Ich habe mich geweigert, die kranke Mutter meines Mannes zu pflegen, und habe ihm eine Entscheidung abverlangt

Es war Spätherbst, das weiß ich noch genau. Der Regen trommelte tagelang unermüdlich gegen die Fensterscheiben, und dieses gleichmäßige Prasseln scheint für immer in meiner Erinnerung an jenen Lebensabschnitt eingebrannt zu sein, den ich nun schildere. Es betrifft meine Nachbarn, genauer gesagt meine Nachbarin Gudrun Schneider. Sie war damals schon über fünfzig, arbeitete als Verkäuferin in einem Spätkauf am Stadtrand von Nürnberg und hatte Nachtschichten, während alle anderen schliefen. Ihr Mann, Wolfgang Schneider, war Ingenieur in einer Maschinenfabrik. Er war grundsätzlich ein guter Mensch, geradlinig, wie es so viele in jener Zeit waren, überzeugt davon, das Leben folge festen Regeln.

Doch dann kam der Herbst, in dem das Unglück geschah: Wolfgangs Mutter, Elisabeth, die weit draußen in einem fränkischen Dorf lebte, hatte einen leichten Schlaganfall. Sie war inzwischen fünfundachtzig Jahre alt und plötzlich war klar: alleine würde sie es nicht mehr schaffen. Wolfgang überlegte nicht lange und holte seine Mutter zu sich nach Hause. Seine Schwester Margarete, die auch in Nürnberg lebte, atmete erleichtert auf: Gott sei Dank, Wolfgang, dass du Mama nimmst. Bei mir du weißt ja, die Wohnung ist viel zu klein und mein Mann hat auch keinen Nerv für sowas.

So zog Elisabeth zu den Schneiders und von diesem Tag an gab es kein Zurück mehr. Gudrun stand plötzlich alleine da. Nach der Nachtschicht konnte sie nicht schlafen, sondern musste sich um ihre Schwiegermutter kümmern: Füttern, waschen, Windeln wechseln, sie im Rollstuhl nach draußen schieben, damit sie die frische, kühle Herbstluft spüren konnte. Wolfgang kam abends heim, warf aus der Tür einen Blick ins Zimmer: Und, wie gehts Mama? Dann verschwand er zum Fernseher ins Wohnzimmer.

Ich erinnere mich noch, wie ich Gudrun morgens sah, wenn sie nachhause kam. Ihr Gesicht war fahl, die Augen tief umschattet. Sie ging wie betäubt, schleppte schwere Tüten voller Einkäufe und Pflegematerial in den dritten Stock. Einmal half ich ihr mit den Taschen.

Danke, Herr Becker, murmelte sie tonlos, und in ihrer Stimme lag nichts als Müdigkeit.

Gudrun, Sie brauchen selbst Hilfe, sagte ich, man kann nicht immer nur für andere funktionieren.

Sie verzog leicht die Mundwinkel, tonlos, traurig.

Wer denkt denn an mich? Wolfgang ist doch den ganzen Tag arbeiten. Und Margarete? Sie winkte ab. Die schaut höchstens mal an Weihnachten vorbei und weiß alles besser.

Mehrmals sprach Gudrun mit Wolfgang. Ruhig, mit Hausverstand.

Wolfgang, ich halte das nicht mehr aus. Ich kann nicht mehr. Lass uns eine Pflegekraft engagieren, wenigstens für ein paar Stunden am Tag. Oder vielleicht einen guten Seniorenstift suchen, wo sich Profis kümmern.

Seine Reaktion kam sofort, heftig und laut. Er sah sie an, als hätte sie vorgeschlagen, seine Mutter auf die Straße zu setzen.

Bist du verrückt?! Meine Mutter ins Heim? Das kommt überhaupt nicht in Frage! Was sollen denn die Leute denken? Und Margarete erst!

Als Margarete davon hörte, kam sie am gleichen Abend. Nicht um zu helfen, sondern um zu schimpfen.

Gudrun, wie kannst du nur so hartherzig sein! Die Mutter ins Heim dich sollte die ganze Familie verstoßen! Du denkst wohl nur an deinen eigenen Komfort!

Gudrun schwieg, schaute auf die Tischplatte. Sie wusste: Mit Menschen, die zweiwöchentlich für eine Stunde vorbeikommen, um ein paar kluge Ratschläge zu geben, diskutiert man nicht.

Sie machte weiter. Die Nächte im Laden, die Tage zwischen Pflege, Wäschebergen und erschöpfender Arbeit. Wolfgang sah nicht, wie sie auf dem Zahnfleisch kroch. Für ihn zählte nur: Seine Mutter war sauber, satt und versorgt das genügte. So war es eben immer gewesen: Frauen tragen die Last, das ist der Lauf der Dinge.

Der Zusammenbruch kam unerwartet. Beim Versuch, Elisabeth alleine aus dem Bett in den Sessel zu heben, schoss ein stechender Schmerz durch Gudruns Rücken. Sie sackte langsam neben das Bett, konnte sich kaum noch bewegen. Elisabeth sah sie mit leeren, verständnislosen Augen an.

