Dreiste Verwandtschaft: Der große Streit um die Familienbande — So, Nadja, – die Schwägerin lächelte nicht mehr – wir reichen die Unterlagen fürs Telekommunikationskolleg im Juni ein. Mascha kommt mit Sack und Pack. Wir sind doch Familie, die muss nicht ins Wohnheim ziehen. Überleg’s dir gut. Gekränkte Gefühle bleiben ein Leben lang. — Ich hab’s mir schon überlegt, Zoe, – sagte Nadja Petrowna und zog ihren Mantel an. – Mascha ist mir immer willkommen – als Gast. Zum Wochenende kommen, ins Museum gehen – gerne. Aber wohnen wird sie bei mir nicht. So viel Verantwortung übernehme ich nicht. — Verantwortung übernimmt sie nicht! – rief Zoe und schlug die Hände zusammen. – Tja, wie man so sagt: „Hamburg macht die Leute hart.“ Der Sekt schäumte noch im Glas, aber die Gäste tuschelten schon über das frisch verheiratete Paar. Larissa, die mühsam den schweren Rock ihres Hochzeitskleides zurechtrückte, lächelte den Verwandten freundlich zu – dabei war sie todmüde. Die Hochzeit in Hamburg – teuer und nervenaufreibend. Noch dazu, wenn die Hälfte der Gäste aus einem kleinen Dorf nahe Lüneburg kommt. Larissas Tante Zoe, im Glitzerkleid das ihr sichtlich zu eng war, saß neben der frisch gebackenen Schwiegermutter Nadja Petrowna. Zoe fummelte an ihrer voluminösen Frisur und blickte immer wieder auf die großen Fenster des Restaurants, hinter denen die Großstadt rauschte. — Mensch Nadja, – Zoe rückte näher. – Ihr lebt ja richtig schön. Larissa hat so einen tollen Mann abgekriegt. Wohnung, Auto … Jetzt kannst du in deiner Drei-Zimmer-Wohnung wie eine Königin leben! Bleibst ja jetzt allein, oder? Nadja Petrowna lächelte höflich und nippte an ihrem Saft. — Ach, was für eine Königin, Zoe. Endlich ein bisschen Ruhe für mich. Die Hektik ist genug nach all den Jahren. — Ruhe ist langweilig, – Zoe blinzelte. – Beweg dich mal mehr, sonst wirst du ganz träge in deinen vier Wänden. Wir wollten dir sowieso was vorschlagen … Mascha, unsere Kleine, jetzt vierzehn, macht nächstes Jahr ihren Abschluss. Im Kaff gibt’s nichts, das weißt du selbst. Sie soll nach Hamburg, ins Kolleg. Nadja Petrowna wurde wachsam – sie kannte diesen Ton. Sonst wollte Zoe immer „bis zum Zahltag was leihen“. Geld zurück gab’s nie. Also entgegnete Nadja Petrowna: — Fürs Kolleg ist es noch früh, Zoe. Mascha muss noch viel lernen. — Die Zeit fliegt! – Zoe fuchtelte mit den Händen, fast hätte sie den Kellner touchiert. – Wir haben alles entschieden, sie zieht zu dir. Jetzt sind ja zwei Zimmer frei – Larissa wohnt ja nicht mehr hier. Mascha ist ein ruhiges Kind, macht keinen Ärger. Du betreust sie, kochst, und wir schicken dir Kartoffeln und Fleisch aus dem Dorf … Nadja Petrowna stellte ihr Glas ab. — Zoe, meinst du das ernst? Ich bin zweiundsechzig, habe Bluthochdruck. Ich bin wirklich nicht mehr die Jüngste, um mich um einen Teenager zu kümmern. Bei einem Mädchen muss man ständig ein Auge drauf haben, und ich bin mal beim Arzt, muss mich mal hinlegen. Zoe schnaubte verächtlich, stocherte in ihrem Schinken. — Was heißt Blutdruck! Du hältst locker noch mit den Jungen mit. Mascha ist ein Goldstück – wischt dir den Boden, geht einkaufen, so hast du wenigstens Unterhaltung! Oder willst du in der leeren Wohnung verschimmeln? Wir haben das alles mit Vasili abgesprochen. Er sagt: „Nadja, die ist super, wirft unsere Nichte nicht raus.“ — Warum ausgerechnet ich? Mietet ihr ihr doch eine Wohnung. Oder notfalls ein Zimmer. Ich möchte wirklich einfach mal für mich leben. Nach vierzig Jahren zum ersten Mal! — Für dich! – Zoe lachte laut. – Hört euch das an! Schwester ist in die Stadt gezogen und vergisst die Verwandten! Wir haben ihr Kartoffeln und Speck, Pilze im Herbst über die ganze Region gebracht, und jetzt – „für mich“. Larissa, die bemerkte, dass die Gäste Zoe anstarrten, ging zu ihrer Mutter. — Gefällt euch alles? Das Hauptgericht kommt gleich, – meinte sie. — Alles bestens, Larissa, läuft, – der Onkel, bis dahin schweigend essend, blickte benebelt vom Korn auf. – Nur deine Mutter ziert sich. Wir wollen unsere Tochter bei ihr unterbringen, wünschen uns, dass sie ins Kolleg kommt, und deine Mutter will nicht. Red du mal mit ihr, vielleicht hört sie ja auf dich? Larissa straffte sich. — Mascha will nach Hamburg? Spitze! Soll sie sich bewerben. In Kollegs gibt’s immer Wohnheime. Das ist eine gute Lebensschule, ich hab das auch durchgemacht. — Was für Wohnheim?! – widersprach die Tante. – Was für ein Publikum da! Was soll sie da lernen? Bei der Tante hätte sie ein eigenes Zimmer. Nadja, warum sagst du nichts? Deine Kinder sind groß, jetzt hilf du uns. — Ich habe alles gesagt, Zoe, – Nadja Petrowna stand auf. – Lasst uns am Tisch lieber über den Feiertag reden und nicht über Pläne mit fremden Quadratmetern. Entschuldigt, ich muss mal raus. Fast im Laufschritt ging sie zum Damen-WC. Larissa folgte ihr, die Verwandtschaft tuschelte weiter. *** Im Bad öffnete Nadja Petrowna hektisch ihre Tasche und nahm eine Tablette. — Mama, reg dich ab, – Larissa trat zu ihr, ließ Wasser laufen und befeuchtete ein Tuch. – Leg das an den Hals. Die drehen völlig frei. — Larissa, hast du das gehört? Sie hat schon alles für mich entschieden. Und Vasili … „Nadja, die ist super“. Gott, ich hab sie zehn Jahre nicht gesehen, immer nur am Telefon „Hallo – Tschüss“. Und jetzt muss ich angeblich deren Tochter jahrelang großziehen! — Mama, bloß nicht zustimmen! Ich kenn die. Sobald Mascha über die Schwelle kommt, bist du Hauspersonal. Du kochst für zwei, putzt, hörst dir ihre Launen an, und Zoe ruft und kontrolliert, warum