Unverschämte Verwandtschaft
Also, so siehts aus, Gertrud, Hildegard schaute mich ohne jedes Lächeln an. Wir reichen die Unterlagen für die Telekom-Fachschule im Juni ein.
Unsere Luise kommt dann gleich mit Sack und Pack. Wir sind ja schließlich Familie, da muss sie nicht durch irgendwelche Wohnheime tingeln. Denk nochmal darüber nach.
Mit solchen Kränkungen lebt man ein Leben lang, das sag ich dir.
Ich hab schon darüber nachgedacht, Hildegard, antwortete ich und zog mir den Mantel über. Als Gast ist Luise mir immer willkommen.
Am Wochenende vorbeikommen, zusammen ins Museum gehen klar, gern. Aber leben wird sie bei mir nicht.
Ich übernehme nicht so eine Verantwortung.
Übernimmt sie keine Verantwortung! Hildegard verschränkte die Arme. Tja! Wie sagt man in Hamburg so schön? Die Stadt nimmt den Menschen das Herz.
Das Sektperlen sprudelte im Glas, aber die Hochzeitsgäste hatten längst begonnen, über die Frischvermählten zu tuscheln.
Larissa, die den schweren Rock ihres Brautkleides zurecht zupfte, lächelte müde in die gespannten Gesichter der Verwandten sie war völlig erschöpft.
Eine Hochzeit in Hamburg ist eine teure und nervenaufreibende Sache, wie ich feststellen musste. Besonders, wenn die Hälfte der Gäste aus einer winzigen Ortschaft bei Lüneburg anreisen.
Meine Tante Hildegard, im enger sitzenden Glitzerkleid, saß neben meiner Schwiegermutter Gertrud.
Ständig zupfte sie an ihrer üppigen Frisur und blickte durch die großen Fenster des Restaurants auf das Getümmel der Stadt.
Mensch, Gertrud, sie rutschte näher an mich heran ihr wohnt ja richtig schick hier. Und Larissa hat nun auch so einen netten Kerl erwischt. Die beiden haben eine eigene Wohnung, ein Auto …
Jetzt wirst du wohl ganz allein wie eine Königin in deiner Drei-Zimmer-Wohnung residieren, was?
Ich lächelte höflich und trank einen Schluck Saft.
Ach, von wegen Königin, Hilde. Ich bin froh, endlich mal Ruhe zu haben. Die letzten Jahre waren stressig genug.
Ruhe ist doch langweilig, Hildegard blinzelte. Ein bisschen mehr Schwung würde dir guttun. Sonst verstaubst du noch in deinen vier Wänden. Wir haben da schon mit Rudi gesprochen …
Unsere Luise, die ist jetzt vierzehn, im nächsten Jahr macht sie ihren Realschulabschluss. In dem Dorf… da ist doch nichts mehr du verstehst das. Sie sollte lieber eine anständige Ausbildung in Hamburg machen.
Ich wurde vorsichtig ich kannte diesen Tonfall. Mit dem bat sie mich sonst um ein paar Euro bis zum Ersten.
Bekommen habe ich das Geld nie zurück. Also sagte ich vorsichtig:
Es ist doch noch etwas früh, sich Gedanken über die Ausbildung zu machen, Hilde. Luise hat noch einige Zeit Schule vor sich.
Die Zeit vergeht aber schnell! Hildegard hob die Hände, beinahe hätte sie den vorbeilaufenden Kellner angerempelt. Wir haben schon alles entschieden. Sie kommt zu dir. Du hast doch jetzt ein freies Zimmer, sogar zwei Larissa ist ja gerade ausgezogen.
Luise ist ein anständiges Mädel, sie wird dir nicht stören. Du kümmerst dich um sie, gibst ihr was zu essen, und wir schicken dir Kartoffeln und Fleisch aus dem Dorf
Ich stellte mein Glas auf den Tisch.
Hilde, meinst du das ernst? Ich bin zweiundsechzig, mein Blutdruck ist nicht mehr der beste. Ich bin einfach nicht mehr in der Lage, mich um einen Teenager zu kümmern.
Die braucht doch eine ständige Aufsicht, und ich bin ständig beim Arzt oder muss mich mal ausruhen.
Hildegard schnaubte abfällig und stocherte mit der Gabel im Sülzstück.
Ach was, Blutdruck! Du steckst doch die Jungen in die Tasche!
Luise ist ein Goldstück. Sie putzt für dich, bringt die Einkäufe heim. Du wirst dich freuen!
Oder willst du hier alleine verschimmeln?
Rudi und ich haben das alles schon besprochen.
Er meint: Gertrud ist ein prima Mensch die wirft ihre eigene Nichte doch nicht auf die Straße.
Warum denn unbedingt bei mir? Sie kann sich eine kleine Wohnung mieten. Oder wenigstens ein Zimmer. Ich möchte einfach mal an mich denken. Zum ersten Mal seit vierzig Jahren!
An dich! Hildegard lachte laut. Hört euch das an! Kaum lebt die Schwester in der Stadt, will sie von der Familie nichts mehr wissen!
