Wann hast du das letzte Mal in den Spiegel geschaut? fragte Johannes. Seine Frau reagierte unerwartet.
Johannes trank den letzten Schluck seines Morgenkaffees und beobachtete dabei aus dem Augenwinkel Sabine. Ihr Haar war mit einem bunten Gummi zusammengebunden, wie es kleine Kinder tragen. Mit Comicschweinchen darauf.
Dabei war die Nachbarin aus dem dritten Stock, Katharina, immer gepflegt und auffallend. Sie trug teure Parfüms, deren Duft noch lange nach ihr im Treppenhaus blieb.
Weißt du, Johannes legte das Handy beiseite, manchmal habe ich das Gefühl, wir leben nebeneinanderher. Wie Nachbarn.
Sabine hielt inne, den Lappen noch in der Hand.
Was soll das heißen?
Ach, nichts Besonderes. Aber sag mal, wann hast du dich zuletzt wirklich im Spiegel angesehen?
Sie blickte ihn aufmerksam an. Johannes spürte, dass die Unterhaltung eine Richtung nahm, die er nicht vorausgesehen hatte.
Und du? Wann hast du mich das letzte Mal wirklich angesehen? fragte Sabine leise.
Es entstand eine unangenehme Pause.
Sabine, dramatisier das bitte nicht. Ich meine doch nur, Frauen sollten immer toll aussehen. Das ist doch selbstverständlich! Schau dir Katharina an. Sie ist genauso alt wie du.
Ach so, erwiderte Sabine. Katharina.
Etwas in ihrem Tonfall ließ Johannes stutzen als hätte sie plötzlich etwas Wichtiges begriffen.
Hannes, sagte sie nach einer Pause, weißt du was? Ich geh mal für einige Zeit zu meiner Mutter. Ich muss über deine Worte nachdenken.
Meinetwegen. Wir leben erstmal getrennt und schauen weiter. Aber versteh mich nicht falsch ich will dich nicht rauswerfen!
Weißt du, Sabine hängte den Lappen sorgfältig an den Haken, vielleicht sollte ich wirklich mal wieder genauer hinschauen. Auf mich.
Und ging, um Koffer zu packen.
Johannes saß in der Küche und dachte: Genau das wollte ich doch. Aber warum hatte er jetzt keine Freude, sondern fühlte sich leer?
Drei Tage lang lebte Johannes wie im Urlaub. Morgens Kaffee in aller Ruhe, abends freie Wahl, was er tun wollte. Keiner schaltete kitschige Serien ein.
Freiheit, versteht sich. Endlich echte Männerfreiheit.
Am Abend begegnete Johannes Katharina vor dem Haus. Sie trug Einkaufstaschen von Feinkost Käfer, hohe Schuhe und ein Kleid, das perfekt passte.
Johannes! strahlte sie ihn an. Wie gehts? Ich habe Sabine lange nicht gesehen.
Sie ist bei ihrer Mutter, erholt sich ein wenig, log er.
Ach so. Katharina nickte verständnisvoll. Weißt du, Frauen brauchen ab und zu Abstand. Von Haushalt, von Alltag.
Sie sagte das, als wäre ihr Alltag immer makellos, als würde ihr Apartment sich von selbst putzen und das Abendessen magisch erscheinen.
Katharina, hast du mal Lust auf einen Kaffee? Ganz unverbindlich, als Nachbarn? platzte es aus Johannes heraus.
Warum nicht, lächelte sie. Morgen Abend vielleicht?
Die ganze Nacht plante Johannes den nächsten Tag. Welche Hemdfarbe? Jeans oder Stoffhose? Nicht zu viel Parfüm.
Am nächsten Morgen klingelte das Telefon.
Johannes? fremde Stimme. Hier ist Ingrid, Sabines Mutter.
Das Herz rutschte ihm in die Hose.
Ja, ich höre.
Sabine wollte mitteilen: Sie holt ihre Sachen am Samstag, wenn du nicht da bist. Den Schlüssel lässt sie beim Hausmeister.
