Verlassen
Stell dir vor, fünfundzwanzig Jahre Ehe! Und dann hat er sie einfach verlassen! tuschelten die Bekannten.
Er wollte ja nie richtig arbeiten, und sie, die Arme, musste im Alter noch in die Fabrik gehen! sagten andere mitfühlend.
***
Ihr Städtchen war so klein, dass hier jeder jeden noch aus dem Kindergarten kannte. Klassentreffen gab es regelmäßig, meistens waren es spontane Kaffeekränzchen in kleinen Cafés oder Grillabende im Schrebergarten. Doch diesmal bestand Ingrid, zusammen mit einigen aktiven Damen, auf einem überraschend teuren Restaurant.
Wir sollten schon zeigen, dass wir auch erfolgreich sind, erklärte sie ihrem Ehemann.
Martin, dessen Arbeit sich in den letzten Monaten nur noch auf die Suche nach neuen Kunden beschränkte, nachdem er aus dem Werk gegangen war, lächelte schief. Erfolgreich, tatsächlich.
Ihr Tisch stand in der Ecke, was Martin sehr recht war. Er hatte gerade ein halbes Glas Riesling getrunken, als neben ihnen plötzlich Jürgen auftauchte früher mal sein Banknachbar. Jürgen war der einzige, der sich nie verändert hatte.
Martin! Lange nicht gesehen, bestimmt über einen Monat! witzelte er. Ingrid, wie immer eine Augenweide. Du behandelst Martin hoffentlich gut? Weißt ja, er ist immer der Fleißigste gewesen. Also, Martin, erzähl, wie läuft’s? Was treibst du seit dem Werk? Ist alles in Ordnung bei euch?
Martin öffnete den Mund, um ehrlich zu antworten, dass er nach zwanzig Jahren als Schweißer mit Gehalt, das die meisten hier sprachlos gemacht hätte, eigentlich nur noch Kaffee kocht morgens, während er auf neue Aufträge wartet. Er wollte gerade ansetzen:
Weißt du, Jürgen, ich…
Doch Ingrid unterbrach ihn:
Ach, Jürgen, was fragst du? Arbeit?! Ingrid nahm einen Schluck Wein, stützte sich demonstrativ auf den Tisch, und das halbe Restaurant bekam es mit. Warum sollte er arbeiten?
Das traf Martin wie ein kalter Schauer.
Was soll das? zischte er.
Martin will keine Arbeit suchen. Du kennst die Zeiten doch, Jürgen, Ingrid seufzte theatralisch, das Beste heutzutage ist es, sich von der Ehefrau aushalten zu lassen. Wozu unnötiger Stress? Ich schufte, ich ziehe den Karren, und er genießt das Leben. Martin, sei ehrlich, stimmt doch?
Nicht nur Jürgen hörte das, sondern auch alle, die zufällig in der Nähe standen.
Ach so… Ich verstehe, murmelte Jürgen nun, der Martin nur bedauernd anschaute. Äh… Tut mir leid, Martin, ich glaub, ich muss mal eben zu Sabine. Bis bald.
Jürgen verschwand fast fluchtartig vom Tisch.
Martin wandte sich an seine Frau:
Was hast du da eben gesagt?
Ingrid nahm noch einen Schluck.
Die Wahrheit, mein Lieber. Was stört dich daran?
Wie hast du mich denn bloß vor allen dargestellt?
Ingrid, die insgeheim wütend war, weil sie wieder arbeiten musste, warf ihm entgegen:
Was hätte ich sonst sagen sollen? Dass du zu Hause hockst und so tust, als wäre jemand an deinen handwerklichen Diensten interessiert? Martin, du arbeitest nicht. Ich arbeite. Klar, dass du auf meine Kosten lebst.
Für Martin war das Treffen spätestens jetzt vorbei.
Wir gehen sofort. Los jetzt.
Aber was ist mit dem Abend? entrüstete sich Ingrid.
Welcher Abend? Wir gehen!
Ingrid nutzte die Gelegenheit, ein paar ehemaligen Schulkameraden noch zuzurufen:
Uns ist leider was dazwischengekommen. Vermisst uns nicht zu sehr!
Das Taxi jagte durch die verlassenen Straßen Frankfurts.
Ingrid, begann Martin, während der Fahrer in seine Bluetooth-Kopfhörer sprach, Was hast du da gesagt, vor allen Leuten? Weißt du, was du da angerichtet hast?