ihre Tochter noch nicht daheim ist abends. Willst du das? — Will ich nicht, – seufzte Nadja Petrowna. – Aber sie wären doch beleidigt. Ist ja Familie. So viele Jahre Kontakt … — Was für Kontakt? Einmal im Jahr schicken sie einen Sack fauler Äpfel und monatelang erzählen sie, was sie Gutes tun? Das ist kein Kontakt, Mama. Komm zurück. Ignorier sie am besten, antwort einfach nicht auf die fiesen Fragen. Nur klappte das mit dem Ignorieren nicht. Den Rest des Abends waren Zoe und Vasili auffällig laut. Sie setzten sich zu anderen Gästen und monierten laut, wie „die Hamburger eingebildet werden“ und „manche vergessen ihre Wurzeln“. Mascha, ein langbeiniges Mädchen mit knallroten Lippen und gelangweilter Miene, seufzte demonstrativ und tippte aufs Handy. Als die Hochzeit vorbei war und die Gäste sich auf den Heimweg machten, packte Zoe Nadja Petrowna am Ausgang und forderte wieder, die Tochter bei ihr unterzubringen – diesmal noch energischer. Nadja lehnte ab. Vasili schaute sie verächtlich an und trottete seiner Frau hinterher. *** Im Sommer breitete Nadja Petrowna endlich ihre Flügel aus. Neue Gardinen fürs Wohnzimmer, sie las endlich Bücher, hatte Zeit für sich und ging sogar zum Tanzen. Früh morgens klingelte das Telefon. — Nadja, hallo, – Zoe plapperte los – wir kommen morgen. Vasili hat das Auto vollgetankt, Maschas Sachen sind gepackt – Decken, Kissen, sogar ein kleiner Fernseher. Mittags sind wir da. Nadja Petrowna erstarrte. — Zoe, hast du nicht zugehört? Ich habe doch nein gesagt. — Ach, komm! Wir sind doch Familie, was gibt’s zu diskutieren? Jetzt bist du wohl wieder nüchtern? Mascha hat im Dorf schon allen erzählt, dass sie in Hamburg wohnen wird – in der Innenstadt! Blamier uns nicht vor den Nachbarn. — Zoe, ich meine es ernst. Ich mache die Tür nicht auf. — Klar machst du auf! Mascha ist deine einzige Nichte. Wenn du sie jetzt abweist, vergiss, dass du mich hast! Ich erzähl allen, wer du wirklich bist! Zoe knallte den Hörer auf. Nadja Petrowna stand den Tränen nah. Wie sollte man mit solchen Leuten reden?! *** Am nächsten Tag war es laut vor dem typischen Hamburger Mehrfamilienhaus. Ein alter „VW Bus“ mit überladenem Anhänger versperrte die Zufahrt. Vasili, in Tarnhose und Unterhemd, wischte sich den Schweiß ab, Zoe stemmte die Hände in die Hüften und klingelte am Haus. — Nadja! Mach auf! Wir sind da! Komm raus! Mascha kann die Tasche kaum halten, die Arme sind schon lang! Zoe drückte nochmal und nochmal auf den Knopf, hämmerte dann mit der Faust auf das Panel. — Nadja! Hör auf zu verstecken! Wir fahren nicht weg! Da rollte ein BMW von Artem, Larissas Mann, an. — Oh, Larissa! – grinste Zoe künstlich. – Mach uns die Tür auf, deine Mutter ist wohl taub geworden. Oder nicht mehr ganz gesund. — Ihr Gehör ist top, Tante Zoe, – Larissa kam dazu und behielt die Sonnenbrille auf – sie hat euch gleich gesagt, dass sie Mascha nicht aufnehmen wird. Warum schleift ihr das Kind dreihundert Kilometer her? — Lass dir nichts sagen! – fauchte Zoe. – Wir besuchen Familie! Das ist unsere Angelegenheit! Du bist noch grün hinter den Ohren! Artem mischte sich ein. — Nadja Petrowna bat uns, dafür zu sorgen, dass sie nicht belästigt wird. Bitte fahren Sie. Vasili, bisher im Hintergrund, machte einen Schritt nach vorn, die Brust raus. — Hör mal, Jungspund … Mach dich nicht wichtig. Wir sind Verwandte. Wir haben Rechte. — Recht auf was? – Larissa verschränkte die Arme. – In fremde Wohnungen einzudringen? Einen Teenager einer älteren Frau aufzubürden? Schauen Sie mal auf Mascha. Die schämt sich. Mascha stand tatsächlich am Rand, den Blick ins Handy gesenkt, aber sie wurde rot. — Mascha schämt sich nicht, Mascha ist gekränkt! – schrie Zoe. – Ihre eigene Tante ist ein Schmarotzer, hockt sich in Hamburg ins Nest und scheißt auf die Familie! Nadja! Komm raus, du Feigling! Schau deiner Nichte in die Augen! Das Fenster im zweiten Stock öffnete sich ein Spalt. Nadja Petrowna, kreidebleich, schaute raus. — Zoe, fahr bitte weg— ihre Stimme zitterte – ich mache nicht auf. Ich will diesen Zirkus nicht mehr! — Ach ja?! – Zoe schnappte Maschas Riesentasche und warf sie zur Haustür. – Dann nimm ihre Sachen! Sie bleibt hier sitzen, bis du nachgibst! Wir fahren jetzt! Mal sehen, ob du sie auf der Straße sitzen lässt! — Lässt sie nicht, – Artem nahm ruhig die Tasche und packte sie wieder in den Anhänger. – Denn ihr steigt ins Auto und fahrt. Sonst ruf ich die Polizei. Hausfriedensbruch, Belästigung. Hier gibt’s Kameras am ganzen Haus, Tante Zoe. Wollen Sie in Hamburg auf dem Revier übernachten? Zoe kochte vor Wut. Sie wollte zu Artem losgehen, aber Vasili spürte den Ernst und hielt sie zurück. — Lass sie, Zoe … – grummelte er. – Die meinen, sie sind jetzt alle Experten hier. — Hoffentlich bekommt ihr die Wohnung noch zu spüren! – schrie Zoe und kletterte ins Auto. – Nadja, vergiss, dass du eine Schwester hattest! Du blöde Städterin, keine Kartoffel kriegst du mehr von uns! Du gehst ein, und keiner bringt dir ein Glas Wasser! Mascha, steig ein! *** Die Studentin landete schließlich bei irgendeiner entfernten Verwandten. Zwei Monate später stahl Mascha alle Goldsachen und lief mit einem „Hamburger Jungen“ davon. Man suchte sie eine Woche mit der Polizei. Jetzt rennt die Verwandte durch die Ämter, fordert Schadensersatz, und Zoe schimpft online, dass Mascha „in der Großstadt verdorben“ wurde und die Frau selbst schuld war, weil sie nicht genug aufgepasst hat. Nadja Petrowna lobt sich heimlich: Gott sei Dank hat sie ihrer Verwandtschaft die Tür nicht geöffnet!

