Der überzählige Stuhl Die Kiste mit Weihnachtsdekoration stand schon den dritten Tag auf dem Tisch. Nadja ging wieder daran vorbei, strich mit der Hand über den Deckel und steuerte zum Wasserkocher. Sie drehte das Gas auf, lehnte sich an die Spüle und ertappte sich dabei, wieder den Impuls zu verspüren, die Kiste zurück in den Hängeschrank zu räumen. Früher hatten sie, sie und Viktor, die Kiste immer Anfang Dezember herausgeholt. Er meckerte, dass es zu früh sei, kletterte aber trotzdem auf den Hocker und nestelte an den staubigen Schnüren. Die Kugel in Zeitungspapier, der Weihnachtsmann mit der abgebrochenen Nase, das Lametta, das am Pulli klebte. Der Hocker stand jetzt leer an der Wand. Im Frühjahr hatte der Sohn die Kiste nach unten geholt, als er zum 40. Tag zu Besuch war. Seitdem blieb sie stehen. Der Wasserkocher blubberte, Nadja drehte das Gas ab. Sie schüttete einen Teebeutel in die Tasse und betätigte den Lichtschalter über dem Herd. Das gelbe Licht blendete und machte die Küche augenblicklich eng. Vier Stühle am Tisch — wie immer. Auf dem am Fenster hing Viktors warme Flanellhemd, immer noch seit April. Nadja wusste nicht, was sie damit machen sollte. Es in den Schrank räumen fühlte sich wie Verrat an. Den Stuhl nackt zu lassen, schien noch schlimmer. Das Handy vibrierte auf der Fensterbank. Nachricht vom Sohn: ein Foto vom Enkelkind im Kindergarten, die Kinder basteln einen Schneemann aus Watte. „Mama, wie geht’s? Wir proben gerade fürs Weihnachtsfest, ruf dich später an.“ Nadja starrte auf den Bildschirm, bis die Buchstaben verschwammen. Sie antwortete knapp, wie sie es in den letzten Monaten gelernt hatte: „Alles gut. Habe zu tun. Mach dir keine Sorgen um mich.“ Die Beschäftigung war einfach. Gestern war das Mädchen von der Hausverwaltung da, brachte die Rechnungen und irgendein Formular. Sie müsste ins Bürgerbüro gehen und den Antrag unterschreiben. Auch die Blutdrucktabletten waren aus. Die Ärztin hatte erklärt, man solle keine Pausen machen. Nadja wusste das alles, aber sich aufzuraffen und rauszugehen war schwerer, als früher die Vorhänge zum Waschen abzuhängen. Es klingelte. Sie erschrak, stellte die Tasse auf den Tisch und öffnete die Tür. Auf der Fußmatte stand die Nachbarin Rita, Wollmütze auf, ein Beutel in der Hand. — Frau Nadja, guten Tag. Ich war eben einkaufen und hab Mandarinen im Angebot gesehen. Habe ein paar mehr genommen, wollte Ihnen welche geben. Sie streckte ihr den Beutel entgegen. Der Duft war säuerlich, süß, winterlich. — Ach Rita, das wäre doch nicht nötig, — seufzte Nadja. — Ich hab selber noch welche. — Ich esse die sowieso nicht alle. Nehmen Sie ruhig. Wie geht es Ihnen so… kommen Sie zurecht? Rita blickte schnell weg, fast so, als erschrecke sie ihre eigene Frage. — Ich lebe, — sagte Nadja. — Danke dir. Willst du hereinkommen? — Nee, ich muss weiter, die Kinder sind zuhause, Hausaufgaben und so. Wenn was ist, rufen Sie mich einfach an, ja? Ich habe die Flurlampe ausgetauscht, jetzt ist es heller auf dem Weg. Damit Sie abends besser rauskommen. Nadja nickte, auch wenn sie abends kaum hinausging. Sie schloss die Tür und lehnte sich dagegen. Der Mandarinenbeutel kühlte die Hand. Zurück in der Küche stellte sie die Mandarinen zur Dekokiste, atmete tief durch, zog Viktors Stuhl heran. Sie setzte sich. Der Stuhl knarrte, der Holzrücken drückte neu gegen ihre Schulterblätter. Früher saß sie immer gegenüber, mit Blick zum Fenster. Jetzt sah sie auf die leere Wand, wo früher die Papiergirlande hing. Der Gedanke, die Girlande wieder aufzuhängen, war unangenehm, fast beschämend. Fast so, als würde sie ein Fest feiern ohne den Menschen, mit dem es Sinn gemacht hatte. Ärzte und Bekannte erzählten, man müsse weitermachen, die Zeit heile alles. Zeit zeigte bisher nur, wie viele Dinge im Haus besser unangetastet blieben. Drei Wochen bis Silvester. Der Schnee im Hof war graue Masse, verqualmt durch Kinder mit Böllern. Nadja blickte morgens hinaus, beobachtete den Hausmeister, wie er schimpfend schaufelte. Dann kochte sie Haferbrei und schaltete den Fernseher ein, damit überhaupt Stimmen durch die Wohnung zogen. Lange hielt sie das nicht aus. Die Moderatoren brüllten nach Rabatten und Wundern — irgendwann wurde ihr übel. Eine Freundin rief an. Swetlana war eine von denen, die nie vorsichtig redeten, dafür nie wegschauten. — Nadja, ich hab Karten für das Silvesterkonzert im Kulturhaus gebucht, am dreißigsten. Komm doch mit. Was willst du allein da sitzen… — Weiß nicht, Sweta. Diese Formulare, die Medikamente… — Die laufen nicht weg. Geh doch wenigstens eine Stunde raus, sieh Leute! Nadja antwortete ausweichend, Sweta versprach, in zwei Tagen „noch mal um Zustimmung zu ringen“. Nach dem Gespräch ging Nadja ins Wohnzimmer. Sie blieb am Tisch stehen, sah auf Viktors Jacke, ordentlich über den Stuhllehnen gehängt. Sie griff in die Tasche, obwohl sie wusste, dass sie leer war. Sie fühlte den Futterstoff und ein zerknülltes Bus-Ticket, das sie im Frühjahr nicht herausgenommen hatte. Abends holte sie doch die Dekokiste hervor. Sie brachte sie ins Wohnzimmer, öffnete den Deckel, roch alten Staub und Glas. Sie holte ein paar Kugeln heraus, strich über die glitzernden Rippen. Erinnerte sich, wie Viktor schimpfte, wenn die Dekoration zu dicht am Fenster hing „– damit’s draußen schön aussieht“. Das stand ihr so deutlich vor Augen, dass sie die Kiste wieder schloss. Sie schob sie mit dem Fuß an die Wand. Soll stehenbleiben. Die Tabletten waren fällig, sie wartete bis zum letzten Blister, bis morgens die Packung leer war. Sie kontrollierte noch zwei Schubladen für Medikamente — falls sich etwas fand. Nichts. Also Mantel, Mütze, Handschuhe. Neben ihrer Jacke hing Viktors Winterjacke. Sie sah beim Zumachen immer noch weg. Der Wind biss sofort in die Wangen. Kalte Luft anders als sonst, als hätte sie sich mit dem Jahr verändert. Nadja ging langsam am Haus entlang, umrundete die Schneeberge, bis zur Bushaltestelle. Zur Apotheke waren es drei Blocks. Sie ging zu Fuß. Der Bus rumpelte vorbei; bei einem Blick in die Fenster erkannte sie bekannte müde Gesichter. In der Apotheke drängten sich die Leute. Vor Silvester dachten alle an ihre Krankheiten. Es roch nach Jod und billigem Parfüm. Nadja stellte sich hinten an, die Tasche fest haltend. Rechts hustete ein Mann, links blätterte eine junge Frau im Handy. — Auch Bluthochdruck? — fragte jemand vorne. Sie blickte auf. Ein kleiner grauhaariger Mann mit grüner Jacke hielt das Rezept. — Ja, — sagte Nadja. — Ich nehme sie schon lange. — Ich fange erst an, — seufzte er. — Mein Arzt sagt, das Alter kommt. Ich frag mich immer, wie das so geht. Eben noch aufm Hof Eishockey gespielt. Sie lächelte, die Augen waren ernst. — Ach, eben noch, — sagte sie, und ihre Mundwinkel zuckten etwas. — Ich bin sechzig. Eben noch den Sohn in den Kindergarten gebracht, jetzt stehe ich jeden Monat hier an der Theke. — Da sehen Sie, wir leben, — meinte er. — Solange wir anstehen. Die Schlange rückte, das Gespräch verebbte. Als sie bezahlte, hörte sie ihn noch: — Sie sind aus unserem Hof, oder? Kenn ich das Gesicht. — Ja, zweiter Eingang. — Ich im ersten. Dann sieht man sich. Sie nickte und ging. Nach Namen fragte keiner, Fortsetzungen waren nicht nötig. Aber der Rückweg fiel ein wenig leichter. Als hätte jemand das Glas zwischen ihr und der Straße geputzt. Die Tage wurden kürzer, Schnee schmolz am Fensterbrett. Ins Bürgerbüro ging sie nicht, das Formular lag im Flur. Sweta rief noch ein paarmal an, lockte sie zum Konzert. Kurz vorher sagte Nadja, sie fühle sich nicht gut. Das war nah an der Wahrheit – die Brust heiß, der Kopf dröhnte wie bei Grippe, nur zeigte das Thermometer normal. Am Silvestertag wachte sie früh auf. Keine besonderen Pläne. Ihr Sohn rief am Vortag an, schlug vor, ein Ticket zu kaufen und sie über die Feiertage zu holen. Aber er hatte genug zu tun, und Nadja sagte ehrlich, die Reise im Winter sei zu schwer, im März käme sie lieber selbst. Ihr war wichtig, nicht zur überbehüteten Kofferware zu werden. Sie kochte Nudeln, schnitt eine halbe Wurst, öffnete eine Dose grüne Erbsen. Salat wurde winzig, in einer Müslischale. Früher war es ein riesiges Becken bis zum 3. Januar. Sie stellte die Schale in den Kühlschrank. Die Mandarinen blieben am Fleck. Leuchtend wie Spielzeug. Mittags rief die Klinik an, erinnerte an den verschobenen Termin beim Hausarzt. Sie schrieb das in den Block für Januar. Dann öffnete sie das Paket mit der neuen Tischdecke, gekauft noch vor dem Frühling, und breitete sie aus. Ihre Finger zitterten, als sie an das Platz kam, an dem immer Viktors Teller gestanden hatte – jetzt leer. Gegen Abend kamen Nachrichten auf dem Messenger. Tante aus einer anderen Stadt, Garten-Nachbarin, Cousine. Glückwunschkarten mit Tannen und Sprüchen. Nadja antwortete kurz: „Danke“, „Ihnen auch“. Einmal wurde ihr bitter, als jemand schrieb: „Das wird Ihr schönstes Jahr!