Konnte nicht lieben
-Mädels, gesteht mal: Wer von euch ist Heike? – Die junge Frau musterte uns mit einem schelmischen Blick.
-Ich bin Heike. Warum fragst du? – entgegnete ich verwundert.
-Hier ist ein Brief für dich, Heike. Von Johannes, – die Fremde holte einen zerknitterten Umschlag aus der Kitteltasche und drückte ihn mir in die Hand.
-Johannes? Wo ist er denn? – fragte ich erstaunt.
-Er wurde ins Heim für Erwachsene verlegt. Er hat auf dich gewartet, Heike, als wärst du sein Glücksfall. Jeden Tag hat er nach dir Ausschau gehalten. Den Brief hat er mir zuerst gezeigt, um die Fehler zu prüfen. Johannes wollte sich vor dir nicht blamieren. Ich muss jetzt los, gleich gibts Mittagessen. Ich arbeite hier als Erzieherin, – sie sah mich an, seufzte leise und eilte davon.
Damals, an einem Sommertag, waren meine Freundin Claudia und ich beide 16 Jahre alt, voller Abenteuerlust und Urlaubslaune unterwegs in einer uns unbekannten Gegend. Wir setzten uns auf eine bequeme Bank, quatschten, lachten, und merkten gar nicht, wie auf einmal zwei Jungs zu uns kamen.
-Hi, Mädels! Langweilt ihr euch? Wollen wir uns kennenlernen? – Einer von ihnen, Johannes, streckte mir die Hand hin.
-Ich bin Heike, und das ist meine Freundin Claudia. Wie heißt dein schweigsamer Freund? – fragte ich.
-Martin, – murmelte der andere Junge leise.
Die beiden wirkten auf uns etwas altmodisch und korrekt. Johannes meinte sachlich und bestimmt:
-Mädels, warum tragt ihr so kurze Röcke? Und bei Claudia ist der Ausschnitt ziemlich gewagt.
-Hm Ihr Jungs solltet eure Blicke lieber bei euch behalten. Sonst schielen sie noch, – scherzten wir.
-Ist gar nicht so einfach, nicht hinzuschauen. Eben typisch Mann. Raucht ihr auch? – bohrte der anständige Johannes weiter.
-Klar rauchen wir, aber nur zum Spaß, – lachten Claudia und ich.
Erst jetzt fiel uns auf, dass mit den Beinen der Jungs etwas nicht stimmte.
Johannes bewegte sich langsam, Martin hinkte deutlich.
-Werdet ihr hier behandelt? – fragte ich.
-Ja. Ich hatte einen Motorradunfall, und Martin hat sich beim Sprung in den See das Bein verletzt, – antwortete Johannes in gewohntem Tonfall. – Bald dürfen wir gehen.
Natürlich glaubten Claudia und ich ihnen die Geschichte. Wir ahnten nicht, dass Johannes und Martin beide von Kindesbeinen an behindert waren und langfristig im Heim lebten. Unsere Besuche bedeuteten für sie einen Hauch Freiheit.
Sie lebten und lernten weitgehend unter sich. Jeder der Jungs hatte sich eine eigene Ausrede zurechtgelegt Unfall, Pech, Prügelei
Aber Johannes und Martin waren überraschend gebildet, tiefgründig und klug. Claudia und ich begannen, einmal in der Woche zu ihnen zu gehen.
Einerseits taten sie uns leid, und wir wollten sie aufmuntern; andererseits konnten wir von ihnen wirklich etwas lernen.
Unsere kurzen Treffen wurden zur Routine.
Johannes schenkte mir regelmäßig Blumen vom Beet vor dem Heim, Martin überreichte jedes Mal selbstgebastelte Origami, immer etwas verschämt, Claudia war ihm offenbar ans Herz gewachsen.
Wir saßen wieder zu viert auf der Bank: Johannes neben mir, Martin schaute Claudia an, die davon ganz verlegen wurde, aber das gefiel ihr sichtlich. Wir redeten über alles und nichts.
