Ich habe keine Lust, mein Leben mit einem Wrack zu verbringen, knurrte mein Mann.
Das reicht jetzt! Harald knallte die Schublade zu, sodass die Flakons mit seinem Eau de Cologne klirrten. Ich kann dieses ständige Gerede über schmerzende Knie und Tabletten nicht mehr hören! Ich will leben und nicht mein Dasein in einer Klinik fristen!
Greta stand in der Schlafzimmertür und sah zu, wie ihr Mann seine paar Habseligkeiten in eine Sporttasche warf. Zweiunddreißig gemeinsame Jahre passten in einen Rucksack und eine Tüte mit Sportschuhen. Dieser Gedanke schmerzte mehr als alle anderen.
Harald, begann sie leise, meine Mutter kann nach dem Schlaganfall nicht allein bleiben. Verstehst du das nicht?
Deine Mutter ist deine Angelegenheit! Ich mach das hier nicht weiter mit ich bleib nicht bei einem alten Wrack, blaffte Harald, den Blick fest auf den Rucksack gerichtet. Ich bin achtundfünfzig, kein achtzigjähriger Greis! Ich will nicht, dass unser Zuhause wie eine Intensivstation aussieht!
Greta zuckte zusammen. Seit einem halben Jahr war Jugend und Alter zum Streitthema geworden. Harald färbte plötzlich die grauen Haare, kaufte ein neues Fahrrad und eine Lederjacke. Dann tauchte Mia auf die frisch geschiedene Nachbarin aus dem fünften Stock, fünfunddreißig und doch voller Energie.
Ziehst du zu ihr? Greta wusste die Antwort schon, aber fragte trotzdem.
Harald fuhr schroff herum. Für eine Sekunde lag etwas wie Scham in seinem Blick, doch dann wich es trotziger Entschlossenheit:
Ja, ich gehe zu ihr. Weißt du warum? Weil ich bei ihr vergesse, wie alt ich bin. Sie zählt keine grauen Haare und erinnert mich nicht ständig ans Herzklopfen. Sie ist einfach frei. Verstehst du das?
Frei. Das Wort traf Greta mitten ins Herz. Sie schaute wohl oder übel in den Spiegel das müde Gesicht, die neuen Falten um den Mund. Früher hatte Harald sie seine Schönheit genannt. Und jetzt?
Bald wirst du sechzig, Harald, flüsterte sie. Glaubst du wirklich
Was denn? fuhr er sie an. Dass ich kein Recht auf Glück habe? Auf ein neues Leben? Übrigens, viele Männer in meinem Alter
Rennen zu jungen Liebschaften? Greta lächelte bitter. Tja, die Statistik spricht fürs Schlechte.
Harald wedelte genervt ab:
Immer dieses Runterziehen! Ich will einfach mal wieder durchatmen, verstehst du?
Er zog den Reißverschluss seines Rucksacks zu. Das Geräusch klang wie ein Urteil.
Sag deiner Mutter schöne Grüße, brummte er beim Hinausgehen. Hoffentlich ist es gemütlich. Für euch zwei, er stockte, für zwei alte Kumpelinnen.
Die Tür fiel ins Schloss. Greta saß lange auf dem Bett und starrte ins Leere. In ihrem Ohr hallte es: Zwei alte Kumpelinnen. Nur hatte sie gerade mal dreiundfünfzig. Ist das denn schon alt?
Aus dem Wohnzimmer schallte ein leiser Ruf:
Gretchen? Ist alles in Ordnung?
Nichts, Mama, Greta rang sich hoch. Harald musste los, wegen der Arbeit.
Lügen war widerlich, aber die Wahrheit konnte sie nicht über die Lippen bringen. Jetzt noch, wo ihre achtzigjährige Mutter sich womöglich schuldig fühlen würde am Zerbrechen der Ehe
Die folgenden Tage verliefen zäh wie kalter Novemberregen. Greta hielt sich an ihre Routinen: kochen, putzen, sich um die Mutter kümmern. Im Kopf nur die eine quälende Frage: Wann? Wann hatte sie aufgehört zu bemerken, dass zwischen ihnen eine Mauer gewachsen war?
Sie dachte an ihr erstes Treffen mit Mia. Nachbarin, frisch getrennt, oft kurz am Briefkasten. Ungezwungen, laut und fröhlich, in bunten Kleidern. Greta hatte sie sogar bemitleidet alleinerziehend ist hart.
Doch dann bemerkte sie, wie Harald sie anschaute. Wie er am Fenster blieb, wenn Mia mit dem Hund spazieren ging. Wie er zufällig am Eingang stand, wenn sie von der Arbeit zurückkam. Und wie er abends immer länger im Keller werkelte.
Tochterherz, Mamas Stimme holte sie zurück ins Hier und Jetzt, du spülst jetzt schon eine halbe Stunde dieselbe Tasse. Setz dich zu mir.
