ER WIRD BEI UNS WOHNEN

Ein schriller Klingelton riss Margarete aus ihren Gedanken. Sie streifte die Schürze ab, wischte sich die Hände und ging zur Wohnungstür. Auf der Fußmatte standen ihre Tochter und ein junger Mann. Margarete öffnete und ließ die beiden in den Flur.

Hallo Mama! rief ihre Tochter und küsste sie kurz auf die Wange. Das ist Konstantin. Er wird ab jetzt mit uns wohnen!

Guten Tag, nickte der junge Mann höflich.

Und das ist meine Mama, Tante Margarete, stellte ihre Tochter weiter vor.

Margarete Hoffmann, korrigierte Margarete die Tochter und musterte den Besucher.

Mama, was gibts zum Abendessen? fragte ihre Tochter, während sie den Mantel auszog.

Erbsenpüree mit Würstchen, erwiderte Margarete knapp.

Ich esse kein Erbsenpüree, kommentierte Konstantin, zog seine Schuhe aus und lief direkt ins Wohnzimmer.

Mama, du weißt doch, Konstantin mag so was nicht! Die Augen der Tochter wurden riesengroß.

Der Junge warf achtlos seinen Rucksack auf den Boden und ließ sich aufs Sofa plumpsen.

Das ist übrigens mein Zimmer, sagte Margarete ruhig.

Komm, Konstantin, ich zeig dir, wo wir jetzt wohnen werden!, rief ihre Tochter laut und fuchtelte.

Mir gefällts hier im Wohnzimmer, brummte Konstantin und erhob sich nur zögerlich.

Mama, kannst du nicht was machen, was Konstantin lieber isst?

Ich weiß nicht, wir haben noch einen halben Pack Würstchen übrig, seufzte Margarete und zuckte die Schultern.

Geht schon mit Senf, Ketchup und Brot, rief Konstantin aus dem Nebenzimmer.

Na wunderbar, murmelte Margarete leise, stapfte zurück in die Küche und dachte: Früher hat sie streunende Katzen und Hunde nach Hause gebracht, jetzt schleppt sie sowas mit an und ich kann am Ende wieder zusehen, wie ich alle satt bekomme.

Sie füllte sich eine Portion Erbsenpüree auf, legte zwei angebratene Würstchen dazu, schob sich noch etwas Salat auf den Teller und begann mit Genuss zu essen.

Mama, wieso isst du denn hier allein? Die Tochter trat kopfschüttelnd in die Küche.

Weil ich gerade von der Arbeit gekommen bin und Hunger habe. Wer etwas will, macht sich was. Und ich hab noch eine Frage: Warum wird Konstantin eigentlich bei uns wohnen?

Na warum wohl, er ist mein Mann, sagte die Tochter völlig ungeniert.

Margarete verschluckte sich fast.

Dein Mann?

Genau. Ich bin ja schließlich alt genug, um selbst zu entscheiden, ob ich heirate. Ich bin neunzehn.

Zu Hochzeit habt ihr mich aber nicht eingeladen.

War keine Hochzeit. Nur Standesamt, fertig. Wir sind jetzt verheiratet und wohnen zusammen, antwortete die Tochter fast schon beiläufig, während sie an ihrer Mutter vorbeischaute.

Na, herzlichen Glückwunsch auch. Und warum keine Feier?

Wenn du Geld für eine Hochzeit hast, kannst du es ruhig uns geben uns fällt schon was ein, wofür wir es ausgeben!

Aha, erwiderte Margarete und aß weiter. Und warum ausgerechnet bei mir?

Die beiden haben nur eine Einzimmerwohnung. Da leben sie zu viert auf engstem Raum.

Mieten wollt ihr nichts?

Warum denn? Hier gibts doch mein Zimmer, meinte die Tochter überrascht.

Ist schon gut.

Machst du uns jetzt was zu essen?

Lena, der Topf steht auf dem Herd, Würstchen sind in der Pfanne, zur Not gibts noch was im Kühlschrank bedient euch!

Du verstehst wohl nicht, dass du jetzt einen Schwiegersohn hast, betonte Lena das Wort.