“ Sie stellte den Ton ab und legte das Handy in den Flur. Aus der Nachbarwohnung klangen Lachen, Klirr von Geschirr, Bratengeruch zog in den Flur. Die Hälfte des Hauses hatte den Fernseher an, das war am Brummen zu hören. Nadja lief von Zimmer zur Küche im kleinen Kreis. Sie kontrollierte mehrmals, ob alles aus war, obwohl sie das wusste. Im Wasserkocher war lauwarmes Wasser. Der Hocker, auf dem sonst die Dekokiste stand, hielt einen zusammengerollten Verlängerungskabel. Zehn vor zwölf saß sie auf dem Sofa. Sie stellt den Fernseher ohne Ton an. Tänzer, Moderatoren, winkende Menschen. Das neue Jahr kam näher, ungefragt. Sie sah auf den Stuhl mit Viktors Hemd. Auf die leere Tasse vor sich. Sie schloss die Augen. Ein Gedanke stieg auf: Jetzt Glockenschlag, dann Feuerwerk, dann rufen alle an, gratulieren, so als sei nichts geschehen und man müsse fröhlich tun. Im Flur ging das Licht an, jemand trat auf den Treppenabsatz. Stimmen, die Fahrstuhltür klappte. Nadja stand auf. Sie tastete nach dem Mülleimer, prüfte den verknoteten Beutel. Sie zog die Hausschuhe über, warf sich die Jacke über. Eigentlich sinnlos, aber sie wollte nur aus diesem Kreis zwischen Fernseher und Stuhl raus. Sie öffnete die Tür im Moment, als die ersten Feuerwerkskörper über der Stadt explodierten. Der Lärm fuhr durchs Haus, die Scheiben zitterten. Am Treppenabsatz standen Rita, ihr Mann in Jogginghose und, zur Überraschung, der grauhaarige Mann aus der Apotheke. Sie hingen am Fenster, sahen, wie der Hof in bunten Lichtbögen erstrahlte. — Ach Frau Nadja, — wandte sich Rita um. — Frohes neues Jahr! Wollen Sie zum Müll? Kommen Sie doch zu uns, hier hat man den besten Blick. Sie war unschlüssig, den Müllbeutel in der Hand. — Eigentlich… Ich wollte nur wegwerfen. — Das können Sie später, — sagte der Mann in der grünen Jacke. — So ein Feuerwerk darf man nicht verpassen. Er trat etwas zurück und räumte ihr Platz am Fenster ein. Nadja stellte den Müllbeutel auf den Boden. Draußen krachten die Salven. Unten am Spielplatz jubelte jemand „hurra“, irgendwer pfiff. Handylampen blinkten in der Dunkelheit. — Das ist mein Bruder Sascha, — sagte Rita und deutete auf den Mann. — Er ist zu den Feiertagen da. — Guten Abend, — nickte er. — Sie war’n doch in der Apotheke, ja? — Ich erinnere mich, — sagt Nadja. Sie standen zu fünft, dicht an dicht. Es roch nach Bratengeruch aus Ritas Wohnung, Kälte vom offenen Fenster und Mandarinen aus der Schale auf der Fensterbank. Jemand spielte auf dem Handy die Glockenschläge. Rita schenkte hektisch etwas Sekt in Plastikbecher ein. — Wenigstens ein Schlückchen, — meinte sie. — Nur symbolisch. Nadja wollte ablehnen, aber die Finger nahmen den Becher. Sie trank einen kleinen Schluck. Der Sekt war süß und sehr kalt, machte die Kehle warm. — Also, — sagte Sascha. — Damit wir… leben. Wie wir eben können. Der Satz blieb unklar. Niemand fragte nach. Sie stießen an, einer sagte „Frohes neues Jahr“. Nadja wartete, ob jetzt jemand Viktor erwähnen würde, ihre schwere Zeit. Aber Rita berührte bloß kurz ihren Arm. — Kommen Sie vorbei, — sagte sie leise. — Auf einen Tee. Wir sehen uns abends gerne alte Filme an. — Danke, — nickte Nadja. Nach einer Viertelstunde war sie zurück in ihrer Wohnung. Den Müll warf sie noch weg, unterwegs. Im Flur hängte sie die Jacke auf, zog die Hausschuhe aus. Den Fernseher schaltete sie nicht an. Der Feuerwerkslärm draußen wurde leiser, als ob jemand den Lärm der Welt herunterdrehte. In der Küche holte sie den Salat aus dem Kühlschrank. Sie nahm einen Löffel, probierte. Die Erbsen knackten, der Geschmack war fast wie immer. Sie aß langsam und blickte auf den Stuhl mit dem Hemd. Schließlich stand sie auf, nahm das Hemd ab und faltete es sanft, drückte es an die Brust. Der Stoff roch nach Waschmittel. Sie brachte das Hemd ins Schlafzimmer und hängte es in den Schrank. Nicht zu den selten getragenen Sachen, sondern zwischen ihre Pullover. Zurück in der Küche nahm sie den Stuhl und schob ihn vorsichtig ans Fenster. Die Dielen quietschten. Den Stuhl stellte sie dicht an die Fensterbank. Sie saß kurz Probe, prüfte den neuen Platz. Die Aussicht war etwas anders: der Kindergarten ums Eck, beleuchtete Fremdfenster. Sie stellte sich vor, wie sie hier morgens Tee trinken und die ersten Autos beobachten würde. Der Gedanke, nun auf Viktors Platz zu sitzen, schmerzte und beruhigte zugleich. Der Stuhl war kein Denkmal der Vergangenheit mehr. Er wurde einfach zum Stuhl am Fenster. Nach den Feiertagen wurde die Stadt ruhiger. Die Läden räumten die grellsten Plakate weg, Menschen schlepp­ten keine riesigen Taschen mehr. Nadja schaffte es endlich ins Bürgerbüro, wartete geduldig, unterschrieb das Formular zur Rente. Auf dem Rückweg kaufte sie Vitamine in der Apotheke. Kaum eine Schlange. Hinter der Theke blätterte die Apothekerin im Journal. Bei den Tees stand eine Frau mit Daunenmantel, studierte die Kartons. — Entschuldigung, — wandte sie sich um, — haben Sie den mit Kamille schon probiert? Wie schmeckt der? — Normal, — sagte Nadja, — trinke ich abends. Kein Wundertee, aber man kann ihn trinken. Die Frau schmunzelte. — Heute ist alles ohne Wunder, — sagte sie. — Mein Mann ist letztes Jahr gestorben. Ich hab immer gehofft, etwas zu finden, das es leichter macht. Tut es nicht. Außer dass man morgens aufsteht und Tee kauft. Sie sprach sachlich, nicht traurig. — Bei mir auch, — flüsterte Nadja. — Im Frühling. Sie sahen sich kurz ernst an, dann nur eine Sekunde lang. — Lassen Sie sich doch den Kamillentee auch einpacken, — schlug die Frau vor. — Dann wissen wir, irgendwo trinkt noch jemand das Gleiche. — Gerne. Das Gespräch dauerte eine Minute. Keine Namen, keine Nummern, keine Versprechen. Aber draußen spürte Nadja, dass die Luft weniger scharf war. Sie dachte nicht ans Nachhausekommen und aufs Sofa, sondern daran, dass sie Brot einkaufen und Petersilie für die Suppe holen sollte. Daheim stellte sie die Einkäufe auf den Tisch, blickte automatisch auf den Stuhl am Fenster. Die Wollschal lag da, auf der Fensterbank eine frische Zeitung. Sie setzte sich, räumte die Einkäufe ein, füllte die Mandarinen nach, warf die alten weg. Das Handy piepte. Sweta schrieb: „Na, lebst du noch? Ich schau nächste Woche vorbei, ok?“ Nadja lächelte und tippte zurück: „Bin zuhause. Komm gerne. Ich backe Apfelkuchen.“ Danach schlug sie den Block auf. Bei „Januar“ schrieb sie Arzttermin ein. Darunter: „Tee bei Rita.“ Rita hatte sie gestern im Aufzug wieder eingeladen, Piroggen mitgebracht und gesagt, sie könnten einen Kriegsfilm schauen, der im Fernsehen läuft. Nadja sagte diesmal nicht nein. Die Wohnung war ruhig wie eh und je. Die Stille schreckte nicht mehr so wie damals im April, als sie zum ersten Mal ohne Viktors Schnarchen aufwachte. Jetzt hatte sie Platz für Rascheln von Zeitung, das Klopfen des Messers auf dem Brett, gedämpftes Fernsehrauschen aus Nachbarwohnungen. Sie stand auf, nahm die Zeitung von der Fensterbank, legte sie auf den Stuhl am Fenster. Sie kochte frischen Kamillentee und stellte die Tasse dazu. Sie setzte sich, zog die Hausschuhe über die Füße und blickte hinaus. Der Hof war grau, Schnee lag flach. Zwei Jungen mit bunten Mützen bauten einen krummen Schneemann, einer wollte eine Karotte anbringen und lachte, als sie abfiel. Am anderen Ende des Hofes lief eine Frau mit Hund. Nebenan schüttelte jemand einen Teppich. Nadja trank einen Schluck Tee. Er war schlicht und kräftig. Sie spürte eine müde Ruhe, aber eine, mit der man leben konnte: Aufstehen, zur Apotheke gehen, Gäste empfangen, auf Nachrichten antworten. Viktors Erinnerung blieb. Der freie Platz am Tisch auch. Aber daneben stand jetzt der Stuhl am Fenster, auf dem sie saß. Sie blätterte in der Zeitung, blieb bei den Fernsehprogrammen für den Abend hängen. Dort stand ein alter Film, den sie damals zu zweit gesehen hatten. Nadja dachte, sie könnte ihn einschalten und Rita einladen, wenn sie Zeit hätte. Und wenn nicht, würde sie ihn alleine ansehen, eingewickelt in ihren Schal. Vor ihr lag ein ganzes Jahr. Ohne Garantien, ohne besondere Freude, wie in Glückwunschkarten. Aber mit vielen Tagen, an denen man zum Arzt, zum Einkaufen, zu Besuch gehen oder selbst Gäste empfangen konnte. Und manchmal, wenn sie heimkam, brauchte sie keine Angst zu haben, das Licht anzumachen. Sie stellte die Tasse auf die Fensterbank und schob den Stuhl näher zur Heizung. Die Wärme stieg ihr in die Beine. Nadja spürte, wie irgendwo im Innern der Knoten, mit dem sie all die Monate gelebt hatte, sich etwas lockerte. Nicht verschwand, aber weniger fest wurde. Draußen warf jemand einen Schneeball gegen die Wohnungstür und rannte weg. Im Zimmer tickte leise die Uhr. Nadja strich über die glatte Holzlehne des Stuhls und dachte, dass sie morgen früh in den Hof gehen, sich einen Weg zwischen den Schneebergen suchen und in der Apotheke noch eine Packung Kamillentee holen würde. Für alle Fälle, damit sie nicht einsam blieb. Und dann würde sie hierher zurückkommen, auf diesen Stuhl am Fenster, und weiterleben — so, wie sie es jetzt kann.