Greta blickte auf. Tatsächlich sie stand in der Küche, die Tasse in der Hand, der Blick ins Grau vor dem Fenster gerichtet.
Gleich, Mama. Bin gleich fertig.
Greta, ihre Mutter ließ sich langsam auf den Stuhl sinken und hielt sich am Rückenlehner fest, lass das Schauspiel. Du brauchst mir nichts vormachen.
Mama.
Hat er dich verlassen, stimmts? Ist jetzt bei dieser wie heißt sie, von oben?
Greta nickte, Tränen stiegen in ihre Augen.
So ein Narr, seufzte die Mutter. Weißt du, was Männer machen, wenn sie auf sechzig zugehen? Da brennt was durch sie suchen die Jugend, wo es nie eine gab.
Mama, bitte.
Ach, lass mich, die Mutter lachte unvermittelt hell. Dein Vater war genauso. Mit zweiundfünfzig hat er auch geglaubt, das Leben rast an ihm vorbei.
Greta starrte fassungslos:
Papa? Aber du hast nie
Warum hätt ichs erzählen sollen? zuckte die Mutter mit den Schultern. Nach zwei Monaten war er wieder da, das Haupt gesenkt. Da hab ich ihn einfach nicht mehr gebraucht.
Wirklich?
Ja, die Mutter blinzelte verschmitzt. Ich hab in der Zeit Sticken gelernt. Und weißt du was? Ohne ihn war alles leichter. Man kriegt mehr Luft, irgendwie.
Sie betrachtete ihre alten Hände das, was vom Leben geblieben war, aber immer noch geschickt.
Verstehst du, Gretchen, die Jahre zählen nicht so sehr. Wichtig ist, was im Herzen passiert. Ich bin achtzig, aber da drinnen ist immer noch das Mädchen von früher.
Greta musste lächeln. Das stimmte ihre Mutter hatte ein besonderes Strahlen, eine Kraft, die trotz der Krankheit nie nachließ. Vielleicht zog sie deswegen immer andere Menschen an.
Und Harald, fuhr ihre Mutter fort, der läuft nicht wirklich vor dir davon, sondern vor sich selbst. Vor der Angst, alt zu werden. Glaubt, wenn eine Junge dabei ist, wird er auch jünger.
Nimmst du ihn etwa in Schutz? Greta spürte, wie die Wut wieder aufloderte.
Nein, die Mutter schüttelte den Kopf. Ich hab einfach Mitleid. Er wird dort nicht finden, was er sucht. Vor der Zeit kannst du nicht wegrennen, Kind.
Draußen wurde gelacht. Greta schaute mechanisch aus dem Fenster: Harald und Mia schlenderten durch den Hof, er trug ihre Einkaufstaschen. Sie plapperte wild, und er schaute sie fasziniert an. Greta spürte, wie ihr Herz schmerzte.
Quäl dich nicht, die Mutter zog sie sanft weg vom Fenster. Komm, wir trinken Tee. Ich hab frische Honig-Lebkuchen gebacken.
Mama, Lebkuchen? da brach Greta fast.
Er ist ein Dummkopf, bekräftigte die Mutter geduldig. Aber das ist sein Weg. Du musst deinen finden. Weißt du was? Morgen gehen wir zusammen in den Park. Nach der Renovierung siehts da jetzt richtig schön aus.
Greta wollte widersprechen, doch irgendwas im Ton der Mutter ließ sie schweigen. Vielleicht hatte sie recht. Vielleicht war jetzt einfach Leben dran.
Der Park war tatsächlich ein Juwel. Neue Wege, Wasserspiele, bequeme Bänke. Im Zentrum das kleine Kulturhaus, aus dem Musik drang.
Guck mal, die Mutter blieb am Infostand stehen, Anmeldungen für den Literaturkreis. Und eine Tanzgruppe. Oh, schau: Yoga für die Generation 60+!
Mama, Greta verzog das Gesicht, fang jetzt bitte nicht damit an
Warum nicht? die Mutter zog eine Augenbraue keck nach oben. Ich kann dir noch was vormachen, trotz meines Alters!
Und um ihren Worten Nachdruck zu verleihen, schwang sie den Arm, woraufhin der Gehstock polternd zu Boden fiel.
Ach, sie war kurz verlegen.
Dürfte ich helfen? ertönte eine freundlich sanfte Männerstimme.
Ein gepflegter Herr mittleren Alters hob den Stock auf und reichte ihn mit einer kleinen Verbeugung zurück:
Bitte schön.
Vielen Dank, die Mutter bekam rote Wangen. Wie höflich!
Bernhard Lehmann, stellte er sich vor. Ich leite hier den Literaturkreis. Interessieren Sie sich für unsere Veranstaltungen?
