Am Haken des Gewissens — Woher… Woher weißt du das? — In der Stimme der Oma klang deutliche Angst. — Es gibt noch gute Menschen auf der Welt, — konterte Vera. — Kurz gesagt: Ich lasse nicht zu, dass du das Leben meines Sohnes ruinierst. Großmutter Tamara Wassiljewna führte in der Familie das Regiment — diese Tatsache hatte Stas schon als Kind verinnerlicht. Widersetzte sich jemand, gab es einen handfesten Familienkrach und Strafen wie Entzug von Taschengeld und Freizeit. Dementsprechend wagte niemand, ihr zu widersprechen. Bis zur Rente leitete sie mit eiserner Hand eine große Schneiderei und hat dieses Bild auch zuhause nie abgelegt. Stas vermutete, dass sogar der Großvater, der noch vor seiner Geburt gestorben war, unter Tamara Wassiljewnas Fuchtel stand. Was sollte man da von ihren beiden Töchtern erwarten? Die Ältere, Vera, verheiratete Oma mit einem vielversprechenden Ingenieur namens Igor, ohne groß darauf zu achten, dass ihre Tochter den Mann gar nicht liebte. Vera gebar einen Sohn (also Stas) und lebte noch drei weitere Jahre in der Ehe, bis der Schwiegersohn sich eines Tages gegen die Schwiegermutter stellte. Was da vorgefallen war, wusste Stas nicht, aber nach kaum zwei Wochen ließ sich das Paar scheiden und Igor wurde mit schlechtem Zeugnis aus seiner Arbeit entlassen. Tamara Wassiljewna hatte sehr einflussreiche Beziehungen. Seitdem hat Stas seinen Vater nie wieder gesehen oder gehört. Der Jüngeren, Galina, gestattete Oma, aus Liebe zu heiraten — Vitali arbeitete als Lieferant. Als Stas zwei Jahre alt war, kam ihre Tochter Arina zur Welt. Die Eheleute lebten friedlich und glücklich in einer eigenen Wohnung, widersprachen Oma nicht, und diese war zufrieden mit dem Glück dieser Ehe. Doch Vitali starb, als Arina gerade zehn wurde. Galina und Arina blieben in ihrer Wohnung, unter Omas Beobachtung und mit ihrer Unterstützung. Stas fiel schon lange auf, dass Oma ihrer jüngeren Tochter gegenüber etwas nachsichtiger war, nie ganz so streng und manchmal sogar ein warmes Wort für sie fand. Er beschäftigte sich damit nicht weiter – er hatte selbst genug zu tun. Tamara Wassiljewna wollte aus ihm einen „anständigen Mann“ formen und steckte viel Energie hinein. — Du wirst ein berühmter Eishockeyspieler! — verkündete sie eines Tages, und ab ging’s in den Sportverein. Nach wenigen Monaten bat der Trainer beinahe unter Tränen, ihn doch wieder herauszunehmen: “Das ist nicht seins, da macht er sich nur kaputt.” Beim Schwimmen hielt Stas ein halbes Jahr durch, bis eine Allergie gegen ein Poolpflegemittel diagnostiziert wurde. Dann folgten Bastelkreis, Umweltgruppe, irgendwas war immer los… — Oma, ich will zeichnen! — protestierte Stas eines Tages. — Warum drängst du mich ständig irgendwo hin, wo ich gar nicht hin will?! Seine Mutter schnappte vor Empörung nach Luft, die Oma zog die Brauen zusammen und verpasste ihm eine Kopfnuss. — Wie sprichst du mit Erwachsenen? Streicht dir das Taschengeld für eine Woche! Außerdem verhängte die Familie einen Boykott gegen den 13-jährigen Stas. Er lernte seine Lektion und bereitete sich dann brav auf die Prüfungen zum Maschinenbaustudium vor – “eine respektable Karriere”, wie die Oma es wollte. Fast ein Wunder (oder doch Omas Beziehungen?) brachte ihn ins Studium, und er kam ganz gut klar. Doch die Physik, Mathematik und Mechanik ekelten ihn doch arg an. Heimlich lernte er Design im Internet — auf kostenlosen Kursen, denn Geld hatte er keines. Davon träumte er, das Studium abzubrechen und Game Artist zu werden – richtig gutes Geld zu verdienen… Aber soweit kam es nicht. Tamara Wassiljewna überwachte seine Besuche im Institut, sprach regelmäßig mit den Dozenten. Mit 65 war sie etwas korpulent, hatte Atemnot, fühlte sich aber immer noch fit und tatkräftig. — Lern! — mahnte sie ihn immer wieder. — Ich habe schon mit Vasily Petrowitsch gesprochen – er nimmt dich auf dem Werksgelände auf und hilft der Karriere. Aber Stas hatte keine Lust aufs Werk! Nur fehlte ihm der Mut, seine Meinung durchzusetzen. Doch im dritten Jahr platzte er heraus. Sie feierten den Geburtstag eines Studienfreundes sehr ausgelassen, Stas trank zu viel. Schon dafür hätte ihn Oma “erschießen” können, doch er schüttete noch Öl ins Feuer. — Ich höre mit dem Studium auf! — rief er provokativ mit schwerer Zunge. — Das bringt mir doch nichts! Ich will zeichnen, kreativ sein… Ach! Was erklär ich das euch Hühnern? Das mit den “Hühnern” war vielleicht etwas übertrieben, aber er konnte nicht mehr zurück. Oma und Mutter starrten ihn verständnislos an, die eine verpasste ihm eine Kopfnuss und ging schweigend ins Zimmer, die andere half ihm ins Bett und schimpfte, solche Worte gehörten sich nicht. Am nächsten Morgen, trotz Stas’ Kater, befahl ihm die Mutter, sich bei Oma zu entschuldigen – dann würde vielleicht alles glimpflich verlaufen. — Was soll glimpflich verlaufen, Mama?! — fuhr Stas sie an und stöhnte wegen des Kopfschmerzes. — Hast du nicht genug vom Kriechen vor ihr?! Dem ewigen Tanz nach ihrer Pfeife?! Wie lange noch?! Das Gesicht der Mutter erstarrte. — Erstens: Nicht “sie”, sondern “Großmutter”, — schnitt sie ihn ab, dann sanfter: — Ohne Oma gehen wir unter, mein Sohn… Bitte, entschuldige dich bei ihr, sie vergibt dir – sie liebt dich. Und verließ das Zimmer. Doch Stas platzte vor Wut. Er schrie ihr nach: „Ich setze keinen Fuß mehr ins blöde Studium!