Unverschämte Verwandtschaft

Also, so siehts aus, Gertrud, Hildegard schaute mich ohne jedes Lächeln an. Wir reichen die Unterlagen für die Telekom-Fachschule im Juni ein.

Unsere Luise kommt dann gleich mit Sack und Pack. Wir sind ja schließlich Familie, da muss sie nicht durch irgendwelche Wohnheime tingeln. Denk nochmal darüber nach.

Mit solchen Kränkungen lebt man ein Leben lang, das sag ich dir.

Ich hab schon darüber nachgedacht, Hildegard, antwortete ich und zog mir den Mantel über. Als Gast ist Luise mir immer willkommen.

Am Wochenende vorbeikommen, zusammen ins Museum gehen klar, gern. Aber leben wird sie bei mir nicht.

Ich übernehme nicht so eine Verantwortung.

Übernimmt sie keine Verantwortung! Hildegard verschränkte die Arme. Tja! Wie sagt man in Hamburg so schön? Die Stadt nimmt den Menschen das Herz.

Das Sektperlen sprudelte im Glas, aber die Hochzeitsgäste hatten längst begonnen, über die Frischvermählten zu tuscheln.

Larissa, die den schweren Rock ihres Brautkleides zurecht zupfte, lächelte müde in die gespannten Gesichter der Verwandten sie war völlig erschöpft.

Eine Hochzeit in Hamburg ist eine teure und nervenaufreibende Sache, wie ich feststellen musste. Besonders, wenn die Hälfte der Gäste aus einer winzigen Ortschaft bei Lüneburg anreisen.

Meine Tante Hildegard, im enger sitzenden Glitzerkleid, saß neben meiner Schwiegermutter Gertrud.

Ständig zupfte sie an ihrer üppigen Frisur und blickte durch die großen Fenster des Restaurants auf das Getümmel der Stadt.

Mensch, Gertrud, sie rutschte näher an mich heran ihr wohnt ja richtig schick hier. Und Larissa hat nun auch so einen netten Kerl erwischt. Die beiden haben eine eigene Wohnung, ein Auto …

Jetzt wirst du wohl ganz allein wie eine Königin in deiner Drei-Zimmer-Wohnung residieren, was?

Ich lächelte höflich und trank einen Schluck Saft.

Ach, von wegen Königin, Hilde. Ich bin froh, endlich mal Ruhe zu haben. Die letzten Jahre waren stressig genug.