Soll ich jetzt etwa einen Schuhplattler tanzen, nur weil du geheiratet hast? Ich bin müde von der Arbeit. Ihr habt doch beide Hände, bedient euch, antwortete Margarete nüchtern.

Deshalb bist du eben noch allein!

Wütend rauschte Lena davon in ihr Zimmer und knallte die Tür hinter sich zu.

Margarete räumte ihr Geschirr weg, säuberte die Küche, zog sich um, griff die Sporttasche und verließ die Wohnung. Sie liebte ihre Unabhängigkeit, verbrachte mehrere Abende pro Woche im Fitnessstudio oder im Schwimmbad.

Gegen zehn Uhr kehrte sie erschöpft, aber zufrieden zurück. Sie stellte sich auf einen Tee ein doch in der Küche erwartete sie das pure Chaos. Irgendjemand hatte hier gekocht: Der Topf mit dem Erbsenpüree stand offen, war verkrustet und trocken, leere Wurstpackungen lagen herum, dazwischen altes, hartes Brot. Die Pfanne war angebrannt und zerkratzt. Im Spülbecken türmte sich schmutziges Geschirr, auf dem Boden klebte etwas Süßes und überall hing Zigarettenrauch in der Luft.

Margarete war sprachlos. So was hat Lena früher nie gemacht, murmelte sie wütend und öffnete die Zimmertür der Tochter. Die beiden saßen mit Rotweingläsern auf dem Bett und rauchten.

Lena, ab in die Küche. Morgen kaufst du eine neue Pfanne, sagte Margarete streng und drehte sich um, ohne die Tür zu schließen.

Die Tochter schoss ihr hinterher: Warum sollen wir sauber machen? Woher soll ich denn das Geld für eine neue Pfanne nehmen? Ich studiere, ich hab kein Geld! Ist doch bloß ein bisschen Geschirr.

Du kennst die Regeln: Wer isst, macht sauber. Wer etwas kaputt macht, schafft Ersatz. Die Pfanne war teuer und jetzt ruiniert!

Du willst doch gar nicht, dass wir hier wohnen!, rief Lena entrüstet.

Stimmt, entgegnete Margarete ohne Regung. Sie hatte nun wirklich keine Lust, einen Streit vom Zaun zu brechen.

Ich habe wenigstens ein Anrecht auf mein Zimmer!

Nope, die Wohnung gehört allein mir. Bezahlt, gekauft, alles auf meinem Namen. Du bist nur gemeldet. Ihr könnt hier wohnen aber nach meinen Regeln, erklärte Margarete fest.

Immer muss ich nach deinen Regeln leben! Aber ich bin jetzt verheiratet, du hast mir nichts mehr vorzuschreiben! Und eigentlich solltest du das Feld räumen.

Ihr bekommt gerne den Flur im Hausflur und ein Plätzchen auf der Bank draußen. Ich wurde auch nicht gefragt, ob ich möchte, dass du heiratest. Also: Entweder du schläfst hier allein, oder mit deinem Mann irgendwo anders, aber nicht bei mir. Er wohnt hier nicht!, antwortete Margarete eiskalt.

Behalt deine blöde Wohnung! Konstantin, wir gehen!, rief Lena mit bebender Stimme und packte wütend ihre Sachen.

Fünf Minuten später erschien Konstantin vor Margaretes Tür, taumelte und lallte: Na, Schwiegermama, jetzt ganz locker bleiben! Wir ziehen nicht mehr aus. Wenn du brav bist, sind wir auch nachts ganz leise.

Ich bin nicht deine Schwiegermama! Deine Eltern wohnen woanders, dahin kannst du gehen und nimm deine ‘Ehefrau’ gleich mit!

Er ballte die Faust, hielt sie Margarete vors Gesicht.

Margarete griff blitzschnell nach seiner Faust und drückte fest zu ihre perfekt manikürten Nägel bohrten sich in seine Hand.

Lass los, du Verrückte!, schrie er.

Mama, was machst du?!, brüllte Lena und versuchte dazwischenzugehen. Doch Margarete stieß ihre Tochter weg, rammte Konstantin das Knie in den Unterleib und schlug ihm mit dem Ellenbogen seitlich auf den Hals.

