Ein schriller Klingelton riss Margarete aus ihren Gedanken. Sie streifte die Schürze ab, wischte sich die Hände und ging zur Wohnungstür. Auf der Fußmatte standen ihre Tochter und ein junger Mann. Margarete öffnete und ließ die beiden in den Flur.
Hallo Mama! rief ihre Tochter und küsste sie kurz auf die Wange. Das ist Konstantin. Er wird ab jetzt mit uns wohnen!
Guten Tag, nickte der junge Mann höflich.
Und das ist meine Mama, Tante Margarete, stellte ihre Tochter weiter vor.
Margarete Hoffmann, korrigierte Margarete die Tochter und musterte den Besucher.
Mama, was gibts zum Abendessen? fragte ihre Tochter, während sie den Mantel auszog.
Erbsenpüree mit Würstchen, erwiderte Margarete knapp.
Ich esse kein Erbsenpüree, kommentierte Konstantin, zog seine Schuhe aus und lief direkt ins Wohnzimmer.
Mama, du weißt doch, Konstantin mag so was nicht! Die Augen der Tochter wurden riesengroß.
Der Junge warf achtlos seinen Rucksack auf den Boden und ließ sich aufs Sofa plumpsen.
Das ist übrigens mein Zimmer, sagte Margarete ruhig.
Komm, Konstantin, ich zeig dir, wo wir jetzt wohnen werden!, rief ihre Tochter laut und fuchtelte.
Mir gefällts hier im Wohnzimmer, brummte Konstantin und erhob sich nur zögerlich.
Mama, kannst du nicht was machen, was Konstantin lieber isst?
Ich weiß nicht, wir haben noch einen halben Pack Würstchen übrig, seufzte Margarete und zuckte die Schultern.
Geht schon mit Senf, Ketchup und Brot, rief Konstantin aus dem Nebenzimmer.
Na wunderbar, murmelte Margarete leise, stapfte zurück in die Küche und dachte: Früher hat sie streunende Katzen und Hunde nach Hause gebracht, jetzt schleppt sie sowas mit an und ich kann am Ende wieder zusehen, wie ich alle satt bekomme.
Sie füllte sich eine Portion Erbsenpüree auf, legte zwei angebratene Würstchen dazu, schob sich noch etwas Salat auf den Teller und begann mit Genuss zu essen.
Mama, wieso isst du denn hier allein? Die Tochter trat kopfschüttelnd in die Küche.
Weil ich gerade von der Arbeit gekommen bin und Hunger habe. Wer etwas will, macht sich was. Und ich hab noch eine Frage: Warum wird Konstantin eigentlich bei uns wohnen?
Na warum wohl, er ist mein Mann, sagte die Tochter völlig ungeniert.
Margarete verschluckte sich fast.
Dein Mann?
Genau. Ich bin ja schließlich alt genug, um selbst zu entscheiden, ob ich heirate. Ich bin neunzehn.
Zu Hochzeit habt ihr mich aber nicht eingeladen.
War keine Hochzeit. Nur Standesamt, fertig. Wir sind jetzt verheiratet und wohnen zusammen, antwortete die Tochter fast schon beiläufig, während sie an ihrer Mutter vorbeischaute.
Na, herzlichen Glückwunsch auch. Und warum keine Feier?
Wenn du Geld für eine Hochzeit hast, kannst du es ruhig uns geben uns fällt schon was ein, wofür wir es ausgeben!
Aha, erwiderte Margarete und aß weiter. Und warum ausgerechnet bei mir?
Die beiden haben nur eine Einzimmerwohnung. Da leben sie zu viert auf engstem Raum.
Mieten wollt ihr nichts?
Warum denn? Hier gibts doch mein Zimmer, meinte die Tochter überrascht.
Ist schon gut.
Machst du uns jetzt was zu essen?
Lena, der Topf steht auf dem Herd, Würstchen sind in der Pfanne, zur Not gibts noch was im Kühlschrank bedient euch!
Du verstehst wohl nicht, dass du jetzt einen Schwiegersohn hast, betonte Lena das Wort.
Soll ich jetzt etwa einen Schuhplattler tanzen, nur weil du geheiratet hast? Ich bin müde von der Arbeit. Ihr habt doch beide Hände, bedient euch, antwortete Margarete nüchtern.
Deshalb bist du eben noch allein!
Wütend rauschte Lena davon in ihr Zimmer und knallte die Tür hinter sich zu.
Margarete räumte ihr Geschirr weg, säuberte die Küche, zog sich um, griff die Sporttasche und verließ die Wohnung. Sie liebte ihre Unabhängigkeit, verbrachte mehrere Abende pro Woche im Fitnessstudio oder im Schwimmbad.