Wie bitte, sie holt alle Sachen?
Wie hast du dir das vorgestellt? Ingrid klang plötzlich fest. Meine Tochter will nicht ihr Leben damit verbringen, darauf zu warten, dass du dich endlich entscheidest, ob du sie willst oder nicht.
Ingrid, ich habe doch nichts Schlimmes gesagt.
Du hast genug gesagt. Auf Wiedersehen, Johannes.
Sie legte auf.
Johannes starrte aufs Telefon. Was war das? Er wollte doch keine Scheidung! Nur eine Pause zum Nachdenken. Aber anscheinend hatten alle schon längst entschieden ohne ihn.
Der Kaffee mit Katharina am Abend verlief merkwürdig. Sie war charmant, erzählte von ihrer Arbeit in der Sparkasse und lachte über seine Witze. Doch als er ihre Hand berühren wollte, zog sie ihre zurück.
Johannes, verstehen Sie das geht nicht. Sie sind doch verheiratet.
Aber momentan leben wir getrennt.
Im Moment. Und morgen? Katharina sah ihn ernst an.
Er brachte Katharina bis zur Haustür und stieg dann in seine Wohnung. Es empfing ihn Stille und der Geruch von Singleleben.
Am Samstag verließ Johannes absichtlich das Haus er wollte keine Szene, keine Erklärungen, keine Tränen. Sollte sie in Ruhe ihre Sachen holen.
Aber gegen drei konnte er vor Neugier kaum noch warten. Was nahm sie mit? Alles? Oder nur das Nötigste? Wie sah sie eigentlich aus?
Um vier Uhr fuhr er doch nach Hause.
Vor dem Haus stand ein Auto mit Münchner Kennzeichen. Ein fremder Mann, etwa vierzig, gut aussehend und schick gekleidet, half jemandem beim Beladen von Kartons.
Johannes setzte sich auf eine Bank und wartete.
Nach zehn Minuten kam eine Frau in einem blauen Kleid heraus. Dunkle Haare, mit einer schönen Spange hochgesteckt, dezentes Make-up, das die Augen betonte.
Johannes traute seinen Augen kaum. Es war Sabine. Seine Sabine. Aber irgendwie ganz anders.
Sie trug die letzte Tasche, und der Mann nahm sie ihr sofort ab und half ihr fürsorglich ins Auto. Als wäre sie aus Glas.
Jetzt hielt Johannes es nicht mehr aus. Er ging zum Auto.
Sabine!
Sie drehte sich um. Ihr Gesicht war ruhig und schön. Ohne die vertraute Müdigkeit.
Hallo, Hannes.
Das bist … du?
Der Mann am Steuer spannte sich an, doch Sabine berührte seine Hand beruhigend.
Ich, sagte sie gelassen. Du hast mich lange nicht mehr angesehen.
Sabine, warte. Können wir nicht reden?
Worüber? ihr Ton war nicht böse, nur erstaunt. Du hast gesagt, eine Frau muss immer großartig aussehen. Also habe ich auf dich gehört.
Aber ich meinte das doch nicht so! Hannes war verzweifelt.
Was wolltest du denn? Sabine neigte leicht den Kopf. Sollte ich für dich schön sein, aber nur für dich? Zuhause interessant sein, aber nicht draußen? Mich selbst lieben, aber nie so sehr, dass ich gehen würde, weil du mich gar nicht siehst?
Bei jedem ihrer Worte spürte Johannes, wie etwas in ihm zusammenbrach.
Weißt du, sagte sie sanft, ich habe wirklich aufgehört, mich um mich zu kümmern. Aber nicht, weil ich faul bin. Sondern weil ich daran gewöhnt war, unsichtbar zu sein. In meinem eigenen Haus, in meinem eigenen Leben.
Sabine, ich wollte das nicht.
Doch, wolltest du. Eine Ehefrau als graue Maus, die alles erledigt und nie stört. Und wenn sie langweilig wird, tauscht man sie gegen eine auffälligere Version.