“, packte ein paar Sachen und verließ das Haus. Eine ganze Woche lebte er bei einem Freund, dann rief die Mutter an. — Oma liegt mit Herzinfarkt im Krankenhaus. Komm bitte. Da hatte Stas schon gemerkt, dass er zu weit gegangen war, wollte aber seine Worte und Pläne nicht bereuen. Er hoffte, die weiblichen Verwandten würden ihm nachgeben, und dann käme er eben wieder nach Hause. Aber so kam es nicht. Oma hatte er zwar lieb und wollte keineswegs ihren Tod riskieren. Er eilte ins Krankenhaus, lauschte einer eindringlichen Predigt der Mutter und Tante, versprach, dass so etwas nie wieder vorkommt … Nach zwei Wochen wurde Tamara Wassiljewna entlassen. Sie wirkte gesund, nur etwas blass. Mit festem Mund lauschte sie erneut Stas’ Entschuldigung, schwieg einen Moment und erklärte: — Du hast mich enttäuscht, Stasik… Wollte dich schon enterben, das geerbte Apartment von meiner Tante an Arina verschenken… Stas glühte auf – auf diese Wohnung spekulierte er schließlich. — Nun gut, — fuhr Oma fort, — ich sehe, du hast dich besonnen, bist wieder im Studium, brav! Nur das reicht nicht … Stas und Vera starrten sie gespannt an. — Du heiratest Arina und ihr zieht zusammen ein. Aus euch wird ein großartiges Paar, — schloss Oma bedeutungsvoll. — Oma, bist du verrückt?! — Stas war baff. — Wie soll ich sie heiraten – sie ist doch meine Cousine! — Er blickte hilflos zu seiner Mutter, die nur weg sah. — Vera, — sagte Oma ermattet, — erklär du es ihm, ich habe keine Kraft mehr, — und ging schwerfällig ins Schlafzimmer. Jetzt erfuhr Stas die Wahrheit über seine Familie. Tamara Wassiljewna und ihr Mann hatten vor Jahren die zehnjährige Galina adoptiert – Tochter verstorbener Freunde. Danach waren sie in eine andere Stadt gezogen und sprachen wenig darüber. — Arina ist also keine Blutsverwandte, — schloss seine Mutter. — Das wusste ich nicht! Ich habe sie immer wie eine Schwester behandelt! Ja, wir sind nicht so eng, aber trotzdem… Ich kann sie nicht als Frau sehen. Außerdem habe ich schon (fast) eine Freundin… — Sohn, mir gefällt das Ganze auch nicht, — seufzte die Mutter. — Aber ich weiß nicht, wie wir uns aus der Sache herauswinden. Auch Stas hatte keine Idee. In der Nacht wurde er von Stimmen im Oma-Zimmer geweckt. Er erschrak: Oma ging es wieder schlechter! Doch bald merkte er: Es wurde gestritten. Zuhören gehörte sich nicht, aber… — Mama, du hast dein Leben lang Galina mehr verwöhnt als mich… Aber das geht zu weit, — empörte sich Stas’ Mutter leise. — Unsinn! Ich habe euch beide gleich geliebt. Galina hatte einfach Pech im Leben… — Wirklich? — In Veras Stimme klang unterdrückte Wut. — Oder meinst du, du büßt für deine eigenen Sünden? Glaubst du, niemand weiß, dass du heimlich mit ihrem Vater angebandelt hast? Dass ihr Liebhaber wart, und Nikolais Frau euch erwischt hat? Dass sie danach zur Versöhnung in den Kurort fuhren und dabei verunglückten? — Woher weißt du das? — Omas Stimme zitterte vor Angst. — Die Welt ist voller guter Menschen, — schnitt Vera ab. — Kurz und gut: Ich lasse nicht zu, dass du das Leben meines Sohnes ruinierst. Wenn du mit der Zwangsheirat nicht aufhörst, bist du bald allein. Stas schlüpfte gerade noch rechtzeitig ins Zimmer, um den aufgebraust herauskommenden Mutter nicht aufzufallen. Das war mal harter Tobak!… Ein paar Tage später kam Stas eher als sonst vom Studium zurück und wurde Zeuge eines weiteren Gesprächs – in letzter Zeit hatte er anscheinend ein Händchen dafür. — Du hast versprochen zu helfen! — schimpfte Tante Galina. — Du weißt, für Arina kommt eine Abtreibung nicht infrage! Der zweite Monat läuft schon – wo sollen wir schnell einen anständigen Ehemann für sie hernehmen? — Ich denke mir etwas aus, — zu Stas’ Überraschung klang Oma sehr unterwürfig. — Keine Sorge, Galina… Weiter wollte Stas gar nicht mehr zuhören, er schlich sich raus und wartete im Nachbarhof auf die Mutter. Während er ihr alles berichtete, wurde Veras Gesicht immer kälter. — Es reicht! — stieß sie schließlich hervor. Noch am selben Abend packten sie ihre Sachen, schliefen in einem Hotel und mieteten eine Wohnung. Mit Tamara Wassiljewna haben Mutter und Sohn erstmal keinen Kontakt. Vielleicht kommt Oma ja zur Vernunft, aber das ist eher unwahrscheinlich.

