen, ob sich Pia gemeldet hatte. Was aber nicht der Fall war.

Der große Knall kam an einem Novemberabend.

Irmgard saß in der Küche, schälte Kartoffeln, als es klingelte. Sie wischte sich die Hände ab, ging zur Tür und erstarrte: Auf dem Flur stand Pia.

Aber nicht die elegante Residenz-Bewohnerin, sondern eine abgekämpfte, deutlich gealterte Frau. Der Mantel offen, Make-up verschmiert, die Haare zerzaust, zitternde Hände.

Irmgard öffnete die Tür.

Irmgard Pia klammerte sich an den Türrahmen. Lass mich rein Bitte.

Irmgard bewegte sich keinen Zentimeter. Sie stand im Türrahmen, sperrte den Weg frei genauso wie Pia vor drei Monaten an ihrem Eisentor.

Was ist los? fragte sie gleichmäßig. Was willst du?

Pia zuckte zusammen bei diesen Worten, als hätte sie sich selbst reden hören. Sie verbarg das Gesicht in den Händen und brach in Tränen aus hemmungslos, wie damals vor fünfzehn Jahren.

Irmgard, ich bin ruiniert… Die alte Wohnung hab ich verkauft, um ins Haus zu investieren. Aber das Grundstück war illegal. Die Unterschriften waren gefälscht. Jetzt laufen Ermittlungen. Alles ist weg! Das Konto, das Auto

Rausgeschmissen haben sie mich heute. Sie sagten, ich solle das Haus räumen. Die wichtigen Leute keiner nimmt mehr ab.

Ich hab niemanden mehr Nicht mal die Kinder wollen mich

Irmgard hörte ihr reglos zu. In ihr war nur Leere, weder Triumph noch Mitleid einfach nichts.

Was willst du von mir, Pia? Irmgard neigte den Kopf. Wir leben doch jetzt unterschiedlich. Ich hab hier eine ganz einfache Einrichtung, manchmal auch Staub Das ist nichts für dich.

Verzeih mir! Pia sank auf die Knie, direkt auf den abgetretenen Teppich. Ich war ein schrecklicher Mensch! Hochmütig, verblendet! Du warst immer die Einzige, meine beste Freundin Weißt du noch, wie wir den Kindern Läuse ausgekämmt haben?

Ich erinnere mich, nickte Irmgard. An alles. Wie ich dir den Knopf annähte. Und wie du mich nicht mal zur Tür reingelassen hast. Ich war für dich irgendwann nur noch Ballast.

Ich wollte nicht Pia schluchzte. Lass mich nur heute Nacht bleiben! Es ist so kalt draußen

Irmgard sah aus dem Fenster draußen dämmerte es schon, erster Schnee wirbelte.

Nein, Pia, sagte Irmgard leise, aber bestimmt. Ich kann dich nicht reinlassen.

Sie verschwand in der Wohnung, kam zwei Minuten später wieder raus.

Die Tischdecke hier, die ist frisch gewaschen, falls du sie brauchst. Und schau, hier sind fünftausend Euro, alles was ich geben kann.

Irmgard Pia streckte verzweifelt die Hand nach ihr aus.

Nein, Irmgard wich zurück. Gerade ist kein geeigneter Moment. Verstehst du? Familie, Dinge zu erledigen.

Aber du bist doch stark. Hast ja alles allein geschafft. Dann schaffst dus jetzt auch. Unsere Niveaus sind eben verschieden.

Mit sanfter, aber fester Bewegung schloss sie die Tür. Das Schloss klickte zu. Irmgard lehnte sich erschöpft an die Holztür und schloss die Augen.

Draußen hörte man Pia an die Tür kratzen, flehen, dann, als klar wurde, dass keine Antwort kam, wütend fluchen.

Nach zehn Minuten wurde es still.

***

Pia fand Unterschlupf bei einer entfernten Verwandten auf dem Land. Man erzählte sich, sie sei stark gealtert, arbeite nun am Postschalter und erzähle abends jedem in der Dorfkneipe von ihrem früheren Reichtum und von jener Verräterin Irmgard, der besten Freundin, die sie sitzen ließ, im Stich, ohne Rat, ohne Hilfe. Angeblich aus purem Verrat an der Freundschaft.

Irmgard hörte diese Geschichten, aber sie widersprach nicht. Warum auch? Das Leben regelt alles irgendwann von selbst.

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Homy
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Meine beste Freundin entpuppt sich als Verräterin – Wie Polina mich nach 30 Jahren Freundschaft aus ihrem neuen Leben ausschloss und am Ende als „Ballast aus der Vergangenheit“ zurückließ
Felliger PartnerGemeinsam schlichen sie durch den finsteren Wald, während der rote Mond über den Baumwipfeln schweifte.