Ein Geschenk vom Unbekannten
Die Nachricht im Gruppenchat tauchte unerwartet zwischen Excel-Tabellen und dringenden Mails auf, wie ein bunter Flummi im Aktenschrank:
Liebe Kolleg:innen, wir starten wieder Wichteln! Anonymer Geschenketausch zur Weihnachtsfeier. Budget bis 40 Euro. Link zum Formular unten.
Ich las die Nachricht nochmal und warf einen routinierten Blick in die Ecke meines Bildschirms, wo die Uhr weiterlief. Zehn Arbeitstage bis Jahresende, zwei Wochen bis Quartalsabschluss, drei Tage bis zur nächsten Rate fürs Eigenheim. Mein Kopf zählte ohnehin alles nur noch in Fristen.
Im Chat schnellten die Reaktionen hoch. Ein Gif von einem Rentier, ein Kommentar Schon wieder?, Nachfragen zum Budget. Die HR-Managerin Mareike ergänzte direkt: Mitmachen ist freiwillig, aber sehr erwünscht. Wir schaffen Weihnachtsstimmung!
Ich trank meinen bitterkalten Kaffee aus und klickte den Link. Das Formular wollte Name, Abteilung, Datenschutz-Zustimmung. Unten leuchtete der Button Teilnehmen. Ich zögerte einen Moment, überlegte, wie sich eine weitere sinnlose Duftkerze oder Tasse auf meinem ohnehin überladenen Schreibtisch machen würde. Und dann sah ich vor mir, wie im Teilnehmerfeld hinter meinem Nachnamen einfach Leere wäre.
Ich klickte.
Na, auch bei der Tombola dabei? fragte Sebastian aus dem nächsten Büro und schaute in meinen Würfel. Ich hoffe nur, mir fällt jemand mit Sinn für Humor zu. Schenke dann unserem Chef ein Buch über Zeitmanagement.
Ist doch anonym, erinnerte ich ihn.
Umso besser! Stell dir vor, der packt das aus Sebastian verzog das Gesicht und lachte.
Ich lächelte höflich und versank wieder im Bericht. Zahlen verschwammen zu einer grauen Masse. Irgendwo diskutierten die Kollegen über Geschenke für Kunden, ob man eher günstige oder hochwertige Pralinen nehmen sollte. In der Raucherpause ging es morgens nur um die Prämie ob es überhaupt eine gäbe, ob sie gekürzt wird, ob es wie jedes Jahr wieder Naturallohn in Form von Geschenksets wird.
Das alles war wie ein unendlicher weihnachtlicher Hintergrund: die Firmen-Tanne in der Lobby, Plastikkugeln, austauschbare Grußkarten mit Sehr geehrte Geschäftspartner! Wir wünschen Ihnen .
Für mich gab es dieses Jahr nur zwei Ziele: Das Prämienziel knacken und nicht am Sohn wegen den Noten explodieren. Beides schien gleichermaßen schwierig.
Abends blinkte auf dem Handy im überfüllten S-Bahn-Abteil eine Mail mit dem Betreff Ihr Wichtel-Kind. Ich öffnete sie zwischen Daunenjacken und Rucksäcken.
Hallo Bernd! Ihr Wichtel-Kind: Bernd König, Abteilung Analyse.
Ich las die Zeile nochmal. Und noch mal.
Die Bahn ruckte, jemand stieß mich an. Im Chat kursierten schon Screenshots:
System-Fehler?
Ich hab auch mich selbst gezogen!
Das ist Deep Dive in Self-Reflection.
Mareike schrieb rasch: Ja, das System ist out of order. Lässt sich nicht mehr ändern, weil alles an der ID hängt. Wir schlagen vor, das als Experiment zu sehen. Geschenke werden trotzdem gebracht bitte einfach so tun, als wüssten wir nichts. Hauptsache, die Stimmung bleibt.
Was für eine Überraschung, wenn ich mich selbst kenne schrieb jemand.