Der überzählige Stuhl

Die Kiste mit den Weihnachtsdekorationen stand nun schon seit drei Tagen auf dem Tisch. Ingrid lief wieder einmal daran vorbei, strich mit der Hand über den Deckel und ging zum Wasserkocher. Sie stellte das Gas an, lehnte sich mit der Hüfte an das Spülbecken und ertappte sich bei dem Gedanken, die Kiste einfach wieder zurück in den Abstellraum zu räumen.

Früher holten sie und Klaus die Kiste immer Anfang Dezember hervor. Er knurrte jedes Mal, dass es viel zu früh sei, stieg aber dennoch auf den Hocker, um in den staubigen Schleifen zu wühlen. Kugeln in Zeitungspapier gehüllt, ein Weihnachtsmann mit abgebrochener Nase, Lametta, das am Pullover klebte. Der Hocker stand nun leer an der Wand. Die Kiste hatte ihr Sohn im Frühjahr heruntergestellt, als er zum Totengedenken gekommen war. Seitdem bewegte sie sich keinen Zentimeter mehr.

Der Wasserkocher begann zu blubbern, Ingrid schaltete das Gas ab. Sie schüttete einen Teebeutel in die Tasse und drückte den Lichtschalter über dem Herd. Das gelbe Licht war grell, die Küche schien sofort enger. Vier Stühle um den Tisch, wie es immer gewesen war. Auf dem am Fenster hing noch immer Klaus Flanellhemd seit April. Ingrid wusste nicht, was sie damit machen sollte. Es schien Verrat, es einfach in den Schrank zu hängen. Es abzunehmen und den Stuhl nackt zu lassen, war fast noch schlimmer.

Das Handy vibrierte auf der Fensterbank. Eine Nachricht vom Sohn: Foto der Enkelin im Kindergarten, Kinder basteln einen Schneemann aus Watte. Mama, wie gehts? Bei uns Generalprobe für die Weihnachtsfeier, ruf später an! Ingrid starrte auf den Bildschirm, bis die Buchstaben verschwammen. Sie antwortete knapp, wie sie es in den letzten Monaten gelernt hatte: Alles gut. Erledige Kleinigkeiten. Mach dir keine Sorgen.

Die Kleinigkeiten waren simpel. Gestern kam eine junge Frau von der Hausverwaltung mit Abrechnungen und einem Antrag zum Nachreichen für die Rente. Das Rathaus, Formulare unterschreiben. Die Blutdrucktabletten waren auch leer. Die Ärztin hatte gesagt, Pausen sollte sie vermeiden. Ingrid wusste das alles, doch sich selbst zusammenraffen und rausgehen war schwieriger als früher das Vorhängewaschen.

Es klingelte an der Tür. Sie zuckte zusammen, stellte die Tasse ab und ging öffnen. Vor der Tür stand Rita aus dem dritten Stock, gestrickte Mütze, Plastiktüte in der Hand.

Guten Tag, Ingrid Müller. Ich war im Supermarkt, da gab es Mandarinen im Angebot. Habe ein paar mehr genommen, dachte, ich bringe Ihnen welche vorbei.

Sie hielt die Tüte hin. Der Duft war fruchtig, süß-säuerlich, ganz nach Winter.

Ach, das ist doch nicht nötig, seufzte Ingrid. Ich habe noch genug.

Ich schaffe die gar nicht allein. Nehmen Sie ruhig. Wie gehts Ihnen so?

Rita blickte schnell weg, als wäre der eigene Satz ihr unangenehm.

Nun, ich lebe, sagte Ingrid. Danke dir. Komm doch kurz rein?

Nein, die Kinder warten, Hausaufgaben. Wenn Sie was brauchen, rufen Sie einfach an, ja? Ich habe übrigens das Licht im Hausflur gewechselt, jetzt ist es abends nicht mehr so düster für Sie.

Ingrid nickte, obwohl sie abends kaum hinaus ging. Sie schloss die Tür, lehnte sich dagegen. Die Mandarinen in der Hand waren kühl.

Zurück in der Küche stellte sie die Mandarinen neben die Kiste, seufzte und zog den Stuhl von Klaus heran. Sie setzte sich. Der Stuhl knarrte, das Holz drückte ungewohnt gegen den Rücken. Früher saß sie gegenüber, zur Straße. Jetzt blickte sie auf die leere Wand, an der letztes Jahr noch ein Papierstern hing.

Die Vorstellung, die Kette wieder aufzuhängen, fühlte sich fremd und falsch an als wollte sie Weihnachten feiern, ohne den Menschen, für den es zählte. Ärzte und Freunde hatten gesagt, sie müsse weitermachen, die Zeit werde heilen. Aber Zeit zeigte bislang nur, wie viele Dinge im Haus es gab, denen man lieber auswich.

Bis Silvester waren noch drei Wochen. Draußen lag alter Schnee, dunkel von der Silvesterraketen-Glut. Ingrid sah morgens den Hausmeister mit der Schaufel schuften, ging dann weg, kochte Haferbrei und schaltete den Fernseher an, damit überhaupt eine Stimme im Raum war. Doch lange hielt sie das nicht aus. Die Moderatoren schrien nach Rabatten und Wundern irgendwann wurde ihr davon übel.

Die Freundin rief an. Sabine war keine, die lange um den heißen Brei redet, aber sie war immer da, wenn es nötig war.

Inge, ich habe Karten fürs Neujahrskonzert im Gemeindesaal, dreißigster. Komm mit, allein sitzen bringt doch nichts

Ich weiß nicht, Sabine. Ich habe noch diese Formulare, und die Tabletten

Die Formulare laufen nicht davon. Geh wenigstens eine Stunde raus und sieh dir die Leute an.

Sie murmelte etwas Unverbindliches, Sabine versprach, bald wieder anzurufen, um dich weichzuklopfen. Nach dem Gespräch ging Ingrid ins Wohnzimmer, sah auf Klaus Sakko, das ordentlich über dem Stuhl hing. Steckte die Hand in die Tasche, obwohl sie wusste, dass sie leer war. Nur etwas Stoff und ein zerknülltes Busticket war übrig geblieben.

Am Abend holte sie doch die Kiste mit den Dekoartikeln hervor. Stellte sie ins Wohnzimmer, öffnete den Deckel. Der Geruch von alter Watte und Glas schlug ihr entgegen. Sie nahm ein paar Kugeln, fuhr mit dem Finger über das Glitzern. Erinnerte sich, wie Klaus immer schimpfte, wenn sie die Deko zu eng am Fenster hängte, damits von draußen schön aussieht. Die Erinnerung war so lebendig, dass sie die Kiste rasch wieder schloss und wegschob. Soll sie stehenbleiben.

Die Tabletten waren jetzt endgültig aus. Ingrid durchsuchte noch zwei Schubladen, vergeblich. Also Jacke, Mütze, Handschuhe anziehen. Neben ihrer eigenen hing Klaus Winterjacke. Sie blickte immer noch weg, wenn sie sich anzog.