Ich zeig dich an!, kreischte Konstantin.

Ich ruf gleich selbst die Polizei, dann kannst du alles protokollieren lassen, sagte Margarete ruhig.

Die beiden zogen ab, ließen ihr die frisch renovierte Zweizimmerwohnung.

Du bist nicht mehr meine Mutter! Und meine Kinder siehst du nie!, schrie Lena noch im Weggehen.

Was für ein Drama, bemerkte Margarete spöttisch. Vielleicht habe ich endlich Ruhe.

Sie betrachtete ihre ramponierten Fingernägel. Nur Ärger mit euch, murmelte sie. Dann reinigte sie die Küche blitzeblank, warf das alte Essen und die kaputte Pfanne weg und wechselte am nächsten Morgen das Schloss.

Drei Monate später, Margarete kehrte gerade vom Einkaufen zurück, begegnete ihr Lena vor dem Supermarkt. Das Mädchen war abgemagert, die Wangen hohl, insgesamt abgezehrt.

Mama, was gibt’s bei uns zum Abendessen?, fragte sie leise.

Keine Ahnung, zuckte Margarete die Schultern, hab noch nicht entschieden. Was willst du denn?

Hähnchen mit Reis … und vielleicht Kartoffelsalat?

Gut, dann gehen wir schnell Hähnchen kaufen und den Kartoffelsalat machst du selbst, sagte Margarete freundlich.

Sie stellte keine weiteren Fragen und Konstantin tauchte nie wieder in ihrem Leben auf.

