Geschenk vom Unbekannten Die Nachricht tauchte im Firmenchat zwischen Tabellen und dringenden E-Mails auf, wie ein buntes Spielzeug in einer Schublade voller Akten: „Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir starten unser Wichteln! Anonymes Geschenketauschen zur Weihnachtsfeier. Budget bis 30 Euro. Den Link zum Formular findet ihr unten.“ Artem las den Text erneut und blickte gedankenverloren auf die Ecke des Bildschirms, wo die Uhr tickte. Zehn Arbeitstage bis Jahresende, zwei Wochen bis Quartalsabschluss, drei Tage bis zur nächsten Rate der Hausfinanzierung – Kopfrechnen in Zeitintervallen war sein Alltag. Im Chat regten sich schon Reaktionen. Ein GIF mit Rentier, erste Nachfragen zum Budget, jemand schrieb: „Schon wieder?“ HR-Managerin Katrin ergänzte sofort: „Mitmachen ist freiwillig, aber sehr erwünscht. Lasst uns gemeinsam Weihnachtsstimmung schaffen!“ Artem trank den kalten Kaffee aus und klickte auf den Link. Name, Abteilung, Datenschutzformular. Am Ende blinkte der Button „Teilnehmen“. Er überlegte einen Moment, stellte sich die nächste nutzlose Kerze oder Tasse auf seinem ohnehin vollen Schreibtisch vor. Oder aber: ein leerer Platz neben seinem Namen auf der Teilnehmerliste. Er klickte. „Na, auch bei dem Losspiel dabei?“ fragte Sascha aus der IT und lugte in sein Büro. „Ich hoffe, ich bekomme jemanden mit Humor. Mein Geschenk steht schon fest: ein Buch über Zeitmanagement für unseren Chef.“ „Ist ja anonym“, erinnerte Artem. „Das macht’s doch spannend! Stell dir vor, er öffnet es und…“ Sascha verzog das Gesicht und lachte. Artem lächelte höflich und wandte sich wieder seinem Bericht zu. Zahlen verschwammen wie grauer Strom. Von nebenan drangen Diskussionen über Geschenke für Geschäftspartner, ob teurere Pralinen sich lohnen oder nicht. In der Raucherpause am Morgen wurde über Prämien gesprochen: Ob es eine gibt? Nur Sachgeschenke? Alles das bildete den Hintergrund der Saison: Firmen-Weihnachtsbaum im Foyer, Plastik-Kugeln, neutrale Karten „Sehr geehrte Geschäftspartner, wir wünschen…“ Artem hatte dieses Jahr zwei Ziele. Erstens: den Bonus für Zielerreichung zu bekommen. Zweitens: sich beim Sohn nicht wegen Schulnoten aufzuregen. Beide schienen gleich schwierig. Abends kam die E-Mail: „Ihr Wichtel-Partner.“ Artem öffnete sie im überfüllten U-Bahn-Wagen. „Hallo Artem, Ihr Wichtel-Partner: Artem Krylow, Abteilung Analyse.“ Er liest erneut. Und nochmal. Das U-Bahn-Geräusch riss ihn raus, jemand stieß an seine Schulter. Im Chat tauchten erste Screenshots auf: „Ist das ein Bug?“ „Ich habe auch mich selbst bekommen.“ „Neues Level: Selbsterkenntnis.“ Katrin schreibt schnell: „Liebe Kolleg*innen, ja, Systemfehler. Austausch ist nicht mehr möglich, laut IT hängt alles am ID. Ich schlage vor, das als Experiment zu nehmen. Geschenke trotzdem bringen, so tun als wär’s anonym. Wichtig ist Stimmung und Überraschung!“ „Welche Überraschung, wenn ich weiß, dass ich gemeint bin?“ schreibt jemand. „Stell dir vor, es ist ein Unbekannter, der dich richtig gut versteht“, antwortet Katrin mit Christbaum-Emoji. Artem schließt den Chat und steckt das Handy weg. Jemand telefoniert laut darüber, wie „das Jahr abgeschlossen wird“. Im schwarzen Fenster sieht er sein Spiegelbild. Einundvierzig. Die Haare halten noch, aber an den Seiten wird’s heller. Gesicht müde, aber nicht alt. Sakko von C&A, Uhr auf Raten, ein Handy wie beim Chef. Ein Geschenk, von einem Unbekannten – denkt er. – Was würde dieser Unbekannte mir schenken? Keine Antwort. Am nächsten Tag in der Raucherpause geht es nur noch darum. „Ich find, das sollte abgesagt werden“, sagt Jurist Paul, ascheklopfend. „Wichteln ist nicht Wichteln, wenn’s nicht geheim bleibt.“ „Mir gefällt die Idee“, meint Anna aus dem Marketing. „Endlich mal was Vernünftiges schenken. Nicht schon wieder ein Rentierschal.“ „Du kaufst dir doch eh selbst alles…“, jemand wirft ein. „Nicht alles. Für manches ist mir das Geld zu schade“, lacht Anna. „Gerade das macht’s spannend.“ Artem hört schweigend zu. Er spielt Varianten durch: Kopfhörer, Powerbank, neue Maus – alles Dinge, die er auch ohne Wichteln kaufen könnte. Alles scheinbar nur Zubehör fürs Büro, kein Geschenk. „Und was schenkst du dir?“ fragte Sascha im Fahrstuhl. „Keine Ahnung“, sagt Artem ehrlich. „Also wirklich! Ich würd mir eine PlayStation gönnen. Aber das Budget… Na gut, dann gibt’s Craft-Bier und ein Zettel ‚vom Weihnachtsmann‘.“ Und ich? – denkt Artem. – Was würde ich bekommen, wenn mich wirklich jemand sähe? Nicht als Mitarbeiter, nicht als Kreditnehmer, nicht als Vater mit angeblich zu wenig Zeit fürs Kind, sondern… als wen? Als Mensch? Er findet kein passendes Wort. Abends geht er ins Einkaufszentrum. Überall Lichter, Musik, perfekte Geschenksets „für ihn“, „für Erfolgsmenschen“. Auf Postern: Männer in teuren Mänteln, mit selbstbewusstem Gesicht. Keiner hat Augenringe oder Kredite. Er geht in den Elektronikmarkt. Kabellose Kopfhörer, Bestseller, Berater erklärt die Unterschiede. Praktisch, denkt Artem. Musik, Podcasts: Das zählt als „an sich denken“. Er nimmt eine Box, dreht sie. Passt ins Budget, nur nicht das Luxusmodell. Aber es ist ja ein Kauf wie alle anderen. Wo ist der Sinn des Geschenks? Er kauft sich ständig, was ein Mann seines Alters und Status haben „sollte“. Handy, Uhr, gute Schuhe, Jacke nicht vom Discounter. Ist das ein Geschenk? Er stellt die Box weg. Im Buchladen ist’s wärmer. Motivationsratgeber: „Werde beste Version deiner selbst“, „Wie alles schaffen“, „Plan zum Glück“. Artem nimmt einen, blättert, liest Sätze wie „Komfortzone“ und „Effizienz“, spürt aufkeimende Müdigkeit. Hinten im Laden: Regale mit Romanen. Er fährt mit dem Finger über die Buchrücken, erkennt Namen. Früher hat er viel gelesen – Nächte lang, morgens mit roten Augen in die Uni. Dann Arbeit, Kredit, Kind – Lesen wurde zum Punkt „müsste mal wieder“. Vielleicht ein Buch? Aber welches? Würde ihm ein Unbekannter ein Buch schenken, wenn er es eh nie liest? Er verlässt den Laden ohne Buch. Im Kopf brummt es von Werbesprüchen und Hintergrundmusik. Zu Hause fragt die Frau: „Warum so nachdenklich?“ „Ach, ist nix“, antwortet er beim Schuheausziehen. „Wir spielen Wichteln mit Geschenken.“ „Wieder Kerzen und Tassen?“, lächelt sie. „Diesmal soll jeder sich selbst beschenken. So ein Systemfehler.“ „Klingt doch super! Kauf dir was, für das du sonst zu geizig bist.“ „Was denn?“ „Keine Ahnung. Du weißt das selbst am besten.“ Er sagt nichts. Der Sohn blättert im Schulbuch, tut so als lerne er. „Und?“, fragt die Frau genauer. „Normalerweise willst du was Konkretes. Neues Handy, Uhr, Rucksack. Du magst doch Technik.“ „Das kaufe ich eh, wenn’s nötig ist“, sagt Artem. „Dann vielleicht kein Ding? Gutschein, Massage, eine Auszeit…“ „Für einen freien Tag brauch ich keinen Gutschein“, brummt er. „Da brauche ich einen Chef, der sonntags nicht mailt.“ Sie lächelt. „Dann wünsch dir so einen beim Wichteln.“ „Passt nicht ins Budget“, macht er einen Witz. Nachts kann er lange nicht schlafen. Bilder aus den Geschäften, Werbeslogans, fremde Wunschlisten: „Karriereentwicklung“, „Erfolge“, „Finanzielles Glück“. Alles wichtig, aber äußerlich, wie Lametta, das man im Januar in die Kiste packt. Was würde ich mir wünschen, wenn niemand mich bewertet? Kollegen, Frau, Kind, Eltern, Bank? Immer noch keine Antwort. In der Woche vor der Weihnachtsfeier summt das Büro lauter. Erste Geschenk-Tüten tauchen auf Tischen auf, werden versteckt oder offen präsentiert. Im Chat geht’s um Dresscode, Menü, Spiele. Katrin schreibt: Moderator, DJ, und ein „besonderer Wichtelmoment“ stehen auf dem Programm. Artem kommt noch immer ohne Geschenk. „Worauf wartest du?“ fragt Sascha. „Sonst bleibt nix mehr Vernünftiges übrig!“ „Ich denke nach“, sagt Artem. „Über was denn?“ Sascha zuckt die Schultern. „Nimm was Praktisches. Ich hab mir ein Grill-Set bestellt. Wollte ich schon immer, jetzt ist endlich mal Anlass.“ Artem geht mittags ins Café unten. Lange Schlange, Gespräche über Arbeit, Kinder, Verkehr. Der Bildschirm überm Tresen: „Mach dir selbst eine Freude! Festtags-Sets.“ Mit seinem Tablett setzt er sich ans Fenster, zückt das Handy. Stöbert im Online-Shop, sucht „Geschenke für Männer um die 40“. Vorschläge: Uhr, Portemonnaie, Gadgets, Whisky-Set, Barbershop-Gutschein. Alles zeigt, wie ich wirken soll, denkt er. Aber nicht, wie ich mich fühle. Er schließt die Seite, öffnet seine private Mail. Dutzende Nachrichten: „Sie waren lange nicht da“, „Ihr Rabatt wartet“, „Starten Sie ins neue Jahr als neuer Mensch.“ Unter den Mails eine vom Weiterbildungsportal, wo er mal angemeldet war. „Neuer Fotokurs, noch bis Sonntag buchbar.