Draußen wehte der Wind eisig ins Gesicht. Die Kälte schien sich verändert zu haben. Ingrid ging langsam die Straße entlang, um die Schneehaufen herum. Die Apotheke lag drei Straßen entfernt, sie nahm den Fußweg. Der Bus fuhr lärment vorbei, im Fenster erkannte Ingrid vertraute müde Gesichter.

In der Apotheke war Andrang, wie vor jedem Fest. Es roch nach Desinfektionsmittel und billigen Parfüms. Ingrid reihte sich hinten ein, hielt die Tasche fest. Links hustete ein Herr, rechts tippte eine junge Frau auf ihr Handy.

Auch Blutdrucktabletten?, fragte jemand weiter vorne.

Sie blickte auf. Vor ihr stand ein kleiner älterer Herr mit grauem Haar und grüner Winterjacke, hielt ein Rezept hoch.

Ja, sagte Ingrid. Ich nehme sie schon lange.

Ich erst seit kurzem, seufzte er. Arzt meint, das Alter kommt. Gestern habe ich noch im Hof Fußball gespielt

Sie lächelte ernst.

Gestern? Ich bin sechzig. Gestern habe ich noch den Sohn in den Kindergarten gebracht, heute stehe ich hier jeden Monat.

Na dann leben wir wenn wir hier stehen.

Die Schlange rückte vor, das Gespräch versickerte. An der Kasse zahlte sie gerade, da hörte sie seine Stimme hinter sich:

Sie sind doch aus unserem Haus, oder? Irgendwie bekannt.

Ja, zweiter Eingang.

Ich bin im ersten. Dann bis demnächst mal.

Sie nickte und ging. Keine Namen, keine weiteren Worte. Doch der Rückweg war leichter, als hätte sich ein Fensterglas zwischen ihr und draußen gereinigt.

Die Tage tropften dahin wie Schnee vom Fensterbrett. Das Rathaus besuchte sie doch noch immer nicht, das Formular lag auf der Kommode. Sabine rief mehrmals an, drängte aufs Konzert. Am Ende sagte Ingrid, dass sie sich nicht gut fühle. Es stimmte in der Brust brannte es, im Kopf pochte es wie bei einer Grippe, obwohl das Thermometer normal blieb.

Am 31. Dezember war sie früh wach. Pläne gab es keine. Der Sohn hatte angeboten, einen Zug zu buchen und sie für die Feiertage zu holen, aber sie meinte ehrlich, dass die Fahrt im Winter zu beschwerlich wäre, und sie lieber im Frühling selbst kommen wollte. Es war ihr wichtig, nicht zum Koffer zu werden, den man aus Fürsorge hin und her schiebt.

Sie kochte Nudeln, schnitt etwas Lyoner und öffnete eine Dose Erbsen. Der Salat war minimal, in einer Müslischüssel. Früher machten sie einen Berg davon, der bis zum dritten Januar hielt. Sie stellte die Schüssel in den Kühlschrank, deckte sie ab. Die Mandarinen rührte sie kaum an, so farbig wie Dekokugeln lagen sie bereit.

Am Nachmittag rief die Praxis an, erinnerte an den verlegten Arzttermin. Sie schrieb den Termin in ihr Heft für Januar. Dann packte sie endlich die neue Tischdecke aus, die sie noch vor dem Frühjahr gekauft hatte, und breitete sie aus. Die Finger zitterten beim Stuhl, wo sonst Klaus Teller stand jetzt war es leer.

Am Abend meldeten sich Leute per Messenger: eine Tante aus München, die Nachbarin vom Gartengrundstück, die Cousine. Bilder von Tannenbäumen und Glückwünschen. Ingrid antwortete knapp Danke, Euch auch. Einmal wurde ihr doch bitter zumute, als jemand schickte: Das wird das beste Jahr deines Lebens. Sie stellte das Handy auf lautlos und legte es in die Diele.

Aus der Nachbarwohnung klangen Lachen und Geschirrklappern, der Bratengeruch zog durch den Flur. In der Hälfte der Wohnungen lief der Fernseher, das dröhnte durchs Haus. Ingrid lief zwischen Küche und Wohnzimmer, wie auf einer kleinen Bahn. Sie überprüfte alles, obwohl sie es genau wusste. Das Wasser im Wasserkocher kühlte ab. Auf dem Hocker, wo sonst die Kiste gestanden hatte, lag ein zusammengerolltes Verlängerungskabel.

Zehn Minuten vor Mitternacht setzte sie sich auf das Sofa. Fernseher ohne Ton die Moderatoren tanzten, Stars winkten, Leute schwenkten Fähnchen. Das neue Jahr schlich heran, ohne zu fragen.

Sie sah zum Stuhl mit Klaus Hemd. Zur leeren Tasse vor sich. Schloß die Augen. Der Gedanke war schlicht: Gleich läuten die Glocken, dann Feuerwerk, dann rufen alle und gratulieren, als wäre nichts passiert, und sie wird wieder mit fester Stimme antworten müssen.

Im Flur ging das Licht unter der Türe an, jemand trat auf den Gang. Stimmen, die Aufzugtür klappte. Ingrid erhob sich plötzlich. Schob im Dunkeln den Müll zusammen, prüfte, ob der Beutel richtig geschlossen war. Zog die Hausschuhe über, warf sich eine Strickjacke um. Es hatte kaum Logik, sie wollte nur raus aus dem Kreislauf zwischen Fernseher und Stuhl.

Die Tür öffnete sie, als die ersten Knaller über der Stadt losgingen. Die Fenster bebten. Im Hausflur standen Rita, ihr Mann in Jogginghose und, zu Ingrids Überraschung, der graue Herr aus der Apotheke. Alle hingen über den Fensterrahmen, schauten zu den bunten Lichtern am Himmel.

Ingrid Müller, frohes neues Jahr! Wollen Sie zur Mülltonne? Kommen Sie dazu, man sieht von hier am besten!

Ingrid hielt den Beutel fest, etwas verlegen.

Ich wollte nur rausbringen.

Nachher, jetzt sehen Sie sich das Feuerwerk an wäre schade, das zu verpassen, sagte der Herr mit der grünen Jacke.

Er trat zur Seite und machte ihr Platz. Sie stellte den Beutel ab. Draußen wogten die Raketen. Unten auf dem Spielplatz rief jemand Hurra, andere pfiffen. Im Dunkeln blitzten Handys auf.

Das ist mein Bruder, Alex, der ist für Silvester hier, sagte Rita.

Guten Abend. Ich habe Sie in der Apotheke erkannt.

Ja, ich erinnere mich, sagte Ingrid.

Zu fünft standen sie da, Schulter an Schulter. Es roch nach Braten aus Ritas Wohnung, nach Kälte vom Fenster und nach Mandarinenschale vom Teller auf dem Sims. Irgendjemand spielte die Glocken auf dem Handy ab. Rita schenkte hastig ein paar Plastikbecher Sekt aus.

Komm, einen kleinen Schluck einfach traditionsgemäß.

Ingrid wollte erst nein sagen, aber ihre Finger ergriffen den Becher. Sie nahm einen winzigen Schluck. Der Sekt war süß und eiskalt, aber im Hals wurde es warm.

Also, sagte Alex. Damit wir leben. Wie wir können.

Der Satz hing etwas schüchtern in der Luft. Niemand fragte weiter nach. Sie stießen leise an. Ingrid wartete beinahe darauf, dass jemand nach Klaus fragen, die Schwierigkeit ansprechen würde. Aber Rita berührte nur kurz ihren Ellbogen.

Falls Sie mögen, kommen Sie vorbei. Wir sehen abends gern alte Filme.

Danke, flüsterte Ingrid.

Eine Viertelstunde später war sie zurück in der Wohnung. Den Müllbeutel warf sie unterwegs weg. In der Diele zog sie die Schuhe aus und hängte die Jacke auf. Den Fernseher ließ sie diesmal aus. Das Dröhnen des Feuerwerks wurde draußen schwächer, wie wenn jemand den Lautstärkeregler der Welt zurückdreht.

In der Küche holte sie ihren Salat aus dem Kühlschrank, legte einen Löffel in die Schüssel und kostete. Die Erbsen knackten auf den Zähnen, der Geschmack war wie früher. Sie aß langsam, den Blick auf den Stuhl mit dem Hemd gerichtet. Irgendwann stand sie auf, nahm das Hemd, faltete es und drückte den Stoff fest an sich. Es roch nach frischem Waschpulver.

Sie hing das Hemd vorsichtig in den Schrank. Nicht zu den alten Sachen, sondern zu ihren Strickjacken. Zurück in der Küche griff sie den Stuhl an beiden Seiten, zog ihn langsam vom Tisch weg. Das Holz kratzte über das Linoleum. Sie stellte den Stuhl ans Fenster, direkt zum Sims.

Sie setzte sich, prüfte, wie er stand. Der Blick auf den Hof war nun ein anderer. Sie sah den Kindergarten hinterm Haus, Lichtfenster gegenüber. Sie stellte sich vor, ihren Tee hier morgens zu trinken, auf die ersten Autos hinauszusehen.

Der Gedanke, dass sie nun an seiner Stelle saß, schmerzte und machte zugleich ruhig. Der Stuhl war kein Tabu mehr, sondern einfach ein Stuhl am Fenster.

Nach den Feiertagen wurde die Stadt stiller. Die Werbeposter verschwanden, die Leute drängten nicht mehr mit vollen Tüten herum. Ingrid ging schließlich ins Rathaus, wartete, unterschrieb das Formular zur Rente. Auf dem Weg zurück zur Apotheke holte sie Vitamine.

Kaum Leute warteten. Die Apothekerin las in einer Illustrierten. Am Tee-Regal stand eine Frau im dicken Parka.

Entschuldigung, haben Sie den mit Kamille mal probiert? Ist der in Ordnung?