Ruhe ist doch langweilig, Hildegard blinzelte. Ein bisschen mehr Schwung würde dir guttun. Sonst verstaubst du noch in deinen vier Wänden. Wir haben da schon mit Rudi gesprochen …

Unsere Luise, die ist jetzt vierzehn, im nächsten Jahr macht sie ihren Realschulabschluss. In dem Dorf… da ist doch nichts mehr du verstehst das. Sie sollte lieber eine anständige Ausbildung in Hamburg machen.

Ich wurde vorsichtig ich kannte diesen Tonfall. Mit dem bat sie mich sonst um ein paar Euro bis zum Ersten.

Bekommen habe ich das Geld nie zurück. Also sagte ich vorsichtig:

Es ist doch noch etwas früh, sich Gedanken über die Ausbildung zu machen, Hilde. Luise hat noch einige Zeit Schule vor sich.

Die Zeit vergeht aber schnell! Hildegard hob die Hände, beinahe hätte sie den vorbeilaufenden Kellner angerempelt. Wir haben schon alles entschieden. Sie kommt zu dir. Du hast doch jetzt ein freies Zimmer, sogar zwei Larissa ist ja gerade ausgezogen.

Luise ist ein anständiges Mädel, sie wird dir nicht stören. Du kümmerst dich um sie, gibst ihr was zu essen, und wir schicken dir Kartoffeln und Fleisch aus dem Dorf

Ich stellte mein Glas auf den Tisch.

Hilde, meinst du das ernst? Ich bin zweiundsechzig, mein Blutdruck ist nicht mehr der beste. Ich bin einfach nicht mehr in der Lage, mich um einen Teenager zu kümmern.

Die braucht doch eine ständige Aufsicht, und ich bin ständig beim Arzt oder muss mich mal ausruhen.

Hildegard schnaubte abfällig und stocherte mit der Gabel im Sülzstück.

Ach was, Blutdruck! Du steckst doch die Jungen in die Tasche!

Luise ist ein Goldstück. Sie putzt für dich, bringt die Einkäufe heim. Du wirst dich freuen!

Oder willst du hier alleine verschimmeln?

Rudi und ich haben das alles schon besprochen.

Er meint: Gertrud ist ein prima Mensch die wirft ihre eigene Nichte doch nicht auf die Straße.

Warum denn unbedingt bei mir? Sie kann sich eine kleine Wohnung mieten. Oder wenigstens ein Zimmer. Ich möchte einfach mal an mich denken. Zum ersten Mal seit vierzig Jahren!

An dich! Hildegard lachte laut. Hört euch das an! Kaum lebt die Schwester in der Stadt, will sie von der Familie nichts mehr wissen!

Obwohl wir dir Kartoffeln, Speck und Pilze im Herbst kiloweise nach Hamburg gebracht haben, und jetzt… an sich selber denken.

Sogar Larissa hat sich zu fein für uns gemacht.

Larissa bemerkte, dass die Gäste bereits tuschelten. Sie trat zu mir.

Ist alles zu deiner Zufriedenheit, Mama? Das Hauptgericht kommt gleich, sie lächelte.

Alles bestens, mein Schatz, läuft super, mein Schwager, der bisher schweigend gegessen hatte, schaute mit glasigem Blick zu ihr auf. Nur mit deiner Mutter gibts Theater.

Wir wollen unsere Tochter bei ihr unterbringen, damit sie in Hamburg eine Ausbildung machen kann, aber sie stellt sich quer.

Kannst du nicht mal mit ihr reden? Vielleicht hört sie ja auf dich.

Larissa richtete sich auf.

Luise will nach Hamburg? Das ist großartig. Sie kann sich bewerben.

Normalerweise gibt es in Berufsschulen Wohnheime das ist eine gute Lebensschule, ich hab das selbst erlebt.

Wohnheim? Meine Tante verschluckte sich fast. Aber da sind doch nur Chaoten! Was soll sie dort lernen?

Bei der Tante hätte sie ihr eigenes Zimmer.

Gertrud, sag doch was. Du hast deine Kinder großgezogen, jetzt kannst du doch auch uns mal helfen.

Ich habe alles gesagt, Hilde, antwortete ich und stand auf. Lassen wir das, heute wird gefeiert, nicht über ungelegte Eier gestritten.

Entschuldigt, ich muss mal raus.

Schnell ging ich zur Damentoilette, Larissa folgte mir, während die anderen sich empört untereinander berieten.

***

Im Waschraum durchwühlte ich meine Handtasche nach meiner Tablette.

Mama, beruhig dich, Larissa stand neben mir, drehte das Wasser auf und reichte mir ein feuchtes Tuch für den Nacken. Die haben wirklich jeden Anstand vergessen.

Hörst du das, Larissa? Die haben schon alles ohne mich geklärt. Sogar Rudi … prima Mensch.

Zehn Jahre habe ich sie nicht gesehen, außer mal Hallo und Tschüss am Telefon. Plötzlich soll ich ihre Tochter für Jahre aufnehmen!

Mama, stimme da bloß nicht zu! Ich kenne die doch.

Kaum betritt Luise deine Wohnung, wirst du zur Haushälterin.

Dann kochst du für zwei, wäscht Wäsche, hörst dir ihre Launen an, und Hilde ruft jeden Abend an und fragt, warum die Kleine um zehn noch nicht daheim ist.

Willst du das wirklich?