“ Fotografie. Er erinnert sich an die alte Spiegelreflexkamera, die er vor zehn Jahren gekauft hat, damals noch ohne Kind und mit frisch laufendem Kredit. Damals ging er am Wochenende durch die Stadt, fotografierte Häuser, Menschen, Schaufenster. Später wanderte die Kamera in den Schrank. Erst fehlte Zeit, dann Energie, dann schien’s ihm albern. Klingt doch wie Midlife-Klischee, sagt sein innerer Kritiker. Der Kerl erinnert sich – will jetzt Künstler werden. Lächerlich. Er schiebt das Tablett weg, fühlt sich errötet. Ich will nichts umwerfen. Ich will nur… Bevor er zu Ende denkt, vibriert das Handy. Der Chef: „Die Zahlen fürs dritte Quartal bis heute Abend.“ Artem seufzt, steht auf. Abends kruscht er im Flurschrank, findet die Kamera in ihrer Tasche. Schwer, kühl. Akku leer. Im Schreibtisch liegt das Ladegerät. Die Frau schaut überrascht: „Fotografieren?“ „Wollt sehen, ob sie noch geht“, sagt er. Als der Akku geladen ist, geht er auf den Balkon und knipst den Hof: Autos, Fenster, Schnee, Laternen. Nichts Besonderes. Aber durchs Objektiv fühlt sich der Kopf ruhiger. Nicht leer, aber leiser. Sein Atem geht gleichmäßiger. Vielleicht ist das das Geschenk? – denkt er. – Nicht die Kamera, sondern erlaubte Zeit dafür. Eine Stunde pro Woche. Oder zwei. Ohne Scham, dass es nutzlose Spielerei ist. Der Gedanke ist einfach und zugleich beängstigend. Gleich meldet sich der Spötter: Klar, mach mal einen Kurs! Ob das was ändert? Ganz leise sagt eine andere Stimme: Warum nicht? Geld geht eh für Dinge weg, die bald vergessen sind. Aber hier ist es wenigstens etwas, das dir mal Freude gemacht hat. Artem öffnet den Computer und liest die Kursmail noch mal. Module zu Komposition, Licht, Stadtlandschaft. Abends, zweimal wöchentlich, online. Preis passt ins Wichtel-Limit, wenn er kein Upgrade bucht. Ein Geschenk von einem Fremden an sich selbst – denkt er. Ein Fremder, der weiß, was ihm Freude gemacht hat, und es nicht belächelt. Er klickt „Bezahlen“. Nun noch die Formalie: Das Geschenkdem Wichteln entsprechend übergeben. Die Anleitung sagt: Ein greifbares Objekt, das überreicht werden kann. Einfach zu sagen „Ich habe mich für einen Kurs angemeldet“ geht nicht. Also etwas, das in eine Box passt. Er kauft ein schlichtes dunkelblaues Notizbuch ohne Muster und einen Umschlag. Zu Hause druckt er die Kursbestätigung aus, legt sie hinein. Auf die erste Buchseite schreibt er: „Für die Bilder, die du noch machen wirst.“ Die Schrift wackelt, ist aber lesbar. Dann überlegt er lange eine Karte. Kein Motivations-Kalenderspruch, sondern Worte eines Menschen, der weiß, wie der Alltag aussieht. Nach mehreren Anläufen gelingt: „Für Artem. Manchmal muss man sich daran erinnern, dass man nicht nur Berichte und Meetings ist. Gönn dir Zeit, die Welt ohne Excel zu sehen. Ich hoffe, du wirst sie nutzen. Dein Weihnachtsmann.“ Er liest den Text. Es sticht im Herzen. Nicht von Pathos, sondern weil die Worte fremd und zugleich sehr gebraucht klingen. Dieser „Weihnachtsmann“ ist aufmerksamer als er selbst zu sich. Er packt die Kursbestätigung in den Umschlag, legt ihn ins Notizbuch, wickelt das Buch in einfaches braunes Papier und bindet eine rote Schnur herum. Das Geschenk wirkt schlicht. Keine Werbelogos, keine Plakatsprüche. Das Weihnachtsfest findet im Hotel-Saal am Erdgeschoss des Bürogebäudes statt. Weiße Tischtücher, Lichterketten, DJ mit Chart-Hits. Die Gäste kommen nach und nach: Glitzerkleider, aber auch Arbeitshemden – ohne Namensschild. Die Geschenke liegen auf einem Tisch an der Wand. Je ein Sticker mit Namen darauf. Artem legt sein Päckchen ab, scannt die anderen. Bunte Tüten, Marken-Boxen, seltsam eingepackt Aluformen. „Bereit zur Selbstentdeckung?“ zwinkert Katrin ihm zu. „Soweit möglich“, lächelt Artem. Zur Mitte des Abends ruft der Moderator zum „besonderen Wichtelmoment“. Musik leiser, Licht gedimmt. Die Stimmung schon locker, Lachen, Streitereien am Tresen. „Freunde“, so der Moderator, „dieses Jahr ist unser Wichteln besonders geheim. Jeder von euch wurde zum eigenen Magier. Aber wir tun so, als wüssten wir’s nicht, richtig?“ Das Publikum lacht. „Jetzt geht jeder einzeln zum Tisch, sucht sein Geschenk und packt es hier aus. Denkt dran: entscheidend ist, was ihr dabei über euch selbst herausfindet.“ Wieder jemand mit Floskeln, denkt Artem müde. Als er dran ist, spürt er ein unerwartetes Kribbeln im Hals. Er geht zum Tisch, nimmt das Päckchen mit seinem Namen „Artem Krylow“, kehrt zurück. „Na, was ist drin?“ fragt Sascha neugierig. „Hoffentlich keine Socken.“ Artem löst die Kordel, packt aus: Notizbuch und Umschlag mit seinem Namen. Seine Hände zittern leicht. „Sieht nicht nach Grillset aus“, kommentiert Sascha. Artem öffnet den Umschlag, liest das Blatt. Im Hintergrund jauchzt jemand über einen Spa-Gutschein, andere zeigen Brettspiele. Mit halbem Auge sieht er, wie Buchhalterin Silke verlegen eine Yoga-Buch auspackt und HR-Katrin über eine Tasse mit Aufdruck „Beste Kollegin“ lacht. Er liest seine Karte noch einmal. Worte, die er selbst geschrieben hat – jetzt, als kämen sie wirklich von jemand anderem. Du bist mehr als Berichte und Meetings. Etwas schmerzt, als wäre er beim Schwäche zeigen ertappt – und gleichzeitig das erleichternde Gefühl: Dieser „Jemand“ verurteilt ihn nicht. „Und, was war’s?“ hakt Sascha nach. „Ein Fotokurs“, sagt Artem, räuspert sich. „Und ein Notizbuch.“ „Nicht schlecht“, staunt Sascha. „Das hat sich jemand was dabei gedacht. Muss von den Kreativen kommen. Aber man darf ja nicht raten, oder?“ „Raten ist verboten“, sagt Artem. „Na ja“, Sascha widmet sich seinem Grillset, „dann mach’ künftig die Partyfotos. Praktisch!“ Artem schließt das Notizbuch. Moderator scherzt vorn, erste tanzen auf der Tanzfläche. Lärm ringsum – aber in ihm wird es ruhiger. Er antwortet auf eine Nachricht von seiner Frau: „Wie war’s?“ „Alles prima. Witzige Geschenke. Ich hab mir einen Kurs geschenkt“ – und löscht das, ersetzt: „Erzähl ich später.“ Nachts kommt er spät heim. Im Treppenhaus Stille, eine Tür fällt im dritten Stock. Die Wohnung empfängt ihn mit warmem Licht, Mandarinen-Geruch. Die Frau liest, der Sohn schläft. „Und? Was gab’s?“ Er legt das Notizbuch und den Umschlag auf den Tisch. „War das alles?“ wundert sie sich. „Drin ist noch was“, antwortet er und öffnet den Umschlag. Sie liest den Zettel, sieht ihn an. „Das hast du dir selbst geschrieben?“, fragt sie sanft. „Ja“, gibt er zu. „Den Kurs hab ich bezahlt. Für Fotografie.“ Sie nickt, kein Spott, kein Spruch. „Gutes Geschenk“, sagt sie. „Das hast du gemocht.“ „Ist lange her“, sagt er. „Und? Lange her heißt nicht vorbei.“ Er zuckt die Schultern – aber in ihm rückt etwas, als hätte er endlich Möbel verschoben. „Mal sehen“, sagt er. Neujahr wacht er ohne Wecker auf. Draußen grauer Himmel, Hof voller Autos, Reste vom Schnee. Der Kopf schwer, aber nicht dröhnend. Frau und Sohn sind bei ihren Eltern, er reist morgen nach. Die Wohnung ist ungewöhnlich still. Er macht Kaffee, setzt sich mit dem Notizbuch an den Tisch. Die erste Seite: „Für die Bilder, die du noch machen wirst.“ Er öffnet den Laptop, sucht die Kurszugangsmail. Das erste Modul ist online. Er klickt, hört den ruhigen Lehrer, der über Licht und Schatten spricht – nicht über Selbstoptimierung oder Effizienz. Er hört zu und merkt, dass er die Arbeitsmails nicht im Hintergrund prüft. Das Handy liegt im anderen Zimmer, und er hat keine Lust danach zu greifen. Nach dem Video nimmt er die Kamera und geht hinaus. Die Luft ist kalt, nicht frostig. Leute bringen den Müll raus, Hundebesitzer Gassi. Auf dem Spielplatz liegt eine kaputte Knallfrösch. Er hebt die Kamera, schaut durch den Sucher: Äste, Kabel, Balkone. Eigentlich nichts Besonderes. Aber als er auf Auslöser drückt, spürt er: Das ist etwas ganz Kleines – und doch wichtig. Nicht für den Bericht, nicht für KPIs, nicht für die Präsentation. Nur für sich. Einige Fotos misslingen, andere sind langweilig. Aber eines, auf dem sich die Fenster im Autoglas spiegeln – irgendwie berührt es ihn. Er vergrößert das Bild. Im Spiegel sieht man ihn selbst mit Kamera. Ein Geschenk vom Unbekannten – denkt er. Der Unbekannte bin ich. Und vielleicht ist das gar nicht schlecht. Er schließt das Foto und trinkt den eiskalten Kaffee aus. Vor ihm liegt der erste Arbeitstag, offene Aufgaben, Mails, Meetings. Und der Kurs beginnt in einer Woche. Und die Stunden im Kalender, die nur für ihn reserviert sind. Er nimmt das Notizbuch, schlägt eine leere Seite auf und schreibt das Datum. Dann kurz: „Hof, Morgen, Spiegelung im Glas.“ Der Satz ist unspektakulär, aber darin steckt etwas Eigenes. Er legt den Stift weg. Zum ersten Mal seit langem denkt er an die Zukunft nicht nur in Raten und Berichten. Da, in seiner Zukunft taucht ein kleiner Ort auf, an dem er schauen und wählen kann, was er selbst wirklich will. Nicht viel. Aber genug, um wieder freier zu atmen. Er gießt noch einen Kaffee ein und öffnet den Kurskalender. Unten steht Platz für Notizen. Er schreibt: „Nicht für die Arbeit absagen.“ Dann schmunzelt er – die Arbeit wird’s schon versuchen. Aber das Recht, es zu probieren, hat er jetzt. Und das ist auch ein Geschenk.