Am Haken des Gewissens

“Du… Woher weißt du das?” In der Stimme von Oma klang unverhohlene Angst.

“Die Welt ist nicht ohne aufrichtige Menschen”, schnitt Vera scharf. “Also, hör zu ich lasse dich nicht zu, das Leben meines Sohnes kaputtzumachen.”

Oma, Margarete Schmidt, war das Oberhaupt der Familie, und diese Wahrheit hatte Sebastian schon als Kind begriffen. Ihr zu widersprechen bedeutete ein ausgewachsenes Drama, mit Strafen wie Entzug von Taschengeld oder Freizeitaktivitäten.

Niemand wagte es, sich mit ihr anzulegen.

Bis zur Rente führte sie mit eiserner Hand die Schneiderei eines großen Betriebs, und auch zu Hause blieb sie die Chefin.

Sebastian vermutete, dass sogar Opa, der schon lange vor seiner Geburt gestorben war, unter Margaretes Pantoffel stand ganz zu schweigen von den beiden Töchtern.

Die Ältere, Vera, hatte Oma mit einem vielversprechenden Maschinenbauingenieur, Thomas, verheiratet, ohne Rücksicht darauf, dass ihre Tochter den Mann nicht liebte.

Vera brachte einen Sohn zur Welt also Sebastian und lebte noch drei Jahre in der Ehe, bis Thomas plötzlich gegen seine Schwiegermutter aufbegehrte.

Was damals genau passiert war, wusste Sebastian nicht, aber keine zwei Wochen später wurden die Eheleute geschieden und Thomas bekam eine Kündigung, nach der niemand ihn noch beschäftigen wollte.

Margarete hatte mächtige Kontakte.

Seitdem sah und hörte Sebastian von seinem Vater nichts mehr.

Der Jüngeren, Helene, gestattete Oma, aus Liebe zu heiraten einen Betriebslogistiker namens Michael.

Ihre Tochter Anna wurde geboren, als Sebastian zwei Jahre alt war. Die beiden lebten glücklich und ruhig in einer eigenen Wohnung, widersprachen der Oma nie, und Margarete war sehr zufrieden mit der Ehe. Doch Michael starb tragisch, als Anna zehn war.

Helene und Anna blieben in der Wohnung, Margarete kümmerte sich weiterhin um sie.

Sebastian hatte längst bemerkt, dass Oma mit der Jüngeren nachsichtiger umging, sie nicht so hart kommandierte, manchmal sogar freundlich war.

Er machte sich keine Gedanken darum seine eigenen Sorgen waren groß genug. Margarete hatte beschlossen, aus ihm einen anständigen Mann zu formen.

“Du wirst ein großartiger Eishockeyspieler!”, verkündete sie. Also wurde Sebastian in den Verein gesteckt.

Nach zwei Monaten bat der Trainer die Familie beinahe unter Tränen, ihn abzuholen: “Das ist nicht seins. Er ist zu schwach, würde nur seine Gesundheit ruinieren.”

Schwimmen hielt Sebastian ein halbes Jahr durch, bis sich herausstellte, dass er gegen ein Desinfektionsmittel im Bad allergisch war.

Dann folgten Bastelgruppe, Umwelt-AG, allerlei Kurse…

“Echt jetzt, Oma, ich will zeichnen!”, protestierte Sebastian eines Tages. “Warum schiebst du mich immer dahin, wo ich nicht hinwill?”

Die Mutter schnappte nach Luft wegen dieser Frechheit, Oma runzelte die Stirn und verpasste ihm einen Klaps auf den Hinterkopf.

“So redet man nicht mit Erwachsenen! Eine Woche gibt es kein Taschengeld!”

Und dazu gab es einen Familien-Boykott für den 13-jährigen Sebastian. Klar, er lernte die Lektion und bereitete sich brav auf die Uni vor für das Ingenieurstudium, die angesehene Laufbahn.

Obwohl: Irgendwie vielleicht auch dank Omas Beziehungen schaffte Sebastian die Aufnahme und studierte sogar recht ordentlich. Aber Physik, Mathe, Maschinenbau das war einfach nichts für ihn.

He heimlich lernte er Zeichnen und Design online natürlich nur auf kostenlosen Kursen, denn Geld hatte er keins.

Er träumte davon, das Studium abzubrechen, Game Artist zu werden, ordentlich zu verdienen… Aber daraus wurde nichts.

Margarete kontrollierte streng seinen Universitätsbesuch, sprach persönlich mit den Dozenten.

Mit 65 war sie korpulent, kurzatmig, aber dennoch tatkräftig und energiegeladen.

“Lern!”, mahnte sie immer wieder. “Mit Herrn Weber hab ich schon gesprochen er nimmt dich nach dem Abschluss in seine Fabrik, sorgt für deine Karriere.”

Doch Sebastian wollte gar nicht in die Fabrik! Aber den Mut, für sich einzustehen, hatte er nicht. Bis zum dritten Jahr hielt er durch dann riss ihm endgültig der Geduldsfaden.

Sie feierten zu laut den Geburtstag eines Kommilitonen, Sebastian trank zu viel. Schon dafür hätte Oma ihn abknallen können und dann legte er noch nach.

“Ich schmeiße das Studium!”, rief er herausgefordert, leicht lallend. “Das brauche ich nicht! Ich will zeichnen, kreativ sein… Ach, was soll ich Hühnern denn erklären?”

Das mit den Hühnern war sicher zu viel doch zurück kam er nicht. Oma und Mutter starrten ihn fassungslos an, dann schlug Oma ihm schweigend einen zweiten Klaps und zog sich zurück. Die Mutter half ihm ins Bett, klagte, dass so nicht gesprochen werde.

Am nächsten Morgen befahl sie, ungeachtet Sebastians Kopfschmerzen, er solle sich bei Oma entschuldigen vielleicht werde alles wieder gut.

“Wieder gut, wieso Mama? Wie lange willst du dich noch kriechen? Immer tun, was sie will? Wann reichts denn?”

Das Gesicht der Mutter wurde hart.

“Erstmal: Sag Oma, nicht sie”, entgegnete sie schroff, dann fügte sie sanfter hinzu: “Ohne Oma gehen wir verloren, Junge… Bitte, entschuldige dich bei ihr sie liebt dich doch.”

Und sie verließ das Zimmer.

Doch Sebastian war wie entfesselt. Er schrie ihr nach: “Ich geh in euren … Mist-Uni nicht mehr!”, warf ein paar Sachen in den Rucksack und zog los.

Eine Woche lebte er bei einem Freund, dann rief die Mutter an:

“Oma ist mit Herzinfarkt im Krankenhaus. Komm sofort.”

Inzwischen war Sebastian klar, dass er übertrieben hatte, aber er wollte trotzdem nicht zurückrudern. Er hoffte, die Frauen würden nachgeben dann könnte er heimkehren.

Aber so kam es anders. Oma liebte er ja, den Tod wünschte er ihr auf keinen Fall.