Der Sommer verging wie im Flug, voller herzlicher Momente. Dann wurde es Herbst, grau und regnerisch. Die Ferien waren vorbei, das letzte Schuljahr begann. Claudia und ich vergaßen unsere Bekannten, Johannes und Martin, fast vollständig.
Die Abschlussprüfungen lagen hinter uns, das Leben lockte mit neuen Möglichkeiten und wieder kehrten wir zu dem Heim zurück, aus reiner Neugier, und setzten uns auf die bekannte Bank. In Erwartung, dass Johannes mit frischen Blumen und Martin mit einem neuen Origami auftauchen würden. Vergeblich warteten wir zwei Stunden.
Plötzlich kam eine junge Frau aus dem Heim, direkt auf mich zu, und übergab mir den Brief von Johannes. Ich öffnete ihn sofort:
“Meine geliebte Heike! Du bist mein duftender Blütenkelch! Mein unerreichbarer Stern! Vielleicht hast du nie bemerkt, wie sehr ich mich in dich verliebt habe, gleich beim ersten Treffen. Unsere Gespräche waren für mich wie Atemholen, wie Leben. Seit einem halben Jahr blicke ich vergeblich aus dem Fenster, warte auf dich. Du hast mich vergessen, wie schade! Unsere Wege gehen auseinander. Aber ich bin dir dankbar, dass ich durch dich die wahre Liebe kennenlernen durfte. Ich erinnere mich an deine sanfte Stimme, dein einladendes Lächeln, deine zarten Hände. Wie weh mir ohne dich ist, Heike! Wenn ich dich nur noch ein einziges Mal sehen könnte! Ich will atmen, aber mir bleibt die Luft weg…
Martin und ich sind mittlerweile achtzehn. Im Frühjahr werden wir in ein anderes Heim verlegt. Wahrscheinlich sehen wir uns nicht wieder. Meine Seele ist zerrissen! Ich hoffe, ich komme über dich hinweg und kann heilen.
Leb wohl, meine Beste!”
Unterschrift – “für immer dein Johannes”.
Im Umschlag lag eine gepresste Blume.
Ich schämte mich plötzlich sehr. Das Herz wurde mir eng, weil nichts mehr zu ändern war. Mir ging die alte Weisheit durch den Kopf: Man ist verantwortlich für das, was man sich vertraut gemacht hat.
Ich ahnte nicht, wie stark die Gefühle in Johannes Seele brannten. Und ich konnte ihm nicht dieselbe Liebe erwidern. Für Johannes empfand ich nie mehr als Freundschaft und Neugier an einem klugen Gesprächspartner. Ein bisschen habe ich wohl geflirtet und mit der Aufmerksamkeit gespielt, sozusagen zündelte ich am Funken seiner Schwärmerei, ohne zu ahnen, wie sehr es in ihm brennen würde.
Seither sind viele Jahre ins Land gezogen. Der Brief von Johannes ist vergilbt, die Blume zerfallen. Aber ich erinnere mich an unsere Begegnungen, die sorglosen Gespräche und das ausgelassene Lachen über Johannes Witze.
Die Geschichte bekam noch einen anderen Ausgang: Claudia war tief berührt von Martins Lebensweg. Seine Eltern hatten ihn wegen seiner Andersartigkeit verstoßen Martins Bein war von Geburt an viel kürzer als das andere. Claudia studierte Sonderpädagogik, arbeitet heute im Heim für behinderte Kinder. Martin ist ihr liebender Ehemann. Sie haben zwei erwachsene Söhne.
Johannes, so berichtete Martin später, blieb allein. Mit vierzig Jahren kam seine Mutter ins Heim, sah ihren Sohn, war überwältigt von ihrer wiedererweckten Liebe und nahm Johannes mit aufs Land. Was danach geschah, weiß niemand.
Was ich aus all dem für mich mitnehme? Manchmal ahnt man gar nicht, wie sehr die eigene Nähe und Zuneigung einen anderen Menschen bewegen kann. Ich habe gelernt, dass mit ein wenig Freundschaft und Wärme große Hoffnungen entzünden und manchmal Herzen brechen. Darum sollte man immer sorgsam mit den Gefühlen anderer umgehen.