Im Restaurant hatten sie das Thema gar nicht zu Ende gebracht.
Ich wiederhole: Ich habe nur die Wahrheit gesagt, Martin. Ist Wahrheit nicht besser als die Ausreden, mit denen du deine Trägheit vertuschst?
Trägheit?! Martin drehte sich zu ihr, Ich habe zweiundzwanzig Jahre für dich gesorgt! Damals hast du keinen Tag gearbeitet! Ich habe die Familie allein ernährt. Die Kinder haben wir nach Italien in die Ferien gebracht, ihnen ein Studium bezahlt. Oder willst du das alles abstreiten?
Ingrid bemerkte, dass der Taxifahrer nun schweigend zuhörte, aber das störte sie nicht.
Vorbei ist vorbei, Martin. Jetzt arbeite ich. Jetzt halte ich uns über Wasser. Und du tust nichts.
Ich bin nicht freiwillig gegangen. Ich bin Handwerker, kein Laufbursche, sagte er.
Martin war wirklich der beste Schweißer im Werk gewesen. Er konnte Dinge reparieren, die keiner anzufassen wagte. Aber der neue Chef sprach nur im Befehlston, und Martin wollte das nicht mehr ertragen.
Was bringts, wenn du keinen Job findest? fragte sie.
Ich habe überall Anzeigen aufgegeben! entgegnete Martin.
Und während du wartest, wiederholte Ingrid monoton, was er schon kannte, hängst du zu Hause am Handy, während ich auf der Produktionslinie schufte, damit wir genug Euro für die Heizkosten haben. Komm mir nicht mit Ferien am Gardasee.
Der Rest der Fahrt verbrachten sie schweigend.
Zuhause ging Martin an Ingrid vorbei, die schon begann die übrig gebliebenen Taschen vom Abend zu durchwühlen, direkt ins Schlafzimmer. Er zog sich gar nicht erst um, sondern legte sich einfach aufs Bett, ohne zu denken.
Nach einer Weile öffnete sich die Tür.
Willst du da jetzt einfach liegen bleiben? Die ganze Arbeit bleibt an mir!
Ich habe einfach keine Lust, Ingrid.
Auf die Wahrheit ist niemand böse.
Das war das Letzte, was er hörte, bevor er die Augen schloss, um endlich einzuschlafen.
Er dachte zurück: an schlaflose Nächte, als junger Mann, als er zusätzliche Aufträge annahm, um Geld für die Wohnung zu sparen. Erinnerte sich, wie er selber den alten Golf instand gesetzt hatte statt Geld für Reparaturen auszugeben. Erinnerte sich, wie Ingrid stolz auf ihn gewesen war…
Und jetzt ein Monat ohne festes Einkommen, und er war zum Klotz am Bein geworden.
Er wanderte in den kleinen Wohnraum, möglichst weit weg von Ingrid.
***
Gegen Mittag klingelte das Telefon.
Hallo?
Guten Tag, mein Name ist Johannes. Habe Ihre Anzeige im Netz gefunden. Sie sind Schweißer, richtig? Wir brauchen dringend jemanden für den Metallrahmen … Wenn Sie vorbeischauen können, erkläre ichs genauer.
Ja, Johannes, natürlich. Ich mach mich direkt auf den Weg.
Nach diesem Anruf folgten weitere. Manche erinnerte sich daran, dass Martin ihnen vor Jahren den Gartenzaun geschweißt hatte, andere suchten jemanden fürs Heizungsreparatur oder für neue Metallkonstruktionen am Dach.
Drei Wochen später spürte Martin, dass er wieder in Schwung kam. Ein Auftrag jagte den nächsten. Er arbeitete vierzehn Stunden am Tag, aber es war sein Job, sein Geld und, als Bonus: Kein Chef mehr, der ihm Vorschriften machte.
Du siehst wieder aus wie früher, meinte Ingrid, als er spätabends müde nach Hause kam.
Ich habe Arbeit, antwortete Martin schlicht und schenkte sich Wasser ein.
Gott sei Dank, sagte sie, Wann kann ich kündigen?
Diesen Moment hatte er seit dem ersten Auftrag erwartet.
Kündigen?
Ja. Du siehst doch, dass alles wieder läuft. Ich sehe keinen Sinn, mich weiter in der Fabrik zu plagen. Wann bekommst du wieder so viel wie früher? Wir hatten doch ausgemacht, dass ich den Haushalt mache.