Darüber reden wir gar nicht lang, unterbrach die Mutter Greta, meine Tochter schreibt fantastische Gedichte. Stand sogar schon in der Uni-Zeitung.
Mama! Greta wurde knallrot. Das war vor hundert Jahren.
Die Poesie ist zeitlos, lächelte Bernhard Lehmann. Sie könnten gern gleich dabei sein. Wir besprechen heute neue Texte.
So kam Greta zum Literaturkreis. Sie half eigentlich nur der Mutter und war plötzlich mittendrin. Das Rascheln von Buchseiten, die ruhigen Stimmen, interessierte Blicke Alles hatte eine besondere Stimmung. Hier zählte niemand das Äußere, das Alter war egal. Es ging ums Herz und um die Gedanken.
Später war ein Lyrikabend. Nur für Mitglieder, aber Greta war unglaublich nervös.
Sie las ihre Gedichte über Liebe, Abschiede, das Leben nach dem Schmerz. Mit jeder Zeile fühlte sie, wie etwas in ihr losging, sich befreite, wieder lebendig wurde.
Auf dem Heimweg traf sie Harald. Er kam gerade von Mia. Unsicher blieb er stehen, wie ein reuiges Kind.
Greta, du siehst großartig aus.
Sie schaute ihn an. Seltsam sie fühlte keine Qual mehr, nur noch leise Müdigkeit.
Danke, sagte sie ruhig. Mehr ist nicht?
Nein, warte, bitte, er trat vorsichtig näher. Ich habe nachgedacht Ich meine, ich habs verstanden.
Enttäuscht, ja? Hat Mia sich nicht als Traumfrau erwiesen?
Harald zog eine Grimasse:
Das ist es ja Sie ist jung, klar, attraktiv auch, aber, er zögerte, wir haben einfach nichts zu besprechen.
Und du dachtest, eine junge Frau interessiert sich für DDR-Rockbands? Greta lachte unerwartet. Ach Harald, du bist süßgläubig, ehrlich.
Nein, das er seufzte. Ich habe Fehler gemacht. Vielleicht
Nein, Greta schüttelte den Kopf. Da gibts kein vielleicht. Weißt du was? Ich bin dir sogar dankbar.
Wofür denn? er blinzelte verstimmt.
Dafür, dass du gegangen bist. Ich hab gemerkt, dass mein Leben mehr sein kann als Küche und Putzen.
Greta, ich hab verstanden. Ich will nach Hause, er griff nach ihrer Hand. Wir schaffen das gemeinsam.
Doch sie wich sanft zurück:
Harald, du willst nicht wirklich zurück. Denn dieses Zuhause gibts nicht mehr. Die alte Greta, die dir die Socken wusch und beim Abendessen schwieg, ist verschwunden. Die neue kennst du nicht. Und ich glaube, die würde dich erschrecken.
Wieso?
Weil sie ihr Leben endlich für sich lebt.
Da trat ihre Mutter hinzu. Ohne Stock, unterstützt von Bernhard Lehmann am Arm.
Ach, Harald, sie musterte ihren ehemaligen Schwiegersohn kühl. Du immer noch hier?
Guten Abend, Frau Schneider, murmelte er. Ich geh dann jetzt.
Richtig so, die Mutter nickte. Und falls du nochmal vor dem Alter fliehen willst, denk erstmal nach, ob das Problem vielleicht in dir selbst liegt.
Harald erschrak, als hätte er einen Schlag bekommen. Er drehte sich abrupt um und verschwand.
Mama! tadelte Greta sanft. Das hättest du nicht
Wieso nicht? die Mutter zuckte die Schultern. Ehrlich sein tut weh, aber ist nötig. Bernhard Lehmann hat mir übrigens angeboten, einen Kinder-Erzählkreis zu leiten: Märchen aus unserer Kindheit. Klingt spannend, oder?
Frau Schneider ist eine geborene Geschichtenerzählerin, lächelte Bernhard Lehmann. Die Kinder werden begeistert sein.
Greta sah ihre Mutter an so frisch, mit funkelnden Augen , und dachte: Vielleicht ist das wahre Alter einfach ein Geschenk. Die Chance, neue Seiten in sich zu entdecken?
Nach zwei Monaten trennten sich Harald und Mia. Sagt man, sie hat jemanden noch Jüngeren kennengelernt. Kurz darauf schrieb Harald noch einmal: eine wirre, reumütige Entschuldigung. Greta antwortete nicht.
Warum auch? Sie hatte jetzt ihr eigenes Leben. Zweimal die Woche der Literaturkreis. Und weißt du was? Mit dreiundfünfzig fühlt sie sich zum ersten Mal seit Ewigkeiten wieder jung. Denn Jugend, mein Lieber, ist kein glatte Haut. Jugend ist Mut, endlich sich selbst zu leben. Ganz egal, wieviele Winter schon vergangen sind.