Nein, ich seufzte. Aber sie wären dann gekränkt. Ist ja Familie. Wir hatten ja lange Kontakt…

Kontakt, Mama? Einmal im Jahr schicken sie dir einen Sack Äpfel, meist schon faulig, und monatelang hörst du, wie großzügig sie waren.

Das ist kein Kontakt. Komm, wir gehen zurück.

Ignoriere sie einfach, antworte auf keine fiesen Fragen.

Aber das Ignorieren klappte schlecht. Den restlichen Abend benahmen sich Hildegard und Rudi besonders laut,

Sie setzten sich zu den anderen Gästen, schwadronierten darüber, wie arrogant die Städter geworden sind und wie manche vergessen hätten, wo sie herkommen.

Luise, das große schlanke Mädchen mit knallrotem Lippenstift und gelangweiltem Gesicht, seufzte regelmäßig demonstrativ und starrte aufs Handy.

Gegen Ende des Abends, als die Gäste gegangen waren, packte Hildegard mich schon an der Garderobe wieder und stellte mir ein Ultimatum: Ich soll ihre Tochter aufnehmen, und zwar auf unbestimmte Zeit.

Aber ich blieb standhaft. Rudi würdigte mich eines abschätzigen Blicks und folgte seiner Frau.

***

Im Sommer fühlte ich mich das erste Mal seit Jahren frei.

Ich kaufte neue Gardinen fürs Wohnzimmer, las endlich die Bücher, zu denen ich nie kam, und meldete mich sogar zum Tanzkurs an.

Früh morgens klingelte das Telefon.

Gertrud, hallo, Hildegard plapperte los. Wir kommen morgen.

Rudi hat den Wagen vollgetankt, Luises Sachen sind gepackt Decken, Kissen, sogar ein Fernseher.

Zu Mittag sind wir bei dir.

Mir stockte der Atem.

Hilde, hast du mir nicht zugehört? Ich sagte Nein.

Ach komm! Wir sind doch Familie, was gibts da zu streiten? Du hast dich sicher schon beruhigt.

Luise hat im ganzen Dorf herum erzählt, dass sie in Hamburg wohnt, quasi mitten im Zentrum.

Mach uns keine Schande vor den Nachbarn!

Hilde, ich meins ernst. Ich öffne die Tür nicht.

Du wirst schon aufmachen! Natürlich wirst du! Luise ist deine einzige Nichte.

Wenn du sie jetzt abweist, vergiss, dass du eine Schwester hast! Ich erzähle jedem, wie du wirklich bist.

Sie knallte den Hörer aufs Gerät und ich hätte am liebsten geweint.

Wie soll man mit solchen Menschen reden?

***

Am nächsten Tag war vor dem Hamburger Mietshaus ein ziemlicher Tumult.

Ein alter Opel mit überladenem Anhänger versperrte die Einfahrt. Rudi, in Tarnhose und verschwitztem Unterhemd, wischte sich die Stirn, während Hildegard mit Händen in den Hüften am Klingelbrett stand.

Gertrud! Mach schon auf! Wir sind da! Komm runter! Luise hält die Tasche kaum noch, gleich fallen ihr die Arme ab!

Sie hämmerte immer wieder auf den Klingelknopf, dann schlug sie auf das Panel.

Gertrud! Schluss mit Verstecken! Wir bleiben hier stehen!

Da parkte das Auto von Armin, Larissas Mann, vor dem Haus.

Hallo, Larissa! Hildegard setzte das schieferziehende Grinsen auf. Mach uns mal die Tür auf, deine Mutter hört wohl schon schlecht. Oder spinnt langsam ganz?

Das Gehör meiner Mutter ist ausgezeichnet, Tante Hildegard, Larissa kam, die Sonnenbrille auf der Nase. Sie hat euch gleich gesagt, dass sie Luise nicht bei sich aufnehmen wird.

Warum habt ihr das Mädchen über dreihundert Kilometer hergeschleppt?

Du hast mir hier gar nichts zu sagen! fauchte Hildegard. Wir sind Familie! Das ist unser Ding! Du bist zu jung, um mir Ratschläge zu geben!

Armin mischte sich ein.

Die Frau Gertrud wollte, dass wir sicherstellen, dass sie in Ruhe gelassen wird. Bitte fahren Sie.

Rudi, der bisher abseits stand, machte einen Schritt vor, die Brust heraus.

Hör mal, Schwiegersohn Wir sind Verwandte. Wir haben Rechte.

Rechte worauf? Larissa verschränkte die Arme. In das Eigentum anderer einzudringen? Deinen Teenager bei einer älteren Frau abzuladen?

Tante Hildegard, schauen Sie mal auf Luise. Sie schämt sich doch.

Luise stand tatsächlich abseits, ins Handy vertieft, ihr Gesicht ganz rot.

Luise schämt sich nicht, Luise ist beleidigt! Hildegard begann zu kreischen. Die eigene Tante ist ein Schmarotzer lässt sichs gutgehen in der Stadt, aber die Familie ist ihr egal!

Gertrud! Komm raus, du Feigling! Schau deiner Nichte ins Gesicht!

Das Fenster im zweiten Stock ging auf. Ich schaute bleich auf die Straße.

Hildegard, fahr ab, meine Stimme zitterte. Ich mach nicht auf. Ich will diesen Zirkus nicht mehr.

Ach ja?! Hildegard griff Luises großen Koffer und warf ihn vors Haus. Dann nimm eben ihr Zeug!