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ER WIRD BEI UNS WOHNEN
Die angelehnte Tür Zuerst bemerkte er gar nicht, was anders war. Wie gewohnt stieg er im neunten Stock aus dem Aufzug, tastete nach dem Schlüsselbund und schlenderte zu seiner Wohnungstür, während der Champagner und die Salate noch als dumpfes Rauschen in seinem Kopf nachhallten. Im Treppenhaus herrschte für diese Silvesternacht ungewöhnliche Stille; nur eine Etage tiefer wurde gelacht und Türen flogen zu. Vor seiner Wohnung blieb er stehen, lehnte die Hand an die Wand, um das Schloss nicht zu verfehlen, und erst da sah er flüchtig links ein Flackern im Augenwinkel. Die Nachbartür, gleich neben seiner, stand einen Spalt breit offen. Im Halbdunkel des Flurs glimmte eine bunte Lichterkette, über den Garderobenständer geworfen, und aus der Tiefe drang leise eine Frauenstimme: „Schneeflöckchen, Weißröckchen, wann kommst du geschneit…“ Er blieb, mit dem Schlüssel in der Luft, stehen. Im Treppenhaus war es kühl, es roch nach etwas Gebratenem, das aus irgendeiner Wohnung drang, und nach seinem eigenen Rasierwasser. In seinem Kopf hallten noch die Trinksprüche: „Auf die Gesundheit, auf uns, dass wir nicht alt werden!“; und gerade jetzt wurde es seltsam leer. Bei den Freunden war es laut, eng, Kinder tobten umher, jemand warf Knallbonbons aus dem Fenster. Er hatte gelacht, getrunken, zugehört, wenn es um Immobilien, Urlaube in Spanien und Renovierungen ging. Als Mitternacht schlug, stießen sie an, umarmten sich, ein paar flossen Tränen beim dritten Glas. Dann ein kurzes Taxi durch die fast menschenleere Stadt, die Lichterketten in Bäumen – und jetzt stand er hier, die Schuhe drückten, ein schwummeriges Gefühl im Schädel und diese eigenartige Klarheit: Er kam allein nach Hause. Die Nachbarn. Er kannte ihre Gesichter, aber nicht ihre Namen. Der ältere Herr mit den grauen Schläfen und dem kleinen Bäuchlein unter dem Strickpullover, der im Aufzug immer freundlich nickte. Seine Frau, klein, mit kurzem Haar und Netzbeutel, immer voller Tüten. Sie lebten schon länger hier als er. Als er vor fünfzehn Jahren einzog, war ihr Name schon am Türschild; er hatte nie genauer hingesehen. Ein Gruß, ein Kopfnicken, gelegentlich ein kurzes Wort über das warme Wasser, das wieder fehlt. Und das war’s. Er blickte auf die angelehnte Tür. Die Musik lief, aber leise. Die Lichterkette flackerte, als hätte sie keine Lust. Drinnen war es dunkel, nur das Flurlicht schimmerte schwach. Die Tür bewegte sich nicht. „Vorbeigehen“ war der erste, naheliegende Gedanke. Vielleicht lüften sie, haben es vergessen – nicht seine Angelegenheit. Fast hätte er schon seinen Schlüssel in die Tür gesteckt, doch etwas hielt ihn zurück. Eine angelehnte Tür in so einer Nacht, wo alle entweder Gäste haben oder sich zuhause verschanzen, um keine bösen Überraschungen erleben zu müssen. Alte Lieder, wie aus seiner Kindheit. Und dieses seltsame Gefühl: Wenn er jetzt einfach in seine Wohnung geht, sich auszieht und das Fernsehkonzert einschaltet, dann bleibt sein Leben genauso – neben Menschen, über die er nichts weiß, nur durch eine Wand getrennt. Er zog den Schlüssel wieder aus dem Schloss und lauschte. Keine Stimmen, kein Lachen – nur das Lied endete und das nächste begann: „Der blaue Wagen“. Er verzog das Gesicht. Was, wenn jemandem etwas passiert ist? Gestürzt? In den Nachrichten liest man ständig von alten Leuten, die erst Tage später gefunden werden. Vor zwei Wochen hatte er den Nachbarn in der Apotheke gesehen: Er kaufte Medikamente, kramte ewig im Geldbeutel, entschuldigte sich vor der ganzen Schlange. „Na gut“, murmelte er zu sich selbst und machte einen Schritt auf die Tür zu. Er schob sie vorsichtig mit den Fingern. Sie gab etwas nach, dann stieß sie auf etwas Weiches. Durch den Spalt sah er mehr vom Flur: den abgetretenen Teppich, ein Paar Schuhe, Damenpantoffeln mit Fell. Geruch von gebratenem Hähnchen und Mandarinen – der Duft war bereits abgekühlt, aber er lag noch in der Luft. Jacken hingen an der Garderobe, die Lichterkette baumelte bis zum Boden. „Hallo?