Ein Geschenk vom Unbekannten

Die Nachricht im Gruppenchat tauchte unerwartet zwischen Excel-Tabellen und dringenden Mails auf, wie ein bunter Flummi im Aktenschrank:

Liebe Kolleg:innen, wir starten wieder Wichteln! Anonymer Geschenketausch zur Weihnachtsfeier. Budget bis 40 Euro. Link zum Formular unten.

Ich las die Nachricht nochmal und warf einen routinierten Blick in die Ecke meines Bildschirms, wo die Uhr weiterlief. Zehn Arbeitstage bis Jahresende, zwei Wochen bis Quartalsabschluss, drei Tage bis zur nächsten Rate fürs Eigenheim. Mein Kopf zählte ohnehin alles nur noch in Fristen.

Im Chat schnellten die Reaktionen hoch. Ein Gif von einem Rentier, ein Kommentar Schon wieder?, Nachfragen zum Budget. Die HR-Managerin Mareike ergänzte direkt: Mitmachen ist freiwillig, aber sehr erwünscht. Wir schaffen Weihnachtsstimmung!

Ich trank meinen bitterkalten Kaffee aus und klickte den Link. Das Formular wollte Name, Abteilung, Datenschutz-Zustimmung. Unten leuchtete der Button Teilnehmen. Ich zögerte einen Moment, überlegte, wie sich eine weitere sinnlose Duftkerze oder Tasse auf meinem ohnehin überladenen Schreibtisch machen würde. Und dann sah ich vor mir, wie im Teilnehmerfeld hinter meinem Nachnamen einfach Leere wäre.

Ich klickte.

Na, auch bei der Tombola dabei? fragte Sebastian aus dem nächsten Büro und schaute in meinen Würfel. Ich hoffe nur, mir fällt jemand mit Sinn für Humor zu. Schenke dann unserem Chef ein Buch über Zeitmanagement.

Ist doch anonym, erinnerte ich ihn.

Umso besser! Stell dir vor, der packt das aus Sebastian verzog das Gesicht und lachte.

Ich lächelte höflich und versank wieder im Bericht. Zahlen verschwammen zu einer grauen Masse. Irgendwo diskutierten die Kollegen über Geschenke für Kunden, ob man eher günstige oder hochwertige Pralinen nehmen sollte. In der Raucherpause ging es morgens nur um die Prämie ob es überhaupt eine gäbe, ob sie gekürzt wird, ob es wie jedes Jahr wieder Naturallohn in Form von Geschenksets wird.

Das alles war wie ein unendlicher weihnachtlicher Hintergrund: die Firmen-Tanne in der Lobby, Plastikkugeln, austauschbare Grußkarten mit Sehr geehrte Geschäftspartner! Wir wünschen Ihnen .

Für mich gab es dieses Jahr nur zwei Ziele: Das Prämienziel knacken und nicht am Sohn wegen den Noten explodieren. Beides schien gleichermaßen schwierig.

Abends blinkte auf dem Handy im überfüllten S-Bahn-Abteil eine Mail mit dem Betreff Ihr Wichtel-Kind. Ich öffnete sie zwischen Daunenjacken und Rucksäcken.

Hallo Bernd! Ihr Wichtel-Kind: Bernd König, Abteilung Analyse.

Ich las die Zeile nochmal. Und noch mal.