Stell dir einfach vor, du bist ein Unbekannter, der dich sehr gut versteht, antwortete Mareike, dekoriert mit einem Tannen-Emoji.
Ich steckte das Handy weg. Im Wagon dozierte jemand laut übers Jahresendgeschäft. Ich betrachtete mein Spiegelbild im Fensterglas. Einundvierzig. Die Haare halten noch, aber an den Schläfen wirds heller. Das Gesicht ist erschöpft, nicht alt. Sakko aus dem Kaufhaus, Uhr auf Raten, Smartphone wie der Chef.
Ein Geschenk an mich selbst, als wäre es von einem Unbekannten. Was würde dieser Unbekannte mir schenken?
Mir fiel nichts Passendes ein.
Am nächsten Tag wurde in der Raucherpause nur noch darüber geredet.
Das muss alles zurückgenommen werden, sagte Paul aus Legal und schnippte Asche. Das widerspricht dem Prinzip. Wichteln lebt von Anonymität.
Ich finds super! Endlich kann ich mir etwas Vernünftiges gönnen, widersprach Anne aus dem Marketing. Nicht nochmal so ein Schal mit Hirschen.
Du kaufst dir doch sowieso alles selbst, warf jemand ein.
Nicht alles. Manche Dinge sind einfach zu teuer für mich, lächelte Anne. Deshalb ist es interessant.
Ich hörte einfach zu. Im Kopf drehte ich Varianten durch: Kopfhörer? Powerbank? Neue Mouse? Das könnte ich jederzeit selbst kaufen, einfach im Saturn, auf dem Heimweg. War aber mehr Arbeits-Equipment als ein wirkliches Geschenk.
Und, was schenkst du dir? fragte Sebastian im Fahrstuhl.
Keine Ahnung, gab ich ehrlich zu.
Ach, komm! Ich würd mir ne Playstation gönnen. Leider zu teuer. Sebastian grinst. Also wirds Kiste Craft-Bier vom Santa!
Aber ich? Was würde ich wirklich wollen, wenn mich mal jemand sieht? Nicht als Mitarbeiter, nicht als Immobilienzahler, nicht als Vater mit angeblich zu wenig Zeit sondern wie? Als Mensch?
Ich merkte, dass mir sogar das Wort dafür fehlte.
Am Abend schlenderte ich durch die Arkaden. Alles blinkte, Musik lief. Ständig perfekte Geschenkideen, Sets für Herren, für erfolgreiche Menschen. Auf jedem zweiten Plakat: Ein Mann mit hochwertigem Mantel und entschlossenem Blick. Keiner von denen hatte Augenringe oder Kredite.
Im Elektronikmarkt: Drahtlose Kopfhörer, Bestseller. Der Verkäufer erklärte einem Jungen den Unterschied zwischen den Modellen.
Nachdenken: Kopfhörer wären praktisch. Musik, Podcasts. Man könnte meinen, man tut sich selbst etwas Gutes. Ich nahm eine Packung aus dem Regal, drehte sie hin und her. Vom Preis her im Limit, wenn ich nicht die Top-Edition nehme.
Aber im Grunde kaufe ich mir so etwas ohnehin. Was ist daran besonders? Es fühlt sich nicht wie ein Geschenk an mehr wie ein weiteres Arbeitsaccessoire.
Ich stellte die Packung zurück und verließ das Geschäft.
Im Buchladen war es wärmer. Am Eingang: Stapel von Ratgeber-Bestsellern. Werde die beste Version von dir, Mehr schaffen in weniger Zeit, Glück zum Mitnehmen. Ich griff automatisch zu einem, blätterte durch, stieß auf die alten Floskeln von Komfortzone und Effizienz und wurde müde.
Hinten ein Regal mit Romanen. Ich fuhr mit den Fingern über die Buchrücken, erkannte Autorennamen. Früher habe ich viel gelesen, im Studium manchmal einen Roman in einer Nacht dann kam die Arbeit, dann das Haus, dann der Sohn. Lesen wurde zu müsste mal wieder.