Als Wolfgang abends nach Hause kam, war er völlig hilflos. Er wusste nicht, wie man die Windel wechselt, keinen Brei kocht, kein Medikament verabreicht. Sein gewohntes Weltbild war in sich zusammengefallen und mit ihm jede vermeintliche Sicherheit.

Der Arzt im Gesundheitszentrum diagnostizierte einen Bandscheibenvorfall und verordnete Gudrun strenge Bettruhe für mindestens zwei Wochen. Keine Belastung, keine Hektik.

Aber meine Schwiegermutter ist pflegebedürftig, flüsterte Gudrun.

Wenn Sie jetzt nicht auf sich achten, entgegnete der Arzt trocken, landen Sie auf dem Operationstisch. Danach droht die Erwerbsunfähigkeit.

Zuhause herrschte das blanke Chaos. Wolfgang, das Gesicht maskenhaft vor Erschrecken, versuchte irgendwie klarzukommen. Überall lag das Notwendigste herum, die Wohnung war ein einziges Durcheinander. Schließlich rief er Margarete an.

Margarete, es ist schlimm! Gudrun ist außer Gefecht nimm du bitte Mama für ein paar Wochen zu dir!

Im Telefon nur betretenes Gestammel.

Wolfgang, das weißt du doch, mir fehlt der Platz, mein Mann will das nicht, und ich kann das doch gar nicht. Das ist eine Heidenarbeit Du schaffst das, ich glaube fest an dich.

Wolfgang legte auf und setzte sich stumm in den Flur, das Gesicht in den Händen. Plötzlich sah er nicht mehr eine abstrakte Schwierigkeit, sondern das wirkliche Dilemma: Seine erschöpfte Frau, seine hilflose Mutter, seine eigene Überforderung alles in seinem Wohnzimmer versammelt.

Gudrun lag im Nebenzimmer und versuchte, durch den Schmerz hindurch zu denken. Sie hörte das unentschlossene Hin und Her ihres Mannes, Elisabeths leises Murmeln. Als Wolfgang, abgemagert und blass, mit einer Schale Brühe ins Zimmer kam, sah sie ihn ruhig an. Kein Zorn, keine Vorwürfe, nur Entschlossenheit lag in ihrem Blick.

Wolfgang, sagte sie leise, aber bestimmt. Ich werde deine Mutter nicht mehr pflegen. Nicht heute, nicht in zwei Wochen, nie wieder.

Er wollte protestieren, aber sie hob die Hand.

Jetzt hörst du mir zu. Es gibt zwei Wege. Der erste: Wir suchen gemeinsam eine professionelle Lösung. Eine Pflegekraft, die hier einzieht, oder einen angesehenen Seniorenstift, den wir zusammen auswählen. Ganz offen. Gemeinsam.

Und der zweite? fragte Wolfgang tonlos.

Der zweite: Ich reiche die Scheidung ein. Dann ziehe ich aus, und du bist mit deiner Mutter allein. Und mit deiner hilfsbereiten Schwester. Jetzt entscheide.

Sie lehnte sich zurück, schloss die Augen. Es war alles gesagt.

Wolfgang verließ das Zimmer und saß lange im Dunkeln auf der Küche. Wieder und wieder durchmaß er sein neues, chaotisches Universum, das aus Erschöpfung und Ratlosigkeit bestand. Er dachte nach nicht darüber, ob er sich für Mutter oder Frau entscheiden sollte. Sondern darüber, ob er weiter nur nach außen hin funktionieren oder endlich eine echte Lösung suchen wollte.

Am nächsten Morgen kam er zu Gudrun.

Wir suchen ein gutes Heim, sagte er schlicht. Und für die Übergangszeit stelle ich eine Pflegekraft ein. Ich habe Urlaub genommen den Rest organisiere ich selbst.

Gudrun nickte nur. Mehr war nicht zu sagen.

Heute lebt Elisabeth in einem kleinen, privaten Pflegeheim im Umland von Nürnberg. Eine saubere, lichte Wohnung, rund um die Uhr Betreuung, und Ärzte immer vor Ort. Jeden Sonntag besuchen Wolfgang und Gudrun sie. Sie bringen selbstgebackene Plätzchen mit, setzen sich zu ihr, führen Gespräche. Sie sehen: Sie ist ruhiger geworden. Vor allem aber sehen sie einander wieder an nicht als Gefangene ihrer Rollen, sondern als Paar.

Einmal traf ich Gudrun vor dem Haus und fragte:

Und, Gudrun, hat sich das Leben wieder eingerenkt?

Sie schenkte mir ein leises, fast federleichtes Lächeln so eines hatte ich lange nicht mehr an ihr gesehen.

Es wird besser, Herr Becker. Ich habe begriffen: Das barmherzigste ist manchmal nicht die eigene Aufopferung bis zur völligen Erschöpfung. Sondern eine Lösung zu finden, die für alle möglich ist. Und den Mut zu haben, dafür einzustehen.

In diesen Worten lag alles. Das Recht auf ein eigenes Leben das ist kein Egoismus. Es ist die Voraussetzung, damit jede Hingabe sinnvoll und heilend sein kann.

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Homy
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Spiel mit dem Feuer