Er raste ins Krankenhaus, hörte sich mahnende Worte der Mutter und Tante an, gelobte Besserung…

Nach zwei Wochen wurde Margarete Schmidt nach Hause entlassen. Sie sah gesund aus, nur etwas blass.

Mit schmalen Lippen hörte sie sich Sebastians Entschuldigung an, schwieg und sagte dann:

“Du hast mich enttäuscht, Basti… Ich habe schon überlegt, dich zu enterben. Die Wohnung, die ich von meiner Schwester geerbt habe, wollte ich Anna geben…”

Bei diesen Worten lief Sebastian rot an auf dieses Wohnrecht hatte er fest gebaut.

“Aber gut”, fuhr Oma fort, “jetzt sehe ich, du bist zur Vernunft gekommen, hast das Studium wieder aufgenommen. Das ist nicht genug”

Sebastian und Vera starrten sie angespannt an.

“Du wirst Anna heiraten und gemeinsam dort wohnen. Ihr seid ein tolles Paar”, schloss Margarete ihre Rede.

“Oma, was soll das? Wie soll ich sie heiraten sie ist doch meine Cousine!”, blickte Sebastian hilflos zur Mutter, die weg schaute.

“Vera”, seufzte Oma erschöpft, “erklär es ihm, ich kann nicht mehr” und trottete schwerfällig ins Schlafzimmer.

Da erfuhr Sebastian, was er nie gewusst hatte.

Margarete und ihr Mann hatten vor Jahren zehnjähriges Adoptivkind Helene aufgenommen Tochter verstorbener Freunde.

Sie waren daraufhin in eine andere Stadt gezogen und hatten dies nie groß kommuniziert.

“Anna ist also nicht deine Blutverwandte”, schloss die Mutter.

“Das wusste ich nicht! Für mich war sie immer Schwester! Wir hatten nie großen Kontakt, aber ich kann sie doch nicht als Frau sehen.”

“Außerdem”, murmelte Sebastian, “ich habe selbst eine Freundin naja, fast”

“Mir gefällt der Plan auch nicht”, seufzte die Mutter. “Aber was sollen wir tun?”

Auch Sebastian wusste keinen Ausweg. Nachts wachte er von Stimmen im Schlafzimmer der Oma auf.

Zunächst erschrak er wieder gesundheitliche Probleme? dann erkannte er Streit.

Nicht schön, zu lauschen, ja Aber

“Mama, du hast dein Leben lang Helene bevorzugt, ihr alles durchgehen lassen Das ist zu viel”, klagte seine Mutter leise.

“Hör auf zu fantasieren! Ich habe euch gleich geliebt. Aber Helenes Schicksal war schwer”

“So, ja?” Veras Stimme war voller Zorn. “Oder willst du deine Schuld abtragen? Denkst, keiner weiß, dass du was mit ihrem Vater hattest?”

Dass ihr Affäre mit Nikolaus hinter Helens Rücken ablief? Und dass seine Ehefrau euch erwischte? Und dass sie danach zum Versöhnungswochenende ins Kurhaus fuhren und verunglückten?”

“Du… Woher weißt du das?” In Omas Stimme lag blankes Entsetzen.

“Die Welt ist nicht ohne aufrichtige Menschen”, erwiderte Vera eiskalt. “Egal ich lasse dich nicht das Leben meines Sohnes ruinieren.”

Wenn du mit dieser verdammten Heirat nicht aufhörst, kannst du sehen, wie du allein fertig wirst.

Sebastian hastete zurück in sein Zimmer, als seine Mutter herausstürmte, um ihr nicht aufzufallen. Was für eine Geschichte!

Am nächsten Tag kam er früher aus der Uni und hörte erneut einen aufwühlenden Dialog. In letzter Zeit schien er ihnen regelrecht über den Weg zu laufen

“Du hast Hilfe versprochen!”, klagte Tante Helene. “Du weißt doch, Anna kann keinen Abbruch haben! Der zweite Monat läuft schon wie finden wir so schnell einen anständigen Ehemann?”

“Ich überlege mir was”, sagte Oma zu Sebastians Überraschung ungewohnt unterwürfig. “Keine Sorge, Helenchen”

Mehr hörte er nicht, schlich sich hinaus und wartete im Nachbarhof auf die Rückkehr der Mutter. Während seines Berichts wurde Veras Miene immer verschlossener.

“Es reicht!”, presste sie am Ende hervor.

Am selben Abend packten sie ihre Sachen und verbrachten die Nacht in einem Hotel, danach mieteten sie eine kleine Wohnung. Mit Margarete Schmidt haben Mutter und Sohn keinen Kontakt mehr. Vielleicht kommt Oma zur Besinnung aber wahrscheinlich nicht.