Die Bahn ruckte, jemand stieß mich an. Im Chat kursierten schon Screenshots:

System-Fehler?
Ich hab auch mich selbst gezogen!
Das ist Deep Dive in Self-Reflection.
Mareike schrieb rasch: Ja, das System ist out of order. Lässt sich nicht mehr ändern, weil alles an der ID hängt. Wir schlagen vor, das als Experiment zu sehen. Geschenke werden trotzdem gebracht bitte einfach so tun, als wüssten wir nichts. Hauptsache, die Stimmung bleibt.

Was für eine Überraschung, wenn ich mich selbst kenne schrieb jemand.
Stell dir einfach vor, du bist ein Unbekannter, der dich sehr gut versteht, antwortete Mareike, dekoriert mit einem Tannen-Emoji.

Ich steckte das Handy weg. Im Wagon dozierte jemand laut übers Jahresendgeschäft. Ich betrachtete mein Spiegelbild im Fensterglas. Einundvierzig. Die Haare halten noch, aber an den Schläfen wirds heller. Das Gesicht ist erschöpft, nicht alt. Sakko aus dem Kaufhaus, Uhr auf Raten, Smartphone wie der Chef.

Ein Geschenk an mich selbst, als wäre es von einem Unbekannten. Was würde dieser Unbekannte mir schenken?

Mir fiel nichts Passendes ein.

Am nächsten Tag wurde in der Raucherpause nur noch darüber geredet.

Das muss alles zurückgenommen werden, sagte Paul aus Legal und schnippte Asche. Das widerspricht dem Prinzip. Wichteln lebt von Anonymität.

Ich finds super! Endlich kann ich mir etwas Vernünftiges gönnen, widersprach Anne aus dem Marketing. Nicht nochmal so ein Schal mit Hirschen.

Du kaufst dir doch sowieso alles selbst, warf jemand ein.

Nicht alles. Manche Dinge sind einfach zu teuer für mich, lächelte Anne. Deshalb ist es interessant.

Ich hörte einfach zu. Im Kopf drehte ich Varianten durch: Kopfhörer? Powerbank? Neue Mouse? Das könnte ich jederzeit selbst kaufen, einfach im Saturn, auf dem Heimweg. War aber mehr Arbeits-Equipment als ein wirkliches Geschenk.

Und, was schenkst du dir? fragte Sebastian im Fahrstuhl.

Keine Ahnung, gab ich ehrlich zu.

Ach, komm! Ich würd mir ne Playstation gönnen. Leider zu teuer. Sebastian grinst. Also wirds Kiste Craft-Bier vom Santa!

Aber ich? Was würde ich wirklich wollen, wenn mich mal jemand sieht? Nicht als Mitarbeiter, nicht als Immobilienzahler, nicht als Vater mit angeblich zu wenig Zeit sondern wie? Als Mensch?

Ich merkte, dass mir sogar das Wort dafür fehlte.

Am Abend schlenderte ich durch die Arkaden. Alles blinkte, Musik lief. Ständig perfekte Geschenkideen, Sets für Herren, für erfolgreiche Menschen. Auf jedem zweiten Plakat: Ein Mann mit hochwertigem Mantel und entschlossenem Blick. Keiner von denen hatte Augenringe oder Kredite.

Im Elektronikmarkt: Drahtlose Kopfhörer, Bestseller. Der Verkäufer erklärte einem Jungen den Unterschied zwischen den Modellen.

Nachdenken: Kopfhörer wären praktisch. Musik, Podcasts. Man könnte meinen, man tut sich selbst etwas Gutes. Ich nahm eine Packung aus dem Regal, drehte sie hin und her. Vom Preis her im Limit, wenn ich nicht die Top-Edition nehme.

Aber im Grunde kaufe ich mir so etwas ohnehin. Was ist daran besonders? Es fühlt sich nicht wie ein Geschenk an mehr wie ein weiteres Arbeitsaccessoire.

Ich stellte die Packung zurück und verließ das Geschäft.

Im Buchladen war es wärmer. Am Eingang: Stapel von Ratgeber-Bestsellern. Werde die beste Version von dir, Mehr schaffen in weniger Zeit, Glück zum Mitnehmen. Ich griff automatisch zu einem, blätterte durch, stieß auf die alten Floskeln von Komfortzone und Effizienz und wurde müde.

Hinten ein Regal mit Romanen. Ich fuhr mit den Fingern über die Buchrücken, erkannte Autorennamen. Früher habe ich viel gelesen, im Studium manchmal einen Roman in einer Nacht dann kam die Arbeit, dann das Haus, dann der Sohn. Lesen wurde zu müsste mal wieder.

Vielleicht ein Buch? Aber welches? Und würde der imaginäre Unbekannte mir überhaupt ein Buch schenken, wenn ich ohnehin kaum Zeit zum Lesen finde?

Ich ging ohne alles raus. Der Mix aus Werbung und Jingle-Musik dröhnte im Kopf.

Zuhause fragte meine Frau:

Wieso so deprimiert?

Ach, alles gut, sagte ich beim Schuhe ausziehen. Da ist so ein Spiel auf der Weihnachtsfeier. Geschenke.

Schon wieder Kerzen und Tassen? Sie schmunzelte.

Diesmal schenkt jeder sich selbst was. Systemfehler.

Das ist doch super, sie stellte mir eine Schale Nudeln hin. Kauf dir was, was du sonst nie bezahlen würdest.

Was denn?

Keine Ahnung. Du kennst dich am besten.

Ich wollte nicht weiterreden. Der Sohn blätterte am Tisch im Schulbuch stellte sich so zumindest vor, für die Arbeit zu lernen.

Na?, sie sah mich genauer an. Du willst doch sonst immer spezielle Sachen. Neues Handy, Uhr, Rucksack. Du magst doch Gadgets.

Kauf ich eh, wenns nötig ist, sagte ich.

Vielleicht mal keine Sache? Gutschein Massage? Ein freier Tag?

Für einen freien Tag brauch ich keinen Gutschein, sondern einen Chef, der Sonntags keine E-Mails schreibt.

Sie lachte.

Schreib das deinem Santa auf den Wunschzettel.

Ist leider überm Budget, konterte ich.

Nachts lag ich wach. Im Kopf kreisten Bilder aus Läden, Sprüche von Werbeplakaten, fremde Wünsche: Karriereentwicklung, neue Meilensteine, finanzielle Sicherheit. Alles wichtig, fühlte sich aber an wie Weihnachtsdeko, die man im Januar in den Keller packt.

Was würde ich mir wünschen, wenn mich keiner bewertet? Weder Kollegen, noch Frau, noch Kind, noch Eltern, noch Bank?

Keine Antwort.

Eine Woche vor der Feier brummte das Büro lebhafter. Auf den Schreibtischen sammelten sich erste Geschenkbeutel. Manche versteckten sie, andere stellten sie demonstrativ aus. Im Chat ging es um Dresscode, Menü, Wettbewerbe. Mareike schrieb, dass es Moderator, DJ und einen besonderen Wichtel-Moment gebe.

Ich hatte immer noch kein Geschenk.

Was zögerst du?, fragte Sebastian. Sonst gibts nur noch die Reste.

Ich denk noch nach.

Über was? Nimm was Praktisches. Ich hab mir endlich ein Grillset bestellt. Wollte ich gefühlt ewig, jetzt klappts.

Mittags ging ich ins Café im Erdgeschoss. Schlange an der Kasse, Gesprächsfetzen zu Berichten, Kids, Stau. Über der Bar Werbung: Mach dir selbst eine Freude! Geschenksets zu den Feiertagen.

Ich setzte mich ans Fenster, holte das Handy hervor. Suchte Geschenk für Mann, 40 Jahre. Sofort: Uhren, Portemonnaies, Technik, Alkoholsets, Gutscheine fürs Barbershop.

Alles nach außen, wie ich wirken sollte. Nicht, wie ich mich fühle.

Ich schloss die Seite und öffnete mein Privat-Mailfach. Alles Mails von Shops: Sie waren lange nicht da, Exklusiver Rabatt!, Starten Sie das neue Jahr als neuer Mensch!

Zwischen all dem: Eine Mail von einer Online-Akademie, bei der ich mal angemeldet war. Neuer Fotografie-Kurs. Jetzt anmelden!

Fotografie.

Ich erinnerte mich an die alte Spiegelreflexkamera, die ich vor Jahren gekauft hatte damals, als Arbeitsleben und Hausbau gerade erst begannen und der Sohn noch ein Zukunftsgedanke war. Damals zog ich samstags durch Berlin, fotografierte Häuser, Menschen, Apothekenfenster. Die Kamera wanderte irgendwann in den Schrank. Erst aus Zeitgründen, dann aus Müdigkeit, dann, weil es albern schien.