Ganz normal, meinte Ingrid. Ich trinke ihn abends. Kein Wunder, aber er tut gut.

Die Frau lächelte.

Heute gibts eh keine Wunder, sagte sie ruhig. Mein Mann ist letztes Jahr gestorben. Ich habe gesucht, was leichter macht. Nichts hilft außer früh aufzustehen und Tee zu kaufen.

Sie sagte es nüchtern, wie übers Wetter.

Bei mir auch, antwortete Ingrid leise. Im Frühling.

Sie sahen sich einen Moment an, nur kurz.

Wollen wir den Kamillentee beide nehmen? Dann weiß man, irgendwo sitzt noch jemand, der den auch trinkt.

Ja, machen wir.

Das Gespräch dauerte eine Minute, keine Namen, keine Nummern. Aber als Ingrid die Apotheke verließ, war die Luft weniger stechend. Sie dachte erstmals nicht sofort ans Hinlegen, sondern daran, Brot zu holen, ein Bund Petersilie fürs Abendessen.

Zuhause räumte sie die Einkäufe auf. Die Mandarinen schüttete sie in eine Schale, die alten warf sie weg.

Das Handy piepste leise. Nachricht von Sabine: Na, alles klar? Komm nächste Woche vorbei! Ingrid lächelte und schrieb zurück: Ich bin da. Mache Apfelkuchen.

Sie schob den Termin im Januar-Heft etwas weiter runter: Tee bei Rita. Rita hatte gestern im Aufzug wieder eingeladen, meinte, sie hätte noch Piroggen übrig und man könnte den Kriegsfilm im Fernsehen anschauen. Ingrid wollte diesmal nicht absagen.

In der Wohnung war es immer noch ruhig. Die Stille war nicht mehr so bedrohlich wie damals im April, als sie das erste Mal ohne Klaus Schnarchen aufwachte. Jetzt bot sie Platz für das Rascheln der Zeitungen, das Klappern des Messers, leisen Fernsehlärm aus Nachbars Wohnung.

Ingrid stand auf, legte die Zeitung auf den Stuhl am Fenster. Sie brühte neuen Kamillentee auf, stellte die Tasse dazu, zog die warmen Hausschuhe an und blickte hinaus.

Der Hof war grau, der Schnee lag ebenmäßig. Zwei Jungen in bunten Mützen bauten einen schiefen Schneemann. Einer drückte eine Karotte fest und lachte, als sie fiel. Weiter drüben schlich eine Frau mit Hund. In den Fenstern wackelte jemand mit einem Teppich.

Ingrid nahm einen Schluck Tee. Er war schlicht und herb. Sie verspürte eine Müdigkeit, mit der man leben konnte: aufstehen, zur Apotheke gehen, Gäste empfangen, Nachrichten beantworten. Die Erinnerung an Klaus blieb sein Platz am Tisch war leer, aber nun stand daneben ein Stuhl am Fenster, auf dem sie saß.

Sie schlug die nächste Zeitungsseite auf, sah ins Fernsehprogramm. Abends lief ein alter Film, den sie früher zusammen gesehen hatten. Ingrid dachte, sie könnte Rita fragen, ob sie kommen wolle. Oder ihn allein anschauen, eingehüllt in die Strickjacke.

Das Jahr lag noch ganz vor ihr. Keine Garantien, keine besondere Freude, von der in Grußkarten zu lesen ist. Nur eine Reihe von Tagen, in denen man zum Arzt geht, einkauft, jemanden besucht, selbst Besuch empfängt. Und manchmal, wenn man heimkommt, einfach das Licht einschalten.

Sie stellte die Tasse aufs Fensterbrett und schob den Stuhl ein Stück näher zur Heizung. Die Wärme kroch langsam durch die Beine. Ingrid spürte, wie sich irgendwo im Inneren der harte Knoten ein wenig lockerte nicht auflöst, aber weniger starr war.

Draußen warf einer einen Schneeball ans Fenster des Eingangsbereichs und lief davon. Im Raum tickte die Uhr. Ingrid strich mit der Hand über die glatte Lehne des Stuhls und überlegte, morgen früh den Weg durchs Hof zu gehen, zwischen den Schneebergen, und noch einen Beutel Kamillentee zu holen. Einfach, damit man immer etwas zu tun hat.

Und danach würde sie hierher zurückkehren, auf diesen Stuhl am Fenster. Und weiterleben so, wie sie es inzwischen kann. Denn auch im Alltag, nach dem Abschied, wachsen still eine neue Kraft und kleine Begegnungen, wenn man das eigene Fenster wieder öffnet.