“ rief er zögerlich. „Äh… ist jemand da?“ Keine Antwort. Die Musik lief gleichmäßig weiter, also Strom und Geräte funktionierten. Er klopfte mit den Knöcheln. „Nachbarn, alles okay bei Ihnen?“ Drinnen polterte etwas dumpf, dann hörte er Schritte. Die Tür öffnete sich etwas weiter und im Spalt erschien das Gesicht der Hausherrin. Die Wangen rosig, der Blick müde, die Festtagsfrisur hatte ihre Form verloren. Sie trug einen glänzenden Pullover, um den Hals eine schlichte Kette. „Ach!“, sagte sie überrascht und griff sofort nach der Türklinke, als wolle sie die Tür gleich schließen. „Entschuldigen Sie, wir hier…“ Er hob die Hände, als wolle er sich rechtfertigen. „Ich… also… die Tür war angelehnt. Ich habe mir Sorgen gemacht. Alles in Ordnung?“ Sie sah ihn einen Moment prüfend an, bemerkte den schief sitzenden Schlips, die Plastiktüte mit Salatresten und – so schien es – erkannte ihn. „Ah, aus der Neun“, sagte sie. „Ja, ja, alles gut. Wir haben nur… das Fenster offen gehabt und…“ Von drinnen rief ein Männerstimme: „Wer ist da, Lissi? Wieder die Silvesterknaller?“ „Der Nachbar!“, rief sie zurück. „Unserer von gegenüber!“ Die Tür ging auf und ihr Mann erschien. Hemd über der Hose, oberster Knopf geöffnet, ein Glas mit bernsteinfarbenem Inhalt. Sein Gesicht war verknittert, doch die Augen klar. „Ach, guten Abend!“, sagte er. „Frohes neues Jahr!“ „Ihnen auch!“, antwortete Anton – und dachte, dass er ihre Namen immer noch nicht kannte. „Ich… habe die Tür gesehen. Dachte, vielleicht ein Luftzug, und Sie sind weg.“ „Ach, wir…“, Lissi lächelte kurz, „aus Gewohnheit. Wenn ich Müll rausbringe, schließe ich nie ganz ab. Heute war alles so hektisch, hab vergessen. Tut mir leid, wenn Sie erschreckt wurden.“ Er nickte und hatte schon zum Rückzug angesetzt. „Na, dann ist ja alles gut. Ich geh dann mal. Noch mal…“ „Moment!“, rief der Nachbar plötzlich. „Bleiben Sie doch kurz. Jetzt sind Sie schon mal da.“ Er zögerte. „Ach, ich war ja schon bei Freunden, habe gegessen und getrunken. Ist ein bisschen unangenehm…“ „Quatsch!“, winkte der Mann ab. „Was ist schon dabei? Wir grüßen uns zwanzig Jahre und nie sitzen wir mal zusammen. Lissi, gib dem Herrn ein Gläschen!“ Sie zuckte die Schultern, aber es klang viel mehr nach Zustimmung. „Schuh aus, komm rein“, sagte sie. „Ganz unkompliziert. Küche ist dort.“ Er blickte unsicher auf seine eigene Tür. In der Tasche schwer der Schlüssel, in der Hand die Tüte mit Salat und der Sektflasche, die er bei den Freunden gar nicht geöffnet hatte. Die stille Wohnung schien plötzlich besonders leer. „Gut, aber nur kurz“, sagte er. Er stellte die Schuhe zu ihren, nicht viele: zwei Paar Männerhalbschuhe, alt, aber gepflegt, Damenschuhe, keine Kinderschuhe. Die Tüte nahm er mit, unsicher, wohin damit. „Gib her“, Lissi reichte die Hand. „Was bringst du mit?“ „Ach, nur ein bisschen Salat und Sekt“, murmelte er verlegen. „Perfekt! Unser Sekt ist gerade aus“, sagte sie. „Du bringst also ein Geschenk.“ Die Küche war klein, aber gemütlich. Auf dem Tisch noch Salatteller, Heringssalat, Wurst, Mandarinen. Eine Vase mit Tannenzweigen und zwei Figuren. Am Fenster glimmte eine andere Lichterkette. Auf einem Stuhl saß eine Frau um die Fünfzig mit sanftem Gesicht und stöberte durchs Handy. Daneben ein leerer Becher auf dem Hocker. „Meine Schwester, Tanja“, stellte Lissi sie vor. „Tanja, unser Nachbar aus der Neun. Wie heißt…?