Vielleicht ein Buch? Aber welches? Und würde der imaginäre Unbekannte mir überhaupt ein Buch schenken, wenn ich ohnehin kaum Zeit zum Lesen finde?
Ich ging ohne alles raus. Der Mix aus Werbung und Jingle-Musik dröhnte im Kopf.
Zuhause fragte meine Frau:
Wieso so deprimiert?
Ach, alles gut, sagte ich beim Schuhe ausziehen. Da ist so ein Spiel auf der Weihnachtsfeier. Geschenke.
Schon wieder Kerzen und Tassen? Sie schmunzelte.
Diesmal schenkt jeder sich selbst was. Systemfehler.
Das ist doch super, sie stellte mir eine Schale Nudeln hin. Kauf dir was, was du sonst nie bezahlen würdest.
Was denn?
Keine Ahnung. Du kennst dich am besten.
Ich wollte nicht weiterreden. Der Sohn blätterte am Tisch im Schulbuch stellte sich so zumindest vor, für die Arbeit zu lernen.
Na?, sie sah mich genauer an. Du willst doch sonst immer spezielle Sachen. Neues Handy, Uhr, Rucksack. Du magst doch Gadgets.
Kauf ich eh, wenns nötig ist, sagte ich.
Vielleicht mal keine Sache? Gutschein Massage? Ein freier Tag?
Für einen freien Tag brauch ich keinen Gutschein, sondern einen Chef, der Sonntags keine E-Mails schreibt.
Sie lachte.
Schreib das deinem Santa auf den Wunschzettel.
Ist leider überm Budget, konterte ich.
Nachts lag ich wach. Im Kopf kreisten Bilder aus Läden, Sprüche von Werbeplakaten, fremde Wünsche: Karriereentwicklung, neue Meilensteine, finanzielle Sicherheit. Alles wichtig, fühlte sich aber an wie Weihnachtsdeko, die man im Januar in den Keller packt.
Was würde ich mir wünschen, wenn mich keiner bewertet? Weder Kollegen, noch Frau, noch Kind, noch Eltern, noch Bank?
Keine Antwort.
Eine Woche vor der Feier brummte das Büro lebhafter. Auf den Schreibtischen sammelten sich erste Geschenkbeutel. Manche versteckten sie, andere stellten sie demonstrativ aus. Im Chat ging es um Dresscode, Menü, Wettbewerbe. Mareike schrieb, dass es Moderator, DJ und einen besonderen Wichtel-Moment gebe.
Ich hatte immer noch kein Geschenk.
Was zögerst du?, fragte Sebastian. Sonst gibts nur noch die Reste.
Ich denk noch nach.
Über was? Nimm was Praktisches. Ich hab mir endlich ein Grillset bestellt. Wollte ich gefühlt ewig, jetzt klappts.
Mittags ging ich ins Café im Erdgeschoss. Schlange an der Kasse, Gesprächsfetzen zu Berichten, Kids, Stau. Über der Bar Werbung: Mach dir selbst eine Freude! Geschenksets zu den Feiertagen.
Ich setzte mich ans Fenster, holte das Handy hervor. Suchte Geschenk für Mann, 40 Jahre. Sofort: Uhren, Portemonnaies, Technik, Alkoholsets, Gutscheine fürs Barbershop.
Alles nach außen, wie ich wirken sollte. Nicht, wie ich mich fühle.
Ich schloss die Seite und öffnete mein Privat-Mailfach. Alles Mails von Shops: Sie waren lange nicht da, Exklusiver Rabatt!, Starten Sie das neue Jahr als neuer Mensch!
Zwischen all dem: Eine Mail von einer Online-Akademie, bei der ich mal angemeldet war. Neuer Fotografie-Kurs. Jetzt anmelden!
Fotografie.
