Am Haken des Gewissens
“Du… Woher weißt du das?” In der Stimme von Oma klang unverhohlene Angst.
“Die Welt ist nicht ohne aufrichtige Menschen”, schnitt Vera scharf. “Also, hör zu ich lasse dich nicht zu, das Leben meines Sohnes kaputtzumachen.”
Oma, Margarete Schmidt, war das Oberhaupt der Familie, und diese Wahrheit hatte Sebastian schon als Kind begriffen. Ihr zu widersprechen bedeutete ein ausgewachsenes Drama, mit Strafen wie Entzug von Taschengeld oder Freizeitaktivitäten.
Niemand wagte es, sich mit ihr anzulegen.
Bis zur Rente führte sie mit eiserner Hand die Schneiderei eines großen Betriebs, und auch zu Hause blieb sie die Chefin.
Sebastian vermutete, dass sogar Opa, der schon lange vor seiner Geburt gestorben war, unter Margaretes Pantoffel stand ganz zu schweigen von den beiden Töchtern.
Die Ältere, Vera, hatte Oma mit einem vielversprechenden Maschinenbauingenieur, Thomas, verheiratet, ohne Rücksicht darauf, dass ihre Tochter den Mann nicht liebte.
Vera brachte einen Sohn zur Welt also Sebastian und lebte noch drei Jahre in der Ehe, bis Thomas plötzlich gegen seine Schwiegermutter aufbegehrte.
Was damals genau passiert war, wusste Sebastian nicht, aber keine zwei Wochen später wurden die Eheleute geschieden und Thomas bekam eine Kündigung, nach der niemand ihn noch beschäftigen wollte.
Margarete hatte mächtige Kontakte.
Seitdem sah und hörte Sebastian von seinem Vater nichts mehr.
Der Jüngeren, Helene, gestattete Oma, aus Liebe zu heiraten einen Betriebslogistiker namens Michael.
Ihre Tochter Anna wurde geboren, als Sebastian zwei Jahre alt war. Die beiden lebten glücklich und ruhig in einer eigenen Wohnung, widersprachen der Oma nie, und Margarete war sehr zufrieden mit der Ehe. Doch Michael starb tragisch, als Anna zehn war.
Helene und Anna blieben in der Wohnung, Margarete kümmerte sich weiterhin um sie.
Sebastian hatte längst bemerkt, dass Oma mit der Jüngeren nachsichtiger umging, sie nicht so hart kommandierte, manchmal sogar freundlich war.
Er machte sich keine Gedanken darum seine eigenen Sorgen waren groß genug. Margarete hatte beschlossen, aus ihm einen anständigen Mann zu formen.
“Du wirst ein großartiger Eishockeyspieler!”, verkündete sie. Also wurde Sebastian in den Verein gesteckt.
Nach zwei Monaten bat der Trainer die Familie beinahe unter Tränen, ihn abzuholen: “Das ist nicht seins. Er ist zu schwach, würde nur seine Gesundheit ruinieren.”
Schwimmen hielt Sebastian ein halbes Jahr durch, bis sich herausstellte, dass er gegen ein Desinfektionsmittel im Bad allergisch war.
Dann folgten Bastelgruppe, Umwelt-AG, allerlei Kurse…
“Echt jetzt, Oma, ich will zeichnen!”, protestierte Sebastian eines Tages. “Warum schiebst du mich immer dahin, wo ich nicht hinwill?”
Die Mutter schnappte nach Luft wegen dieser Frechheit, Oma runzelte die Stirn und verpasste ihm einen Klaps auf den Hinterkopf.
“So redet man nicht mit Erwachsenen! Eine Woche gibt es kein Taschengeld!”
Und dazu gab es einen Familien-Boykott für den 13-jährigen Sebastian. Klar, er lernte die Lektion und bereitete sich brav auf die Uni vor für das Ingenieurstudium, die angesehene Laufbahn.