“ „Anton“, ergänzte er. „Anton Seidel.“ „Ach, so förmlich!“, lachte ihr Mann. „Wir machen keine Förmlichkeiten. Ich bin Viktor“, er schmiegte ihm die Hand. „Lass das Seidel weg.“ Sie schüttelten Hände. Viktors Hand warm und rau, kräftig. „Setz dich, Anton“, Tanja rückte den Hocker zurecht. „Lissi bringt gleich einen Teller.“ Anton setzte sich, leicht verlegen. Er sah ein Schwarzweiß-Foto an der Wand: ein junger Viktor in Uniform, daneben Lissi mit langen Haaren, ein kleiner Junge an der Hand. Auf dem Kühlschrank Magneten von Orten, die er nie besucht hatte. „Na dann“, Viktor schenkte klare Flüssigkeit ein. „Auf dass man manchmal Türen öffnet und nicht nur schließt.“ Anton lächelte. Der Satz erschien ihm groß, aber Viktors Ton war müde, nicht pathetisch, eher bestimmt. Sie stießen an. Der Schnaps war mild, breitete Wärme aus. Nebenan dudelte weiter Musik, inzwischen ein Lied über „drei weiße Pferde“. „Wo hast du gefeiert?“, fragte Lissi und schob Anton Salat rüber. „Bei Freunden“, antwortete er. „Große Runde, Kinder, laut.“ „Und allein zu Hause?“, Tanja blickte über die Brille. Er nickte, ohne Details zu nennen. „Tochter in Hamburg mit Familie“, schob er die übliche Ausrede hinterher, wollte aber eigentlich heute nicht darüber reden. „Sie hat ihr eigenes Leben.“ „Verstehe“, sagte Lissi leise. „Unser Sohn wohnt zwischen Oldenburg und Bremen, feiert mit den Enkeln bei der Schwiegermutter. Wir sind nicht böse. Junge Leute gehen ihre Wege.“ Viktor schnaubte. „Nicht böse…“, wiederholte er. „Aber die Enkel haben wir lang nicht gesehen.“ Tanja lächelte ein bisschen traurig. „Wie lange wohnst du schon hier, Anton?“, fragte sie und aß eine Mandarine. „Fünfzehn Jahre“, antwortete er. „Seit… der Scheidung. Habe die Wohnung geholt, bin hergezogen.“ „Ach!“, Lissi schüttelte den Kopf. „Ich dachte, du wärst neu. So jugendlich!“ Anton schmunzelte. „Danke. Bin zweiundfünfzig.“ „Viktor ist zweiundsechzig“, warf Tanja ein. „Er sagt, er sei noch ein Junge.“ „Bin ich auch“, Viktor gießt nach. „Im Herzen.” Das Lachen war leise, aber ehrlich. Anton spürte, wie sich die Anspannung löste. Er sah die Details: sauber gefaltete Servietten, die alte Tischdecke mit ein paar Rote-Bete-Flecken, ein vergessener Hähnchenschenkel. „Ich erinnere mich an dich“, sagte Lissi plötzlich. „Du hast mal mit Bücherkartons eingezogen. Ich fand, es gibt nun einen belesenen Nachbarn.“ „Beim Umzug“, bestätigte Anton. „Ich habe alles selbst geschleppt, hatte tagelang Rückenweh.“ „Einmal kamst du total eingeschneit nach Haus“, erinnerte Viktor. „Vor zehn Jahren, ich half dir, die Tannenbaumzweige aus dem Türrahmen zu bekommen.“ Anton staunte. An die Tanne erinnerte er sich schwach, hatte aber nicht erwartet, dass das jemand mitkriegt. „Komisch“, sagte er. „Man lebt nebeneinander und weiß nur diese Bruchstücke.“ „Was will man mehr?“, meinte Tanja achselzuckend. „Hauptsache, nachts ist Ruhe und im Flur liegt kein Müll.“ „Oder dass niemand einen überflutet!“, lachte Viktor. „Unsere Studenten von unten kennen wir zu gut.“ Sie lachten über die Geschichten – Partys, die ruppige Nachbarin und andere Haustypen – der Gespräch floss irgendwann ganz entspannt. Anton erzählte vom Büro, Homeoffice, von Kollegen, die alle jünger sind als seine Tochter. Viktor berichtete vom Werk, vom Reparaturservice und ja, wie sie die Datscha verkaufen mussten. Lissi erzählte von beruflichen Sorgen in der Bibliothek, Tanja von Verwaltungssorgen im Mietshaus. „Wir dachten immer“, Lissi schenkte ein, „du wärst ein wichtiger Boss. Immer so korrekt gekleidet.