Sie bleibt hier sitzen, bis du Vernunft annimmst! Wir fahren jetzt!

Mal sehen, ob du deine Nichte auf der Straße sitzen lässt!

Das tut sie nicht, Armin nahm gelassen den Koffer, brachte ihn zurück zum Anhänger von Rudi. Sie steigen jetzt ins Auto und fahren los. Oder ich rufe die Polizei.

Hausfriedensbruch, Störung der öffentlichen Ordnung.

Wir haben überall Kameras, Tante Hilde. Möchten Sie die Nacht in Hamburg auf der Wache verbringen?

Hildegard blieb die Luft weg, sie stürzte beinahe auf Armin los, doch Rudi, der Spürsinn für Ärger hatte, nahm sie am Arm.

Hilde, lass gut sein murmelte er. Die sind hier halt… alle so studiert inzwischen.

Möge euch die Wohnung verfluchen! Hildegard schrie, als sie ins Auto einstieg. Gertrud, vergiss, dass du eine Schwester hast!

Stadtmensch, von uns kriegst du keine Kartoffel mehr!

Du wirst allein verrotten und dich wird keiner fragen!

Luise, steig ein!

***

Schließlich wurde Luise bei einer entfernten Verwandten untergebracht.

Nach zwei Monaten verschwand Luise mit allen Goldketten aus der Wohnung und mit einem lokalen Gauner.

Man suchte sie eine Woche lang mit der Polizei.

Die Verwandte rennt jetzt von Gericht zu Gericht, verlangt Schadensersatz und Hildegard beschwert sich lautstark im Internet, dass Luise vom Stadtleben verdorben sei und die andere Frau die Schuld trage, habe schlecht aufgepasst.

Ich war heilfroh, dass ich mich nicht dazu überreden ließ. Es war die beste Entscheidung meines Lebens, meine Grenzen zu verteidigen.

Familie ist wichtig, aber sie darf kein Freibrief für Übergriffigkeit sein das habe ich gelernt.