Ich erinnerte mich an die alte Spiegelreflexkamera, die ich vor Jahren gekauft hatte damals, als Arbeitsleben und Hausbau gerade erst begannen und der Sohn noch ein Zukunftsgedanke war. Damals zog ich samstags durch Berlin, fotografierte Häuser, Menschen, Apothekenfenster. Die Kamera wanderte irgendwann in den Schrank. Erst aus Zeitgründen, dann aus Müdigkeit, dann, weil es albern schien.
Kitschig, sagte der innere Kritiker. Ein Mann mit vierzig erinnert sich ans Fotografieren. Fehlt nur noch: Jetzt wird alles anders, Künstlerkarriere incoming. Lächerlich.
Mir war unangenehm. Ich wollte nicht ausbrechen. Ich wollte nur
Ich kam nicht dazu, es zu Ende zu denken. Das Handy vibrierte. Chef schrieb: Zahlen für drittes Quartal bis zum Abend.
Ich seufzte und ging zurück an den Schreibtisch.
Abends kramte ich im Flur den alten Fotorucksack heraus. Die Kamera war schwer, kalt. Ich schaltete sie ein Akku leer. Ladegerät fand sich im Schreibtisch.
Meine Frau hob die Augenbrauen:
Willst du jetzt etwa Fotos machen?
Wollte nur wissen, ob sie noch geht, sagte ich.
Als der Akku halbvoll war, trat ich auf den Balkon und machte ein paar Fotos vom Hinterhof. Autos, Fenster, Schnee, Laternen. Nichts Besonderes. Doch als ich durch den Sucher schaute, wurde das innerliche Rauschen weniger. Nicht weg, aber leiser.
Ich atmete ruhiger.
Vielleicht ist das das Geschenk? Nicht die Kamera selbst, sondern das Okay, Zeit dafür zu verwenden. Eine Stunde pro Woche. Oder zwei. Einmal, ohne das Gefühl zu haben, dummes Zeug zu machen.
Der Gedanke war einfach und beängstigend zugleich. Der innere Kritiker wollte direkt spotten: Ja klar, kurs für Fotografie, jetzt wird alles anders!
Aber ein leiserer Gedanke meinte: Warum nicht? Geld geht doch eh für Sachen drauf, die nach einem Jahr egal sind. Warum nicht mal etwas, das mir mal Freude gemacht hat?
Ich öffnete die Mail mit dem Kurs nochmal. Da gab es Module zu Bildaufbau, Lichtführung, Stadtlandschaft. Zwei Abende pro Woche online, Preis lag genau im Wichtel-Budget für die Weihnachtsfeier.
Ein Geschenk an mich selbst, vom Unbekannten jemand, der nicht alles für Quatsch hält, was ich mal mochten.
Ich klickte Bezahlen.
Fehlte nur die Verpackung.
Die Firmenspielregeln wollten ein physisches Geschenk, das man feierlich überreichen kann. Ich habe mich für einen Online-Kurs angemeldet wäre etwas trocken. Also musste etwas zum Einpacken her.
Im Schreibwarenladen kaufte ich ein schlichtes dunkelblaues Notizbuch und einen Umschlag. Zuhause druckte ich die Bestätigung vom Kurs aus und legte sie bei. Auf die erste Seite des Notizbuches schrieb ich: Für die Aufnahmen, die du noch machen wirst. Meine Handschrift war holprig, aber lesbar.
Dann saß ich minutenlang am Tisch und feilte an der Nachricht. Ich wollte nicht wie im Ratgeber klingen, sondern wie jemand, der weiß, wie mein Alltag aussieht.
Nach einigen Anläufen entstand:
Für Bernd.
Manchmal tut es gut, sich zu erinnern, dass du mehr bist als Excel und Videocalls. Vielleicht findest du einen Moment, die Welt anders zu betrachten als durch Tabellen. Nutze ihn.
Dein Santa.
Ich las den Text. In der Brust war ein Ziehen nicht wegen Pathos, sondern weil die Worte seltsam fremd und gleichzeitig dringend nötig schienen.
Der Santa war aufmerksamer, als ich es üblicherweise zu mir selbst bin.