Aber Martin hatte sich anders entschieden.
Ingrid, ihr Name klang plötzlich fremd, Deine Kündigungspläne gehen mich nichts an.
Sie verstand nicht.
Was meinst du?
Ich meine: Kündigen kannst du gern, aber aus eigenen Stücken.
Martin, du bist immer noch sauer wegen damals? Das ist doch Schnee von gestern! Lass uns jetzt doch nicht wegen so einem Quatsch streiten.
Nein, Ingrid. Das ist kein Quatsch. Du hast beschlossen, alles, was ich zwanzig Jahre lang für uns getan habe, ist wertlos. Gut. Dann arbeitest du jetzt auch. Wir machen getrennte Kassen. Mein Geld ist meins. Dein Geld deins.
Es war nicht Rache. Er hatte einfach genug. Wenn Ingrid ihn so behandelte, würde er ihr ebenso begegnen.
Geteiltes Konto? Bist du verrückt? Wir sind seit fünfundzwanzig Jahren verheiratet!
Und? Warst nicht du diejenige, die mich als Ballast bezeichnet hat? Jetzt wird niemand mehr zum Ballast. Mach deinen Job weiter. Kündigen oder nicht, das ist deine Sache.
Martin schlief erneut im Wohnraum, Ingrid schlaflos im Bett. Am Morgen packte sie einige Taschen, legte ihre Sachen und die Kinderfotos hinein. Sie ließ einen Zettel auf dem Küchentisch unter Martins Auftragsheft:
Ich wohne erst mal bei meiner Mutter. Überleg mal dein Verhalten!
Martin beeilte sich nicht, sie zurückzuholen. Die Gefühle für Ingrid vergingen nicht so schnell, aber die verletzenden Worte vergaß man eben auch nicht. Selbst als er zum ersten Mal Weihnachten allein verbrachte, rief er sie nicht an. Dennoch wartete er nicht ohne Angst auf einen Anruf von den Töchtern.
Die älteste, Emma, meldete sich als Erste.
Papa, frohes neues Jahr! Wie geht’s?
Hallo, Emmi. Mir gehts gut.
Ich wäre gern bei dir, aber mein Examen ist schon am 3. Januar. Totaler Wahnsinn. Ich weiß, dass es mit Mama schwierig ist… Versöhnst du dich mit ihr nochmal?
Davor hatte er sich gefürchtet. Er wusste, die Töchter, besonders Emma, würden wohl zur Mutter halten aber darauf war er nicht vorbereitet.
Emma, ich weiß es nicht. Ehrlich? Es läuft wohl auf Trennung hinaus.
Bestimmt würde Emma ihn jetzt verurteilen.
Papa… Glaubst du wirklich, wir machen dir Vorwürfe?
Martin war einen Moment sprachlos.
Wirklich?
Wir sind erwachsen, Papa. Wir haben gesehen, wie du immer gearbeitet hast. Ich hab auch gehört, was Mama in letzter Zeit gesagt hat … Mach, was du für richtig hältst. Wir stehen hinter dir. Wir lieben dich, Papa.
Da wurde Martin klar, dass all seine Sorgen umsonst gewesen waren.
Er weinte direkt ins Telefon. Emma, glaube er, auch.
Danke, mein Schatz…
Mit der Jüngeren, Laura, lief das Gespräch noch leichter. Laura war sensibler.
Papa, wenn du glücklich bist, sind wirs auch. Mama ist nervös, aber hör da nicht zu sehr hin. Sie übertreibt auch.
Die Scheidung war schnell geregelt. Martin überließ Ingrid das Haus; er wollte nicht darüber streiten, sondern bezog nun eine kleine Wohnung nahe seiner eigenen Werkstatt, die er kürzlich gemietet hatte.
Für die Nachbarn blieb Martin ein harter, eigensinniger Mann.
Stell dir vor, fünfundzwanzig Jahre Ehe! Und dann hat er sie verlassen! tuschelten die Leute.
Er wollte nie arbeiten, und sie, die Arme, musste noch in der Fabrik schuften! bemitleideten andere.
Niemand wusste, was Ingrid gesagt hatte. Sie sahen nur die letzte Szene. Nicht das ganze seltsame, surreale Theaterstück, das alles erst zu diesem Ende geführt hatte.