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Homy
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Am Haken des Gewissens — Woher… Woher weißt du das? — In der Stimme der Oma klang deutliche Angst. — Es gibt noch gute Menschen auf der Welt, — konterte Vera. — Kurz gesagt: Ich lasse nicht zu, dass du das Leben meines Sohnes ruinierst. Großmutter Tamara Wassiljewna führte in der Familie das Regiment — diese Tatsache hatte Stas schon als Kind verinnerlicht. Widersetzte sich jemand, gab es einen handfesten Familienkrach und Strafen wie Entzug von Taschengeld und Freizeit. Dementsprechend wagte niemand, ihr zu widersprechen. Bis zur Rente leitete sie mit eiserner Hand eine große Schneiderei und hat dieses Bild auch zuhause nie abgelegt. Stas vermutete, dass sogar der Großvater, der noch vor seiner Geburt gestorben war, unter Tamara Wassiljewnas Fuchtel stand. Was sollte man da von ihren beiden Töchtern erwarten? Die Ältere, Vera, verheiratete Oma mit einem vielversprechenden Ingenieur namens Igor, ohne groß darauf zu achten, dass ihre Tochter den Mann gar nicht liebte. Vera gebar einen Sohn (also Stas) und lebte noch drei weitere Jahre in der Ehe, bis der Schwiegersohn sich eines Tages gegen die Schwiegermutter stellte. Was da vorgefallen war, wusste Stas nicht, aber nach kaum zwei Wochen ließ sich das Paar scheiden und Igor wurde mit schlechtem Zeugnis aus seiner Arbeit entlassen. Tamara Wassiljewna hatte sehr einflussreiche Beziehungen. Seitdem hat Stas seinen Vater nie wieder gesehen oder gehört. Der Jüngeren, Galina, gestattete Oma, aus Liebe zu heiraten — Vitali arbeitete als Lieferant. Als Stas zwei Jahre alt war, kam ihre Tochter Arina zur Welt. Die Eheleute lebten friedlich und glücklich in einer eigenen Wohnung, widersprachen Oma nicht, und diese war zufrieden mit dem Glück dieser Ehe. Doch Vitali starb, als Arina gerade zehn wurde. Galina und Arina blieben in ihrer Wohnung, unter Omas Beobachtung und mit ihrer Unterstützung. Stas fiel schon lange auf, dass Oma ihrer jüngeren Tochter gegenüber etwas nachsichtiger war, nie ganz so streng und manchmal sogar ein warmes Wort für sie fand. Er beschäftigte sich damit nicht weiter – er hatte selbst genug zu tun. Tamara Wassiljewna wollte aus ihm einen „anständigen Mann“ formen und steckte viel Energie hinein. — Du wirst ein berühmter Eishockeyspieler! — verkündete sie eines Tages, und ab ging’s in den Sportverein. Nach wenigen Monaten bat der Trainer beinahe unter Tränen, ihn doch wieder herauszunehmen: “Das ist nicht seins, da macht er sich nur kaputt.” Beim Schwimmen hielt Stas ein halbes Jahr durch, bis eine Allergie gegen ein Poolpflegemittel diagnostiziert wurde. Dann folgten Bastelkreis, Umweltgruppe, irgendwas war immer los… — Oma, ich will zeichnen! — protestierte Stas eines Tages. — Warum drängst du mich ständig irgendwo hin, wo ich gar nicht hin will?! Seine Mutter schnappte vor Empörung nach Luft, die Oma zog die Brauen zusammen und verpasste ihm eine Kopfnuss. — Wie sprichst du mit Erwachsenen? Streicht dir das Taschengeld für eine Woche! Außerdem verhängte die Familie einen Boykott gegen den 13-jährigen Stas. Er lernte seine Lektion und bereitete sich dann brav auf die Prüfungen zum Maschinenbaustudium vor – “eine respektable Karriere”, wie die Oma es wollte. Fast ein Wunder (oder doch Omas Beziehungen?) brachte ihn ins Studium, und er kam ganz gut klar. Doch die Physik, Mathematik und Mechanik ekelten ihn doch arg an. Heimlich lernte er Design im Internet — auf kostenlosen Kursen, denn Geld hatte er keines. Davon träumte er, das Studium abzubrechen und Game Artist zu werden – richtig gutes Geld zu verdienen… Aber soweit kam es nicht. Tamara Wassiljewna überwachte seine Besuche im Institut, sprach regelmäßig mit den Dozenten. Mit 65 war sie etwas korpulent, hatte Atemnot, fühlte sich aber immer noch fit und tatkräftig. — Lern! — mahnte sie ihn immer wieder. — Ich habe schon mit Vasily Petrowitsch gesprochen – er nimmt dich auf dem Werksgelände auf und hilft der Karriere. Aber Stas hatte keine Lust aufs Werk! Nur fehlte ihm der Mut, seine Meinung durchzusetzen. Doch im dritten Jahr platzte er heraus. Sie feierten den Geburtstag eines Studienfreundes sehr ausgelassen, Stas trank zu viel. Schon dafür hätte ihn Oma “erschießen” können, doch er schüttete noch Öl ins Feuer. — Ich höre mit dem Studium auf! — rief er provokativ mit schwerer Zunge. — Das bringt mir doch nichts! Ich will zeichnen, kreativ sein… Ach! Was erklär ich das euch Hühnern? Das mit den “Hühnern” war vielleicht etwas übertrieben, aber er konnte nicht mehr zurück. Oma und Mutter starrten ihn verständnislos an, die eine verpasste ihm eine Kopfnuss und ging schweigend ins Zimmer, die andere half ihm ins Bett und schimpfte, solche Worte gehörten sich nicht. Am nächsten Morgen, trotz Stas’ Kater, befahl ihm die Mutter, sich bei Oma zu entschuldigen – dann würde vielleicht alles glimpflich verlaufen. — Was soll glimpflich verlaufen, Mama?! — fuhr Stas sie an und stöhnte wegen des Kopfschmerzes. — Hast du nicht genug vom Kriechen vor ihr?! Dem ewigen Tanz nach ihrer Pfeife?! Wie lange noch?! Das Gesicht der Mutter erstarrte. — Erstens: Nicht “sie”, sondern “Großmutter”, — schnitt sie ihn ab, dann sanfter: — Ohne Oma gehen wir unter, mein Sohn… Bitte, entschuldige dich bei ihr, sie vergibt dir – sie liebt dich. Und verließ das Zimmer. Doch Stas platzte vor Wut. Er schrie ihr nach: „Ich setze keinen Fuß mehr ins blöde Studium!