Obwohl: Irgendwie vielleicht auch dank Omas Beziehungen schaffte Sebastian die Aufnahme und studierte sogar recht ordentlich. Aber Physik, Mathe, Maschinenbau das war einfach nichts für ihn.
He heimlich lernte er Zeichnen und Design online natürlich nur auf kostenlosen Kursen, denn Geld hatte er keins.
Er träumte davon, das Studium abzubrechen, Game Artist zu werden, ordentlich zu verdienen… Aber daraus wurde nichts.
Margarete kontrollierte streng seinen Universitätsbesuch, sprach persönlich mit den Dozenten.
Mit 65 war sie korpulent, kurzatmig, aber dennoch tatkräftig und energiegeladen.
“Lern!”, mahnte sie immer wieder. “Mit Herrn Weber hab ich schon gesprochen er nimmt dich nach dem Abschluss in seine Fabrik, sorgt für deine Karriere.”
Doch Sebastian wollte gar nicht in die Fabrik! Aber den Mut, für sich einzustehen, hatte er nicht. Bis zum dritten Jahr hielt er durch dann riss ihm endgültig der Geduldsfaden.
Sie feierten zu laut den Geburtstag eines Kommilitonen, Sebastian trank zu viel. Schon dafür hätte Oma ihn abknallen können und dann legte er noch nach.
“Ich schmeiße das Studium!”, rief er herausgefordert, leicht lallend. “Das brauche ich nicht! Ich will zeichnen, kreativ sein… Ach, was soll ich Hühnern denn erklären?”
Das mit den Hühnern war sicher zu viel doch zurück kam er nicht. Oma und Mutter starrten ihn fassungslos an, dann schlug Oma ihm schweigend einen zweiten Klaps und zog sich zurück. Die Mutter half ihm ins Bett, klagte, dass so nicht gesprochen werde.
Am nächsten Morgen befahl sie, ungeachtet Sebastians Kopfschmerzen, er solle sich bei Oma entschuldigen vielleicht werde alles wieder gut.
“Wieder gut, wieso Mama? Wie lange willst du dich noch kriechen? Immer tun, was sie will? Wann reichts denn?”
Das Gesicht der Mutter wurde hart.
“Erstmal: Sag Oma, nicht sie”, entgegnete sie schroff, dann fügte sie sanfter hinzu: “Ohne Oma gehen wir verloren, Junge… Bitte, entschuldige dich bei ihr sie liebt dich doch.”
Und sie verließ das Zimmer.
Doch Sebastian war wie entfesselt. Er schrie ihr nach: “Ich geh in euren … Mist-Uni nicht mehr!”, warf ein paar Sachen in den Rucksack und zog los.
Eine Woche lebte er bei einem Freund, dann rief die Mutter an:
“Oma ist mit Herzinfarkt im Krankenhaus. Komm sofort.”
Inzwischen war Sebastian klar, dass er übertrieben hatte, aber er wollte trotzdem nicht zurückrudern. Er hoffte, die Frauen würden nachgeben dann könnte er heimkehren.
Aber so kam es anders. Oma liebte er ja, den Tod wünschte er ihr auf keinen Fall.
Er raste ins Krankenhaus, hörte sich mahnende Worte der Mutter und Tante an, gelobte Besserung…
Nach zwei Wochen wurde Margarete Schmidt nach Hause entlassen. Sie sah gesund aus, nur etwas blass.
Mit schmalen Lippen hörte sie sich Sebastians Entschuldigung an, schwieg und sagte dann:
“Du hast mich enttäuscht, Basti… Ich habe schon überlegt, dich zu enterben. Die Wohnung, die ich von meiner Schwester geerbt habe, wollte ich Anna geben…”
Bei diesen Worten lief Sebastian rot an auf dieses Wohnrecht hatte er fest gebaut.
“Aber gut”, fuhr Oma fort, “jetzt sehe ich, du bist zur Vernunft gekommen, hast das Studium wieder aufgenommen. Das ist nicht genug”
Sebastian und Vera starrten sie angespannt an.