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Homy
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Der überzählige Stuhl Die Kiste mit Weihnachtsdekoration stand schon den dritten Tag auf dem Tisch. Nadja ging wieder daran vorbei, strich mit der Hand über den Deckel und steuerte zum Wasserkocher. Sie drehte das Gas auf, lehnte sich an die Spüle und ertappte sich dabei, wieder den Impuls zu verspüren, die Kiste zurück in den Hängeschrank zu räumen. Früher hatten sie, sie und Viktor, die Kiste immer Anfang Dezember herausgeholt. Er meckerte, dass es zu früh sei, kletterte aber trotzdem auf den Hocker und nestelte an den staubigen Schnüren. Die Kugel in Zeitungspapier, der Weihnachtsmann mit der abgebrochenen Nase, das Lametta, das am Pulli klebte. Der Hocker stand jetzt leer an der Wand. Im Frühjahr hatte der Sohn die Kiste nach unten geholt, als er zum 40. Tag zu Besuch war. Seitdem blieb sie stehen. Der Wasserkocher blubberte, Nadja drehte das Gas ab. Sie schüttete einen Teebeutel in die Tasse und betätigte den Lichtschalter über dem Herd. Das gelbe Licht blendete und machte die Küche augenblicklich eng. Vier Stühle am Tisch — wie immer. Auf dem am Fenster hing Viktors warme Flanellhemd, immer noch seit April. Nadja wusste nicht, was sie damit machen sollte. Es in den Schrank räumen fühlte sich wie Verrat an. Den Stuhl nackt zu lassen, schien noch schlimmer. Das Handy vibrierte auf der Fensterbank. Nachricht vom Sohn: ein Foto vom Enkelkind im Kindergarten, die Kinder basteln einen Schneemann aus Watte. „Mama, wie geht’s? Wir proben gerade fürs Weihnachtsfest, ruf dich später an.“ Nadja starrte auf den Bildschirm, bis die Buchstaben verschwammen. Sie antwortete knapp, wie sie es in den letzten Monaten gelernt hatte: „Alles gut. Habe zu tun. Mach dir keine Sorgen um mich.“ Die Beschäftigung war einfach. Gestern war das Mädchen von der Hausverwaltung da, brachte die Rechnungen und irgendein Formular. Sie müsste ins Bürgerbüro gehen und den Antrag unterschreiben. Auch die Blutdrucktabletten waren aus. Die Ärztin hatte erklärt, man solle keine Pausen machen. Nadja wusste das alles, aber sich aufzuraffen und rauszugehen war schwerer, als früher die Vorhänge zum Waschen abzuhängen. Es klingelte. Sie erschrak, stellte die Tasse auf den Tisch und öffnete die Tür. Auf der Fußmatte stand die Nachbarin Rita, Wollmütze auf, ein Beutel in der Hand. — Frau Nadja, guten Tag. Ich war eben einkaufen und hab Mandarinen im Angebot gesehen. Habe ein paar mehr genommen, wollte Ihnen welche geben. Sie streckte ihr den Beutel entgegen. Der Duft war säuerlich, süß, winterlich. — Ach Rita, das wäre doch nicht nötig, — seufzte Nadja. — Ich hab selber noch welche. — Ich esse die sowieso nicht alle. Nehmen Sie ruhig. Wie geht es Ihnen so… kommen Sie zurecht? Rita blickte schnell weg, fast so, als erschrecke sie ihre eigene Frage. — Ich lebe, — sagte Nadja. — Danke dir. Willst du hereinkommen? — Nee, ich muss weiter, die Kinder sind zuhause, Hausaufgaben und so. Wenn was ist, rufen Sie mich einfach an, ja? Ich habe die Flurlampe ausgetauscht, jetzt ist es heller auf dem Weg. Damit Sie abends besser rauskommen. Nadja nickte, auch wenn sie abends kaum hinausging. Sie schloss die Tür und lehnte sich dagegen. Der Mandarinenbeutel kühlte die Hand. Zurück in der Küche stellte sie die Mandarinen zur Dekokiste, atmete tief durch, zog Viktors Stuhl heran. Sie setzte sich. Der Stuhl knarrte, der Holzrücken drückte neu gegen ihre Schulterblätter. Früher saß sie immer gegenüber, mit Blick zum Fenster. Jetzt sah sie auf die leere Wand, wo früher die Papiergirlande hing. Der Gedanke, die Girlande wieder aufzuhängen, war unangenehm, fast beschämend. Fast so, als würde sie ein Fest feiern ohne den Menschen, mit dem es Sinn gemacht hatte. Ärzte und Bekannte erzählten, man müsse weitermachen, die Zeit heile alles. Zeit zeigte bisher nur, wie viele Dinge im Haus besser unangetastet blieben. Drei Wochen bis Silvester. Der Schnee im Hof war graue Masse, verqualmt durch Kinder mit Böllern. Nadja blickte morgens hinaus, beobachtete den Hausmeister, wie er schimpfend schaufelte. Dann kochte sie Haferbrei und schaltete den Fernseher ein, damit überhaupt Stimmen durch die Wohnung zogen. Lange hielt sie das nicht aus. Die Moderatoren brüllten nach Rabatten und Wundern — irgendwann wurde ihr übel. Eine Freundin rief an. Swetlana war eine von denen, die nie vorsichtig redeten, dafür nie wegschauten. — Nadja, ich hab Karten für das Silvesterkonzert im Kulturhaus gebucht, am dreißigsten. Komm doch mit. Was willst du allein da sitzen… — Weiß nicht, Sweta. Diese Formulare, die Medikamente… — Die laufen nicht weg. Geh doch wenigstens eine Stunde raus, sieh Leute! Nadja antwortete ausweichend, Sweta versprach, in zwei Tagen „noch mal um Zustimmung zu ringen“. Nach dem Gespräch ging Nadja ins Wohnzimmer. Sie blieb am Tisch stehen, sah auf Viktors Jacke, ordentlich über den Stuhllehnen gehängt. Sie griff in die Tasche, obwohl sie wusste, dass sie leer war. Sie fühlte den Futterstoff und ein zerknülltes Bus-Ticket, das sie im Frühjahr nicht herausgenommen hatte. Abends holte sie doch die Dekokiste hervor. Sie brachte sie ins Wohnzimmer, öffnete den Deckel, roch alten Staub und Glas. Sie holte ein paar Kugeln heraus, strich über die glitzernden Rippen. Erinnerte sich, wie Viktor schimpfte, wenn die Dekoration zu dicht am Fenster hing „– damit’s draußen schön aussieht“. Das stand ihr so deutlich vor Augen, dass sie die Kiste wieder schloss. Sie schob sie mit dem Fuß an die Wand. Soll stehenbleiben. Die Tabletten waren fällig, sie wartete bis zum letzten Blister, bis morgens die Packung leer war. Sie kontrollierte noch zwei Schubladen für Medikamente — falls sich etwas fand. Nichts. Also Mantel, Mütze, Handschuhe. Neben ihrer Jacke hing Viktors Winterjacke. Sie sah beim Zumachen immer noch weg. Der Wind biss sofort in die Wangen. Kalte Luft anders als sonst, als hätte sie sich mit dem Jahr verändert. Nadja ging langsam am Haus entlang, umrundete die Schneeberge, bis zur Bushaltestelle. Zur Apotheke waren es drei Blocks. Sie ging zu Fuß. Der Bus rumpelte vorbei; bei einem Blick in die Fenster erkannte sie bekannte müde Gesichter. In der Apotheke drängten sich die Leute. Vor Silvester dachten alle an ihre Krankheiten. Es roch nach Jod und billigem Parfüm. Nadja stellte sich hinten an, die Tasche fest haltend. Rechts hustete ein Mann, links blätterte eine junge Frau im Handy. — Auch Bluthochdruck? — fragte jemand vorne. Sie blickte auf. Ein kleiner grauhaariger Mann mit grüner Jacke hielt das Rezept. — Ja, — sagte Nadja. — Ich nehme sie schon lange. — Ich fange erst an, — seufzte er. — Mein Arzt sagt, das Alter kommt. Ich frag mich immer, wie das so geht. Eben noch aufm Hof Eishockey gespielt. Sie lächelte, die Augen waren ernst. — Ach, eben noch, — sagte sie, und ihre Mundwinkel zuckten etwas. — Ich bin sechzig. Eben noch den Sohn in den Kindergarten gebracht, jetzt stehe ich jeden Monat hier an der Theke. — Da sehen Sie, wir leben, — meinte er. — Solange wir anstehen. Die Schlange rückte, das Gespräch verebbte. Als sie bezahlte, hörte sie ihn noch: — Sie sind aus unserem Hof, oder? Kenn ich das Gesicht. — Ja, zweiter Eingang. — Ich im ersten. Dann sieht man sich. Sie nickte und ging. Nach Namen fragte keiner, Fortsetzungen waren nicht nötig. Aber der Rückweg fiel ein wenig leichter. Als hätte jemand das Glas zwischen ihr und der Straße geputzt. Die Tage wurden kürzer, Schnee schmolz am Fensterbrett. Ins Bürgerbüro ging sie nicht, das Formular lag im Flur. Sweta rief noch ein paarmal an, lockte sie zum Konzert. Kurz vorher sagte Nadja, sie fühle sich nicht gut. Das war nah an der Wahrheit – die Brust heiß, der Kopf dröhnte wie bei Grippe, nur zeigte das Thermometer normal. Am Silvestertag wachte sie früh auf. Keine besonderen Pläne. Ihr Sohn rief am Vortag an, schlug vor, ein Ticket zu kaufen und sie über die Feiertage zu holen. Aber er hatte genug zu tun, und Nadja sagte ehrlich, die Reise im Winter sei zu schwer, im März käme sie lieber selbst. Ihr war wichtig, nicht zur überbehüteten Kofferware zu werden. Sie kochte Nudeln, schnitt eine halbe Wurst, öffnete eine Dose grüne Erbsen. Salat wurde winzig, in einer Müslischale. Früher war es ein riesiges Becken bis zum 3. Januar. Sie stellte die Schale in den Kühlschrank. Die Mandarinen blieben am Fleck. Leuchtend wie Spielzeug. Mittags rief die Klinik an, erinnerte an den verschobenen Termin beim Hausarzt. Sie schrieb das in den Block für Januar. Dann öffnete sie das Paket mit der neuen Tischdecke, gekauft noch vor dem Frühling, und breitete sie aus. Ihre Finger zitterten, als sie an das Platz kam, an dem immer Viktors Teller gestanden hatte – jetzt leer. Gegen Abend kamen Nachrichten auf dem Messenger. Tante aus einer anderen Stadt, Garten-Nachbarin, Cousine. Glückwunschkarten mit Tannen und Sprüchen. Nadja antwortete kurz: „Danke“, „Ihnen auch“. Einmal wurde ihr bitter, als jemand schrieb: „Das wird Ihr schönstes Jahr!