“, packte ein paar Sachen und verließ das Haus. Eine ganze Woche lebte er bei einem Freund, dann rief die Mutter an. — Oma liegt mit Herzinfarkt im Krankenhaus. Komm bitte. Da hatte Stas schon gemerkt, dass er zu weit gegangen war, wollte aber seine Worte und Pläne nicht bereuen. Er hoffte, die weiblichen Verwandten würden ihm nachgeben, und dann käme er eben wieder nach Hause. Aber so kam es nicht. Oma hatte er zwar lieb und wollte keineswegs ihren Tod riskieren. Er eilte ins Krankenhaus, lauschte einer eindringlichen Predigt der Mutter und Tante, versprach, dass so etwas nie wieder vorkommt … Nach zwei Wochen wurde Tamara Wassiljewna entlassen. Sie wirkte gesund, nur etwas blass. Mit festem Mund lauschte sie erneut Stas’ Entschuldigung, schwieg einen Moment und erklärte: — Du hast mich enttäuscht, Stasik… Wollte dich schon enterben, das geerbte Apartment von meiner Tante an Arina verschenken… Stas glühte auf – auf diese Wohnung spekulierte er schließlich. — Nun gut, — fuhr Oma fort, — ich sehe, du hast dich besonnen, bist wieder im Studium, brav! Nur das reicht nicht … Stas und Vera starrten sie gespannt an. — Du heiratest Arina und ihr zieht zusammen ein. Aus euch wird ein großartiges Paar, — schloss Oma bedeutungsvoll. — Oma, bist du verrückt?! — Stas war baff. — Wie soll ich sie heiraten – sie ist doch meine Cousine! — Er blickte hilflos zu seiner Mutter, die nur weg sah. — Vera, — sagte Oma ermattet, — erklär du es ihm, ich habe keine Kraft mehr, — und ging schwerfällig ins Schlafzimmer. Jetzt erfuhr Stas die Wahrheit über seine Familie. Tamara Wassiljewna und ihr Mann hatten vor Jahren die zehnjährige Galina adoptiert – Tochter verstorbener Freunde. Danach waren sie in eine andere Stadt gezogen und sprachen wenig darüber. — Arina ist also keine Blutsverwandte, — schloss seine Mutter. — Das wusste ich nicht! Ich habe sie immer wie eine Schwester behandelt! Ja, wir sind nicht so eng, aber trotzdem… Ich kann sie nicht als Frau sehen. Außerdem habe ich schon (fast) eine Freundin… — Sohn, mir gefällt das Ganze auch nicht, — seufzte die Mutter. — Aber ich weiß nicht, wie wir uns aus der Sache herauswinden. Auch Stas hatte keine Idee. In der Nacht wurde er von Stimmen im Oma-Zimmer geweckt. Er erschrak: Oma ging es wieder schlechter! Doch bald merkte er: Es wurde gestritten. Zuhören gehörte sich nicht, aber… — Mama, du hast dein Leben lang Galina mehr verwöhnt als mich… Aber das geht zu weit, — empörte sich Stas’ Mutter leise. — Unsinn! Ich habe euch beide gleich geliebt. Galina hatte einfach Pech im Leben… — Wirklich? — In Veras Stimme klang unterdrückte Wut. — Oder meinst du, du büßt für deine eigenen Sünden? Glaubst du, niemand weiß, dass du heimlich mit ihrem Vater angebandelt hast? Dass ihr Liebhaber wart, und Nikolais Frau euch erwischt hat? Dass sie danach zur Versöhnung in den Kurort fuhren und dabei verunglückten? — Woher weißt du das? — Omas Stimme zitterte vor Angst. — Die Welt ist voller guter Menschen, — schnitt Vera ab. — Kurz und gut: Ich lasse nicht zu, dass du das Leben meines Sohnes ruinierst. Wenn du mit der Zwangsheirat nicht aufhörst, bist du bald allein. Stas schlüpfte gerade noch rechtzeitig ins Zimmer, um den aufgebraust herauskommenden Mutter nicht aufzufallen. Das war mal harter Tobak!… Ein paar Tage später kam Stas eher als sonst vom Studium zurück und wurde Zeuge eines weiteren Gesprächs – in letzter Zeit hatte er anscheinend ein Händchen dafür. — Du hast versprochen zu helfen! — schimpfte Tante Galina. — Du weißt, für Arina kommt eine Abtreibung nicht infrage! Der zweite Monat läuft schon – wo sollen wir schnell einen anständigen Ehemann für sie hernehmen? — Ich denke mir etwas aus, — zu Stas’ Überraschung klang Oma sehr unterwürfig. — Keine Sorge, Galina… Weiter wollte Stas gar nicht mehr zuhören, er schlich sich raus und wartete im Nachbarhof auf die Mutter. Während er ihr alles berichtete, wurde Veras Gesicht immer kälter. — Es reicht! — stieß sie schließlich hervor. Noch am selben Abend packten sie ihre Sachen, schliefen in einem Hotel und mieteten eine Wohnung. Mit Tamara Wassiljewna haben Mutter und Sohn erstmal keinen Kontakt. Vielleicht kommt Oma ja zur Vernunft, aber das ist eher unwahrscheinlich.
Befreit — Im Ernst? Ich glaub dir kein Wort. So hätte deine Mutter doch niemals handeln können! — rief Sonja aus. — Doch, das konnte sie, — entgegnete Andreas düster. — Aber wir haben das doch so oft besprochen, alles gemeinsam geplant … — Wir! Das ist das Stichwort — «wir»! — sagte Andreas. — Sie aber, sie hatte offensichtlich ganz eigene Pläne … Andreas war Sonja gegenüber ziemlich verlegen. Aber was sollte er machen?! *** — Was für eine Idylle! Der Schrebergarten! Weißt du noch, Andi, wie dein Vater immer von einer Laube geträumt hat? — schwärmte Margarita Wassiljewna, Andreas’ Mutter und Sonjas Schwiegermutter. — Ach was frag ich, du warst ja damals noch ein kleiner Junge! Papa und ich haben jahrelang für diesen Garten gespart, das weiß ich noch genau … Margarita Wassiljewna saß beschattet unter dem weit ausladenden Apfelbaum auf ihrem geflochtenen Lieblingssessel. Andreas hatte ihn fürsorglich hinausgetragen und direkt vor die Gartenlaube gestellt, damit seine Mutter beim Plaudern alles im Blick hatte. Margarita Wassiljewna schwelgte in Erinnerungen und beobachtete zufrieden, wie ihre Schwiegertochter Sonja und Andreas Kartoffeln anhäufelten, während die fünf und sechs Jahre alten Enkel zwischen den Beeten Fangen spielten. Die Sonne war schon am Untergehen, doch es blieb viel zu tun. Aber kein Problem! Die Kinder würden