Kitschig, sagte der innere Kritiker. Ein Mann mit vierzig erinnert sich ans Fotografieren. Fehlt nur noch: Jetzt wird alles anders, Künstlerkarriere incoming. Lächerlich.

Mir war unangenehm. Ich wollte nicht ausbrechen. Ich wollte nur

Ich kam nicht dazu, es zu Ende zu denken. Das Handy vibrierte. Chef schrieb: Zahlen für drittes Quartal bis zum Abend.

Ich seufzte und ging zurück an den Schreibtisch.

Abends kramte ich im Flur den alten Fotorucksack heraus. Die Kamera war schwer, kalt. Ich schaltete sie ein Akku leer. Ladegerät fand sich im Schreibtisch.

Meine Frau hob die Augenbrauen:

Willst du jetzt etwa Fotos machen?

Wollte nur wissen, ob sie noch geht, sagte ich.

Als der Akku halbvoll war, trat ich auf den Balkon und machte ein paar Fotos vom Hinterhof. Autos, Fenster, Schnee, Laternen. Nichts Besonderes. Doch als ich durch den Sucher schaute, wurde das innerliche Rauschen weniger. Nicht weg, aber leiser.

Ich atmete ruhiger.

Vielleicht ist das das Geschenk? Nicht die Kamera selbst, sondern das Okay, Zeit dafür zu verwenden. Eine Stunde pro Woche. Oder zwei. Einmal, ohne das Gefühl zu haben, dummes Zeug zu machen.

Der Gedanke war einfach und beängstigend zugleich. Der innere Kritiker wollte direkt spotten: Ja klar, kurs für Fotografie, jetzt wird alles anders!

Aber ein leiserer Gedanke meinte: Warum nicht? Geld geht doch eh für Sachen drauf, die nach einem Jahr egal sind. Warum nicht mal etwas, das mir mal Freude gemacht hat?

Ich öffnete die Mail mit dem Kurs nochmal. Da gab es Module zu Bildaufbau, Lichtführung, Stadtlandschaft. Zwei Abende pro Woche online, Preis lag genau im Wichtel-Budget für die Weihnachtsfeier.

Ein Geschenk an mich selbst, vom Unbekannten jemand, der nicht alles für Quatsch hält, was ich mal mochten.

Ich klickte Bezahlen.

Fehlte nur die Verpackung.

Die Firmenspielregeln wollten ein physisches Geschenk, das man feierlich überreichen kann. Ich habe mich für einen Online-Kurs angemeldet wäre etwas trocken. Also musste etwas zum Einpacken her.

Im Schreibwarenladen kaufte ich ein schlichtes dunkelblaues Notizbuch und einen Umschlag. Zuhause druckte ich die Bestätigung vom Kurs aus und legte sie bei. Auf die erste Seite des Notizbuches schrieb ich: Für die Aufnahmen, die du noch machen wirst. Meine Handschrift war holprig, aber lesbar.

Dann saß ich minutenlang am Tisch und feilte an der Nachricht. Ich wollte nicht wie im Ratgeber klingen, sondern wie jemand, der weiß, wie mein Alltag aussieht.

Nach einigen Anläufen entstand:

Für Bernd.
Manchmal tut es gut, sich zu erinnern, dass du mehr bist als Excel und Videocalls. Vielleicht findest du einen Moment, die Welt anders zu betrachten als durch Tabellen. Nutze ihn.
Dein Santa.

Ich las den Text. In der Brust war ein Ziehen nicht wegen Pathos, sondern weil die Worte seltsam fremd und gleichzeitig dringend nötig schienen.

Der Santa war aufmerksamer, als ich es üblicherweise zu mir selbst bin.

Ich steckte die Kursbestätigung in den Umschlag, legte ihn ins Notizbuch, wickelte beides schlicht in braunes Papier und band eine dünne rote Schleife darum.

Das Geschenk sah unspektakulär aus. Kein Logo, kein Claim.

Die Weihnachtsfeier war im Bankettsaal im Erdgeschoss des Towers. Weiße Tischdecken, Lichterketten, DJ mit den immergleichen Hits. Die Kollegen kamen mit Glitzerkleidern oder in den üblichen Hemden nur ohne Namensschild.

Die Geschenke stapelten sich auf einem Extratisch. Jeder Pakete mit Name drauf. Ich legte mein Päckchen dazu und schaute mir das Sammelsurium an: Bunte Tüten von Kaufhäusern, große Schleifen, seltsame Formen in Alufolie.

Bereit zum Seelen-Striptease?, zwinkerte Mareike beim Vorbeilaufen.

So sehr wie möglich, gab ich zurück.

Später gabs den besonderen Moment. Musik leiser, Licht dimmt. Stimmungspegel: schon recht hoch.

Freunde, begann der Moderator, unsere Wichtel-Edition dieses Jahr ist wirklich geheimnisvoll so geheim, dass jeder sein eigener Zauberer wurde. Aber wir tun einfach, als wüssten wir nichts, oder?

Gelächter im Raum.

Jetzt gehts zum Gabentisch, Name suchen, direkt auspacken. Aber wie immer gilt: Was ihr lernt, zählt mehr als das im Paket.

Noch so einer mit Sprüchen, dachte ich genervt.

Als ich dran war, spürte ich einen seltsamen Kloß im Hals. Ich nahm das Paket mit Bernd König vom Tisch und setzte mich.

Na los, was ist drin?, beugte sich Sebastian. Bitte keine Socken!

Ich löste die Schleife, wickelte das Papier ab. Notizbuch und Umschlag. Beide mit meinem Namen. Die Hände leicht zittrig.

Grillset sieht anders aus, grinste Sebastian.

Ich öffnete den Umschlag und las die Nachricht. Drumherum rief jemand Spa-Gutschein!, andere präsentierten Brettspiele oder zeigten Ferrero-Körbe. Nebenan wischte die Buchhalterin Kerstin Tränen weg bei einem Yoga-Buch, HR-Mareike lachte über die Tasse mit Best Employee drauf.

Ich las den Zettel. Und nochmal. Die Worte, die ich selbst geschrieben hatte, klangen nun fremd als hätte wirklich jemand anders sie mir gewidmet.

Du bist mehr als Excel und Videocalls.

In meinem Inneren zuckte kurz Scham auf, als hätte mich jemand in einem schwachen Moment beobachtet. Gleichzeitig Erleichterung weil dieser Jemand nicht wertete.

Und?, hakte Sebastian nach.

Kurs, sagte ich leise. Fotografie. Und ein Notizbuch.

Wow, er pfiff durch die Zähne. Da hat sich jemand Mühe gegeben. Kann man das rausbekommen, von wem?

Darf man nicht.

Na gut, er wandte sich seinem Grillset zu. Mach dann künftig die Fotos auf der Weihnachtsfeier. Praktisch.

Ich schloss das Notizbuch. Der Moderator brachte Witz nach Witz, andere tanzten schon. Es war laut, aber mir wurde es innen drin ruhiger.

Ich sah das Handy, wo eine ungelesene Nachricht von meiner Frau war: Alles gut? Ich schrieb zurück: Alles ok. Lustige Geschenke. Erzähl ich später. Die Zeile Ich hab mir einen Kurs geschenkt löschte ich vorher.

Nach Mitternacht kam ich nach Hause. Im Hausflur wars still, irgendwo knallte eine Tür. In der Wohnung lockten warmes Licht und Mandarinen-Duft. Frau las am Tisch, der Sohn schlief.

Also?, fragte sie. Was hast du bekommen?

Ich legte das Notizbuch auf den Tisch, daneben den Umschlag.

Das ist alles?, sie staunte.

Da ist noch was drin, sagte ich und öffnete den Umschlag.

Sie las die Nachricht, schaute mich an.

Hast du dir das selber geschrieben?, fragte sie vorsichtig.

Ja, gab ich zu, und den Kurs bezahlt. Fotografie.

Sie nickte. Kein Spott, kein Witz.

Gutes Geschenk, sagte sie. Du hast das doch geliebt.

Ist lange her, erwiderte ich.

Na und? Lange her heißt nicht vorbei.

Ich zuckte mit den Schultern, aber innerlich war etwas in Bewegung gekommen als hätte man endlich Möbel verrückt, statt nur drumherum zu gehen.

Schauen wir mal, sagte ich.

Am ersten Januar wachte ich ohne Wecker auf. Draußen ein grauer Morgen, der Hof voller Autos, Reste von Schnee. Der Kopf schwer, dabei nicht verkatert. Frau und Sohn waren schon gestern zu ihren Eltern gefahren, ich wollte am nächsten Tag nachkommen.