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Homy
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Dreiste Verwandtschaft: Der große Streit um die Familienbande — So, Nadja, – die Schwägerin lächelte nicht mehr – wir reichen die Unterlagen fürs Telekommunikationskolleg im Juni ein. Mascha kommt mit Sack und Pack. Wir sind doch Familie, die muss nicht ins Wohnheim ziehen. Überleg’s dir gut. Gekränkte Gefühle bleiben ein Leben lang. — Ich hab’s mir schon überlegt, Zoe, – sagte Nadja Petrowna und zog ihren Mantel an. – Mascha ist mir immer willkommen – als Gast. Zum Wochenende kommen, ins Museum gehen – gerne. Aber wohnen wird sie bei mir nicht. So viel Verantwortung übernehme ich nicht. — Verantwortung übernimmt sie nicht! – rief Zoe und schlug die Hände zusammen. – Tja, wie man so sagt: „Hamburg macht die Leute hart.“ Der Sekt schäumte noch im Glas, aber die Gäste tuschelten schon über das frisch verheiratete Paar. Larissa, die mühsam den schweren Rock ihres Hochzeitskleides zurechtrückte, lächelte den Verwandten freundlich zu – dabei war sie todmüde. Die Hochzeit in Hamburg – teuer und nervenaufreibend. Noch dazu, wenn die Hälfte der Gäste aus einem kleinen Dorf nahe Lüneburg kommt. Larissas Tante Zoe, im Glitzerkleid das ihr sichtlich zu eng war, saß neben der frisch gebackenen Schwiegermutter Nadja Petrowna. Zoe fummelte an ihrer voluminösen Frisur und blickte immer wieder auf die großen Fenster des Restaurants, hinter denen die Großstadt rauschte. — Mensch Nadja, – Zoe rückte näher. – Ihr lebt ja richtig schön. Larissa hat so einen tollen Mann abgekriegt. Wohnung, Auto … Jetzt kannst du in deiner Drei-Zimmer-Wohnung wie eine Königin leben! Bleibst ja jetzt allein, oder? Nadja Petrowna lächelte höflich und nippte an ihrem Saft. — Ach, was für eine Königin, Zoe. Endlich ein bisschen Ruhe für mich. Die Hektik ist genug nach all den Jahren. — Ruhe ist langweilig, – Zoe blinzelte. – Beweg dich mal mehr, sonst wirst du ganz träge in deinen vier Wänden. Wir wollten dir sowieso was vorschlagen … Mascha, unsere Kleine, jetzt vierzehn, macht nächstes Jahr ihren Abschluss. Im Kaff gibt’s nichts, das weißt du selbst. Sie soll nach Hamburg, ins Kolleg. Nadja Petrowna wurde wachsam – sie kannte diesen Ton. Sonst wollte Zoe immer „bis zum Zahltag was leihen“. Geld zurück gab’s nie. Also entgegnete Nadja Petrowna: — Fürs Kolleg ist es noch früh, Zoe. Mascha muss noch viel lernen. — Die Zeit fliegt! – Zoe fuchtelte mit den Händen, fast hätte sie den Kellner touchiert. – Wir haben alles entschieden, sie zieht zu dir. Jetzt sind ja zwei Zimmer frei – Larissa wohnt ja nicht mehr hier. Mascha ist ein ruhiges Kind, macht keinen Ärger. Du betreust sie, kochst, und wir schicken dir Kartoffeln und Fleisch aus dem Dorf … Nadja Petrowna stellte ihr Glas ab. — Zoe, meinst du das ernst? Ich bin zweiundsechzig, habe Bluthochdruck. Ich bin wirklich nicht mehr die Jüngste, um mich um einen Teenager zu kümmern. Bei einem Mädchen muss man ständig ein Auge drauf haben, und ich bin mal beim Arzt, muss mich mal hinlegen. Zoe schnaubte verächtlich, stocherte in ihrem Schinken. — Was heißt Blutdruck! Du hältst locker noch mit den Jungen mit. Mascha ist ein Goldstück – wischt dir den Boden, geht einkaufen, so hast du wenigstens Unterhaltung! Oder willst du in der leeren Wohnung verschimmeln? Wir haben das alles mit Vasili abgesprochen. Er sagt: „Nadja, die ist super, wirft unsere Nichte nicht raus.“ — Warum ausgerechnet ich? Mietet ihr ihr doch eine Wohnung. Oder notfalls ein Zimmer. Ich möchte wirklich einfach mal für mich leben. Nach vierzig Jahren zum ersten Mal! — Für dich! – Zoe lachte laut. – Hört euch das an! Schwester ist in die Stadt gezogen und vergisst die Verwandten! Wir haben ihr Kartoffeln und Speck, Pilze im Herbst über die ganze Region gebracht, und jetzt – „für mich“. Larissa, die bemerkte, dass die Gäste Zoe anstarrten, ging zu ihrer Mutter. — Gefällt euch alles? Das Hauptgericht kommt gleich, – meinte sie. — Alles bestens, Larissa, läuft, – der Onkel, bis dahin schweigend essend, blickte benebelt vom Korn auf. – Nur deine Mutter ziert sich. Wir wollen unsere Tochter bei ihr unterbringen, wünschen uns, dass sie ins Kolleg kommt, und deine Mutter will nicht. Red du mal mit ihr, vielleicht hört sie ja auf dich? Larissa straffte sich. — Mascha will nach Hamburg? Spitze! Soll sie sich bewerben. In Kollegs gibt’s immer Wohnheime. Das ist eine gute Lebensschule, ich hab das auch durchgemacht. — Was für Wohnheim?! – widersprach die Tante. – Was für ein Publikum da! Was soll sie da lernen? Bei der Tante hätte sie ein eigenes Zimmer. Nadja, warum sagst du nichts? Deine Kinder sind groß, jetzt hilf du uns. — Ich habe alles gesagt, Zoe, – Nadja Petrowna stand auf. – Lasst uns am Tisch lieber über den Feiertag reden und nicht über Pläne mit fremden Quadratmetern. Entschuldigt, ich muss mal raus. Fast im Laufschritt ging sie zum Damen-WC. Larissa folgte ihr, die Verwandtschaft tuschelte weiter. *** Im Bad öffnete Nadja Petrowna hektisch ihre Tasche und nahm eine Tablette. — Mama, reg dich ab, – Larissa trat zu ihr, ließ Wasser laufen und befeuchtete ein Tuch. – Leg das an den Hals. Die drehen völlig frei. — Larissa, hast du das gehört? Sie hat schon alles für mich entschieden. Und Vasili … „Nadja, die ist super“. Gott, ich hab sie zehn Jahre nicht gesehen, immer nur am Telefon „Hallo – Tschüss“. Und jetzt muss ich angeblich deren Tochter jahrelang großziehen! — Mama, bloß nicht zustimmen! Ich kenn die. Sobald Mascha über die Schwelle kommt, bist du Hauspersonal. Du kochst für zwei, putzt, hörst dir ihre Launen an, und Zoe ruft und kontrolliert, warum ihre Tochter noch nicht daheim ist abends. Willst du das? — Will ich nicht, – seufzte Nadja Petrowna. – Aber sie