mithelfen, dafür waren sie schließlich auch da. — Ach Kinder, danke euch! Was täte ich nur ohne euch? — seufzte Margarita Wassiljewna. — Gestern wollte ich eigentlich noch selbst mit der S-Bahn in den Garten fahren, sind ja auch nur etwa vierzig Minuten. Aber am Abend hat’s mir so schlimm den Rücken verrissen! Da blieb mir nichts übrig, als euch zu bitten. Die Arbeit türmt sich – Kartoffeln müssen gehäufelt, Karotten gejätet und ausgedünnt werden, und und und; aber ich bin nur noch Klotz am Bein. Weder bücken noch setzen kann ich mich, eine richtige Last … — Machen Sie sich keine Sorgen, Margarita Wassiljewna, — entgegnete Sonja höflich lächelnd. — Natürlich helfen wir Ihnen, wir sind doch eine Familie. Auch wenn ihr nicht wirklich nach Lächeln zumute war. Wieder einmal hatte Andreas’ Mutter all ihre Pläne über den Haufen geworfen! Eigentlich wollten sie dieses Wochenende mit den Kindern im Erlebnisbad entspannen. Die Jungs hatten sich schon so darauf gefreut, endlich einmal dorthin zu fahren. Aber Margarita Wassiljewna … Sie ging natürlich vor – wichtiger als jedes Erlebnisbad oder sonstige Pläne. Sie brauchte ja Hilfe. So sah das eben Andreas, der gute, wohlerzogene, hilfsbereite und einzige Sohn. Und Sonja ertrug es und wollte keinen Streit. — Erlebnisbad?! — wunderte sich Margarita Wassiljewna damals am Telefon. — Wozu das denn, nur Chlorluft! Gleich daneben ist doch die Havel! Da kann man auch baden! Wer geht denn bei so schönem Wetter ins Erlebnisbad? Unsinn. Baden wurde es nicht. Keine Zeit. Und der Fluss war eben doch nicht das Erlebnisbad – das Wasser war eher schmutzig. — Was soll man dort denn machen? — sagte Margarita Wassiljewna und drückte Andreas und Sonja, kaum aus dem Auto gestiegen, reichlich angerostete Spaten und Hacken in die Hand. — Mücken füttern? Die Einheimischen springen schon alle noch in die Havel, aber es wird von Jahr zu Jahr dreckiger dort. Die Enten schwimmen direkt bei den Badenden vorbei, und im Fernsehen hieß es heute noch: Bloß nicht bei Enten baden, sonst bekommt man irgendwelche Ausschläge! In Berliner Teichen, na gut, da sind Enten vielleicht harmlos, aber im Fluss? Nein danke. Sonja schwieg, biss die Zähne zusammen und erwiderte nichts auf die Tirade ihrer Schwiegermutter. Die Kinder hatten sich aufs Baden gefreut, und auch ihr war danach gewesen. Aber wann hätten sie das machen sollen? Im Garten gab es zu viel zu tun. Sie waren ja zum Helfen gekommen. Der Schrebergarten war in schlechtem Zustand. Die betagte Laube musste renoviert werden. Der Zaun hing windschief, das Tor war kaum mehr nutzbar. Die Regentonnen waren durchgerostet, die Himbeer-, Stachelbeer- und Johannisbeersträucher waren zu einer undurchdringlichen Hecke verwachsen – wie im Märchen vom Dornröschen, das von einem hinausreisenden Prinzen befreit werden musste. Unkraut überall, die Gemüsebeete wild verstreut im Schatten der ungepflegt auswuchernden Bäume, deren Kronen längst niemand mehr gestutzt hatte. Nachdem Andreas’ Vater, Dietmar, gestorben war, hatte Margarita Wassiljewna den Garten jahrelang vernachlässigt. Das Auto des Mannes hatte sie verkauft – sie hatte ja keinen Führerschein, und Andreas hatte ein eigenes Fahrzeug. Plötzlich entschied sie dann, sie dürfe die Gartenlaube aus Respekt vor dem verstorbenen Mann nicht vergammeln lassen. Es war sein großer Traum, sein Lebenswerk! Wie viel Arbeit habe er da reingesteckt! Sie fühlte sich auf einmal schuldig, das alles versanden zu lassen und legte mit Feuereifer wieder los. Anfangs schuftete sie noch alleine, fuhr mit der S-Bahn raus; aber Pflanzen und Gartenarbeit hatten immer Dietmar erledigt, Margarita hatte keine Ahnung. Doch sie beschloss tapfer, sich einzuarbeiten – ihrem Mann zuliebe. Geld hatte Margarita nie übrig: Also flackerte sie den Zaun notdürftig, an einer Stelle flocht sie sogar ein Stück aus Zweigen und Ästen, wie ein wackliges Buschwerk. Als Andreas einmal zu Hilfe kam und das sah, schüttelte er nur seufzend den Kopf. Am selben Abend beschlossen er und Sonja, zumindest den billigsten neuen Zaun aufstellen zu lassen. Das Dach der Laube reparierten sie selbst, ersetzten die Tür, und besorgten ein neues Gewächshaus. — Ach Kinder, macht euch doch keinen Stress, — wiegelte Margarita Wassiljewna freundlich ab. — Ich bastle hier nur ein bisschen für unseren Dietmar, und damit mir zu Hause nicht die Decke auf den Kopf fällt. Ihr habt euer Leben, ich meins … Aber frisches Gemüse, Kartoffelchen, die Beeren für die Enkel – das ist doch toll! Ihr profitiert ja auch selbst davon. Für Grillfeste könnt ihr den Garten immer nutzen, Feiertage feiern, und irgendwann, wenn es so weit ist, bekommt ihr alles. Du bist ja mein einziger Sohn, Andi. — Ach Mama, lass doch das Traurige, — bremste Andreas die Mutter und küsste sie auf die Wange. Sie umarmte ihn dann immer lange und wischte sich verstohlen eine Träne weg. So fing es an. Nach und nach wurde die ganze Freizeit von Sonja und Andreas vom Garten beansprucht. Wie verhext, überfiel Margarita Wassiljewna jedes Mal eine andere „Krankheit“, sobald sie zusammenkamen. Dann saß sie auf ihrem Sessel, in eine Decke gehüllt, jammerte über Kopf, Rücken oder Seite – und dirigierte mit kräftiger Stimme die Gartenarbeiten. — Mein Junge! Da, nimm den Spaten mit dem blauen Griff, der ist schärfer! Genau, der steht neben dem Rechen, — rief sie. — Und da steht noch Farbe auf dem Boden, das Gartentor muss gestrichen werden. Das eilt aber nicht. Aber wenn du willst, ich sag dir gleich, wo ich den Pinsel hingelegt