“ „Ach was“, lachte Anton. „Normaler Manager. Dresscode.“ „Trotzdem“, ließ sie nicht locker, „du wirkst wie jemand, der den Überblick hat.“ Kommt mir oft nicht so vor, dachte Anton. Gerade jetzt, zwischen all den unbekannten Geschichten. „Und ihr dachtet… was arbeite ich?“ „Ich hielt dich für Jurist“, sagte Viktor ehrlich. „Du gehst so… entschlossen.“ „Ich glaubte, du wärst Lehrer“, meinte Tanja. „Du hast mal einen Jungen zurechtgewiesen, sanft, nicht geschimpft, als er im Hausflur malte.“ Anton erinnerte sich vage. Sohn der Nachbarn von weiter unten. „Komisch“, sagte er. „Man stellt Bruchstücke zu ganzen Biografien zusammen.“ „Und über uns?“, hakte Lissi nach. Er schwieg. Er hatte wenig nachgedacht. „Naja… Familie eben. Kinder, Enkel, feiern zusammen.“ Viktor seufzte. „Da glaubt man, wir hätten Riesenparty mit Quetsche. Und dabei… sitzen wir zu dritt in der Küche mit Fernsehen.“ „Und Musik!“, lachte Tanja. „Ich brauch die Lieder.“ Stille entstand. Das nächste Lied begann. „Wir hatten immer volles Haus“, meinte Lissi leise. „Sohn, Freunde, meine Eltern. Den Tisch bauten wir im Wohnzimmer aus. Jetzt… alle verstreut. Eltern tot, Sohn weit weg. Wir sind nicht traurig, es ist nur ungewohnt.“ Anton nickte. Er dachte an frühere Feste mit Familie, Schwiegereltern, Freunden – dann Trennung, wechselnde Weihnachtsabende mit Tochter, Kollegen, oder allein daheim. Dieses Jahr hatte er sich für die Freunde entschieden, weil es lauter war. Doch als Gast fühlt er sich oft fehl am Platz. „Als ich von den Freunden heim bin“, sagte er unerwartet, „fühlte ich mich, als käme ich ins Hotel. Wohnung, Sachen – aber…“ Keine Worte. „Versteh ich“, sagte Tanja. „Nach dem Tod meines Mannes war es genauso. Alles gehört mir, aber nichts richtig.“ Lissi legte ihr die Hand auf die Schulter. Anton schmerzte das im Hals. „Entschuldige“, sagte er leise. „Ich wusste das nicht.“ „Wieso solltest du?“, erwiderte Tanja freundlich. „Wir grüßen uns doch nur im Aufzug.“ Sie sprachen lange. Zeit dehnte sich, aber angenehm. Geschichten von Stromausfall, Silvester mit Gasflamme, Nachbarn, die an Silvester das Bad fluten, Anton im Zug mit Plastikgläsern. Die Schalen leerten sich, die Musik wurde ruhiger, draußen knallten noch vereinzelt Raketen. Es war nach drei. Anton merkte: Es gefiel ihm. Nicht laut, sondern gut. Er hörte Lissi über ihre Sorgen als Bibliothekarin, Viktor scherzte über seine Wehwehchen, Tanja berichtete von Mieterbeschwerden. „Ich dachte immer, wir hier sind wie die Leute in der U-Bahn“, sagte Viktor irgendwann. „Einsteigen, durchfahren, aussteigen. Aber jetzt – sitzt man zusammen, und das Altwerden ist nicht mehr so beängstigend.“ Anton schmunzelte. „Nicht das Altwerden ist schlimm, sondern das Alleinsein.“ „Ja“, nickte Lissi. „Manchmal nachts denke ich: Wenn mir was passiert, Viktor ist im Laden oder auf der Datscha. Wer merkt es? Und du, Anton?“ Er zögert. Kollegen, Tochter – alle weit weg. „Niemand“, sagt er ehrlich. „Vielleicht ruft der Chef an, wenn ich zu lange fehle.“ „Siehst du!“, meint Tanja. „Wir sind zu dritt auf dem Flur und kennen nicht mal die Nummern.“ Viktor lacht. „Darauf willst du wohl hinaus, Schwesterherz?“ „Genau. Lass uns die Nummern tauschen. Nicht zum Telefonieren, aber für den Notfall.“ Anton nickte. Die Idee ist einfach, aber gerade jetzt fühlt sie sich wichtig an. „Machen wir“, sagt er. Sie schreiben die Nummern auf. Lissi notiert seine, pinnt sie an den Kühlschrank. „Jetzt wissen wir deinen Namen, nicht nur ‘unserer aus der Neun’.