Alle dagegen, aber die Liebe ist stärker
Mama, Papa, heute kommen Friedrich und ich zusammen nach Hause, ich möchte euch ihn vorstellen, verkündete Annemarie beim Frühstück. Sie war im zweiten Semester an der Uni.
Schatz, studiert er auch bei dir? fragte ihre Mutter, Gerlinde, neugierig. Auch ihr Vater Dietmar beobachtete seine Tochter mit Interesse.
Nein, Friedrich macht eine Ausbildung zum Mechatroniker
Annemarie, was ist denn das bitte für ein Ausbildungsberuf? Wozu brauchst du einen Handwerker? Früher hieß das Berufsschule, das hat doch keinen Wert. Wir wünschen uns einen Schwiegersohn, der Arzt wird oder wenigstens etwas mit Informatik macht, dann stimmt am Ende wenigstens das Gehalt. Wir haben dir immer alles ermöglicht dank uns, deiner erfolgreichen Eltern. Dein Vater ist Zahnarzt, ich bin Chef-Buchhalterin. Und dein Friedrich schraubt dann für ewig an Autos rum, mit öligen Händen und in Arbeitsklamotten…
Ja, ja, schon gut, ich muss los. Danke, Mama, für das Frühstück.
Annemarie sprang vom Tisch auf und verschwand, die Eltern leicht verwirrt zurücklassend.
Und? Was sagst du, Dietmar? fragte Gerlinde mit leicht unterdrücktem Zorn. Unsere einzige Tochter Ihr Mann zuckte nur mit den Schultern und grunzte resigniert.
Am Abend warteten Gerlinde und Dietmar bereits auf ihre Tochter. Die hatte ja angekündigt, nicht alleine zu kommen. Die Wohnungstür ging auf, Annemarie stürmte strahlend herein, an ihrer Seite ein großer Kerl mit dunklen Locken und strahlend blauen Augen.
Hübsch ist er ja, dachte Gerlinde für sich. Aber sonst
Das ist Friedrich, sagte Annemarie. Friedrich nickte höflich.
Guten Abend.
Die Mutter bat alle an den Tisch. Kaum saßen sie, platzte Annemarie ohne Umschweife heraus:
Mama, Papa, Friedrich und ich haben beschlossen, zu heiraten. Wir haben schon beim Standesamt das Aufgebot bestellt. Bald gibts Hochzeit.
Die Eltern traf der Schlag. Atemlose Stille.
Ist das dein Ernst, Annemarie? fragte Gerlinde, bleich geworden.
Sehr ernst, antwortete Annemarie entschlossen. Friedrich schwieg.
Tochter, was für eine Hochzeit? Du bist erst im zweiten Semester! Und was, wenn bist du vielleicht? Klagelied und Kopfschütteln.
Nein, Mama, keine Sorge. Ich bin nicht schwanger.
Nun, Friedrich, warum sagst du nichts? Wo wollt ihr wohnen, und wovon leben? lauerte die Mutter.
Friedrich wirkte überfordert.
Zur Not ins Studentenwohnheim Oder, äh, bei mir zu Hause, in meinem Zimmer.
Du hast ein eigenes Zimmer? Und wie viele Zimmer habt ihr?
Drei. Oma im einen, mein Vater im anderen. Mein älterer Bruder arbeitet auf Montage und spart gerade, um sich was Eigenes kaufen zu können.
Annemarie! Gerlinde griff sich an die Stirn. Du hast ja gar keine Ahnung. Schon mal im Wohnheim mit Kakerlaken und feiernden Nachbarn gewohnt? Mit Blick auf die Tochter und dann auf Friedrich.
Mama, wir schaffen das schon! Nach dem Studium such ich mir einen Job, dann nehmen Friedrich und ich eine Wohnung auf Kredit.
Gerlinde wollte schon loswettern, sah aber das Paar. Sie schwieg. Sie wusste: Ihr Töchterchen lebt noch im rosaroten Träumeland. Hauptsache, es kriegt erst mal ihre eigene Wunschvorstellung von Zweisamkeit mit dem Liebsten. Was eine richtige Familie bedeutet davon keine Spur.
Die Mutter dachte: Ich hätte Annemarie besser öfter mal sagen sollen, dass das Leben kein Ponyhof ist und niemand einem den Himmel schenkt. Sieht aus wie kleine Kinder, die sich an den Händen halten
Friedrich, erzähl mal von deiner Familie, meldete sich nun Dietmar.
Meine Familie ist wie jede andere. Nur ohne Mama, die ist vor zehn Jahren gestorben. Um mich hat sich hauptsächlich Oma gekümmert, weil mein Vater trinkt oft und arbeitet aufm Bau. Mein Bruder ist auch Bauarbeiter, wie gesagt auf Montage. Oma war früher Kindergärtnerin, schloss Friedrich und lächelte zum ersten Mal.
Also wenigstens die Oma scheint normal zu sein, dachte Gerlinde und schickte Dietmar einen vielsagenden Blick.
Wieder Schweigen.
Friedrich, haben deine Leute denn schon von euren Hochzeitsplänen erfahren? wollte Dietmar wissen.
Nein, wir wollten erst mit euch reden, dann mit denen, Annemarie nickte.
Na gut, Friedrich, geh jetzt heim und erzähls deiner Familie, während wir hier noch diskutieren, befahl Gerlinde und gab zu verstehen: Gespräch beendet.
Annemarie brachte Friedrich zur Tür, er trottete los. Zuhause angekommen, verkündete er das große Ereignis.