wären doch beleidigt. Ist ja Familie. So viele Jahre Kontakt … — Was für Kontakt? Einmal im Jahr schicken sie einen Sack fauler Äpfel und monatelang erzählen sie, was sie Gutes tun? Das ist kein Kontakt, Mama. Komm zurück. Ignorier sie am besten, antwort einfach nicht auf die fiesen Fragen. Nur klappte das mit dem Ignorieren nicht. Den Rest des Abends waren Zoe und Vasili auffällig laut. Sie setzten sich zu anderen Gästen und monierten laut, wie „die Hamburger eingebildet werden“ und „manche vergessen ihre Wurzeln“. Mascha, ein langbeiniges Mädchen mit knallroten Lippen und gelangweilter Miene, seufzte demonstrativ und tippte aufs Handy. Als die Hochzeit vorbei war und die Gäste sich auf den Heimweg machten, packte Zoe Nadja Petrowna am Ausgang und forderte wieder, die Tochter bei ihr unterzubringen – diesmal noch energischer. Nadja lehnte ab. Vasili schaute sie verächtlich an und trottete seiner Frau hinterher. *** Im Sommer breitete Nadja Petrowna endlich ihre Flügel aus. Neue Gardinen fürs Wohnzimmer, sie las endlich Bücher, hatte Zeit für sich und ging sogar zum Tanzen. Früh morgens klingelte das Telefon. — Nadja, hallo, – Zoe plapperte los – wir kommen morgen. Vasili hat das Auto vollgetankt, Maschas Sachen sind gepackt – Decken, Kissen, sogar ein kleiner Fernseher. Mittags sind wir da. Nadja Petrowna erstarrte. — Zoe, hast du nicht zugehört? Ich habe doch nein gesagt. — Ach, komm! Wir sind doch Familie, was gibt’s zu diskutieren? Jetzt bist du wohl wieder nüchtern? Mascha hat im Dorf schon allen erzählt, dass sie in Hamburg wohnen wird – in der Innenstadt! Blamier uns nicht vor den Nachbarn. — Zoe, ich meine es ernst. Ich mache die Tür nicht auf. — Klar machst du auf! Mascha ist deine einzige Nichte. Wenn du sie jetzt abweist, vergiss, dass du mich hast! Ich erzähl allen, wer du wirklich bist! Zoe knallte den Hörer auf. Nadja Petrowna stand den Tränen nah. Wie sollte man mit solchen Leuten reden?! *** Am nächsten Tag war es laut vor dem typischen Hamburger Mehrfamilienhaus. Ein alter „VW Bus“ mit überladenem Anhänger versperrte die Zufahrt. Vasili, in Tarnhose und Unterhemd, wischte sich den Schweiß ab, Zoe stemmte die Hände in die Hüften und klingelte am Haus. — Nadja! Mach auf! Wir sind da! Komm raus! Mascha kann die Tasche kaum halten, die Arme sind schon lang! Zoe drückte nochmal und nochmal auf den Knopf, hämmerte dann mit der Faust auf das Panel. — Nadja! Hör auf zu verstecken! Wir fahren nicht weg! Da rollte ein BMW von Artem, Larissas Mann, an. — Oh, Larissa! – grinste Zoe künstlich. – Mach uns die Tür auf, deine Mutter ist wohl taub geworden. Oder nicht mehr ganz gesund. — Ihr Gehör ist top, Tante Zoe, – Larissa kam dazu und behielt die Sonnenbrille auf – sie hat euch gleich gesagt, dass sie Mascha nicht aufnehmen wird. Warum schleift ihr das Kind dreihundert Kilometer her? — Lass dir nichts sagen! – fauchte Zoe. – Wir besuchen Familie! Das ist unsere Angelegenheit! Du bist noch grün hinter den Ohren! Artem mischte sich ein. — Nadja Petrowna bat uns, dafür zu sorgen, dass sie nicht belästigt wird. Bitte fahren Sie. Vasili, bisher im Hintergrund, machte einen Schritt nach vorn, die Brust raus. — Hör mal, Jungspund … Mach dich nicht wichtig. Wir sind Verwandte. Wir haben Rechte. — Recht auf was? – Larissa verschränkte die Arme. – In fremde Wohnungen einzudringen? Einen Teenager einer älteren Frau aufzubürden? Schauen Sie mal auf Mascha. Die schämt sich. Mascha stand tatsächlich am Rand, den Blick ins Handy gesenkt, aber sie wurde rot. — Mascha schämt sich nicht, Mascha ist gekränkt! – schrie Zoe. – Ihre eigene Tante ist ein Schmarotzer, hockt sich in Hamburg ins Nest und scheißt auf die Familie! Nadja! Komm raus, du Feigling! Schau deiner Nichte in die Augen! Das Fenster im zweiten Stock öffnete sich ein Spalt. Nadja Petrowna, kreidebleich, schaute raus. — Zoe, fahr bitte weg— ihre Stimme zitterte – ich mache nicht auf. Ich will diesen Zirkus nicht mehr! — Ach ja?! – Zoe schnappte Maschas Riesentasche und warf sie zur Haustür. – Dann nimm ihre Sachen! Sie bleibt hier sitzen, bis du nachgibst! Wir fahren jetzt! Mal sehen, ob du sie auf der Straße sitzen lässt! — Lässt sie nicht, – Artem nahm ruhig die Tasche und packte sie wieder in den Anhänger. – Denn ihr steigt ins Auto und fahrt. Sonst ruf ich die Polizei. Hausfriedensbruch, Belästigung. Hier gibt’s Kameras am ganzen Haus, Tante Zoe. Wollen Sie in Hamburg auf dem Revier übernachten? Zoe kochte vor Wut. Sie wollte zu Artem losgehen, aber Vasili spürte den Ernst und hielt sie zurück. — Lass sie, Zoe … – grummelte er. – Die meinen, sie sind jetzt alle Experten hier. — Hoffentlich bekommt ihr die Wohnung noch zu spüren! – schrie Zoe und kletterte ins Auto. – Nadja, vergiss, dass du eine Schwester hattest! Du blöde Städterin, keine Kartoffel kriegst du mehr von uns! Du gehst ein, und keiner bringt dir ein Glas Wasser! Mascha, steig ein! *** Die Studentin landete schließlich bei irgendeiner entfernten Verwandten. Zwei Monate später stahl Mascha alle Goldsachen und lief mit einem „Hamburger Jungen“ davon. Man suchte sie eine Woche mit der Polizei. Jetzt rennt die Verwandte durch die Ämter, fordert Schadensersatz, und Zoe schimpft online, dass Mascha „in der Großstadt verdorben“ wurde und die Frau selbst schuld war, weil sie nicht genug aufgepasst hat. Nadja Petrowna lobt sich heimlich: Gott sei Dank hat sie ihrer Verwandtschaft die Tür nicht geöffnet!
Meinem Mann war es immer unangenehm, in lustigen oder peinlichen Momenten ertappt zu werden – schließlich gilt er als der Inbegriff von Männlichkeit. Deshalb werfe ich heimlich einen Blick ins Badezimmer, genieße den unerwarteten Anblick, drehe mich kichernd hinter die Wand und… vermutlich werde ich mich vor Lachen kaum noch halten können: