Familienfluch oder Schicksal? Wie Katja nach Jahren unerfüllten Kinderwunschs bei der weisen Kräuterfrau Oma Anna die Wahrheit über die Sünden ihrer Mutter erfährt, dem Bruder begegnet, den sie nie kannte, und im Herzen Deutschlands um Vergebung, Versöhnung und ein neues Familienglück kämpft

Katharina sitzt nun schon seit zwei Stunden im Wartezimmer bei Frau Nina. Diese Kräuterfrau ist ihre letzte Hoffnung. Seit Jahren versucht Katharina, ein Kind auszutragen doch aus unerklärlichen Gründen will es einfach nicht gelingen. Ehrlich gesagt, ich weiß nicht, was ich Ihnen noch raten soll Ihre Werte sind sehr gut, es gibt keinerlei Auffälligkeiten, hebt die Ärztin die Schultern.
Aber irgendetwas muss doch dahinterstecken. Wenn ich gesundheitlich fit bin, warum werde ich dann nicht schwanger?, begreift Katharina nicht.
Ich habe keine Erklärung. Medizinisch bin ich am Ende. Vielleicht gehen Sie mal in die Kirche, flüstert die Frauenärztin.
Katharina ist seit fünf Jahren mit Dieter verheiratet. Die junge Familie hat alles: ein gutes Einkommen, eine schöne Eigentumswohnung in Hamburg, Liebe, gegenseitiges Verständnis. Nur eines fehlt das Lachen eines Kindes in den großzügigen, geschmackvoll eingerichteten vier Wänden.
Katharina vermutet schon länger, dass ein Fluch auf ihr und Dieter lastet, und nach den Worten der Frauenärztin ist sie sich dessen fast sicher geworden.
Die Kirche ist gut, aber was du brauchst, ist eher eine Wahrsagerin!, rät ihre Freundin Ulrike und kritzelt ihr eine Adresse aufs Papier. Mach hin. Je früher, desto besser!
Endlich wird Katharina hereingebeten. Unsicher tritt sie durch den niedrigen, massiven Hauseingang. Eine zart gebaute, freundlich wirkende ältere Dame mit weißem Kopftuch und buntem Leinenkleid begrüßt sie. Unwillkürlich lächelt Katharina. Sie hat sich eine unheimliche Frau vorgestellt mit krummer Nase und schwarzer Katze auf der Schulter.
Komm herein, mein Kind. Setz dich zu mir, dort neben das Marienbild, sagt die Frau in sanfter Stimme.
Ich habe da ein Problem, beginnt Katharina, aber schon steigen ihr die Tränen in die Augen.
Ich weiß, Liebes. Ich helfe dir so gut ich kann, spricht Frau Nina ruhig.
Katharina nimmt auf dem weichen Stuhl neben einer großen Madonna Platz. Die Alte murmelt ein Gebet, fährt mit einer Kerze rund um Katharina herum. Die Prozedur dauert etwa zwanzig Minuten. Dann setzt sie sich Katharina gegenüber und nimmt ihre Hand.
Du wirst kein Kind bekommen können. Von klein auf haftet an dir ein Fluch, der erlöst werden muss, sagt sie bestimmt.
Ein Fluch? Wer sollte mich denn verfluchen? Ich habe niemandem etwas getan
Du nicht. Deine Mutter hat eine schwere Sünde auf sich geladen, und du bist es, die nun büßt, erklärt die Kräuterfrau.
Aber das ist doch ungerecht! Meine Mutter lebt schon lange nicht mehr, warum muss ich für ihre Fehler bezahlen?
So ist das Gesetz des Universums, Kind. Dagegen vermag niemand etwas.
Und können Sie mir helfen?, fragt Katharina hoffnungsvoll.
Nein, leider nicht. Wäre es ein böser Blick, hätte ich vielleicht helfen können, aber das Nein, Frau Nina schüttelt traurig den Kopf. Du musst herausfinden, wem deine Mutter Unrecht getan hat, und versuchen, Wiedergutmachung zu leisten. Und das Wichtigste: Bete. Nicht nur für dich, auch für jene, die dir Böses wollen.
Danke, flüstert Katharina.
Katharina steigt ins Auto und ruft Dieter an.
Dieter? Ich komme heute nicht nach Hause. Ich muss dringend zu meiner Tante nach Schleswig. Alles später, Liebling. Später.
Katharina startet den Wagen und fährt in das kleine Dorf.
Kathi! Warum so spontan? Hättest ja anrufen können, dann hätte ich die Sauna schon mal eingeheizt!, ruft ihre Tante Hannelore erfreut.
Es ist wichtig, entgegnet Katharina ernst. Du musst mir die Wahrheit sagen. Was hat meine Mutter verbrochen? Für welche Sünden büße ich?
Wie kommst du darauf? Hannelore wirkt verblüfft.
Katharina erzählt ausführlich von ihrem Besuch bei Frau Nina und alles, was sie dort erfahren hat.
Tja… Also hör zu, beginnt Hannelore räuspernd.
Sie berichtet, dass Katharinas Mutter, Gertrud, einst die schönste Frau im Dorf war und von unzähligen Verehrern umschwärmt wurde. Doch Gertrud verliebte sich ausgerechnet in einen verheirateten Mann Heinrich. Ohne Skrupel nahm sie ihn der Familie weg. Heinrichs Ehefrau, Maria, blieb mit einem Säugling allein zurück.
Maria verkraftete den Verlust ihres Mannes kaum und bat Gertrud eines Tages auf Knien zurückzugeben, was sie ihr genommen hatte. Stolz wies Gertrud sie schroff ab und verspottete sie.
Bevor Maria mit gebrochenem Herzen das Haus verließ, sprach sie einen heftigen Fluch aus auf Gertrud und ihre ungeborenen Kinder.
Und dann?, wimmert Katharina.
Deine Mutter heiratete Heinrich, dann kamst du zur Welt. Aber sie waren nicht lange glücklich. Erst starb Heinrich, dann deine Mutter kurz hintereinander. Als ob Marias Fluch gewirkt hätte. Und du kannst nicht schwanger werden, fasst Hannelore mit bangem Kopfschütteln zusammen.
Lebt diese Maria immer noch im Dorf? Ich möchte sie um Vergebung bitten für die Sünden meiner Mutter.
Marias Leben verlief auch nicht glücklich Sie verlor irgendwann den Verstand. Anfangs war sie still, dann gab es einen Zusammenbruch. Sie wurde ins Heim gebracht, ihr Sohn Leo kam ins Kinderheim.
Leo, ist der viel älter als ich? Dann haben wir denselben Vater, kombiniert Katharina.
Ja. Aber sein Leben ist ebenfalls schwierig Nach dem Heim kehrte er zurück, begann zu trinken, kam auf die schiefe Bahn. Im Winter verlief er sich einmal im Wald, man fand ihn mit Erfrierungen, konnte aber nur noch sein Leben retten. Seitdem sitzt er im Rollstuhl.
Ach du meine Güte. Meine Mutter hat also nicht nur die Familie auseinandergerissen, sondern das Schicksal Unschuldiger zerstört.
So ist es wohl, seufzt Hannelore schwer.
Bitte, bring mich zu Leo. Ich muss ihn sehen, entscheidet Katharina.
Du bist verrückt! Der trinkt nur. Man weiß nie, wie er drauf ist. Fahr nach Hause! Das bringt nur Ärger.
Wenn du nicht willst, wird mir jemand anderes zeigen, wo er wohnt, ruft Katharina entschlossen.
Na gut wie du meinst! Aber nachher jammer nicht!, mault Hannelore und schnappt sich ihre Jacke.
Die Frauen stapfen durch den Schnee zu Leos Haus. Das, was davon übrig ist, kann man kaum noch als solches bezeichnen die Holzzäune morsch, das Dach undicht, kein Strom. Ein schwacher Lichtkegel fällt aus dem Fenster einer Petroleumlampe. Unsicher klopft Katharina an die Scheibe.
Ist offen!, dröhnt es heiser von innen.
Kathi, wenn was ist, ich warte draußen schrei einfach!
Katharina nickt und tritt ein. Ein beißender Geruch aus billigem Bier und kaltem Zigarettenrauch schlägt ihr entgegen. Überall liegen Kippen und leere Flaschen. Am Tisch, im Rollstuhl, sitzt ein heruntergekommener Mann. Vor ihm, zusammengekauert auf einem Handtuch, döst eine schneeweiße Katze das einzige freundliche Wesen in dieser Hütte.
Der Kater schläft bei Ihnen auf dem Tisch, murmelt Katharina verlegen, unsicher wie sie beginnen soll.
Geht dich nichts an! Der Weiße ist der Chef im Haus, er darf das!, nuschelt Leo, sein Blick irrlichtert benebelt über ihr Gesicht. Was willst du? Sozialamt? Lass mich in Ruhe! Ich geh nicht ins Heim!
Nein, es geht um was anderes. Ich heiße Katharina, bin deine Halbschwester, platzt es aus ihr heraus.
Na siehst du mal an Die Schwester beehrt mich! Willst du was? Erbe gibts keins, das Haus gehört Mama!, höhnt er.
Leo, ich möchte um Verzeihung bitten. Kann ich dir irgendwie helfen? Leo lacht schallend, abfällig und schmerzerfüllt. Je länger Katharina hinsieht, desto mehr erkennt sie in seinem Gesicht den Vater.
Hast du hundert Euro?, fragt Leo plötzlich.
Katharina kramt wortlos in ihrer Tasche und legt ihm fünfzig Euro auf den Tisch.
Danke! Du bist frei, ich habe dir vergeben. Wenn du nochmal vorbeikommen willst, tus ruhig!, lacht er kalt.
Brauchst du was vom Arzt? Medikamente?
Nein, reicht schon. Mach, dass du rauskommst, ich will schlafen!
Stumm verlässt Katharina die Bruchbude, Tränen verschleiern ihr die Sicht. Sie war auf alles gefasst, aber nicht auf diesen Anblick.
Na, und? Hast du geredet?, will Hannelore wissen.
Ja. Er hat mir verziehen, sagt Katharina knapp. Danke, dass du mir geholfen hast. Ich fahr jetzt heim.
Bleib doch die Nacht! Es ist schon spät
Nein, ich muss zurück nach Hamburg, lügt sie leise.
Mehr als alles andere will Katharina allein sein. Zu viel hat sie heute erfahren sie braucht Zeit, das alles zu verarbeiten.
Eine ganze Woche läuft Katharina ziellos umher. Immer wieder denkt sie an Leo. So schwierig er auch ist sie ist der einzige Mensch, der ihm noch geblieben ist. Sie weiß nicht weiter, aber beschließt, in die Kirche zu gehen. Nach der Messe bleibt sie noch zum Gebet, denkt wie Frau Nina geraten hat auch an ihre Feinde.
Schwer auf der Seele, mein Kind?, spricht plötzlich der Pfarrer sie an.
Katharina sieht sich um die Kirche ist fast leer.
Entschuldigen Sie, ich wollte nicht stören Ich geh gleich, haucht sie.
Willst du dich nicht aussprechen? Es tut gut, sich zu öffnen.
Katharina beginnt zu weinen und berichtet dem Pfarrer alles offen und ehrlich.
Was soll ich raten?, überlegt er. Zur Wahrsagerin wärst du besser nicht gegangen. Sie liegt falsch: Für die Sünden der Eltern haften Kinder nicht. Richtig ist, was sie über das Beten sagt: Betet für Freunde und Feinde gleichermaßen.
Was soll ich mit meinem Bruder tun? Ich will helfen, aber Dieter versteht das vielleicht nicht.
Höre auf dein Herz, auf dein Gewissen.
Am nächsten Tag fährt Katharina entschlossen wieder zu Leo. Diesmal meint sie es ernst.
Was willst du? Willst du mir Geld geben?, brummt Leo.
Er ist nüchtern und verbittert, sieht richtig schlecht aus.
Nein, diesmal nicht. Pack deine Sachen, du kommst mit mir. Ich will nicht zusehen, wie du dein Leben wegwirfst. Ich bin deine Schwester, ich brauche dich ich habe niemand Anderen.
Wohin denn?, schaut Leo sie fassungslos an.
Erst ins Krankenhaus und dann zu mir. Ich habe ein schönes Haus mit großem Garten, es gibt Platz für alle.
Leo schaut sie an, weiß nicht, was sagen. Einerseits ist er diese Misere leid, andererseits kennt er Katharina nicht wirklich.
Du kannst immer zurück, wenn es dir nicht gefällt. Ich halte niemanden fest, der nicht will.
Einzige Bedingung, sagt Leo schwer, Der Weiße muss mit!
Natürlich, ich wollte schon immer eine Katze, lacht Katharina.
***
Drei Monate später: Leo hat sich im neuen Zuhause eingelebt. Er hat ein ruhiges Wesen und findet Gefallen an Computern. Jetzt will er sogar Programmierer werden.
Leo, morgen kommen die neuen Prothesen aus München. In ein paar Monaten kannst du wieder laufen!, klopft Dieter ihm auf die Schulter.
Danke! Ich hätte nie gedacht, dass ich nochmal aufstehen würde, Leo hat Tränen in den Augen.
Ich hab damit nichts zu tun, das war alles Katharina Sie hat sich so gefreut, ihren Bruder zu finden, schmunzelt Dieter.
Ein halbes Jahr später stehen Dieter und Leo vor den Fenstern der Geburtsstation. Glücklich präsentiert Katharina ihren Zwillingen dem Vater und dem Onkel.
Bald wirds bei uns lebhaft!, lacht Dieter.
Na, Onkel, bereit für zwei Neffen?, grinst Leo.
Immer bereit! Wir schaffen das!, lacht Leo.

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Homy
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Trägt immer noch einen Groll im Herzen