Sein Bruder lachte los: Dir ist wohl langweilig, was? Heiraten mit neunzehn, und nach der Ausbildung noch zur Bundeswehr!
Der Vater, schon leicht angeschickert: Und wer ist die Braut? Macht die auch irgendwas in der Richtung? Annemarie, sie studiert Lehramt, antwortete Friedrich stolz. Der Bruder: Na toll, dann wirst du mit ner Pädagogin gestraft, hättest dir gleich ne Tänzerin suchen können! Sie lachten, Friedrich verzog sich ins Zimmer.
Kaum hatte er die Tür zu, schlich sich Oma herein.
Friedrichle, hör nicht auf die anderen. Wenn ihr euch liebt, dann heiratet. Reiche Mädchen suchen zwar meistens reiche Jungs, aber du bist ja dickköpfig. Wenn du etwas willst, erreichst du es auch. Ich bin auf deiner Seite.
Da kam der Bruder noch mal hinein.
Hab ich ganz vergessen: Was machen die Eltern deiner Annemarie?
Der Vater ist Zahnarzt, die Mutter Chef-Buchhalterin. Der Bruder pfiff und kratzte sich am Kopf. Friedrich, vergiss das Heiraten, du bist noch viel zu jung. Mach zunächst mal die Lehre fertig, dann Bundeswehr, dann ordentlich Geld verdienen und dann kannst du heiraten.
Auch bei Annemarie zu Hause ging das Drama weiter.
Kind, du machst Abi und studierst, und er? Der hat wahrscheinlich nie ein Buch zu Ende gelesen!
Mama, jetzt reichts, beleidige Friedrich nicht! schrie Annemarie.
Da griff ihr Vater ein.
So, jetzt mal Schluss, die Nacht ist schlauer als wir. Geht erstmal schlafen.
In dieser Nacht fand keiner Schlaf. Gerlinde seufzte schwer. Dietmar wälzte sich im Bett und dachte nach, wie er seiner Tochter erklären sollte, dass es für die Ehe noch zu früh ist. Vielleicht ist es ja nur ihre erste große Liebe? Und die vergisst man bekanntlich nie. Er erinnerte sich an sein eigenes Herzdrama von damals, das ihn Jahre lang verfolgt hatte, bevor er sich schlussendlich in Gerlinde verliebte. Die aber, die hat ihn mit ihrer Lebensfreude um den kleinen Finger gewickelt und die alte Liebe in den Hintergrund verschwinden lassen. Nur würde Annemarie auf ihn hören?
Annemarie lag wach und starrte durchs Fenster auf das fahle Mondlicht.
Ich liebe Friedrich so sehr. Will ihn unbedingt heiraten. Aber Mama darf ich auch nicht enttäuschen. Sie ist der wichtigste Mensch und doch so gegen unsere Ehe. Doch Friedrich ist so lieb, treuherzig und bringt mich immer zum Lachen. Wenn er meine Hand nimmt, schlägt mein Herz Purzelbäume
Die Nacht blieb schlaflos. Am nächsten Tag wartete Friedrich vor der Uni auf Annemarie. Kaum kam sie aus dem Gebäude, rannte er los, sie kam ihm ebenso entgegen. Fest umarmten sie sich, als ginge es um die letzte Rettungsleine.
Und? Hat’s bei dir gestern auch Zoff gegeben? fragte Friedrich.
Ach, ging sogar. Mit Mama fast Krach, aber Papa hat uns auseinandergescheucht. Wie liefs bei euch?
Zwanzigmal dasselbe Gerede, seufzte Friedrich. Annemarie merkte: Auch seine Familie war wenig begeistert.
Also, was machen wir jetzt? Gehen wir zurück und holen das Aufgebot wieder ab?
Kommt nicht in Frage! Friedrich schob den Ernst zur Seite. Weißt du was, ich geh morgen zu meinem Freund in die Werkstatt arbeiten. Da verdien ich was, such uns ne Wohnung zur Untermiete, und dann schauen wir weiter. Vielleicht geben eure oder meine Eltern ja irgendwann nach Nur Friedrich zögerte.
Na, was nur?
Wir werden kein Geld für eine große Hochzeit haben. Weiß ja, du willst bestimmt auch ein weißes Kleid wie jede Braut
Ach, Friedrich, wenns kein Geld gibt, dann eben nicht. Wir gehen einfach aufs Standesamt, machens klein und feiern für uns.
Echt? Da bist du dabei? staunte Friedrich.
Natürlich! Hauptsache, wir sind zusammen!
Mann, Annemarie, ich hab dich so furchtbar lieb! Friedrich drehte sich mit ihr im Kreis. Lass uns feiern gehen ein Eis auf die Liebe!
Und sie tatens: Annemarie und Friedrich heirateten. Die Tochter setzte sich durch, irgendwann gaben die Eltern klein bei. Es gab eine kleine Feier im Café, Annemarie im Kleid, Friedrich im Anzug. Es waren nicht viele Gäste da, aber das war den beiden herzlich egal. Sie waren glücklich und fühlten sich wie auf Wolke sieben.
Gut, Friedrichs Vater hatte sich ordentlich einen genehmigt, der Bruder fehlte, die Oma strahlte vor Glück. Gerlinde saß mit missmutigem Gesicht am Tisch, Dietmar bemühte sich wenigstens etwas um Stimmung. Sie alle waren gegen die Hochzeit gewesen doch am Ende gewann die Liebe.