Obwohl wir dir Kartoffeln, Speck und Pilze im Herbst kiloweise nach Hamburg gebracht haben, und jetzt… an sich selber denken.
Sogar Larissa hat sich zu fein für uns gemacht.
Larissa bemerkte, dass die Gäste bereits tuschelten. Sie trat zu mir.
Ist alles zu deiner Zufriedenheit, Mama? Das Hauptgericht kommt gleich, sie lächelte.
Alles bestens, mein Schatz, läuft super, mein Schwager, der bisher schweigend gegessen hatte, schaute mit glasigem Blick zu ihr auf. Nur mit deiner Mutter gibts Theater.
Wir wollen unsere Tochter bei ihr unterbringen, damit sie in Hamburg eine Ausbildung machen kann, aber sie stellt sich quer.
Kannst du nicht mal mit ihr reden? Vielleicht hört sie ja auf dich.
Larissa richtete sich auf.
Luise will nach Hamburg? Das ist großartig. Sie kann sich bewerben.
Normalerweise gibt es in Berufsschulen Wohnheime das ist eine gute Lebensschule, ich hab das selbst erlebt.
Wohnheim? Meine Tante verschluckte sich fast. Aber da sind doch nur Chaoten! Was soll sie dort lernen?
Bei der Tante hätte sie ihr eigenes Zimmer.
Gertrud, sag doch was. Du hast deine Kinder großgezogen, jetzt kannst du doch auch uns mal helfen.
Ich habe alles gesagt, Hilde, antwortete ich und stand auf. Lassen wir das, heute wird gefeiert, nicht über ungelegte Eier gestritten.
Entschuldigt, ich muss mal raus.
Schnell ging ich zur Damentoilette, Larissa folgte mir, während die anderen sich empört untereinander berieten.
***
Im Waschraum durchwühlte ich meine Handtasche nach meiner Tablette.
Mama, beruhig dich, Larissa stand neben mir, drehte das Wasser auf und reichte mir ein feuchtes Tuch für den Nacken. Die haben wirklich jeden Anstand vergessen.
Hörst du das, Larissa? Die haben schon alles ohne mich geklärt. Sogar Rudi … prima Mensch.
Zehn Jahre habe ich sie nicht gesehen, außer mal Hallo und Tschüss am Telefon. Plötzlich soll ich ihre Tochter für Jahre aufnehmen!
Mama, stimme da bloß nicht zu! Ich kenne die doch.
Kaum betritt Luise deine Wohnung, wirst du zur Haushälterin.
Dann kochst du für zwei, wäscht Wäsche, hörst dir ihre Launen an, und Hilde ruft jeden Abend an und fragt, warum die Kleine um zehn noch nicht daheim ist.
Willst du das wirklich?
Nein, ich seufzte. Aber sie wären dann gekränkt. Ist ja Familie. Wir hatten ja lange Kontakt…
Kontakt, Mama? Einmal im Jahr schicken sie dir einen Sack Äpfel, meist schon faulig, und monatelang hörst du, wie großzügig sie waren.
Das ist kein Kontakt. Komm, wir gehen zurück.
Ignoriere sie einfach, antworte auf keine fiesen Fragen.
Aber das Ignorieren klappte schlecht. Den restlichen Abend benahmen sich Hildegard und Rudi besonders laut,
Sie setzten sich zu den anderen Gästen, schwadronierten darüber, wie arrogant die Städter geworden sind und wie manche vergessen hätten, wo sie herkommen.
Luise, das große schlanke Mädchen mit knallrotem Lippenstift und gelangweiltem Gesicht, seufzte regelmäßig demonstrativ und starrte aufs Handy.
Gegen Ende des Abends, als die Gäste gegangen waren, packte Hildegard mich schon an der Garderobe wieder und stellte mir ein Ultimatum: Ich soll ihre Tochter aufnehmen, und zwar auf unbestimmte Zeit.
Aber ich blieb standhaft. Rudi würdigte mich eines abschätzigen Blicks und folgte seiner Frau.
***
Im Sommer fühlte ich mich das erste Mal seit Jahren frei.
Ich kaufte neue Gardinen fürs Wohnzimmer, las endlich die Bücher, zu denen ich nie kam, und meldete mich sogar zum Tanzkurs an.
Früh morgens klingelte das Telefon.
Gertrud, hallo, Hildegard plapperte los. Wir kommen morgen.
Rudi hat den Wagen vollgetankt, Luises Sachen sind gepackt Decken, Kissen, sogar ein Fernseher.
Zu Mittag sind wir bei dir.
Mir stockte der Atem.
Hilde, hast du mir nicht zugehört? Ich sagte Nein.
Ach komm! Wir sind doch Familie, was gibts da zu streiten? Du hast dich sicher schon beruhigt.
Luise hat im ganzen Dorf herum erzählt, dass sie in Hamburg wohnt, quasi mitten im Zentrum.
Mach uns keine Schande vor den Nachbarn!
Hilde, ich meins ernst. Ich öffne die Tür nicht.
Du wirst schon aufmachen! Natürlich wirst du! Luise ist deine einzige Nichte.