Die Wohnung war ungewöhnlich leise. Ich machte mir einen Kaffee, setzte mich an den Tisch und schlug das Notizbuch auf. Die Worte von gestern: Für die Aufnahmen, die du noch machen wirst.

Ich schaltete den Laptop an, suchte die Kursmail heraus. Das erste Treffen war in einer Woche, aber der Einführungsteil war schon freigeschaltet. Ich klickte darauf und hörte zum ersten Mal seit langem einen ruhigen Dozenten, der über Licht und Schatten sprach statt über Eigenoptimierung und Effizienz.

Ich hörte zu und merkte plötzlich, dass ich nicht nebenher die Arbeitsmails checke. Das Handy lag in der anderen Ecke, ich wollte es nicht holen.

Nach der Einführung nahm ich die Kamera und ging raus. Die Luft war frisch, nicht eisig. Leute räumten ihren Silvestermüll raus, einer ging mit Hund Gassi. Auf dem Spielplatz lag ein einsamer Knaller.

Ich blickte durch den Sucher. Im Bild: Äste, Stromleitungen, Balkone. Nichts Besonderes. Aber als ich abdrückte, schien es doch wichtig zu sein klein, aber bedeutsam.

Nicht für den Bericht, nicht fürs Ziel, nicht für die Präsentation. Einfach nur für mich selbst.

Ich machte noch einige Bilder, dann zurück an den Laptop, Bilder rüberladen. Die meisten belanglos, manche misslungen. Aber eins, wo das Fenster vom Nachbarhaus sich in einer Autoscheibe spiegelte, berührte mich plötzlich.

Ich zoomte rein, erkannte im Spiegelbild meinen eigenen Umriss, mit Kamera.

Geschenk vom Unbekannten, dachte ich der ich übrigens selbst bin. Und vielleicht ist das okay.

Ich schloss das Fotoprogramm und trank meinen kalten Kaffee aus. Der erste Arbeitstag war in Sicht, To-Dos, Mails, Meetings. Aber auch der Kurs, der bald startet. Und eine Stunde in der Woche, die ich mir freihalten will nur für mich.

Ich schlug das Notizbuch auf, schrieb das Datum und kurz: Hof, Morgen, Spiegelbild. Die Zeile war schlicht aber sie gehörte mir.

Ich legte den Stift weg. Und zum ersten Mal seit langem dachte ich bei Zukunft nicht nur an Rechnungen und Berichte. Da war ein kleiner Raum, wo ich einfach hinschauen und entscheiden durfte, was ich selber will.

Es war nicht groß. Aber genug, um wieder durchzuatmen.

Ich holte mir noch einen Kaffee und öffnete den Kursplan. Unten gab es Platz für Notizen. Ich schrieb: Nicht wegen Arbeit absagen. Lächelte das Leben wird trotzdem seine eigenen Pläne machen. Aber ich hatte das erste Mal das Recht, es wenigstens zu versuchen.

Und auch das ist ein Geschenk.