Der Mann im Auto sagte etwas zu ihr. Sabine nickte.
Wir müssen los, meinte sie zu Johannes. Volker wartet.
Volker? Johannes bekam kaum ein Wort heraus. Wer ist das?
Jemand, der mich sieht, erwiderte Sabine. Wir haben uns im Fitnessstudio kennengelernt. Neben Mamas Haus ist ein neues eröffnet worden. Stell dir vor mit zweiundvierzig habe ich das erste Mal Sport gemacht.
Sabine, bitte. Lass uns noch mal reden. Ich habe verstanden, ich war ein Idiot.
Hannes, sie sah ihn lange an, wann hast du mir das letzte Mal gesagt, dass ich schön bin?
Er schwieg. Er wusste es nicht.
Und wann hast du mich das letzte Mal gefragt, wie es mir geht?
Da begriff er: Er hat verloren. Nicht gegen Volker, nicht gegen das Leben. Gegen sich selbst.
Volker startete den Motor.
Hannes, ich bin nicht böse. Wirklich nicht. Du hast mir nur klargemacht: Wenn ich mich selbst nicht sehe, sieht mich niemand.
Das Auto fuhr los.
Johannes stand vor dem Haus und sah zu, wie sein Leben davonfuhr. Nicht nur seine Frau sein Leben. Fünfzehn Jahre, die er für gewöhnlich hielt und nun als glücklich erkannt hätte, wenn er es wahrgenommen hätte.
Selbstverständlich ist das nicht.
Ein halbes Jahr später traf Johannes Sabine zufällig im Edeka.
Sie schaute gerade die Kaffeesorten durch, las konzentriert die Etiketten. Neben ihr stand ein junges Mädchen, ungefähr zwanzig.
Nimm ruhig den hier, sagte Sabine. Papa meint, Arabica schmeckt besser als Robusta.
Sabine? Johannes trat zu ihr.
Sabine drehte sich um. Lächelte ihn an gelassen, ganz entspannt.
Hallo, Hannes. Das ist übrigens Leonie, Volkers Tochter. Leonie, das ist Johannes, mein Ex-Mann.
Leonie grüßte höflich. Hübsches Mädchen, vermutlich Studentin. Sie beobachtete Johannes neugierig, aber nicht abweisend.
Wie läufts bei dir? fragte er.
Gut. Und bei dir?
So weit ok.
Wieder entstand eine kleine Stille. Was sagt man der Ex-Frau, die so ganz anders geworden ist?
Sie standen vor den Regalen, und Johannes schaute Sabine an. Gebräunt, mit leichter Bluse, neuer Frisur. Glücklich. Genau das glücklich.
Und du? fragte sie. Hast du jemanden?
Nicht wirklich, er seufzte.
Sabine sah ihn lange an.
Wisst du, Hannes, du suchst eine Frau, die so hübsch wie Katharina ist und so still wie ich früher war. Klug, aber nicht so klug, dass sie merkt, wie du anderen Frauen nachschaust.
Leonie hörte gespannt zu.
Solche Frauen gibt es nicht, sagte Sabine ruhig.
Sabine, gehen wir? meldete sich Leonie. Papa wartet im Auto.
Ja, gerne. Sabine griff nach einer Packung Kaffee. Alles Gute, Hannes.
Sie gingen, und Johannes blieb zwischen den Regalen zurück. Er dachte nach Sabine hatte recht. Er sucht eine Frau, die es gar nicht gibt.
Am Abend saß Johannes in der Küche bei einer Tasse Tee. Er dachte über Sabine nach, darüber, wie sie geworden ist. Manchmal, so erkannte er jetzt, lernt man die Kostbarkeit von etwas erst zu schätzen, wenn man es verloren hat.
Vielleicht liegt das wahre Glück gar nicht darin, eine bequeme Partnerin zu suchen. Sondern darin, die Frau an seiner Seite wirklich zu sehen.