Wenn du sie jetzt abweist, vergiss, dass du eine Schwester hast! Ich erzähle jedem, wie du wirklich bist.
Sie knallte den Hörer aufs Gerät und ich hätte am liebsten geweint.
Wie soll man mit solchen Menschen reden?
***
Am nächsten Tag war vor dem Hamburger Mietshaus ein ziemlicher Tumult.
Ein alter Opel mit überladenem Anhänger versperrte die Einfahrt. Rudi, in Tarnhose und verschwitztem Unterhemd, wischte sich die Stirn, während Hildegard mit Händen in den Hüften am Klingelbrett stand.
Gertrud! Mach schon auf! Wir sind da! Komm runter! Luise hält die Tasche kaum noch, gleich fallen ihr die Arme ab!
Sie hämmerte immer wieder auf den Klingelknopf, dann schlug sie auf das Panel.
Gertrud! Schluss mit Verstecken! Wir bleiben hier stehen!
Da parkte das Auto von Armin, Larissas Mann, vor dem Haus.
Hallo, Larissa! Hildegard setzte das schieferziehende Grinsen auf. Mach uns mal die Tür auf, deine Mutter hört wohl schon schlecht. Oder spinnt langsam ganz?
Das Gehör meiner Mutter ist ausgezeichnet, Tante Hildegard, Larissa kam, die Sonnenbrille auf der Nase. Sie hat euch gleich gesagt, dass sie Luise nicht bei sich aufnehmen wird.
Warum habt ihr das Mädchen über dreihundert Kilometer hergeschleppt?
Du hast mir hier gar nichts zu sagen! fauchte Hildegard. Wir sind Familie! Das ist unser Ding! Du bist zu jung, um mir Ratschläge zu geben!
Armin mischte sich ein.
Die Frau Gertrud wollte, dass wir sicherstellen, dass sie in Ruhe gelassen wird. Bitte fahren Sie.
Rudi, der bisher abseits stand, machte einen Schritt vor, die Brust heraus.
Hör mal, Schwiegersohn Wir sind Verwandte. Wir haben Rechte.
Rechte worauf? Larissa verschränkte die Arme. In das Eigentum anderer einzudringen? Deinen Teenager bei einer älteren Frau abzuladen?
Tante Hildegard, schauen Sie mal auf Luise. Sie schämt sich doch.
Luise stand tatsächlich abseits, ins Handy vertieft, ihr Gesicht ganz rot.
Luise schämt sich nicht, Luise ist beleidigt! Hildegard begann zu kreischen. Die eigene Tante ist ein Schmarotzer lässt sichs gutgehen in der Stadt, aber die Familie ist ihr egal!
Gertrud! Komm raus, du Feigling! Schau deiner Nichte ins Gesicht!
Das Fenster im zweiten Stock ging auf. Ich schaute bleich auf die Straße.
Hildegard, fahr ab, meine Stimme zitterte. Ich mach nicht auf. Ich will diesen Zirkus nicht mehr.
Ach ja?! Hildegard griff Luises großen Koffer und warf ihn vors Haus. Dann nimm eben ihr Zeug!
Sie bleibt hier sitzen, bis du Vernunft annimmst! Wir fahren jetzt!
Mal sehen, ob du deine Nichte auf der Straße sitzen lässt!
Das tut sie nicht, Armin nahm gelassen den Koffer, brachte ihn zurück zum Anhänger von Rudi. Sie steigen jetzt ins Auto und fahren los. Oder ich rufe die Polizei.
Hausfriedensbruch, Störung der öffentlichen Ordnung.
Wir haben überall Kameras, Tante Hilde. Möchten Sie die Nacht in Hamburg auf der Wache verbringen?
Hildegard blieb die Luft weg, sie stürzte beinahe auf Armin los, doch Rudi, der Spürsinn für Ärger hatte, nahm sie am Arm.
Hilde, lass gut sein murmelte er. Die sind hier halt… alle so studiert inzwischen.
Möge euch die Wohnung verfluchen! Hildegard schrie, als sie ins Auto einstieg. Gertrud, vergiss, dass du eine Schwester hast!
Stadtmensch, von uns kriegst du keine Kartoffel mehr!
Du wirst allein verrotten und dich wird keiner fragen!
Luise, steig ein!
***
Schließlich wurde Luise bei einer entfernten Verwandten untergebracht.
Nach zwei Monaten verschwand Luise mit allen Goldketten aus der Wohnung und mit einem lokalen Gauner.
Man suchte sie eine Woche lang mit der Polizei.
Die Verwandte rennt jetzt von Gericht zu Gericht, verlangt Schadensersatz und Hildegard beschwert sich lautstark im Internet, dass Luise vom Stadtleben verdorben sei und die andere Frau die Schuld trage, habe schlecht aufgepasst.
Ich war heilfroh, dass ich mich nicht dazu überreden ließ. Es war die beste Entscheidung meines Lebens, meine Grenzen zu verteidigen.
Familie ist wichtig, aber sie darf kein Freibrief für Übergriffigkeit sein das habe ich gelernt.