hab, ich hab alles schon besorgt. Andreas führte sogfältig alle Anweisungen der Mutter aus und tat so, als gäbe es nichts Schöneres, als Beete umzugraben und Tore zu streichen. Dabei träumte er eigentlich von anderen Aktivitäten am Wochenende. Aber die Mutter betonte immer wieder, sie täten das nicht für sie, sondern für sich und die Kinder. — Schließlich wird alles euer! Ihr arbeitet für euch, — so beschwor es die Schwiegermutter. Schließlich bekam der Garten ein neues Gesicht. Nur ein paar Erdbeerstauden blieben, viele Felder wichen Blumenbeeten und frisch eingesätem Rasen. Jetzt konnte man endlich Grillfeste feiern und Gäste einladen. Platz war da genug. — Sonja, lass uns deinen Geburtstag im Garten feiern, — schlug Andreas vor. — Wir laden Freunde ein, grillen, gehen an die Havel, angeln … — Klingt super! — Sonja lächelte. Sie hatten so viel investiert, jetzt war es höchste Zeit, ihren Lohn zu genießen. Sonja rief gleich ihre beste Freundin an, mit der sie und die Familie schon lange befreundet waren — ihre Kinder waren auch im passenden Alter. Sogar Sonjas Cousine mit Ehemann lud sie ein. Die Vorbereitungen liefen auf Hochtouren – gemeinsames Einkaufen im Großmarkt begeisterte die Kinder. Alle redeten nur noch vom Fest. Freunde und Familie waren voller Vorfreude. Doch als Sonja und Andreas den Tag vor dem Fest zum Garten fuhren, um ein paar Sachen abzuladen, hing am Tor ein großes, fremdes Vorhängeschloss. — Was soll das? — Andreas runzelte die Stirn, hielt die plötzlich nutzlosen alten Schlüssel in der Hand. Im offenen Kofferraum lagen neuer Grill, Spieße, Angelruten – alles, was sie gekauft hatten. Die Kinder hüpften herum und fingen gleich an zu spielen. Sonja schwieg ratlos. — Weißt du … — setzte Andreas an. — Meine Mutter hat mich gestern angerufen, ich war aber gerade am Steuer und konnte nicht rangehen. Später sah ich ihre Nachricht, sie hätte eine Überraschung für uns. Ich hab dem keine besondere Bedeutung beigemessen – und dann völlig vergessen … Ich ruf sie gleich an. — Mama, hast du das Schloss am Gartentor ausgewechselt? — fragte Andreas direkt, als sie am Telefon war. — Na toll, jetzt ist die ganze Überraschung futsch … — seufzte Margarita Wassiljewna. — Warum seid ihr denn überhaupt dahin gefahren? Da kam die schockierende Nachricht: Sie hatte den Garten vor zwei Tagen verkauft. — Ich habe ein super Angebot bekommen, — erklärte sie am Telefon dem völlig fassungslosen Andreas. — Wie hätte ich da ablehnen können! Ihr seid doch immer nur widerwillig rausgefahren, das hab ich genau gesehen. Ihr habt mich sicher verflucht … Jetzt müsst ihr nicht mehr, freut euch! Bin die Last endlich los! Und ihr auch. Die Abwicklung ging schnell, alles ganz sauber – und die Käufer sind keine Betrüger, sondern eine zuverlässige Kollegin von der Arbeit. Sie hat sich um alles gekümmert. — Du hast UNSEREN Garten verkauft?! — stammelte Andreas fassungslos. — Nicht unseren, mein Sohn, meinen — das muss ich dir klar sagen, — entgegnete Margarita Wassiljewna. — Er gehörte dir ja nie. Aber egal, ich hab schon alles geplant! Von dem Geld fahren wir alle zusammen ans Meer! Das war die Überraschung, aber jetzt hast du sie verdorben. Ich wollte es euch feierlich bei euch zuhause erzählen, weil Sonja ja bald Geburtstag hat. Ihr wart doch noch nie am Meer – immer nur Arbeit, Arbeit! Jetzt gönne ich es euch allen. Den Rest leg ich auf ein Sparbuch. Aber jetzt verrate mir doch mal, warum ihr heute überhaupt in den Garten gefahren seid? Die Nachricht traf Sonja so sehr, dass sie im Auto in Tränen ausbrach. Andreas schwieg düster und trommelte mit den Fingern auf das Lenkrad. Die Jungs tobten schon längst um die geparkte Karre herum – sie fanden immer eine Beschäftigung. — Weißt du was, Schwamm drüber … — sagte Andreas schließlich. — Jede Last hat ihr ausgedient. — Ich finds so schade, um all die Zeit und Kraft, die wir in diesen Garten gesteckt haben! Unsere freien Wochenenden – immer nur Arbeit, nie Erholung, — murmelte Sonja traurig. Sie saßen im Auto, blickten auf das frisch reparierte Dach, den Apfelbaum voll Früchten, den neuen Zaun. Aber all das war jetzt Eigentum eines Fremden. — Schon wahr … — stimmte Andreas zu. — Aber was willst du machen? Und weißt du – aufs Meer hab ich gar keine Lust mehr. Soll sie doch alleine fahren … *** Letztlich fuhr die ganze Familie doch – Margarita Wassiljewna bestand darauf. Zusammen verbrachten Andreas, Sonja, die Kinder und sie ein paar Tage am Meer. — Seht ihr, was ich euch für ein fürstliches Geschenk gemacht habe? Alles für euch! — lobte sich Margarita Wassiljewna. — Dima hätte das auch so gewollt. Die Trauer um ihren verstorbenen Mann ließ sie nicht ganz los. Doch jetzt war sie überzeugt, mit dem Garten genug für ihn getan zu haben. Es war Zeit, an sich zu denken. — Man lebt nur einmal. Oder wie sagt man? „Man muss das Leben genießen!“ — erklärte Margarita Wassiljewna zufrieden, voller Stolz, während ihre fröhlichen, gebräunten Enkel wieder einmal durch die Wohnung tobten. Bereut hat sie nichts. *** — Ich vermisse den Garten trotzdem, — sagte Sonja immer wieder zu ihrem Mann. — Er wuchs uns ans Herz. — Wie auch nicht, wir haben ja jeden Stein dort selbst verlegt, jedes Beet liebevoll gepflegt, — erwiderte Andreas. — Für Mutter war der Garten eine Bürde. Und sie hat mir klargemacht, dass es nie meiner war – solche Dinge muss man sich eben selbst erarbeiten … — Ja. Selbst … — sagte Sonja nachdenklich. Was sie noch alles dachte, behielt sie für sich. Warum Andreas weiter traurig machen?