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Homy
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Geschenk vom Unbekannten Die Nachricht tauchte im Firmenchat zwischen Tabellen und dringenden E-Mails auf, wie ein buntes Spielzeug in einer Schublade voller Akten: „Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir starten unser Wichteln! Anonymes Geschenketauschen zur Weihnachtsfeier. Budget bis 30 Euro. Den Link zum Formular findet ihr unten.“ Artem las den Text erneut und blickte gedankenverloren auf die Ecke des Bildschirms, wo die Uhr tickte. Zehn Arbeitstage bis Jahresende, zwei Wochen bis Quartalsabschluss, drei Tage bis zur nächsten Rate der Hausfinanzierung – Kopfrechnen in Zeitintervallen war sein Alltag. Im Chat regten sich schon Reaktionen. Ein GIF mit Rentier, erste Nachfragen zum Budget, jemand schrieb: „Schon wieder?“ HR-Managerin Katrin ergänzte sofort: „Mitmachen ist freiwillig, aber sehr erwünscht. Lasst uns gemeinsam Weihnachtsstimmung schaffen!“ Artem trank den kalten Kaffee aus und klickte auf den Link. Name, Abteilung, Datenschutzformular. Am Ende blinkte der Button „Teilnehmen“. Er überlegte einen Moment, stellte sich die nächste nutzlose Kerze oder Tasse auf seinem ohnehin vollen Schreibtisch vor. Oder aber: ein leerer Platz neben seinem Namen auf der Teilnehmerliste. Er klickte. „Na, auch bei dem Losspiel dabei?“ fragte Sascha aus der IT und lugte in sein Büro. „Ich hoffe, ich bekomme jemanden mit Humor. Mein Geschenk steht schon fest: ein Buch über Zeitmanagement für unseren Chef.“ „Ist ja anonym“, erinnerte Artem. „Das macht’s doch spannend! Stell dir vor, er öffnet es und…“ Sascha verzog das Gesicht und lachte. Artem lächelte höflich und wandte sich wieder seinem Bericht zu. Zahlen verschwammen wie grauer Strom. Von nebenan drangen Diskussionen über Geschenke für Geschäftspartner, ob teurere Pralinen sich lohnen oder nicht. In der Raucherpause am Morgen wurde über Prämien gesprochen: Ob es eine gibt? Nur Sachgeschenke? Alles das bildete den Hintergrund der Saison: Firmen-Weihnachtsbaum im Foyer, Plastik-Kugeln, neutrale Karten „Sehr geehrte Geschäftspartner, wir wünschen…“ Artem hatte dieses Jahr zwei Ziele. Erstens: den Bonus für Zielerreichung zu bekommen. Zweitens: sich beim Sohn nicht wegen Schulnoten aufzuregen. Beide schienen gleich schwierig. Abends kam die E-Mail: „Ihr Wichtel-Partner.“ Artem öffnete sie im überfüllten U-Bahn-Wagen. „Hallo Artem, Ihr Wichtel-Partner: Artem Krylow, Abteilung Analyse.“ Er liest erneut. Und nochmal. Das U-Bahn-Geräusch riss ihn raus, jemand stieß an seine Schulter. Im Chat tauchten erste Screenshots auf: „Ist das ein Bug?“ „Ich habe auch mich selbst bekommen.“ „Neues Level: Selbsterkenntnis.“ Katrin schreibt schnell: „Liebe Kolleg*innen, ja, Systemfehler. Austausch ist nicht mehr möglich, laut IT hängt alles am ID. Ich schlage vor, das als Experiment zu nehmen. Geschenke trotzdem bringen, so tun als wär’s anonym. Wichtig ist Stimmung und Überraschung!“ „Welche Überraschung, wenn ich weiß, dass ich gemeint bin?“ schreibt jemand. „Stell dir vor, es ist ein Unbekannter, der dich richtig gut versteht“, antwortet Katrin mit Christbaum-Emoji. Artem schließt den Chat und steckt das Handy weg. Jemand telefoniert laut darüber, wie „das Jahr abgeschlossen wird“. Im schwarzen Fenster sieht er sein Spiegelbild. Einundvierzig. Die Haare halten noch, aber an den Seiten wird’s heller. Gesicht müde, aber nicht alt. Sakko von C&A, Uhr auf Raten, ein Handy wie beim Chef. Ein Geschenk, von einem Unbekannten – denkt er. – Was würde dieser Unbekannte mir schenken? Keine Antwort. Am nächsten Tag in der Raucherpause geht es nur noch darum. „Ich find, das sollte abgesagt werden“, sagt Jurist Paul, ascheklopfend. „Wichteln ist nicht Wichteln, wenn’s nicht geheim bleibt.“ „Mir gefällt die Idee“, meint Anna aus dem Marketing. „Endlich mal was Vernünftiges schenken. Nicht schon wieder ein Rentierschal.“ „Du kaufst dir doch eh selbst alles…“, jemand wirft ein. „Nicht alles. Für manches ist mir das Geld zu schade“, lacht Anna. „Gerade das macht’s spannend.“ Artem hört schweigend zu. Er spielt Varianten durch: Kopfhörer, Powerbank, neue Maus – alles Dinge, die er auch ohne Wichteln kaufen könnte. Alles scheinbar nur Zubehör fürs Büro, kein Geschenk. „Und was schenkst du dir?“ fragte Sascha im Fahrstuhl. „Keine Ahnung“, sagt Artem ehrlich. „Also wirklich! Ich würd mir eine PlayStation gönnen. Aber das Budget… Na gut, dann gibt’s Craft-Bier und ein Zettel ‚vom Weihnachtsmann‘.“ Und ich? – denkt Artem. – Was würde ich bekommen, wenn mich wirklich jemand sähe? Nicht als Mitarbeiter, nicht als Kreditnehmer, nicht als Vater mit angeblich zu wenig Zeit fürs Kind, sondern… als wen? Als Mensch? Er findet kein passendes Wort. Abends geht er ins Einkaufszentrum. Überall Lichter, Musik, perfekte Geschenksets „für ihn“, „für Erfolgsmenschen“. Auf Postern: Männer in teuren Mänteln, mit selbstbewusstem Gesicht. Keiner hat Augenringe oder Kredite. Er geht in den Elektronikmarkt. Kabellose Kopfhörer, Bestseller, Berater erklärt die Unterschiede. Praktisch, denkt Artem. Musik, Podcasts: Das zählt als „an sich denken“. Er nimmt eine Box, dreht sie. Passt ins Budget, nur nicht das Luxusmodell. Aber es ist ja ein Kauf wie alle anderen. Wo ist der Sinn des Geschenks? Er kauft sich ständig, was ein Mann seines Alters und Status haben „sollte“. Handy, Uhr, gute Schuhe, Jacke nicht vom Discounter. Ist das ein Geschenk? Er stellt die Box weg. Im Buchladen ist’s wärmer. Motivationsratgeber: „Werde beste Version deiner selbst“, „Wie alles schaffen“, „Plan zum Glück“. Artem nimmt einen, blättert, liest Sätze wie „Komfortzone“ und „Effizienz“, spürt aufkeimende Müdigkeit. Hinten im Laden: Regale mit Romanen. Er fährt mit dem Finger über die Buchrücken, erkennt Namen. Früher hat er viel gelesen – Nächte lang, morgens mit roten Augen in die Uni. Dann Arbeit, Kredit, Kind – Lesen wurde zum Punkt „müsste mal wieder“. Vielleicht ein Buch? Aber welches? Würde ihm ein Unbekannter ein Buch schenken, wenn er es eh nie liest? Er verlässt den Laden ohne Buch. Im Kopf brummt es von Werbesprüchen und Hintergrundmusik. Zu Hause fragt die Frau: „Warum so nachdenklich?“ „Ach, ist nix“, antwortet er beim Schuheausziehen. „Wir spielen Wichteln mit Geschenken.“ „Wieder Kerzen und Tassen?“, lächelt sie. „Diesmal soll jeder sich selbst beschenken. So ein Systemfehler.“ „Klingt doch super! Kauf dir was, für das du sonst zu geizig bist.“ „Was denn?“ „Keine Ahnung. Du weißt das selbst am besten.“ Er sagt nichts. Der Sohn blättert im Schulbuch, tut so als lerne er. „Und?“, fragt die Frau genauer. „Normalerweise willst du was Konkretes. Neues Handy, Uhr, Rucksack. Du magst doch Technik.“ „Das kaufe ich eh, wenn’s nötig ist“, sagt Artem. „Dann vielleicht kein Ding? Gutschein, Massage, eine Auszeit…“ „Für einen freien Tag brauch ich keinen Gutschein“, brummt er. „Da brauche ich einen Chef, der sonntags nicht mailt.“ Sie lächelt. „Dann wünsch dir so einen beim Wichteln.“ „Passt nicht ins Budget“, macht er einen Witz. Nachts kann er lange nicht schlafen. Bilder aus den Geschäften, Werbeslogans, fremde Wunschlisten: „Karriereentwicklung“, „Erfolge“, „Finanzielles Glück“. Alles wichtig, aber äußerlich, wie Lametta, das man im Januar in die Kiste packt. Was würde ich mir wünschen, wenn niemand mich bewertet? Kollegen, Frau, Kind, Eltern, Bank? Immer noch keine Antwort. In der Woche vor der Weihnachtsfeier summt das Büro lauter. Erste Geschenk-Tüten tauchen auf Tischen auf, werden versteckt oder offen präsentiert. Im Chat geht’s um Dresscode, Menü, Spiele. Katrin schreibt: Moderator, DJ, und ein „besonderer Wichtelmoment“ stehen auf dem Programm. Artem kommt noch immer ohne Geschenk. „Worauf wartest du?“ fragt Sascha. „Sonst bleibt nix mehr Vernünftiges übrig!“ „Ich denke nach“, sagt Artem. „Über was denn?“ Sascha zuckt die Schultern. „Nimm was Praktisches. Ich hab mir ein Grill-Set bestellt. Wollte ich schon immer, jetzt ist endlich mal Anlass.“ Artem geht mittags ins Café unten. Lange Schlange, Gespräche über Arbeit, Kinder, Verkehr. Der Bildschirm überm Tresen: „Mach dir selbst eine Freude! Festtags-Sets.“ Mit seinem Tablett setzt er sich ans Fenster, zückt das Handy. Stöbert im Online-Shop, sucht „Geschenke für Männer um die 40“. Vorschläge: Uhr, Portemonnaie, Gadgets, Whisky-Set, Barbershop-Gutschein. Alles zeigt, wie ich wirken soll, denkt er. Aber nicht, wie ich mich fühle. Er schließt die Seite, öffnet seine private Mail. Dutzende Nachrichten: „Sie waren lange nicht da“, „Ihr Rabatt wartet“, „Starten Sie ins neue Jahr als neuer Mensch.“ Unter den Mails eine vom Weiterbildungsportal, wo er mal angemeldet war. „Neuer Fotokurs, noch bis Sonntag buchbar.“ Fotografie. Er erinnert sich an die alte Spiegelreflexkamera, die er vor zehn Jahren gekauft hat, damals noch ohne Kind und mit frisch laufendem Kredit. Damals ging er am Wochenende durch die Stadt, fotografierte Häuser, Menschen, Schaufenster. Später wanderte die Kamera in den Schrank. Erst fehlte Zeit, dann Energie, dann schien’s ihm albern. Klingt doch wie Midlife-Klischee, sagt sein innerer Kritiker. Der Kerl erinnert sich – will jetzt Künstler werden. Lächerlich. Er schiebt das Tablett weg, fühlt sich errötet. Ich will nichts umwerfen. Ich will nur… Bevor er zu Ende denkt, vibriert das Handy. Der Chef: „Die Zahlen fürs dritte Quartal bis heute Abend.“ Artem seufzt, steht auf. Abends kruscht er im Flurschrank, findet die Kamera in ihrer Tasche. Schwer, kühl. Akku leer. Im Schreibtisch liegt das Ladegerät. Die Frau schaut überrascht: „Fotografieren?“ „Wollt sehen, ob sie noch geht“, sagt er. Als der Akku geladen ist, geht er auf den Balkon und knipst den Hof: Autos, Fenster, Schnee, Laternen. Nichts Besonderes. Aber durchs Objektiv fühlt sich der Kopf ruhiger. Nicht leer, aber leiser. Sein Atem geht gleichmäßiger. Vielleicht ist das das Geschenk? – denkt er. – Nicht die Kamera, sondern erlaubte Zeit dafür. Eine Stunde pro Woche. Oder zwei. Ohne Scham, dass es nutzlose Spielerei ist. Der Gedanke ist einfach und zugleich beängstigend. Gleich meldet sich der Spötter: Klar, mach mal einen Kurs! Ob das was ändert? Ganz leise sagt eine andere Stimme: Warum nicht? Geld geht eh für Dinge weg, die bald vergessen sind. Aber hier ist es wenigstens etwas, das dir mal Freude gemacht hat. Artem öffnet den Computer und liest die Kursmail noch mal. Module zu Komposition, Licht, Stadtlandschaft. Abends, zweimal wöchentlich, online. Preis passt ins Wichtel-Limit, wenn er kein Upgrade bucht. Ein Geschenk von einem Fremden an sich selbst – denkt er. Ein Fremder, der weiß, was ihm Freude gemacht hat, und es nicht belächelt. Er klickt „Bezahlen“. Nun noch die Formalie: Das Geschenkdem Wichteln entsprechend übergeben. Die Anleitung sagt: Ein greifbares Objekt, das überreicht werden kann. Einfach zu sagen „Ich habe mich für einen Kurs angemeldet“ geht nicht. Also etwas, das in eine Box passt. Er kauft ein schlichtes dunkelblaues Notizbuch ohne Muster und einen Umschlag. Zu Hause druckt er die Kursbestätigung aus, legt sie hinein. Auf die erste Buchseite schreibt er: „Für die Bilder, die du noch machen wirst.“ Die Schrift wackelt, ist aber lesbar. Dann überlegt er lange eine Karte. Kein Motivations-Kalenderspruch, sondern Worte eines Menschen, der weiß, wie der Alltag aussieht. Nach mehreren Anläufen gelingt: „Für Artem. Manchmal muss man sich daran erinnern, dass man nicht nur Berichte und Meetings ist. Gönn dir Zeit, die Welt ohne Excel zu sehen. Ich hoffe, du wirst sie nutzen. Dein Weihnachtsmann.“ Er liest den Text. Es sticht im Herzen. Nicht von Pathos, sondern weil die Worte fremd und zugleich sehr gebraucht klingen. Dieser „Weihnachtsmann“ ist aufmerksamer als er selbst zu sich. Er packt die Kursbestätigung in den Umschlag, legt ihn ins Notizbuch, wickelt das Buch in einfaches braunes Papier und bindet eine rote Schnur herum. Das Geschenk wirkt schlicht. Keine Werbelogos, keine Plakatsprüche. Das Weihnachtsfest findet im Hotel-Saal am Erdgeschoss des Bürogebäudes statt. Weiße Tischtücher, Lichterketten, DJ mit Chart-Hits. Die Gäste kommen nach und nach: Glitzerkleider, aber auch Arbeitshemden – ohne Namensschild. Die Geschenke liegen auf einem Tisch an der Wand. Je ein Sticker mit Namen darauf. Artem legt sein Päckchen ab, scannt die anderen. Bunte Tüten, Marken-Boxen, seltsam eingepackt Aluformen. „Bereit zur Selbstentdeckung?“ zwinkert Katrin ihm zu. „Soweit möglich“, lächelt Artem. Zur Mitte des Abends ruft der Moderator zum „besonderen Wichtelmoment“. Musik leiser, Licht gedimmt. Die Stimmung schon locker, Lachen, Streitereien am Tresen. „Freunde“, so der Moderator, „dieses Jahr ist unser Wichteln besonders geheim. Jeder von euch wurde zum eigenen Magier. Aber wir tun so, als wüssten wir’s nicht, richtig?“ Das Publikum lacht. „Jetzt geht jeder einzeln zum Tisch, sucht sein Geschenk und packt es hier aus. Denkt dran: entscheidend ist, was ihr dabei über euch selbst herausfindet.“ Wieder jemand mit Floskeln, denkt Artem müde. Als er dran ist, spürt er ein unerwartetes Kribbeln im Hals. Er geht zum Tisch, nimmt das Päckchen mit seinem Namen „Artem Krylow“, kehrt zurück. „Na, was ist drin?“ fragt Sascha neugierig. „Hoffentlich keine Socken.“ Artem löst die Kordel, packt aus: Notizbuch und Umschlag mit seinem Namen. Seine Hände zittern leicht. „Sieht nicht nach Grillset aus“, kommentiert Sascha. Artem öffnet den Umschlag, liest das Blatt. Im Hintergrund jauchzt jemand über einen Spa-Gutschein, andere zeigen Brettspiele. Mit halbem Auge sieht er, wie Buchhalterin Silke verlegen eine Yoga-Buch auspackt und HR-Katrin über eine Tasse mit Aufdruck „Beste Kollegin“ lacht. Er liest seine Karte noch einmal. Worte, die er selbst geschrieben hat – jetzt, als kämen sie wirklich von jemand anderem. Du bist mehr als Berichte und Meetings. Etwas schmerzt, als wäre er beim Schwäche zeigen ertappt – und gleichzeitig das erleichternde Gefühl: Dieser „Jemand“ verurteilt ihn nicht. „Und, was war’s?“ hakt Sascha nach. „Ein Fotokurs“, sagt Artem, räuspert sich. „Und ein Notizbuch.“ „Nicht schlecht“, staunt Sascha. „Das hat sich jemand was dabei gedacht. Muss von den Kreativen kommen. Aber man darf ja nicht raten, oder?“ „Raten ist verboten“, sagt Artem. „Na ja“, Sascha widmet sich seinem Grillset, „dann mach’ künftig die Partyfotos. Praktisch!“ Artem schließt das Notizbuch. Moderator scherzt vorn, erste tanzen auf der Tanzfläche. Lärm ringsum – aber in ihm wird es ruhiger. Er antwortet auf eine Nachricht von seiner Frau: „Wie war’s?“ „Alles prima. Witzige Geschenke. Ich hab mir einen Kurs geschenkt“ – und löscht das, ersetzt: „Erzähl ich später.“ Nachts kommt er spät heim. Im Treppenhaus Stille, eine Tür fällt im dritten Stock. Die Wohnung empfängt ihn mit warmem Licht, Mandarinen-Geruch. Die Frau liest, der Sohn schläft. „Und? Was gab’s?“ Er legt das Notizbuch und den Umschlag auf den Tisch. „War das alles?“ wundert sie sich. „Drin ist noch was“, antwortet er und öffnet den Umschlag. Sie liest den Zettel, sieht ihn an. „Das hast du dir selbst geschrieben?“, fragt sie sanft. „Ja“, gibt er zu. „Den Kurs hab ich bezahlt. Für Fotografie.“ Sie nickt, kein Spott, kein Spruch. „Gutes Geschenk“, sagt sie. „Das hast du gemocht.“ „Ist lange her“, sagt er. „Und? Lange her heißt nicht vorbei.“ Er zuckt die Schultern – aber in ihm rückt etwas, als hätte er endlich Möbel verschoben. „Mal sehen“, sagt er. Neujahr wacht er ohne Wecker auf. Draußen grauer Himmel, Hof voller Autos, Reste vom Schnee. Der Kopf schwer, aber nicht dröhnend. Frau und Sohn sind bei ihren Eltern, er reist morgen nach. Die Wohnung ist ungewöhnlich still. Er macht Kaffee, setzt sich mit dem Notizbuch an den Tisch. Die erste Seite: „Für die Bilder, die du noch machen wirst.“ Er öffnet den Laptop, sucht die Kurszugangsmail. Das erste Modul ist online. Er klickt, hört den ruhigen Lehrer, der über Licht und Schatten spricht – nicht über Selbstoptimierung oder Effizienz. Er hört zu und merkt, dass er die Arbeitsmails nicht im Hintergrund prüft. Das Handy liegt im anderen Zimmer, und er hat keine Lust danach zu greifen. Nach dem Video nimmt er die Kamera und geht hinaus. Die Luft ist kalt, nicht frostig. Leute bringen den Müll raus, Hundebesitzer Gassi. Auf dem Spielplatz liegt eine kaputte Knallfrösch. Er hebt die Kamera, schaut durch den Sucher: Äste, Kabel, Balkone. Eigentlich nichts Besonderes. Aber als er auf Auslöser drückt, spürt er: Das ist etwas ganz Kleines – und doch wichtig. Nicht für den Bericht, nicht für KPIs, nicht für die Präsentation. Nur für sich. Einige Fotos misslingen, andere sind langweilig. Aber eines, auf dem sich die Fenster im Autoglas spiegeln – irgendwie berührt es ihn. Er vergrößert das Bild. Im Spiegel sieht man ihn selbst mit Kamera. Ein Geschenk vom Unbekannten – denkt er. Der Unbekannte bin ich. Und vielleicht ist das gar nicht schlecht. Er schließt das Foto und trinkt den eiskalten Kaffee aus. Vor ihm liegt der erste Arbeitstag, offene Aufgaben, Mails, Meetings. Und der Kurs beginnt in einer Woche. Und die Stunden im Kalender, die nur für ihn reserviert sind. Er nimmt das Notizbuch, schlägt eine leere Seite auf und schreibt das Datum. Dann kurz: „Hof, Morgen, Spiegelung im Glas.“ Der Satz ist unspektakulär, aber darin steckt etwas Eigenes. Er legt den Stift weg. Zum ersten Mal seit langem denkt er an die Zukunft nicht nur in Raten und Berichten. Da, in seiner Zukunft taucht ein kleiner Ort auf, an dem er schauen und wählen kann, was er selbst wirklich will. Nicht viel. Aber genug, um wieder freier zu atmen. Er gießt noch einen Kaffee ein und öffnet den Kurskalender. Unten steht Platz für Notizen. Er schreibt: „Nicht für die Arbeit absagen.“ Dann schmunzelt er – die Arbeit wird’s schon versuchen. Aber das Recht, es zu probieren, hat er jetzt. Und das ist auch ein Geschenk.
Ich habe meine Tochter (20 Jahre) und ihren Freund (23 Jahre) bei uns einziehen lassen. Nach einem Monat Zusammenleben habe ich beide vor die Tür gesetzt – eine bestimmte Situation war der Auslöser…