“ Um vier werden alle ruhiger. Müdigkeit legt sich über die Runde wie eine Decke. Lissi gähnt, Viktor reibt die Augen, Tanja schaut auf die Uhr. „Du solltest nach Hause“, sagt Lissi. „Wir haben dich lang aufgehalten.“ Anton sieht aufs Handy. Zwanzig vor fünf. Der Körper fühlt sich schwer an, müde. „Ja, wohl schon“, stimmt er zu. „Danke euch. Für…“ Er sucht das Wort und findet keins. Fürs Essen, Gespräch, fürs Offensein. „Für Gesellschaft“, ergänzt Tanja. „Uns hat es auch gefallen.“ Viktor wankt auf, steht auf, ein bisschen schwankend. „Komm, ich bring dich zur Tür“, meint er. „Im Flur verirrt man sich leicht.“ Sie gehen in die Diele. Musik läuft kaum noch, die Lichterkette glimmt träge. Anton zieht die Schuhe an, schließt den Mantel. Viktor lehnt sich an die Wand. „Hör mal, Anton – wenn was ist… klopf einfach. Keine Scheu. Wir sind direkt nebenan.“ Anton nickt. „Du auch“, sagt er. „Wenn was zu tragen ist, was kaputt… Computer, da kenne ich mich aus.“ „Computer!“, blüht Viktor auf. „Das Notebook spinnt sowieso.“ „Ich schimpfe nicht“, ruft Lissi aus der Küche. „Ich stelle nur fest!“ Sie lachen beide. „Dann machen wir das. Ich schau mal vorbei.“ Viktor streckt ihm die Hand hin. „Frohes neues Jahr, Nachbar. Möge es… zumindest so gut sein wie dieser Abend.“ „Wünsche ich euch auch.“ Anton seufzt. „Frohes neues Jahr.“ Er tritt auf den Flur. Ihre Tür schließt sich leise – diesmal nicht misstrauisch. Seine Tür begegnet ihm mit gewohnter Stille. Er schließt auf, schaltet das Licht. Die Wohnung sieht aus wie immer: Sofa, Fernseher, der Tisch mit dem Teebecher von morgens, Mandarinen auf dem Fensterbrett, die Vase leer. Anton geht ins Zimmer, hängt den Mantel an die Stuhllehne. Die Küche brummt leise von der Heizung. Er setzt sich, schließt für einen Moment die Augen. Gesichter tauchen im Kopf auf: Lissi, müde, aber freundlich, Viktor mit seinen ruppigen Witzen, Tanja mit dem wachen Blick. Ihre Geschichten, Klagen, Lachen. Und die Erkenntnis: All die Jahre lebte hinter dieser Wand ein kleines Leben, von dem er fast nichts wusste. Er sieht zur Wand, hinter der ihre Küche ist. Lissi räumt jetzt wahrscheinlich auf, Viktor schaltet die Musik ab, Tanja bereitet das Sofa. Die Wand scheint auf einmal dünner, weniger trennend. Er geht in die Küche, rieselt Wasser ins Glas, trinkt, stellt es ab, macht die Leitung nicht mehr an, um nicht zu stören. Geht zurück, löscht das Licht, legt sich. Der Schlaf kommt schnell, doch bevor er ganz hinübergleitet, denkt er: Morgen bringe ich etwas zum Tee hinüber. Einfach so, ohne Grund. … Drei Tage später, abends, nach der Arbeit: Im Hausflur riecht es nach Kartoffeln und irgendetwas Süßem. Auf seiner Etage ist es ruhig. Anton steigt hoch, zückt den Schlüssel – da öffnet sich plötzlich die Nachbartür. Lissi steht im Morgenmantel mit einem Handtuch. „Anton!“, spricht sie ihn jetzt ohne Förmlichkeit an. „Schön, dass du – du – da bist.“ Er bleibt mit dem Schlüssel im Schloss stehen. „Ist etwas passiert?“, fragt er, sofort wachsam. „Nein“, sie lächelt. „Ich hab Apfelkuchen gebacken. Und gedacht, du könntest mal nach dem Computer sehen? Viktor flucht schon wieder.“ Anton spürt das warme Gefühl in sich. „Natürlich“, sagt er. „Ich stell nur schnell meine Sachen rein.“ Er legt die Tasche ab und geht zu Lissi zurück. Sie hält das Kuchenblech, der Duft schlicht und heimisch. „Komm rein“, sagt sie. „Viktor schimpft schon drinnen.“ Er tritt über die Schwelle. Die Lichterkette hängt noch, aber sie ist jetzt aus. Es läuft keine Musik. Im Rest der Wohnung ist Alltag. Und Anton spürt: Die Tür, die sich in der Silvesternacht öffnete, wird für ihn nie wieder ganz geschlossen sein. Er lächelt – und geht zur Küche.