Gegen zehn Uhr kehrte sie erschöpft, aber zufrieden zurück. Sie stellte sich auf einen Tee ein doch in der Küche erwartete sie das pure Chaos. Irgendjemand hatte hier gekocht: Der Topf mit dem Erbsenpüree stand offen, war verkrustet und trocken, leere Wurstpackungen lagen herum, dazwischen altes, hartes Brot. Die Pfanne war angebrannt und zerkratzt. Im Spülbecken türmte sich schmutziges Geschirr, auf dem Boden klebte etwas Süßes und überall hing Zigarettenrauch in der Luft.
Margarete war sprachlos. So was hat Lena früher nie gemacht, murmelte sie wütend und öffnete die Zimmertür der Tochter. Die beiden saßen mit Rotweingläsern auf dem Bett und rauchten.
Lena, ab in die Küche. Morgen kaufst du eine neue Pfanne, sagte Margarete streng und drehte sich um, ohne die Tür zu schließen.
Die Tochter schoss ihr hinterher: Warum sollen wir sauber machen? Woher soll ich denn das Geld für eine neue Pfanne nehmen? Ich studiere, ich hab kein Geld! Ist doch bloß ein bisschen Geschirr.
Du kennst die Regeln: Wer isst, macht sauber. Wer etwas kaputt macht, schafft Ersatz. Die Pfanne war teuer und jetzt ruiniert!
Du willst doch gar nicht, dass wir hier wohnen!, rief Lena entrüstet.
Stimmt, entgegnete Margarete ohne Regung. Sie hatte nun wirklich keine Lust, einen Streit vom Zaun zu brechen.
Ich habe wenigstens ein Anrecht auf mein Zimmer!
Nope, die Wohnung gehört allein mir. Bezahlt, gekauft, alles auf meinem Namen. Du bist nur gemeldet. Ihr könnt hier wohnen aber nach meinen Regeln, erklärte Margarete fest.
Immer muss ich nach deinen Regeln leben! Aber ich bin jetzt verheiratet, du hast mir nichts mehr vorzuschreiben! Und eigentlich solltest du das Feld räumen.
Ihr bekommt gerne den Flur im Hausflur und ein Plätzchen auf der Bank draußen. Ich wurde auch nicht gefragt, ob ich möchte, dass du heiratest. Also: Entweder du schläfst hier allein, oder mit deinem Mann irgendwo anders, aber nicht bei mir. Er wohnt hier nicht!, antwortete Margarete eiskalt.
Behalt deine blöde Wohnung! Konstantin, wir gehen!, rief Lena mit bebender Stimme und packte wütend ihre Sachen.
Fünf Minuten später erschien Konstantin vor Margaretes Tür, taumelte und lallte: Na, Schwiegermama, jetzt ganz locker bleiben! Wir ziehen nicht mehr aus. Wenn du brav bist, sind wir auch nachts ganz leise.
Ich bin nicht deine Schwiegermama! Deine Eltern wohnen woanders, dahin kannst du gehen und nimm deine ‘Ehefrau’ gleich mit!
Er ballte die Faust, hielt sie Margarete vors Gesicht.
Margarete griff blitzschnell nach seiner Faust und drückte fest zu ihre perfekt manikürten Nägel bohrten sich in seine Hand.
Lass los, du Verrückte!, schrie er.
Mama, was machst du?!, brüllte Lena und versuchte dazwischenzugehen. Doch Margarete stieß ihre Tochter weg, rammte Konstantin das Knie in den Unterleib und schlug ihm mit dem Ellenbogen seitlich auf den Hals.
Ich zeig dich an!, kreischte Konstantin.
Ich ruf gleich selbst die Polizei, dann kannst du alles protokollieren lassen, sagte Margarete ruhig.
Die beiden zogen ab, ließen ihr die frisch renovierte Zweizimmerwohnung.
Du bist nicht mehr meine Mutter! Und meine Kinder siehst du nie!, schrie Lena noch im Weggehen.
Was für ein Drama, bemerkte Margarete spöttisch. Vielleicht habe ich endlich Ruhe.
Sie betrachtete ihre ramponierten Fingernägel. Nur Ärger mit euch, murmelte sie. Dann reinigte sie die Küche blitzeblank, warf das alte Essen und die kaputte Pfanne weg und wechselte am nächsten Morgen das Schloss.
Drei Monate später, Margarete kehrte gerade vom Einkaufen zurück, begegnete ihr Lena vor dem Supermarkt. Das Mädchen war abgemagert, die Wangen hohl, insgesamt abgezehrt.
Mama, was gibt’s bei uns zum Abendessen?, fragte sie leise.
Keine Ahnung, zuckte Margarete die Schultern, hab noch nicht entschieden. Was willst du denn?
Hähnchen mit Reis … und vielleicht Kartoffelsalat?
Gut, dann gehen wir schnell Hähnchen kaufen und den Kartoffelsalat machst du selbst, sagte Margarete freundlich.
Sie stellte keine weiteren Fragen und Konstantin tauchte nie wieder in ihrem Leben auf.