Ich steckte die Kursbestätigung in den Umschlag, legte ihn ins Notizbuch, wickelte beides schlicht in braunes Papier und band eine dünne rote Schleife darum.
Das Geschenk sah unspektakulär aus. Kein Logo, kein Claim.
Die Weihnachtsfeier war im Bankettsaal im Erdgeschoss des Towers. Weiße Tischdecken, Lichterketten, DJ mit den immergleichen Hits. Die Kollegen kamen mit Glitzerkleidern oder in den üblichen Hemden nur ohne Namensschild.
Die Geschenke stapelten sich auf einem Extratisch. Jeder Pakete mit Name drauf. Ich legte mein Päckchen dazu und schaute mir das Sammelsurium an: Bunte Tüten von Kaufhäusern, große Schleifen, seltsame Formen in Alufolie.
Bereit zum Seelen-Striptease?, zwinkerte Mareike beim Vorbeilaufen.
So sehr wie möglich, gab ich zurück.
Später gabs den besonderen Moment. Musik leiser, Licht dimmt. Stimmungspegel: schon recht hoch.
Freunde, begann der Moderator, unsere Wichtel-Edition dieses Jahr ist wirklich geheimnisvoll so geheim, dass jeder sein eigener Zauberer wurde. Aber wir tun einfach, als wüssten wir nichts, oder?
Gelächter im Raum.
Jetzt gehts zum Gabentisch, Name suchen, direkt auspacken. Aber wie immer gilt: Was ihr lernt, zählt mehr als das im Paket.
Noch so einer mit Sprüchen, dachte ich genervt.
Als ich dran war, spürte ich einen seltsamen Kloß im Hals. Ich nahm das Paket mit Bernd König vom Tisch und setzte mich.
Na los, was ist drin?, beugte sich Sebastian. Bitte keine Socken!
Ich löste die Schleife, wickelte das Papier ab. Notizbuch und Umschlag. Beide mit meinem Namen. Die Hände leicht zittrig.
Grillset sieht anders aus, grinste Sebastian.
Ich öffnete den Umschlag und las die Nachricht. Drumherum rief jemand Spa-Gutschein!, andere präsentierten Brettspiele oder zeigten Ferrero-Körbe. Nebenan wischte die Buchhalterin Kerstin Tränen weg bei einem Yoga-Buch, HR-Mareike lachte über die Tasse mit Best Employee drauf.
Ich las den Zettel. Und nochmal. Die Worte, die ich selbst geschrieben hatte, klangen nun fremd als hätte wirklich jemand anders sie mir gewidmet.
Du bist mehr als Excel und Videocalls.
In meinem Inneren zuckte kurz Scham auf, als hätte mich jemand in einem schwachen Moment beobachtet. Gleichzeitig Erleichterung weil dieser Jemand nicht wertete.
Und?, hakte Sebastian nach.
Kurs, sagte ich leise. Fotografie. Und ein Notizbuch.
Wow, er pfiff durch die Zähne. Da hat sich jemand Mühe gegeben. Kann man das rausbekommen, von wem?
Darf man nicht.
Na gut, er wandte sich seinem Grillset zu. Mach dann künftig die Fotos auf der Weihnachtsfeier. Praktisch.
Ich schloss das Notizbuch. Der Moderator brachte Witz nach Witz, andere tanzten schon. Es war laut, aber mir wurde es innen drin ruhiger.
Ich sah das Handy, wo eine ungelesene Nachricht von meiner Frau war: Alles gut? Ich schrieb zurück: Alles ok. Lustige Geschenke. Erzähl ich später. Die Zeile Ich hab mir einen Kurs geschenkt löschte ich vorher.
Nach Mitternacht kam ich nach Hause. Im Hausflur wars still, irgendwo knallte eine Tür. In der Wohnung lockten warmes Licht und Mandarinen-Duft. Frau las am Tisch, der Sohn schlief.
Also?, fragte sie. Was hast du bekommen?
Ich legte das Notizbuch auf den Tisch, daneben den Umschlag.
Das ist alles?, sie staunte.