“Du wirst Anna heiraten und gemeinsam dort wohnen. Ihr seid ein tolles Paar”, schloss Margarete ihre Rede.
“Oma, was soll das? Wie soll ich sie heiraten sie ist doch meine Cousine!”, blickte Sebastian hilflos zur Mutter, die weg schaute.
“Vera”, seufzte Oma erschöpft, “erklär es ihm, ich kann nicht mehr” und trottete schwerfällig ins Schlafzimmer.
Da erfuhr Sebastian, was er nie gewusst hatte.
Margarete und ihr Mann hatten vor Jahren zehnjähriges Adoptivkind Helene aufgenommen Tochter verstorbener Freunde.
Sie waren daraufhin in eine andere Stadt gezogen und hatten dies nie groß kommuniziert.
“Anna ist also nicht deine Blutverwandte”, schloss die Mutter.
“Das wusste ich nicht! Für mich war sie immer Schwester! Wir hatten nie großen Kontakt, aber ich kann sie doch nicht als Frau sehen.”
“Außerdem”, murmelte Sebastian, “ich habe selbst eine Freundin naja, fast”
“Mir gefällt der Plan auch nicht”, seufzte die Mutter. “Aber was sollen wir tun?”
Auch Sebastian wusste keinen Ausweg. Nachts wachte er von Stimmen im Schlafzimmer der Oma auf.
Zunächst erschrak er wieder gesundheitliche Probleme? dann erkannte er Streit.
Nicht schön, zu lauschen, ja Aber
“Mama, du hast dein Leben lang Helene bevorzugt, ihr alles durchgehen lassen Das ist zu viel”, klagte seine Mutter leise.
“Hör auf zu fantasieren! Ich habe euch gleich geliebt. Aber Helenes Schicksal war schwer”
“So, ja?” Veras Stimme war voller Zorn. “Oder willst du deine Schuld abtragen? Denkst, keiner weiß, dass du was mit ihrem Vater hattest?”
Dass ihr Affäre mit Nikolaus hinter Helens Rücken ablief? Und dass seine Ehefrau euch erwischte? Und dass sie danach zum Versöhnungswochenende ins Kurhaus fuhren und verunglückten?”
“Du… Woher weißt du das?” In Omas Stimme lag blankes Entsetzen.
“Die Welt ist nicht ohne aufrichtige Menschen”, erwiderte Vera eiskalt. “Egal ich lasse dich nicht das Leben meines Sohnes ruinieren.”
Wenn du mit dieser verdammten Heirat nicht aufhörst, kannst du sehen, wie du allein fertig wirst.
Sebastian hastete zurück in sein Zimmer, als seine Mutter herausstürmte, um ihr nicht aufzufallen. Was für eine Geschichte!
Am nächsten Tag kam er früher aus der Uni und hörte erneut einen aufwühlenden Dialog. In letzter Zeit schien er ihnen regelrecht über den Weg zu laufen
“Du hast Hilfe versprochen!”, klagte Tante Helene. “Du weißt doch, Anna kann keinen Abbruch haben! Der zweite Monat läuft schon wie finden wir so schnell einen anständigen Ehemann?”
“Ich überlege mir was”, sagte Oma zu Sebastians Überraschung ungewohnt unterwürfig. “Keine Sorge, Helenchen”
Mehr hörte er nicht, schlich sich hinaus und wartete im Nachbarhof auf die Rückkehr der Mutter. Während seines Berichts wurde Veras Miene immer verschlossener.
“Es reicht!”, presste sie am Ende hervor.
Am selben Abend packten sie ihre Sachen und verbrachten die Nacht in einem Hotel, danach mieteten sie eine kleine Wohnung. Mit Margarete Schmidt haben Mutter und Sohn keinen Kontakt mehr. Vielleicht kommt Oma zur Besinnung aber wahrscheinlich nicht.