“ Sie stellte den Ton ab und legte das Handy in den Flur. Aus der Nachbarwohnung klangen Lachen, Klirr von Geschirr, Bratengeruch zog in den Flur. Die Hälfte des Hauses hatte den Fernseher an, das war am Brummen zu hören. Nadja lief von Zimmer zur Küche im kleinen Kreis. Sie kontrollierte mehrmals, ob alles aus war, obwohl sie das wusste. Im Wasserkocher war lauwarmes Wasser. Der Hocker, auf dem sonst die Dekokiste stand, hielt einen zusammengerollten Verlängerungskabel. Zehn vor zwölf saß sie auf dem Sofa. Sie stellt den Fernseher ohne Ton an. Tänzer, Moderatoren, winkende Menschen. Das neue Jahr kam näher, ungefragt. Sie sah auf den Stuhl mit Viktors Hemd. Auf die leere Tasse vor sich. Sie schloss die Augen. Ein Gedanke stieg auf: Jetzt Glockenschlag, dann Feuerwerk, dann rufen alle an, gratulieren, so als sei nichts geschehen und man müsse fröhlich tun. Im Flur ging das Licht an, jemand trat auf den Treppenabsatz. Stimmen, die Fahrstuhltür klappte. Nadja stand auf. Sie tastete nach dem Mülleimer, prüfte den verknoteten Beutel. Sie zog die Hausschuhe über, warf sich die Jacke über. Eigentlich sinnlos, aber sie wollte nur aus diesem Kreis zwischen Fernseher und Stuhl raus. Sie öffnete die Tür im Moment, als die ersten Feuerwerkskörper über der Stadt explodierten. Der Lärm fuhr durchs Haus, die Scheiben zitterten. Am Treppenabsatz standen Rita, ihr Mann in Jogginghose und, zur Überraschung, der grauhaarige Mann aus der Apotheke. Sie hingen am Fenster, sahen, wie der Hof in bunten Lichtbögen erstrahlte. — Ach Frau Nadja, — wandte sich Rita um. — Frohes neues Jahr! Wollen Sie zum Müll? Kommen Sie doch zu uns, hier hat man den besten Blick. Sie war unschlüssig, den Müllbeutel in der Hand. — Eigentlich… Ich wollte nur wegwerfen. — Das können Sie später, — sagte der Mann in der grünen Jacke. — So ein Feuerwerk darf man nicht verpassen. Er trat etwas zurück und räumte ihr Platz am Fenster ein. Nadja stellte den Müllbeutel auf den Boden. Draußen krachten die Salven. Unten am Spielplatz jubelte jemand „hurra“, irgendwer pfiff. Handylampen blinkten in der Dunkelheit. — Das ist mein Bruder Sascha, — sagte Rita und deutete auf den Mann. — Er ist zu den Feiertagen da. — Guten Abend, — nickte er. — Sie war’n doch in der Apotheke, ja? — Ich erinnere mich, — sagt Nadja. Sie standen zu fünft, dicht an dicht. Es roch nach Bratengeruch aus Ritas Wohnung, Kälte vom offenen Fenster und Mandarinen aus der Schale auf der Fensterbank. Jemand spielte auf dem Handy die Glockenschläge. Rita schenkte hektisch etwas Sekt in Plastikbecher ein. — Wenigstens ein Schlückchen, — meinte sie. — Nur symbolisch. Nadja wollte ablehnen, aber die Finger nahmen den Becher. Sie trank einen kleinen Schluck. Der Sekt war süß und sehr kalt, machte die Kehle warm. — Also, — sagte Sascha. — Damit wir… leben. Wie wir eben können. Der Satz blieb unklar. Niemand fragte nach. Sie stießen an, einer sagte „Frohes neues Jahr“. Nadja wartete, ob jetzt jemand Viktor erwähnen würde, ihre schwere Zeit. Aber Rita berührte bloß kurz ihren Arm. — Kommen Sie vorbei, — sagte sie leise. — Auf einen Tee. Wir sehen uns abends gerne alte Filme an. — Danke, — nickte Nadja. Nach einer Viertelstunde war sie zurück in ihrer Wohnung. Den Müll warf sie noch weg, unterwegs. Im Flur hängte sie die Jacke auf, zog die Hausschuhe aus. Den Fernseher schaltete sie nicht an. Der Feuerwerkslärm draußen wurde leiser, als ob jemand den Lärm der Welt herunterdrehte. In der Küche holte sie den Salat aus dem Kühlschrank. Sie nahm einen Löffel, probierte. Die Erbsen knackten, der Geschmack war fast wie immer. Sie aß langsam und blickte auf den Stuhl mit dem Hemd. Schließlich stand sie auf, nahm das Hemd ab und faltete es sanft, drückte es an die Brust. Der Stoff roch nach Waschmittel. Sie brachte das Hemd ins Schlafzimmer und hängte es in den Schrank. Nicht zu den selten getragenen Sachen, sondern zwischen ihre Pullover. Zurück in der Küche nahm sie den Stuhl und schob ihn vorsichtig ans Fenster. Die Dielen quietschten. Den Stuhl stellte sie dicht an die Fensterbank. Sie saß kurz Probe, prüfte den neuen Platz. Die Aussicht war etwas anders: der Kindergarten ums Eck, beleuchtete Fremdfenster. Sie stellte sich vor, wie sie hier morgens Tee trinken und die ersten Autos beobachten würde. Der Gedanke, nun auf Viktors Platz zu sitzen, schmerzte und beruhigte zugleich. Der Stuhl war kein Denkmal der Vergangenheit mehr. Er wurde einfach zum Stuhl am Fenster. Nach den Feiertagen wurde die Stadt ruhiger. Die Läden räumten die grellsten Plakate weg, Menschen schlepp­ten keine riesigen Taschen mehr. Nadja schaffte es endlich ins Bürgerbüro, wartete geduldig, unterschrieb das Formular zur Rente. Auf dem Rückweg kaufte sie Vitamine in der Apotheke. Kaum eine Schlange. Hinter der Theke blätterte die Apothekerin im Journal. Bei den Tees stand eine Frau mit Daunenmantel, studierte die Kartons. — Entschuldigung, — wandte sie sich um, — haben Sie den mit Kamille schon probiert? Wie schmeckt der? — Normal, — sagte Nadja, — trinke ich abends. Kein Wundertee, aber man kann ihn trinken. Die Frau schmunzelte. — Heute ist alles ohne Wunder, — sagte sie. — Mein Mann ist letztes Jahr gestorben. Ich hab immer gehofft, etwas zu finden, das es leichter macht. Tut es nicht. Außer dass man morgens aufsteht und Tee kauft. Sie sprach sachlich, nicht traurig. — Bei mir auch, — flüsterte Nadja. — Im Frühling. Sie sahen sich kurz ernst an, dann nur eine Sekunde lang. — Lassen Sie sich doch den Kamillentee auch einpacken, — schlug die Frau vor. — Dann wissen wir, irgendwo trinkt noch jemand das Gleiche. — Gerne. Das Gespräch dauerte eine Minute. Keine Namen, keine Nummern, keine Versprechen. Aber draußen spürte Nadja, dass die Luft weniger scharf war. Sie dachte nicht ans Nachhausekommen und aufs Sofa, sondern daran, dass sie Brot einkaufen und Petersilie für die Suppe holen sollte. Daheim stellte sie die Einkäufe auf den Tisch, blickte automatisch auf den Stuhl am Fenster. Die Wollschal lag da, auf der Fensterbank eine frische Zeitung. Sie setzte sich, räumte die Einkäufe ein, füllte die Mandarinen nach, warf die alten weg. Das Handy piepte. Sweta schrieb: „Na, lebst du noch? Ich schau nächste Woche vorbei, ok?“ Nadja lächelte und tippte zurück: „Bin zuhause. Komm gerne. Ich backe Apfelkuchen.“ Danach schlug sie den Block auf. Bei „Januar“ schrieb sie Arzttermin ein. Darunter: „Tee bei Rita.“ Rita hatte sie gestern im Aufzug wieder eingeladen, Piroggen mitgebracht und gesagt, sie könnten einen Kriegsfilm schauen, der im Fernsehen läuft. Nadja sagte diesmal nicht nein. Die Wohnung war ruhig wie eh und je. Die Stille schreckte nicht mehr so wie damals im April, als sie zum ersten Mal ohne Viktors Schnarchen aufwachte. Jetzt hatte sie Platz für Rascheln von Zeitung, das Klopfen des Messers auf dem Brett, gedämpftes Fernsehrauschen aus Nachbarwohnungen. Sie stand auf, nahm die Zeitung von der Fensterbank, legte sie auf den Stuhl am Fenster. Sie kochte frischen Kamillentee und stellte die Tasse dazu. Sie setzte sich, zog die Hausschuhe über die Füße und blickte hinaus. Der Hof war grau, Schnee lag flach. Zwei Jungen mit bunten Mützen bauten einen krummen Schneemann, einer wollte eine Karotte anbringen und lachte, als sie abfiel. Am anderen Ende des Hofes lief eine Frau mit Hund. Nebenan schüttelte jemand einen Teppich. Nadja trank einen Schluck Tee. Er war schlicht und kräftig. Sie spürte eine müde Ruhe, aber eine, mit der man leben konnte: Aufstehen, zur Apotheke gehen, Gäste empfangen, auf Nachrichten antworten. Viktors Erinnerung blieb. Der freie Platz am Tisch auch. Aber daneben stand jetzt der Stuhl am Fenster, auf dem sie saß. Sie blätterte in der Zeitung, blieb bei den Fernsehprogrammen für den Abend hängen. Dort stand ein alter Film, den sie damals zu zweit gesehen hatten. Nadja dachte, sie könnte ihn einschalten und Rita einladen, wenn sie Zeit hätte. Und wenn nicht, würde sie ihn alleine ansehen, eingewickelt in ihren Schal. Vor ihr lag ein ganzes Jahr. Ohne Garantien, ohne besondere Freude, wie in Glückwunschkarten. Aber mit vielen Tagen, an denen man zum Arzt, zum Einkaufen, zu Besuch gehen oder selbst Gäste empfangen konnte. Und manchmal, wenn sie heimkam, brauchte sie keine Angst zu haben, das Licht anzumachen. Sie stellte die Tasse auf die Fensterbank und schob den Stuhl näher zur Heizung. Die Wärme stieg ihr in die Beine. Nadja spürte, wie irgendwo im Innern der Knoten, mit dem sie all die Monate gelebt hatte, sich etwas lockerte. Nicht verschwand, aber weniger fest wurde. Draußen warf jemand einen Schneeball gegen die Wohnungstür und rannte weg. Im Zimmer tickte leise die Uhr. Nadja strich über die glatte Holzlehne des Stuhls und dachte, dass sie morgen früh in den Hof gehen, sich einen Weg zwischen den Schneebergen suchen und in der Apotheke noch eine Packung Kamillentee holen würde. Für alle Fälle, damit sie nicht einsam blieb. Und dann würde sie hierher zurückkommen, auf diesen Stuhl am Fenster, und weiterleben — so, wie sie es jetzt kann.