Da ist noch was drin, sagte ich und öffnete den Umschlag.
Sie las die Nachricht, schaute mich an.
Hast du dir das selber geschrieben?, fragte sie vorsichtig.
Ja, gab ich zu, und den Kurs bezahlt. Fotografie.
Sie nickte. Kein Spott, kein Witz.
Gutes Geschenk, sagte sie. Du hast das doch geliebt.
Ist lange her, erwiderte ich.
Na und? Lange her heißt nicht vorbei.
Ich zuckte mit den Schultern, aber innerlich war etwas in Bewegung gekommen als hätte man endlich Möbel verrückt, statt nur drumherum zu gehen.
Schauen wir mal, sagte ich.
Am ersten Januar wachte ich ohne Wecker auf. Draußen ein grauer Morgen, der Hof voller Autos, Reste von Schnee. Der Kopf schwer, dabei nicht verkatert. Frau und Sohn waren schon gestern zu ihren Eltern gefahren, ich wollte am nächsten Tag nachkommen.
Die Wohnung war ungewöhnlich leise. Ich machte mir einen Kaffee, setzte mich an den Tisch und schlug das Notizbuch auf. Die Worte von gestern: Für die Aufnahmen, die du noch machen wirst.
Ich schaltete den Laptop an, suchte die Kursmail heraus. Das erste Treffen war in einer Woche, aber der Einführungsteil war schon freigeschaltet. Ich klickte darauf und hörte zum ersten Mal seit langem einen ruhigen Dozenten, der über Licht und Schatten sprach statt über Eigenoptimierung und Effizienz.
Ich hörte zu und merkte plötzlich, dass ich nicht nebenher die Arbeitsmails checke. Das Handy lag in der anderen Ecke, ich wollte es nicht holen.
Nach der Einführung nahm ich die Kamera und ging raus. Die Luft war frisch, nicht eisig. Leute räumten ihren Silvestermüll raus, einer ging mit Hund Gassi. Auf dem Spielplatz lag ein einsamer Knaller.
Ich blickte durch den Sucher. Im Bild: Äste, Stromleitungen, Balkone. Nichts Besonderes. Aber als ich abdrückte, schien es doch wichtig zu sein klein, aber bedeutsam.
Nicht für den Bericht, nicht fürs Ziel, nicht für die Präsentation. Einfach nur für mich selbst.
Ich machte noch einige Bilder, dann zurück an den Laptop, Bilder rüberladen. Die meisten belanglos, manche misslungen. Aber eins, wo das Fenster vom Nachbarhaus sich in einer Autoscheibe spiegelte, berührte mich plötzlich.
Ich zoomte rein, erkannte im Spiegelbild meinen eigenen Umriss, mit Kamera.
Geschenk vom Unbekannten, dachte ich der ich übrigens selbst bin. Und vielleicht ist das okay.
Ich schloss das Fotoprogramm und trank meinen kalten Kaffee aus. Der erste Arbeitstag war in Sicht, To-Dos, Mails, Meetings. Aber auch der Kurs, der bald startet. Und eine Stunde in der Woche, die ich mir freihalten will nur für mich.
Ich schlug das Notizbuch auf, schrieb das Datum und kurz: Hof, Morgen, Spiegelbild. Die Zeile war schlicht aber sie gehörte mir.
Ich legte den Stift weg. Und zum ersten Mal seit langem dachte ich bei Zukunft nicht nur an Rechnungen und Berichte. Da war ein kleiner Raum, wo ich einfach hinschauen und entscheiden durfte, was ich selber will.
Es war nicht groß. Aber genug, um wieder durchzuatmen.
Ich holte mir noch einen Kaffee und öffnete den Kursplan. Unten gab es Platz für Notizen. Ich schrieb: Nicht wegen Arbeit absagen. Lächelte das Leben wird trotzdem seine eigenen Pläne machen. Aber ich hatte das erste Mal das Recht, es wenigstens zu versuchen.
Und auch das ist ein Geschenk.