Und was ist eigentlich Liebe? „Wein doch nicht, beruhige dich, für so einen wie deinen Boris lohnt sich keine Träne“, tröstete Oma Agnes ihre Enkelin Vera. „Ich hab dir doch schon vor der Hochzeit gesagt, Boris ist nicht der Richtige, heirate ihn nicht… Aber du? Liebe… Liebe, wir lieben uns. Und was ist jetzt? Wo ist diese Liebe?“ „Ach Oma, ich dachte, du würdest mich trösten, aber du sagst immer das Gleiche“, schluchzte Vera. „Was soll ich denn sagen? Diesen Boris loben, der zu nichts taugt? Jetzt sitzt du da und weinst.“ „Aber Oma, was ist denn mit der Liebe? Ich habe ihm vertraut, und er hat meine Nachbarin Waltraud mit nach Hause gebracht, die sieben Jahre älter ist als er – und sie hat mich auch noch ausgelacht… Wir waren gerade mal ein halbes Jahr verheiratet, und schon…“ Vera kam früher von der Arbeit nach Hause, hörte Lachen, ging ins Schlafzimmer und sah etwas, das ihr den Boden unter den Füßen wegzog. Boris schaute sie erschrocken an, Waltraud grinste und sagte: „Na, was glotzt du so? Ich bringe deinem Mann gerade die Feinheiten der Liebe bei“, und lachte schadenfroh. Vera rannte aus dem Haus, so weit sie konnte, und landete schließlich bei ihrer Oma. „Was ist das für eine Liebe, wenn er eine andere Frau ins Haus bringt? Verlass ihn, solange ihr noch keine Kinder habt. Bleib erst mal bei mir“, sagte Agnes. So sehr sie sich auch bemühte, streng zu sprechen, ihr Herz blutete. Ihre geliebte Enkelin wurde von so einem Boris verletzt, aus einer Familie voller Trinker und Streithähne. Sie hatte es geahnt, aber Vera wollte nicht hören. Natürlich werden Kinder aus solchen Familien manchmal anständig und gut, alles ist möglich. Aber nicht Boris. Der war schon als Kind ein Lausbub, und als Erwachsener trank er oft und geriet in Schlägereien. Agnes wollte nicht, dass ihre Enkelin ihn heiratet. Aber Boris war schlau, wusste, dass Vera ruhig, freundlich, fürsorglich und fleißig war. „Vera, ich schwöre dir, ich höre mit dem Trinken auf, sobald wir verheiratet sind“, versprach er bei seinem Antrag. Und sie, naiv wie sie war, glaubte ihm. Sie hatte ja noch keinen Freund gehabt, war mit niemandem ernsthaft zusammen. Nur in der Schule mit Viktor, aber das war nur Freundschaft. In Boris verliebte sie sich richtig, als gäbe es keinen anderen Mann. Er war vier Jahre älter und hatte schon seinen Wehrdienst abgeleistet. Alle rieten Vera von der Ehe ab, sogar ihre Freundin Lisa sagte: „Ich mag deinen Boris nicht, wenn du ihn heiratest, komm nicht mit ihm zu uns. Mein Mann kann ihn auch nicht leiden und meint, du wirst es bereuen.“ „Lisa, ihr sagt alle immer nur ‚wenn, wenn…‘ Ich werde trotzdem glücklich sein…“, sagte Vera trotzig und ging. Lisa sah ihr mitleidig nach. Agnes versuchte, ihre Enkelin zu trösten. Sie kochte Tee mit Minze, lenkte sie ab, aber sie wusste, dass das alles nichts half. Wenn es einem schlecht geht, helfen keine Worte. Man muss es durchstehen, es braucht Zeit. Am Abend tauchte Boris betrunken im Hof von Agnes auf und schrie herum, als sie mit dem Stock auf die Veranda kam. „Vera soll rauskommen, sonst hole ich sie selbst…“ „Das willst du nicht!“, drohte Agnes mit dem Stock. „Geh weg, sonst setzt es was, auch wenn ich alt bin!“ Agnes war mutig, weil sie sah, dass die Nachbarn hinter Boris am Zaun standen und Lisa mit ihrem Michael schon im Hof war. Boris schrie schlimme Sachen, drohte, das Haus von Agnes mit Vera darin anzuzünden, aber Michael kam von hinten, packte Boris am Kragen und schüttelte ihn so, dass er verstummte. „Jetzt ist Schluss, wir haben alles gehört, was du angedroht hast. Wir gehen zum Dorfpolizisten, raus hier!“, sagte Michael und schob Boris auf die Straße. Der fiel hin, stand mühsam auf und verschwand. Nach und nach gingen die Nachbarn, Vera kam in den Hof, Lisa umarmte sie. Michael winkte und ging nach Hause. Agnes setzte sich auf die Bank unter dem Fenster, Vera und Lisa setzten sich dazu. „Das ist also Liebe, das ist also Glück“, flüsterte Vera. „Was soll ich tun, Oma? Du weißt doch alles über die Liebe. Du hast mit Opa Johann fünfzig Jahre zusammengelebt, immer in Harmonie, hast du gesagt.“ „Ach Kind, was redest du immer von Liebe. Ich weiß selbst nicht, was das eigentlich ist.“ Vera und Lisa schauten sich an und zuckten mit den Schultern – wenn nicht Oma Agnes, wer dann? „Oma, erzähl, wie du Opa Johann geheiratet hast“, bat Vera. Agnes willigte ein, um ihre Enkelin abzulenken. „Gut, ich sag’s euch gleich: Ich hatte keine große Liebe, keinen schönen Mann, keine schönen Worte, keine romantischen Gesten, nicht mal eine Schwiegermutter. Aber ich habe geheiratet.“ Agnes dachte kurz nach, erinnerte sich an ihre Jugend… Mit Johann, ihrem späteren Mann, war Agnes in einer Klasse, aber er kam aus einem anderen Dorf. Die Schule war im Ort, er lief drei Kilometer dorthin, wie viele andere auch. Nach der siebten Klasse kam Johann nicht mehr zur Schule, verschwand einfach. Agnes merkte es kaum, sie achtete damals nicht auf Jungs. Sie machte ihren Abschluss und blieb im Dorf. Die Familie war groß, sie hatte noch drei jüngere Geschwister. Der Vater war schwer krank, hatte sich im Frühling bei der Arbeit erkältet, als er mit Pferd und Schlitten in den eiskalten Fluss eingebrochen war. Seitdem lag er viel, hustete, arbeitete als Nachtwächter im Getreidespeicher. Die Mutter arbeitete auf dem Bauernhof als Melkerin, war früh weg, kam mittags heim, ging abends wieder. „Tochter, koch was zu essen, pass auf die Kleinen auf, dass sie nicht zu spät zur Schule kommen“, sagte die Mutter, und Agnes machte alles, war verantwortungsvoll, die Mutter konnte sich auf sie verlassen. So kümmerte sie sich um die Kleinen, half bei den Hausaufgaben, wusch, flickte, kochte, putzte. Die Mutter kam müde heim, der Vater lag meist. Agnes hatte kaum Zeit für sich, aber manchmal ging sie doch ins Dorfhaus. Die Mutter sagte selbst: „Geh ruhig mal tanzen, die Arbeit läuft nicht weg, du bist jung, die Jugend vergeht schnell.“ Manchmal ging Agnes also aus und sah eines Tages unter den Jungs ihren alten Klassenkameraden Johann, der nach drei Jahren wieder im Dorf war. Er war erwachsen geworden und bald oft in ihrer Nähe. „Darf ich dich nach Hause bringen?“, fragte er. Agnes war es egal, wenn sie Lust hatte, ließ sie es zu. „Bring mich ruhig heim, wenn du willst“, und sie standen vor ihrem Haus und redeten. Wenn sie keine Lust hatte, ging sie einfach rein. Johann blieb hartnäckig, folgte ihr überallhin. Sie mochte ihn nicht besonders, er war einfach ein Junge wie jeder andere. So waren sie fast drei Jahre befreundet. „Agnes, ich gehe in einer Woche zur Bundeswehr, schreibst du mir Briefe?“, fragte er. „Wenn du schreibst, antworte ich“, versprach sie. Sie antwortete nicht auf alle Briefe, er schrieb zu oft. Aber sie traf sich in der Zeit mit keinem anderen, keiner gefiel ihr. Im Winter kam Johann aus der Armee zurück, war breitschultrig, ernst. Sie trafen sich wieder. Im Frühling, als der Schnee schmolz, machte Johann ihr plötzlich einen Antrag. „Wie lange wollen wir uns noch treffen? Heirate mich. Ich laufe immer von meinem Dorf zu dir.“ „Gut, ich bin einverstanden“, sagte Agnes. Johann hat ihr nie gesagt, dass er sie liebt, sie hatte auch keine große Liebe, es war einfach Zeit zu heiraten. Johann war wortkarg, ein ganz normaler Dorfjunge, kein Märchenprinz. „Mama, Papa, ich heirate. Johann hat mir einen Antrag gemacht.“ Der Vater schwieg, war schon sehr schwach. Die Mutter machte eine Szene, sogar die Oma kam und schimpfte: „Warum willst du dir so ein Unglück ins Haus holen? Der hat ja nichts!“, aber Agnes dachte, sie selbst seien auch nicht reich. Genau so eine Familie. Die Hochzeit war im Dorf von Johann, fröhlich, mit Liedern, Tänzen und Späßen. Das Wetter war schön, alles blühte, viele Gäste kamen. Zur Hochzeit bekamen sie drei Hühner und einen Hahn, sogar ein paar Säcke Weizen und Mehl. Sie beschlossen, im Dorf von Agnes zu leben, bis sie ein eigenes Haus bauten, vorerst wohnten sie bei seinem Vater. Johanns Mutter war früh gestorben. Der Schwiegervater und Verwandte bauten im Sommer ein kleines Haus, und sie zogen gleich ein. Dann bauten sie einen Stall, schafften sich Vieh an, eine Kuh und ein Ferkel. Agnes arbeitete auf dem Bauernhof, Johann fuhr Traktor. Sie arbeiteten viel, waren jung und schafften alles. Nach einem Jahr kam der Sohn. Mehr Kinder hatten sie nicht. „Ich hätte gern eine Tochter gehabt – eine kleine Helferin“, sagte sie, aber es klappte nicht. Als der Sohn erwachsen war, zog er in die Stadt, wurde Agraringenieur, heiratete eine ruhige, freundliche Frau. Dann wurde Vera geboren, Agnes’ Lieblingsenkelin. So lebten Agnes und Johann bis zur Rente zusammen. „Uns ging es gut, wir hatten es leicht miteinander“, erzählte Agnes. „Johann war zuverlässig und ruhig. Er hat nie laut mit mir gesprochen. Wir haben uns nichts vorgemacht, uns über das gefreut, was wir hatten. Wir hatten Bienen, das war Johanns Hobby, ich habe ihm geholfen. Er konnte stundenlang bei den Bienen sein. Manchmal stach mich eine Biene in die Wange. Dann lachte er und scherzte: ‚Jetzt legen wir kaltes Wasser drauf, du bist ja ganz pausbäckig, man sieht kaum noch dein Auge, aber schön bist du trotzdem.‘ Johann hat mich still geliebt, nie große Worte gemacht, aber manchmal sammelte er Beeren und fütterte mich, und ich musste lachen. Und Johann hat gern gelesen. Wahrscheinlich hat er die ganze Dorfbibliothek durchgelesen, obwohl er wenig Zeit hatte, aber fürs Lesen fand er immer welche, manchmal las er mir vor. So, Mädels“, schloss Oma Agnes, „haben wir einundfünfzig Jahre zusammen gelebt. Über Liebe haben wir nie gesprochen, uns nie die Liebe gestanden, wir haben einfach zusammengelebt, uns gegenseitig geschont und gepflegt, wenn einer krank war. Aber als Johann starb, war meine Geschichte zu Ende. Jetzt lebe ich allein in diesem Haus.“ Vera ließ sich von Boris scheiden, er drohte ihr nie wieder und mied sie fortan. Bald fand sie ihr Glück und heiratete einen guten Mann. Das Wichtigste: Oma Agnes segnete ihre Wahl.